Abgesperrte Unterführung unter einer Bahntrasse
Kein Durchgang mehr: Der Schleichweg unter der Bahn ist abgesperrt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Ärger über weite Wege Ein Absperrgitter teilt Groß Quenstedt

Großer Ärger in Groß Quenstedt bei Halberstadt: Ein seit Jahrzehnten genutzter Schleichweg unter der Bahntrasse wurde nun dicht gemacht. Der Ort ist nun zweigeteilt. Darüber ärgern sich die Anwohner sehr, denn die kommen nun nur noch über weite und gefährliche Umwege zu ihrem Sportplatz.

Abgesperrte Unterführung unter einer Bahntrasse
Kein Durchgang mehr: Der Schleichweg unter der Bahn ist abgesperrt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Höchstens dreimal pro Stunde rauscht der Nahverkehrszug über die Bahntrasse von und nach Halberstadt an Groß Quenstedt vorbei – und überquert dabei eine Unterführung. Sie ist aus grauem Beton und steht allem Anschein nach schon lange hier. Sie ist nicht schön, aber praktisch, jedenfalls war sie das bisher. Denn der Eingang ist seit einigen Wochen mit einem festen Stahlgitter versperrt. Hinter dem Gitter liegt der Ort Groß Quenstedt. Auf der anderen Seite befindet sich die Bahnhofsstraße. Zwar ist sie seit sieben Jahren ohne Bahnhof, ein paar Häuser stehen hier dennoch und vor allem: der Sportplatz des TSV Germania Groß Quenstedt.

Thomas Forkert wohnt in der Bahnhofsstraße und er ist mächtig sauer über die Sperrung. Er käme nun nicht so ohne weiteres zu Fuß in den Ortskern, erzählt er. Außerdem sei die Sperrung ohne Vorankündigung geschehen. Veranlasst hat die Sperrung die Deutsche Bahn. Die hat festgestellt, dass die Unterführung eigentlich gar keine Unterführung sei.

Abgesperrte Unterführung unter einer Bahntrasse
Die Bahn ist für das Bauwerk verantwortlich Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

In einer Stellungnahme schreibt die Bahn: "Unter der Brücke befindet sich kein öffentlicher Weg. Die 'Durchgangshöhe' beträgt nur 1,69 m – dadurch besteht eine erhöhte Unfallgefahr. In der Unterführung befindet sich ein Gewässer 2. Ordnung (wasserführend). Es wurden vor Jahren schon Durchgangsverbotsschilder beidseitig angebracht, wurden aber völlig ignoriert. Deshalb wurde im Monat August die Brücke einseitig mit einem Stabmattenzaun abgesperrt."

Bei Anwohnern wie Thomas Forkert sorgt die Begründung der Bahn für Unverständnis. Seit Jahrzehnten würde der Durchgang genutzt. Sein Großvater sei über 80 und habe geschworen, dass es mindestens seit 1945 eine solche Unterführung an der Stelle gegeben hat. Jahrzehntelang wurde die Unterführung öffentlich genutzt, von Reisenden auf dem Weg zum ehemaligen Bahnhof, von Schulkindern auf dem Weg zur ehemaligen Schule und auch von Spaziergängern und Schrebergärtnern.

Eine spontane Umfrage im Ort zeigt: Die Sperrung sorgt für Unverständnis.

Abgesperrte Unterführung unter einer Bahntrasse
Für Jennifer Kolipost und ihre Familie ist der Umweg besonders umständlich. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

  • "Ich finde es eine Frechheit, dass die Unterführung gesperrt wurde. Wir müssen uns jetzt mit dem Rollstuhl querfeldein über Disteln und an der Bundesstraße entlang kämpfen. Jahrelang ging es, warum jetzt nicht mehr?", fragt Jennifer Kolipost, deren Tochter Emily einen Rollstuhl braucht und die mit der Familie oft auf den Sportplatz geht.
  • Marie Peter ist Schiedsrichterin und 17 Jahre alt: "Jetzt ist der direkte Zugang leider nicht mehr möglich ohne die Hauptstraße zu betreten. Das ist sehr schlecht."
  • Und Jan Ullrich, 16 Jahre alt und selbst Spieler im Verein findet es "total blöd, wenn man da außen rum über die Bundesstraße lang muss. Vor allem abends ist das wegen der Lkw gefährlich."

Auch Ronny Zimmermann ist sehr verärgert. Der Vorsitzende des TSV Germania Groß Quenstedt beobachtet mit Sorge, dass sein Verein nun vom Ort regelrecht abgeschnitten ist. Er befürchtet, dass weniger Zuschauer zu den Spielen kommen und infolge dessen die wenigen Einnahmen für den Verein zurückgehen. Er macht sich außerdem Sorgen um die Kinder und Jugendlichen, die im Verein trainieren.

Vor allem der TSV Germania fühlt sich abgeschnitten

Abgesperrte Unterführung unter einer Bahntrasse
Hätten gern wieder kurze Wege: TSV-Vorsitzender Ronny Zimmermann und Anwohner Thomas Forkert. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Denn die Alternativen sind nicht wirklich gut: Die Umwege sind teilweise gefährlich und sehr lang. Sie führen um die Ortsenden herum. Ein Weg führt über eine überaus schlechte Straße. Ein zweiter Weg führt am Ackerrand und dann an einer Bundestraße ohne Rad- und Fußweg entlang. Dass für diese Umwege einige offenbar keine Lust haben, zeigt das bereits verbogene Absperrgitter. Manch einer scheint unter diesem hindurch zu kriechen. Andere nehmen echte Gefahren auf sich: Niedergetretenes Gras neben der Unterführung zeigt, dass einige auch die Gleise überqueren.

"Eltern haben uns deswegen schon angesprochen", sagt Vereinsvorsitzender Ronny Zimmermann. Nicht nur er hofft deshalb inständig auf eine schnelle Lösung des Gitter-Problems. Die scheint indes nicht in Sicht. In ein paar Jahren soll die Bahnstrecke saniert werden. Dann könnte vielleicht auch eine neue Unterführung oder eine Brücke gebaut werden. Problem: Die Gemeinde müsste Geld dazugeben, doch das fehlt derzeit an allen Ecken und Enden. Immerhin haben die Groß Quenstedter im Verkehrsministerium angefragt, wie eine Lösung aussehen könnte. Eine Antwort haben sie noch nicht. 

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2019, 13:00 Uhr

1 Kommentar

part vor 4 Wochen

Früher gab es nur an den Landesgrenzen unüberwindbare Hindernisse, heute an jeder Ecke und jeder Flur. So endet eben die gewonnene Freiheit schon manchmal vor der Haustür und im eigenen Ort. Überall nur noch Absperrungen, Poller, große Wackersteine, Verbotsschilder und Gitter samt Bestreifung durch private Ordnungsdienste, die Reisefreiheit ist gegenüber der Begehungsfreiheit weit in den Hintergrund getreten. Was macht die Bahn dort vor Ort falls mal eine Wasserhose mit Treibgut niedergeht ?

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