Wachpersonal tritt Geflüchtete Recherche-Experte über den Übergriff in Halberstadt

Ein Asylbewerber hat gefilmt, wie Wachleute der Zentralen Anlaufstelle in Halberstadt zwei Geflüchtete schubsen und treten. Er habe sich als Ausländer ohne Rechte gefühlt, sagte er Recherche-Experte Lars Wienand vom Nachrichtenportal t-online.de. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Wienand über den Fall gesprochen.

Wohncontainer auf dem Gelände der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt (Sachsen-Anhalt)
Lars Wienand hat den Ersteller des Youtube-Videos zum Übergriff in der ZASt Halberstadt gesprochen. Bildrechte: dpa

Ein YouTube-Video zeigt, wie Wachleute der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt zwei Geflüchtete schubsen und treten. Die vier Wachleute wurden mittlerweile entlassen. Laut Innenminister Holger Stahlknecht hat der Inhalt des Videos erhebliche strafrechtliche Relevanz.

Lars Wienand, Recherche-Chef beim Nachrichtenportal t-online.de, hat mit dem Geflüchteten gesprochen, der den Übergriff gefilmt hat. Unter dem Pseudonym "Miklo O." hat ihm der Mann auf Englisch erzählt, wie er wegen lauter Stimmen aus dem Fenster gesehen habe und dabei zwei Geflüchtete habe rangeln sehen. Die beiden seien keine Störenfriede, sagt er Wienand.

Ersteller des Youtube-Videos berichtet von weiteren Vorfällen

Lars Wienand vor einem grauen Hintergrund
Bildrechte: Lars Wienand/Ströer News Publishing GmbH

Aber am Verhalten der Security sei ihm klar gewesen, dass etwas passieren werde. Er filmte den Übergriff der Wachleute. Doch der Angriff hatte – zunächst – keine Konsequenzen, obwohl Miklo das Video online veröffentlicht hat. Er verliert das Vertrauen in die Sicherheitsleute: "Man sollte keine Angst haben müssen vor Leuten, deren Hilfe man vielleicht mal benötigt", sagt er. Zuvor habe es zudem bereits weitere, ähnliche Vorfälle gegeben.

Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärt Wienand, warum sich Miklo O. nicht an die Polizei gewandt hat.

MDR SACHSEN-ANHALT: Miklo O. ist ein Pseudonym. Hat er Ihnen gesagt, warum er nicht seinen richtigen Namen angibt?

Lars Wienand: Er will anonym bleiben. Er macht sich Sorgen, dass er wegen des Filmens Folgen tragen muss wie eine schlechte Behandlung.

Hat Miklo O. Ihnen erklärt, warum er sich mit dem Video an Medien gewandt hat und nicht zur Polizei gegangen ist?

Er hat nach einer vorherigen Erfahrung der Polizei nicht vertraut.

Sind Geflüchtete Ihrer Einschätzung nach gut genug darüber informiert, wie sie in Deutschland gegen Rechtsverstöße vorgehen können?

Das habe ich die Mobile Opferberatung und die Caritas gefragt, an die sich Miklo auch hätte wenden können. Ich kann es nicht beantworten. Aber ich glaube, wer hier neu zu uns kommt, hat da nicht unbedingt den Überblick, wen genau er kontaktieren könnte.

Sie sprechen in Ihrem Artikel weitere Vorfälle von Mitarbeitern gegen Geflüchtete in der ZASt an. Was passiert nun?

Es haben sich Politiker von den Grünen und der Linken bei mir gemeldet, die mit Miklo Kontakt aufnehmen wollen und dem Ganzen weiter nachgehen wollen. Er hatte zuerst auch gar nicht wahrgenommen, dass etwa das Innenministerium auf das Video reagiert hat. Jetzt weiß er, dass er gehört wird und fühlt sich sicherer.

Die Fragen stellte Maria Hendrischke.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. August 2019 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 10:44 Uhr

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