Ein Mann steht in einem Schwimmbad.
Pfarrer Reinhard Holmer leitet das Mutterhaus in Elbingerode. Er hat schon als Kind hier gebadet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bauhaus-Architektur in Elbingerode Ein Schwimmbad unter der Kirche

Wie kommt ein Schwimmbad unter eine Kirche? Und wer geht da baden? Die Antwort findet sich im Harzer Ort Elbingerode. Hier steht ein Diakonissen-Mutterhaus, das 1934 im Bauhaus-Stil gebaut wurde und bis heute durch seine Architektur fasziniert. Ein Besuch.

von Anja Schlender, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann steht in einem Schwimmbad.
Pfarrer Reinhard Holmer leitet das Mutterhaus in Elbingerode. Er hat schon als Kind hier gebadet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reinhard Holmer steht neben dem Schwimmbecken und schwärmt. Gut erhalten sei das Schwimmbad. Gepflegt durch die Diakonissen von Anfang an. Zu DDR-Zeiten eine Besonderheit. Und auch damals – 1934 – eine tolle Idee. Immerhin ist gleich obendrüber die Kirche.

Godehard Schwethelm steht vor einem Haus.
Godehard Schwethelm hat das Mutterhaus 1934 gebaut. Bildrechte: Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode

Ein Schwimmbad unter einer Kirche? Wo gibt es denn sowas? Im Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode im Harz.

Die Idee hat der Architekt Godehard Schwethelm. Anfang der 1930er Jahre bekommt er von den Elbingeröder Diakonissen einen Auftrag: Ein neues Mutterhaus soll er bauen. Praktisch soll es sein. Und den hunderten Schwestern Platz bieten, die sich in Elbingerode niedergelassen und die Schwesternschaft "Neuvandsburg" gegründet haben.

Praktisch sollte es sein

Bauarbeiter in einem Stahlbau-Skelett.
Schwethelm entwirft einen Stahlskeletbau. Bildrechte: Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode

Dass das neue Bauen später den Namen "Bauhaus" bekommen und weltweit Beachtung finden wird, ist Schwethelm und den Schwestern damals nicht klar. Der Architekt entwirft einen Stahlskelettbau mit Räumen, die bis heute flexibel nutzbar sind. "Wir haben einen riesigen Speisesaal, der nur von drei Säulen getragen wird", sagt Pfarrer Holmer. Darüber ein etwas kleinerer Andachtsraum und darüber wiederum kleinere Zimmer, die man flexibel nutzen kann. "Das ist bis heute topmodern."

Pfarrer Reinhard Holmer leitet das Mutterhaus seit 2011. Hausvater wird seine Position genannt. Ihm zur Seite steht eine Oberin. Doch die sagt, er soll mal lieber allein mit der Presse reden. Das macht er und zeigt, was das Mutterhaus zu bieten hat: hier versteckte Schränke in den Wänden, da eine Telefonzelle im Eingangsbereich. Klare Linien. Klare Strukturen. Bauhaus eben.

Schwarz-weiß Bild von Jugendlichen in einem Schwimmbad.
Das Schwimmbad war jahrzehntelang eine Attraktion für viele Kinder. Bildrechte: Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode

Der Pfarrer kennt das Mutterhaus seit seiner Kindheit. Schon damals geht er hier im Schwimmbad baden. Das Sprungbrett – für die Jugendlichen sei es eine Attraktion gewesen. "Was mich fasziniert hat, war auch, dass es so gut erhalten war. Im Gesamtkontext der DDR fiel das natürlich besonders auf. Es war einfach noch mal eine Klasse besser, als das, was man normalerweise in der DDR erlebte und kannte. Weil es eben auch so gut von den Schwestern gepflegt wurde."

Schwimmbad oder Gewächshaus

Die Idee, ein Schwimmbad unter die Kirche zu bauen, sei dem Architekten jedoch nicht einfach so gekommen, erzählt Holmer. Es habe einen Energieüberschuss gegeben. Die riesigen Heizkessel des Mutterhauses produzieren schlicht zu viel Dampf. Also soll die damalige Oberin entscheiden: Gewächshaus oder Schwimmbad. "Und da hat sie an ihre Schwestern gedacht und gesagt, Mensch, das wäre doch eigentlich toll: Bewegung und gesund leben", sagt der Pfarrer. "Und dann hat sie gesagt, wir bauen ein Schwimmbad." Dass es deutschlandweit ziemlich einmalig ist, davon ist Holmer überzeugt.

Schwimmbad mit gelben und braunen Kacheln.
Bis heute ist die Architektur gut erhalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis heute gehen die Diakonissen hier baden. "Ich finde das sehr schön, dass ich in meinem Alter meine Glieder im Wasser bewegen kann, die ja doch schon ein bisschen eingeschränkt sind", sagt die 84-jährige Schwester Renate. Derzeit leben noch 150 Frauen hier, die meisten im Seniorenheim nebenan. Der Altersdurchschnitt liegt aktuell bei 79 Jahren. Doch auch andere nutzen das Schwimmbecken: die benachbarte Rehaklinik, normale Feriengäste, Schulklassen. Auch die Feuerwehr übt hier ihre Einsätze.

Moderner Kirchsaal

Ein Mann schiebt eine Faltwand auf. Dahinter ein Kirchsaal.
Die Wände des Kirchsaals kann man aufschieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Schwimmbad ist aber bei weitem nicht das einzige Bauhaus-Attribut des Gebäudes. Pfarrer Holmer geht eine Wendeltreppe hinauf, durch einen großen Wintergarten und schiebt zwei Wände auseinander. Der Kirchsaal. Hunderte Holzstühle, bunte Glasfenster, ein schlichter Altar mit Kreuz. "Wenn man hier reinkommt, dann hat man den Eindruck: Der lädt geradezu zur Andacht ein. Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr funktionaler Bau", sagt Holmer und zeigt in den Raum. Die Kanzel kann man wegnehmen, eine Bühne davor bauen. So sei eine Nutzung für Konzerte oder Theater möglich. "Der Architekt hatte damals schon eine Leinwand eingeplant, weil er sagte, da kam bewegter Film auf, da kamen Bilder auf, und dafür brauchen wir das. Das passt heute noch und ist heute noch hervorragend."

In den kommenden Monaten wird Reinhard Holmer die Architekturgeschichte des Hauses wohl immer wieder erzählen. Das Bauhaus-Jubiläum steht 2019 an, und das Mutterhaus ist einer der Orte, die das Bauhaus in Sachsen-Anhalt repräsentieren werden. Und dann wird es immer wieder um das Schwimmbad gehen, die Kirche und all die architektonischen Bauhaus-Details.

Impressionen Das Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode

Drohnenbild des Mutterhauses von oben .
Im Oberharzer Ort Elbingerode steht das Diakonissen-Mutterhaus "Neuvandsburg". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Drohnenbild des Mutterhauses von oben .
Im Oberharzer Ort Elbingerode steht das Diakonissen-Mutterhaus "Neuvandsburg". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eingang des Diakonissen-Mutterhauses Neuvandsburg.
Es besticht durch seine Bauhaus-Architektur. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Godehard Schwethelm steht vor einem Haus.
Der Architekt Godehard Schwethelm hatte 1930 von der Schwesternschaft den Auftrag bekommen, ein neues Mutterhaus zu bauen. Bildrechte: Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode
Treppenaufgang.
Es sollte praktisch sein. Schwethelm setzte das neue Bauen um. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bauarbeiter in einem Stahlbau-Skelett.
Er konzipierte einen Stahlskelettbau. Bildrechte: Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode
Ein Mann steht in einem Kirchenraum.
Pfarrer Reinhard Holmer leitet das Mutterhaus mit einer Oberin zusammen. Bis heute faszinieren ihn die modernen Ansätze des Baus, zum Beispiel im hauseigenen Kirchsaal. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann schiebt eine Faltwand auf. Dahinter ein Kirchsaal.
Man kann die Wände aufschieben und den Saal vergrößern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Diakonissen-Mutterhaus-Anbau in einem Park.
Die Kirche von außen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schwimmbad mit gelben und braunen Kacheln.
Direkt unter der Kirche befindet sich ein Schwimmbad. Es wurde mit überschüssiger Wärme betrieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Diakonissen sitzen in einem Speisesaal.
Der Decke des Speisesaals wird durch drei Säulen getragen.

Quelle: MDR/as
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Über die Autorin Anja Schlender arbeitet seit 2008 als freie Mitarbeiterin für MDR SACHSEN-ANHALT in Magdeburg. Hier schreibt sie Artikel für die Onlineseite, produziert Hörfunk-Beiträge und arbeitet für die TV-Redaktionen "MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE", "FAKT IST!" und "Der Osten - entdecke, wo Du lebst". Ihre journalistische Ausbildung hat sie bei der Magdeburger Volksstimme und an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin absolviert. Zuvor hat sie Amerikanistik und Gender Studies in Berlin studiert.

Quelle: MDR/as

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten – entdecke, wo Du lebst | 14. August 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2018, 13:12 Uhr

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1 Kommentar

14.08.2018 13:41 Leon 1

Ihr habt ein "n" bei der Autorin vergessen(:-

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:
Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.