Schauspieler Frank Giering Erinnerungen an ein Magdeburger Kind

Wer fernsieht, der kennt ihn: Frank Giering. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Schauspieler der letzten Jahrzehnte. Der mittlerweile Verstorbene lebte bis zuletzt zwar in Berlin – aber in seiner Heimatstadt Magdeburg fühlte er sich am wohlsten. Am 23. November wäre er 45 Jahre alt geworden.

Vermutlich ist es sein Blick, der Frank Giering so einzigartig macht. Sein markantes Gesicht mit Muttermal an der Oberlippe und den hellblauen Augen schafft einen ganz speziellen Ausdruck – zurückhaltend und leise, aber unmissverständlich und durchdringend. Seit er 24 war, drehte Giering einen Film nach dem anderen. Seine Rollen waren selten einfach, häufig melancholisch und von Zerrissenheit geprägt.

So spielt er in der "Tatort"-Folge "Der glückliche Tod" einen Anwalt, der heimlich Sterbehilfemedikamente verkauft. Und in Michael Hanekes "Funny Games", womit Frank Giering seinen Durchbruch feierte, entführt und quält er ein hilfloses Pärchen. Für seine Tante Gabriele Blumenfeld waren Filme wie dieser kaum auszuhalten – sei ihr Neffe doch so sensibel, rücksichts- und humorvoll gewesen:

Er hat die Rollen nicht nur gespielt – er hat sie gelebt.

Gabriele Blumenfeld, Tante von Frank Giering

Deshalb, so Blumenfeld, habe er auch so großen Erfolg gehabt.

Zu Hause in Magdeburg

Giering wuchs in einem Plattenbau im Magdeburger Stadtteil Neustädter Feld auf. Zeit seines Lebens hat er sich in dieser Stadt am wohlsten gefühlt. "Frank Giering und Magdeburg ist eins. Das hat einfach was damit zu tun, dass er hier geboren wurde und zur Schule gegangen ist – und dass seine Mutter und sein Stiefvater hier in Magdeburg leben. Sein Stiefvater Dietmar war wie ein leiblicher Vater für ihn – bis zu seiner letzten Stunde. Denn er war bei ihm, als Frank starb", erzählt Blumenfeld.

Erst kurz bevor er 30 Jahre alt wird, zieht Frank Giering aus seinem Jugendzimmer aus und nach Berlin. Doch zwischen den Dreharbeiten kommt er immer wieder zurück nach Magdeburg – zu seinen Freunden und vor allem zu seiner Familie. Trotz seiner Erfolge plagen ihn Selbstzweifel und ein Alkoholproblem, über das er den Mut hat, offen zu sprechen.

Frank Giering – sein Leben • Frank Giering kam 1971 in Magdeburg auf die Welt, ging dort zur Schule und zog erst mit 29 Jahren von zu Hause nach Berlin.
• Anfang der 1990er-Jahre begann Gierings Schauspielerkarriere mit einer Statistenrolle am Magdeburger Theater. Zwei Schauspiel-Ausbildungen in Bochum und Babelsberg brach er ab. Überregional bekannt wurde Frank Giering 1997 mit Michael Hanekes "Funny Games". Er spielte den RAF-Terroristen "Baader" und die Hauptrolle im Kultfilm "Absolute Giganten".
• Bis zu seinem Tod stand Giering für rund 80 Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera – zuletzt auch in der ZDF-Serie "Der Kriminalist". 2010 starb Frank Giering an einer akuten Gallenkolik.

Der Weg war klar

Gierings Tante, die Anfang der Neunzigerjahre am Magdeburger Theater arbeitete, vermittelte Frank Giering nach dem Abitur eine Komparsenrolle. Eigentlich habe seine Schwester mitspielen wollen – aber für Mädchen seien keine Plätze mehr frei gewesen. Also sprang Frank Giering ein, war begeistert – und begeisterte. Ab diesem Punkt sei klar gewesen, dass er Schauspieler werden müsse.

Das bestätigt auch Stephan Dörrwand, der im selben Abi-Jahrgang war: "Frank war in unserer Schulzeit jemand, dem man von Anfang an zugetraut und auch als Einziges abgenommen hat: Er wird Schauspieler. Er war ein sehr intelligenter und feinsinniger Mensch – er hatte das einfach im Blut." Im Unterricht habe Frank Giering den Lehrern mit seinen pointieren Einwürfen den letzten Nerv geraubt, erzählt sein Mitschüler.

Steile Karriere

"Wenn ich an Frank denke, denke ich immer an mein erstes Kinoerlebnis mit ihm", berichtet Maik Lampe. Der Magdeburger war mit demselben Freundeskreis unterwegs wie Giering. Nach dem Abitur habe es immer geheißen: Frank wird Schauspieler. "Wir waren nicht so eng und ich dachte: Ja, okay – wird Schauspieler. Das glaube ich erst, wenn ich es sehe", so Lampe. "Und dann, das weiß ich noch ganz genau, haben wir im Scala-Kino gesessen, unterm Dach, kleiner Saal – 'Funny Games'. Und tatsächlich: Dieser Mensch ist plötzlich da und spielt dieses Ekel-Arschloch! Und trotzdem denkst du irgendwie immer noch: Das ist doch Willi, der da steht."

Willi, das war der Spitzname, den Frank Giering in Magdeburg trug – angelehnt an den rundlichen, tollpatschigen Freund der Biene Maja. Im Nachhinein höre sie sich an wie ein Klischee – die Geschichte vom dicken Willi aus der Plattenbausiedlung, der berühmt und erfolgreich wird. Für ihn sei die Zeit vor seinem Ruhm aber alles andere als lustig gewesen – das hatte er 2003 in einer NDR-Talkshow erzählt.

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