HEX-Zug im Güterbahnhof Halle
Der HEX bahnte sich auch bei Wind und Wetter den Weg. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Abschied HEX, du warst mehr als nur ein Zug

Nach 13 Jahren ist an diesem Wochenende im Harz eine kleine Eisenbahn-Ära zu Ende gegangen. Die Privatbahn HEX hat den Staffelstab und damit all ihre neun Bahn-Linien zwischen Harz, Halle, Magdeburg und Berlin an einen neuen Betreiber abgegeben. Schade, findet MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter André Plaul, und verabschiedet sich mit einem persönlichen Rückblick auf gemeinsame Jahre.

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
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von André Plaul, MDR SACHSEN-ANHALT

HEX-Zug im Güterbahnhof Halle
Der HEX bahnte sich auch bei Wind und Wetter den Weg. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Lieber HEX,

ich erinnere mich noch genau an unsere erste gemeinsame Fahrt. Es war im Sommer 2006, ich hatte Semesterferien und wollte von Magdeburg nach Halberstadt. Für dich war diese Strecke schon Routine, denn du hattest dich bereits ein halbes Jahr in Sachsen-Anhalt eingelebt.

Heute kann ich es dir ja sagen: Ich war skeptisch, ob diese erste Reise klappt. Denn du warst so anders als die Anderen: ein anderer Name, eine andere Farbe, ein anderes Konzept. Und schließlich war es meine erste Reise mit einer Privatbahn. Erst später habe ich verstanden, dass auf den Schienen Wettbewerb herrscht und du dich mit dem besten Angebot durchgesetzt hattest, als erster privater Betreiber in Sachsen-Anhalt. Den Anfang jedenfalls hast du mir und uns leicht gemacht: mit einem klimatisierten Zug, Zeitungen an der Eingangstür und – perfekt für Bummelletzte wie mich – einem Ticketautomaten im Zug. Das war in einer Zeit, in der komfortabler Nahverkehr hierzulande noch ein bisschen vom Zufall bedingt war, eine Wohltat!

Wir lernten uns kennen – und du hast Sachsen-Anhalt bekannt gemacht

Als Hexen verkleidete Frauen und Thalix, Maskottchen der Stadt Thale, tanzen am Dienstag (19.10.2010) im Hauptbahnhof in Magdeburg vor einem Zug nach dessen Taufe auf den Namen "Das Bodetal - Der Sagenharz".
Der HEX und die Hexen – das passte einfach. Bildrechte: dpa

Die Jahre vergingen, das Vertrauen zu dir wuchs. Du hast mich zuverlässig zu meinen Reporter-Terminen gefahren. Später hattest du auf deinen Fahrten auch Kaffee im Angebot, bestellt habe ich ihn nie. Dafür bekam ich bei einer Fahrt am Nikolaustag von dir sogar Schokolade geschenkt. Überhaupt: In den kalten Monaten hast du eine erstaunlich gute Figur gemacht. Schnee, Eis und Sturm – du hast uns da irgendwie durchmanövriert. Ich dachte mir: Der HEX, der kann mit dem Harz umgehen. Mehr noch: Der HEX ist der Harz. HEX, natürlich die Kurzform für Harz-Elbe-Express, das klang für mich aber auch immer nach all den Hexen aus den Harz-Sagen. Und viele Male, wenn ich am Bahnübergang warten musste, weil du durchrauschen wolltest, entfuhr mir dabei ein leises "Hex-hex", wie eben aus den Kindergeschichten. Es passte irgendwie zu dir.

Ich fand es übrigens stark, wie du dich für den Harz eingesetzt hast. Nicht nur als mobiles Rückgrat, sondern auch als Botschafter. Deine Züge waren bald mit sagenhaften Figuren beklebt. Bis ins ferne Berlin hast du so die Hexen, die Feste, die wiederangesiedelten Luchse und sogar die Seilbahn von Thale bekannt gemacht. Einige Fahrzeuge hast du auch taufen lassen, nach Ausflugszielen und Besonderheiten – zwischen Ilsetal und dem Bergzoo Halle. Nur ein Triebwagen erhielt den Namen eines prominenten Menschen – Georg Friedrich Händel. Er wurde zum Schicksalszug.

Ein Schicksalsschlag für dich – und nichts war mehr wie es war

Ein Bahnsignal in Hordorf bei Oschersleben nach dem Zusammenstoss eines privaten Harz-Elbe-Expresses (HEX) mit einem Guterzug hinter Wrackteilen
Das Zugunglück von Hordorf hat zehn Menschenleben gefordert. Bildrechte: Nigel Treblin/dapd

Am späten Abend des 29. Januar 2011, ich kam gerade von einer Geburtstagsfeier aus Halle zurück, hörte ich die schlimme Nachricht vom Zugunglück bei Hordorf. Wie erstarrt hing ich an den Worten der Reporterin im Radio: Zusammenstoß, Tote, Verletzte – das passte nicht in mein heiles Bild vom zuverlässigen Bahnverkehr im und um den Harz. Und als am nächsten Morgen die Bilder der blau-weißen Trümmer, mehr war von deinen zwei Triebwagen nicht geblieben, um die Welt gingen, fühlte ich nicht nur mit den Angehörigen. Es tat mir auch Leid für dich, HEX, dass dir so etwas passieren musste.

Vier Formsignale zeigen als Hauptsignale Hp 0 hinter dem Bahnhof Blumenberg
Die Infrastruktur in Börde und Vorharz ist in die Jahre gekommen – wie diese Formsignale bei Blumenberg zeigen. Bildrechte: MDR/André Plaul

Ich bin dir dann eine Weile aus dem Weg gegangen. Es brauchte Zeit, das Zugunglück aufzuklären und ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Die Ermittlungen ergaben, dass dich keine Schuld trifft. Der Lokführer des Güterzuges hatte Signale übersehen. Ich lernte in der Zeit viel über das System Eisenbahn. Über Sicherungssysteme, die es gegeben hätte, die auf dieser Strecke aber noch nicht existierten – rechtlich in Ordnung. Ich begriff auch, dass du, HEX, mit den Schienen, auf denen du fährst, nichts zu tun hast. Du wurdest nur für den Verkehr eingekauft und wundertest dich wahrscheinlich genau wie ich über zum Teil marode Gleise und Signale von anno dazumal. Die Infrastruktur – auch eine Kostenfrage, natürlich.

Du wurdest untreu – der Abschied auf Raten begann

Eine blaue Postkarte mit dem Aufdruck Wir sind unzertrennlich in weißer Schrift
Wir müssen Abschied nehmen, trotzdem gab es noch Post von dir. Bildrechte: MDR/André Plaul

Im Dezember 2015 der nächste Schicksalsschlag: Deine Tage waren auf einmal gezählt. Denn bei der nächsten Ausschreibung deiner Strecken konntest du dich nicht durchsetzen. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bot Abellio. Es ging nur ums Geld, unsere Gefühle zählten nicht. Du warst schwer enttäuscht. Und ich mit dir. Ein Dämpfer, mittenrein ins zehnjährige Jubiläum. – Und plötzlich warst du nicht mehr derselbe. Mir war, als würdest du dich zurückziehen. Du wurdest mir untreu. Züge fielen aus, über Tage, Wochen, Monate – wie aus Trotz. Einmal hast du mich, zusammen mit anderen Besuchern eines Eisenbahnfestes, in Blankenburg stehenlassen. Deine besten Freunde – abserviert. Ich war tief enttäuscht.

Du hast versucht, uns wieder zusammenzuschweißen. Du hast Postkarten in den Kneipen verteilt. "Wir sind gemeinsam groß geworden. Wir haben gemeinsam Ziele erreicht. Wir sind unzertrennlich." Schöne und wahre Worte, dabei war längst klar, dass sich unsere Wege werden trennen müssen.

Ich hatte jetzt drei Jahre Zeit, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Lieber HEX, ich hasse Abschiede und mache es kurz: Danke für die gute Zeit. Du warst mehr als nur ein Zug.

Ein HEX-Zug steht auf einem Abstellgleis im Hauptbahnhof von Magdeburg
Jetzt geht es für den HEX aufs Abstellgleis. Bildrechte: MDR/André Plaul
MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
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Der Autor Aus der Altmark in die Landeshauptstadt: André Plaul gehört seit 2010 zum Team von MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor konnte sich der gebürtige Stendaler bereits ein Journalistik-Studium und ein multimediales Volontariat beim MDR in Leipzig in den Lebenslauf schreiben. Bei MDR SACHSEN-ANHALT betreut André mit Leidenschaft das Frühprogramm im Radio - und die Nachrichtenseiten im Netz. Seine Freizeit widmet er mit Vorliebe dem Thema Eisenbahn. So ist er auch im Funkhaus in diesen Dingen Ansprechpartner Nummer eins.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. Dezember 2018 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2018, 13:31 Uhr

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27 Kommentare

11.12.2018 13:27 Tommy67 27

Ein sehr sentimentaler und wie ich finde verklärender Artikel. Ach wie schön wars doch mit dem HEX.....
Ähnlich sieht es auf der Strecke nach Wolfsburg aus, nur dass hier die Elbe-Saale-Bahn abgelöst wird. Die Probleme werden aber für den Kunden die gleichen bleiben. Fehlende Lokführer immer noch bei Abellio? Das Problem gab es doch auch bei DB Regio. Zugausfälle durch fehlende Fahrzeuge und hohen Krankenstand fallen mir auch spontan ein. Die Züge der Elbe-Saale-Bahn gaben in letzter Zeit ein Bild des Jammers ab. Seitdem feststand, dass das Netz abgeben wird, wurde anscheinend nur auf Verschleiß gefahren. Klimaanlagen und Heizungen waren sehr unzuverlässig. Die Sauberkeit ließ auch zu wünschen übrig. Ganz zu schweigen von der ausufernden Unpünktlichkeit, warum auch immer. Aber das scheint ja ein allgemeines Problem im personenbezogenen Schienenverkehr in Deutschland zu sein. Als täglicher Bahnkunde sieht man die schonungslose Wahrheit, jenseits der geschönten Statistiken.

11.12.2018 05:10 Ruthkelsin 26

@ 23, Ulrich:

"Auf den Bahnhöfen ist Rauchverbot.... Woher kommen die Millionen Zigarettenkippen?"

Das kommt von einigen (wenigen) Mitmenschen, die keinen Anstand haben und zudem auch noch extrem Zigarettensüchtig sind. Nikotin ist eine Droge. Wer schon morgens um 5 oder 6 Uhr unbedingt seinen Glimmstängel im Rauchverbot anzünden muss, der hat definitiv ein Drogenproblem.

Man sieht diese Mitmenschen immer wieder. Überall. Gerade auch an Bushaltestellen und Bahnsteigen. Selbstverständlich schmeißen die Kettenraucher ihren Dreck dann anschließend einfach auf die Erde. Soll dann jemand anderes wegmachen. Die leere Zigarettenschachtel landet ebenfalls mitten in der Landschaft. Völlig asozial!

10.12.2018 21:03 Carsten Klatt 25

Drei Triebwagen sind an die Bahngesellschaft HANS verkauft worden. Der Rest geht wohl zu LeoExpress nach Tschechien. Dort fahren sie künftig auf Strecken in Nordböhmen.