Carsharing-Startup "Getaway" möchte den Verkehr revolutionieren

Spontanes Carsharing, um die Menge der Autos zu reduzieren und den Parkdruck zu entlasten: Ein Magdeburger möchte so den Verkehr revolutionieren. Die Idee: Jeder kann, per App, Privat-Autos an- oder vermieten.

von Niklas Ottersbach, MDR SACHSEN-ANHALT

"Kennst du GTA?", fragt mich Startup-Gründer Edgar Scholler. Wir sitzen in seinem Sportwagen, den ich mit meinem Smartphone und der App "Getaway" angemietet habe. Während ich sein Auto durch die vollgeparkten Straßen in Magdeburg-Stadtfeld bugsiere, will er über das Computerspiel aus den Neunzigern reden. Das Action-Autorenn-Spiel "Grand Theft Auto", besser bekannt als GTA, hat Maßstäbe in Puncto Mobilität gesetzt: Der Computer-Spieler kann sich in der virtuellen Stadt jedes Auto unter den Nagel reißen. Als wir an einer roten Ampel halten, holt Edgar Scholler zu seiner Pointe aus: "Wir wollen GTA, nur in legal und versichert. Mit dem Unterschied, dass man bei uns niemanden mehr aus dem Auto zerren muss".

Das Konzept des 31-jährigen Gründers: Privatautos, die jedermann an- und vermieten kann, für die Zeiten, in denen er es nicht benötigt. So soll die ganze Stadt zu einem großen Fuhrpark werden. "Ach ja, einen Unterschied noch zu GTA:  Panzer haben wir auch nicht", schiebt Edgar Scholler hinterher.

Autos stehen die meiste Zeit still

Durchschnittlich steht ein Auto an 23 von 24 Stunden am Tag still. Die Folge: Es gibt kaum Parkplätze in der Stadt. Edgar Scholler hat bewusst nach Magdeburg-Stadtfeld für die Testfahrt geladen. Hier kennt sich der gebürtige Magdeburger aus. In den Straßen rund um den Schellheimer Platz stehen auch vormittags Autos dicht an dicht geparkt. Totes Blech. Für Edgar Scholler ist das die Ressource für sein Geschäftsmodell.

"Getaway" funktioniert ähnlich wie "Air BnB", wobei Wohnungsbesitzer ihr Zuhause für einen bestimmten Zeitraum an Touristen vermitteln. Bei "Getaway" ist das Zuhause das eigene Auto, das bei den Nutzern auf der Smartphone-Karte aufploppt. Der potenzielle Mieter sieht so, welche Autos in seiner Umgebung verfügbar sind und kann sie direkt mit dem Smartphone öffnen. Umgekehrt legt der Autobesitzer Zeitraum und Preis für die Fahrt fest. Üblich sind 20 bis 50 Cent pro gefahrenen Kilometer. Mit enthalten: Vollkasko-Versicherungsschutz für die gesamte Mietdauer. Das Startup-Konzept baut darauf, dass die privaten Vermieter ihren Wagen wie einen Gebrauchsgegenstand sehen, den man auch mal für eine Zeit kontrolliert loslassen kann. In Deutschland, wo Besitzer ihrem Auto teilweise mehr Streicheleinheiten gönnen als dem Ehepartner, ist das ein durchaus ambitionierter Plan.

Carsharing? Gibt´s doch schon.

Dabei ist Auto-Teilen kein ganz neues Konzept. In Großstädten wie Berlin und Hamburg gibt es verschiedene Anbieter, wie "DriveNow" oder "Car2Go", die für spontanes Carsharing gedacht sind. Auch in Magdeburg gibt es zum Beispiel "Flinkster", den Carsharing-Dienst der Deutschen Bahn. Der Unterschied: Die Mietautos stehen auf extra Parkplätzen. Für Edgar Scholler ist das der Knackpunkt:

Alle bisherigen Lösungen, wo du Autos spontan mieten kannst, funktionieren betriebswirtschaftlich nur in Großstadtzentren, wie Berlin. Dementsprechend wird der komplette Osten Deutschlands kaum bedient.

Edgar Scholler, Getaway-Gründer

Magdeburg hat 240.000 Einwohner und 106.000 Autos

Die Faustregel: Je weniger Einwohner, desto weniger lohnt sich eine eigene Mietauto-Flotte. Wenn allerdings jedes Auto zum Mietauto werden kann, dann funktioniert Carsharing auch in einer Stadt wie Magdeburg, so die Überlegung von Edgar Scholler. Auf fast jeden zweiten Magdeburger kommt ein Auto. Viel zu viel, findet der Start-Up-Gründer. "Für die kleinste Flotte braucht es praktisch ein Auto und 15 Nachbarn drum herum, das ist so ein Schlüssel, damit sich im Kleinen eine Verhaltensveränderung einstellt."

Kassensturz nach 40 Minuten Testfahrt

Nach 40 Minuten ist meine Testfahrt durch Stadtfeld vorbei. Ich verriegele das Auto wie ich es geöffnet habe: mit dem Smartphone.  Wenig später kommt die Rechnung per E-Mail: Für sechs Kilometer Strecke werden mir 4,68 Euro abgebucht. Etwa 3,90 Euro bleiben davon bei meinem Vermieter Edgar Scholler. Kein Vermögen. Der wahre Wert liegt woanders: In Magdeburg-Stadtfeld war für 40 Minuten eine Parklücke frei. 

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21.09.2017 | 12:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21.09.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/cw

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2018, 10:23 Uhr

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1 Kommentar

21.09.2017 14:27 Tomate 1

Wer gibt sein privates Auto schon für ein paar Euro jemand anderem? Da muss man schon sehr idealistisch sein. Übrigens gibt es Car Sharing Anbieter ohne festen Stationen nicht nur in Großstädten wie Berlin. Braucht ihr nur 100 km südlich nach Halle fahren und nutzt einen gewerblichen Anbieter. Jez! mobil bietet das Car2go und Drive now Modell auch in Sachen Anhalt an.