Tourismus eingebrochen Heimburg in der Corona-Krise: "Hut ab vor so viel Disziplin"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Als Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT im vergangenen Juli auf Sommerreise ging, war Heimburg bei Blankenburg die erste Station. Es ging um das starke Vereinsleben im Ort. Reporter sprachen damals mit der Ortsbürgermeisterin und Engagierten der Feuerwehr. Jetzt war MDR SACHSEN-ANHALT wieder vor Ort – und hat gefragt, wie die Corona-Krise Heimburg verändert.

Häuser stehen in dem Ort Heimburg bei Blankenburg.
Idyllisch gelegen: In Heimburg scheint die Sonne häufiger als anderswo, hat Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse schmunzelnd festgestellt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Im Juli, als MDR SACHSEN-ANHALT zur Sommerreise in Heimburg Station machte und mit den Menschen vor Ort sprach, war noch alles anders. Die Kita am Sportplatz war geöffnet, das Gasthaus gegenüber am Abzweig nach Elbingerode ebenso. Die MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter hatten dort damals übernachtet und den Abend nach getaner Arbeit im angrenzenden Biergarten verbracht.

Heute ist dieser Biergarten dicht – und das, obwohl die Sonne so kräftig strahlt, dass man glatt Lust bekommt auf ein kühles Getränk an der frischen Luft. An der Tür des Gasthauses hängt ein Zettel. Hoffentlich sei die "Katastrophe" bald vorbei, steht dort. Gemeint ist die Corona-Krise.

Ja, sie leben noch

Blick auf eine Gaststätte, die in der Corona-Krise geschlossen ist.
Im Moment nicht belegt: das Heimburger Gasthaus "Zander" Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Krise geht natürlich auch an Heimburg bei Blankenburg nicht vorbei. Die Ausgangsbeschränkungen. Die Touristen, die wegbleiben. Die Kita und die Gaststätten, die geschlossen sind. Alltag in der Corona-Krise. Und ganz gewiss wird es mit jedem Tag schwieriger, all das umzusetzen und die Regeln zu befolgen. Da macht sich Blankenburgs Bürgermeister Heiko Breithaupt (CDU) keine Illusionen, als er Mitte dieser Woche nach Heimburg gekommen ist.

MDR SACHSEN-ANHALT hat Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse und Rathauschef Heiko Breithaupt gebeten, über den neuen Heimburger Alltag in der Corona-Krise zu sprechen – und die Frage zu beantworten, was all das eigentlich mit einem kleinen Ort wie Heimburg macht. "Er wollte mal gucken, ob wir noch leben", scherzt Ilona Kresse über den Besuch des Reporters. Ja, sie leben noch. Corona hin oder her. Doch natürlich machen sich auch die Heimburger ihre Gedanken. Müssen all diese Einschränkungen wirklich sein? Sind sie nicht zu streng? Auch diese Fragen gibt es, berichtet die Ortsbürgermeisterin.

Situation für Gastronomen ist existenzbedrohend

Das liegt daran, dass Orte wie Heimburg vom Tourismus leben. "Für die Gastronomie im Harz ist die Situation existenzbedrohend", weiß Bürgermeister Heiko Breithaupt. Deshalb hat er vor ein paar Wochen einen Unternehmerchat ins Leben gerufen. Per Videokonferenz können die ansässigen Unternehmer dem Bürgermeister ihre Sorgen schildern – und nebenbei Ideen bekommen, wie andere die Krise zu lösen versuchen.

Ilona Kresse und Heiko Breithaupt sitzen auf einer Bankvor dem Dorfgemeinschaftshaus in Heimburg.
Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse und Blankenburgs Bürgermeister Heiko Breithaupt halten beim Gespräch vor dem Dorfgemeinschaftshaus Abstand. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Auch Ilona Kresse hat die Möglichkeiten der Digitalisierung neu für sich entdeckt, speziell WhatsApp. Denn auch im Ortschaftsrat muss umgedacht werden. Sitzungen, bei denen diskutiert und entschieden wird? Die gibt es aktuell nicht. Also wird in der gemeinsamen Gruppe per Smartphone diskutiert. Neulich erst musste der Ortschaftsrat entscheiden, welcher Heimburger Verein wie viel Geld bekommt. Am Ende wurde über WhatsApp abgestimmt. "Das Internet hat schon seine Vorteile", sagt die Rechtsanwältin im Ruhestand.

Das Coronavirus in Blankenburg: Freier Eintritt auf Burg Regenstein

In Blankenburg und Ortsteilen gibt es nach Angaben von Bürgermeister Heiko Breithaupt sechs bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus. Die Hälfte der Infizierten ist demnach wieder gesund. Insgesamt hätten die Blankenburger sich in den vergangenen Wochen vorbildlich verhalten. Es habe nur wenige Verstöße gegen die Regeln zur Eindämmung des Virus gegeben.

Touristen aus anderen Bundesländern, die an der Burg Regenstein unterwegs waren, habe man freundlich auf die geltenden Regeln hingewiesen – und ihnen für den nächsten Besuch einen Gratis-Eintritt in die Burg in Aussicht gestellt. Das sei besser, als Anzeigen zu verteilen, meint Stadtoberhaupt Breithaupt.

Burg Regenstein bei Blankenburg im Harz.
Bei Touristen beliebt: die Burg Regenstein bei Blankenburg (Archivfoto) Bildrechte: Stephan Engelmann

Heimburg ist – wie alle Blankenburger Ortsteile – zum staatlich anerkannten Erholungsort ernannt worden. An dem Rondell in der Ortsmitte wird demnächst ein Pavillon aufgebaut, der darauf hinweist – und zeigen soll, wie gut sich Touristen in Heimburg erholen können.

Bau der Kita ist ins Stocken geraten

Die paar Kinder, die in der Heimburger Kita aktuell notbetreut werden – in dieser Woche waren es vier – werden vermutlich auch dann noch in der Behelfskita am Sportplatz untergebracht sein. Die Corona-Krise hat auch den ohnehin schon zögerlichen Umbau der eigentlichen Kita durcheinander gebracht. Im Juli sollte sie endlich fertig sein. Jetzt wird es wohl bis September dauern, die Arbeiten kommen wegen der Krise nur schwer voran.

Auch anderswo wird in dem 850-Einwohner-Ort im Moment viel gebaut. Die wenigen Menschen, die auf der Straße unterwegs sind, basteln: an der Hausfassade oder den frisch verlegten Pflastersteinen vor der Haustür. Ein Mann mäht Rasen. Auf dem Gartentisch ein paar Häuser weiter steht eine Kanne Kaffee, daneben eine Tasse. Wenn all das etwas Gutes hat, dann, dass man mal wieder dazu kommt, sich um Haus und Garten zu kümmern. Es blüht ja auch alles so schön.

Abgesperrter Spielplatz in Heimburg bei Blankenburg
Der Heimburger Spielplatz ist wie so viele andere in Sachsen-Anhalt im Moment abgesperrt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Feuerwehr-Ausbildung fällt weg: Einsätze werden intensiver besprochen

Auch bei der Heimburger Feuerwehr spüren sie die Auswirkungen der Krise. An die Ausbildung ist im Moment kaum zu denken, sagt Wehrführer Sven Hädicke. Der Lkw-Führerschein, den zwei der neuen Einsatzkräfte im März hatten beginnen sollen, liegt erst einmal auf Eis. Wann es weitergeht, ist offen. Das betrifft die komplette Feuerwehr-Ausbildung in Sachsen-Anhalt. Schließlich ist auch die Feuerwehrschule in Heyrothsberge im Moment dicht.

Es ist Mittag geworden, als Hädicke und Markus Sonnberger vom Förderverein der Feuerwehr wieder einmal im Gerätehaus in der Ortsmitte stehen. Ausgeschlafen sind die beiden nicht. Letzte Nacht mussten Hädicke und Sonnberger mit ihren Kameraden gleich drei Mal in Heimburg ausrücken. Auf einem Grundstück am Ortsrand hatte es mehrfach gebrannt. "Brandstiftung", sagt Wehrführer Hädicke. Zehn Stunden waren sie beschäftigt, der letzte Einsatz ging bis 10 Uhr am Vormittag.

"Wir gestalten die Besprechungen nach Einsätzen im Moment intensiver als sonst", sagt Sven Hädicke. "Und wir hoffen, dass keiner vergisst, was er gelernt hat." Wenn es brennt, dann müssen sie sich auch bei der Feuerwehr im Moment umstellen. Nach der Alarmierung gehen sie beispielsweise immer nur zu fünft ins Gerätehaus, um nacheinander auszurücken.

Zwei Feuerwehrleute stehen an einem Feuerwehrauto.
Markus Sonnberger (links) und Sven Hädicke von der Feuerwehr in Heimburg müssen trotz der Corona-Krise im Fall der Fälle da sein. Dabei hat sich auch der Alltag in der freiwilligen Feuerwehr stark verändert. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Zusammenhalt und Kameradschaft

Wie in so vielen anderen Orten übernimmt die Feuerwehr auch in Heimburg eine wichtige Rolle für das gesellschaftliche Leben, allein schon für die Kinder und Jugendlichen. Sven Hädicke und Markus Sonnberger lassen keinen Zweifel daran, dass das in diesen Wochen anders ist. Das Osterfeuer mussten sie absagen. Aus einem zwischendurch mal geplanten Feuer zu Pfingsten wird auch nichts, die Waldbrandgefahr wäre zu hoch. Und dann war da noch die Kutschfahrt, die ein Unternehmer aus Heimburg der Feuerwehr als Dankeschön geschenkt hatte. Auch sie wurde abgesagt. Vorerst zumindest. "Der Zusammenhalt ist trotzdem gut. Die Kameradschaft bei uns ist immer da. Auch, wenn wir uns ewig nicht sehen würden", sagt der Wehrführer.

Gut zu tun haben sie bei der Feuerwehr sowieso immer. Die Geräte müssen gewartet werden, das Fahrzeug jederzeit einsatzbereit sein. Neulich erst gab es neue Spinde für die Jugendfeuerwehr. Und dann ist da noch die neue Zisterne oberhalb des Ortes, aus dem die Wehr das Löschwasser für ihre Einsätze bezieht. Mehr als 120.000 Liter frisches Quellwasser. Die Stadt Blankenburg hat es möglich gemacht. Bei der Feuerwehr zu sparen, davon hält Bürgermeister Heiko Breithaupt auch jetzt in der Krise nichts.

Zu Ostern das Beste aus der Situation gemacht

Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse hatte in den vergangenen Wochen viel Zeit, um sich Gedanken über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Heimburg zu machen. Vieles hat sich seitdem normalisiert. "Niemand im Dorf ist ausgeflippt", sagt Kresse. Selbst zu Ostern hätten die Heimburger das Beste aus der Situation gemacht. Es blieb ihnen schließlich kaum etwas anderes übrig.

Kresse findet trotzdem, dass man an dieser Stelle auch mal danken darf. Den Bürgerinnen und Bürgern für all das, was sie in der Corona-Krise aktuell schlucken, in Heimburg und anderswo. "Hut ab vor so viel Disziplin."

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

0 Kommentare

Mehr aus dem Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt