Wo Fontane einst Romane schrieb Thales verfallenes Hotel Zehnpfund wird saniert

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Einst residierten hier die Reichen und Schönen, und Theodor Fontane schrieb hier Novellen und Romane. Vornehm ging es zu im Hotel Zehnpfund in Thale, das bei seiner Eröffnung im Jahr 1863 das größte Sommerhotel Deutschlands war. Doch seit vielen Jahren steht es leer und zerfällt. Jetzt aber soll es saniert und umgebaut werden – zu einem Seniorenzentrum. 18 Millionen Euro sollen investiert werden.

Eine in die Jahre gekommene Hotelfassade
Das Hotel Zehnpfund in Thale soll bald nicht mehr so heruntergekommen aussehen. Nach knapp 20 Jahren Leerstand wird saniert. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Es knirscht unter den Schuhen. Überall liegen Glasscherben und Steine. Die Tapete löst sich von den Wänden. Ganz schlecht gehe es ihm, sagt Thales amtierender Bürgermeister Frank Hirschelmann. Er habe nicht mit so viel Zerstörung gerechnet. Hirschelmann hat gerade einen Fördermittelbescheid des Landes weitergereicht. Mit den Investoren geht er nun durch das Haus.

Bunte Glasfenster und eine verzierte Treppe
Verspielte Fenster, verschnörkelte Treppengeländer – auch heute ist der Charme des ehemaligen Hotels noch erkennbar. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Das atmet trotz der Schäden noch immer Geschichte. Es sind die Buntglasfenster mit Blumenmotiven, die gusseisernen Treppen und vor allem der prunkvolle Saal mit Stuck und Säulen, die einen in eine andere Zeit versetzen. Vor dem geistigen Auge schweben Ballkleider übers Parket, sitzt Theodor Fontane beim Tee auf dem Balkon.

Ich denke, wir nehmen den Tee noch gemeinschaftlich auf dem Balkon. Nicht wahr, Herr von Gordon?

Cécile im gleichnamigen Roman von Theodor Fontane
Ein langer Flur
Durch die Flure sind lange keine Hotelgäste mehr geschritten. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Der Schriftsteller aus Berlin war einer der bekanntesten Gäste des Hotels. Mehrmals hielt er sich hier auf, erstmals im Frühjahr 1868, später 1877, 1881 und 1882 jeweils im Sommer. Er schrieb hier die ersten Seiten seines Romans Cécile, dessen Handlung er zum Teil auch in dem Hotel spielen lässt. "Ich denke, wir nehmen den Tee noch gemeinschaftlich auf dem Balkon. Nicht wahr, Herr von Gordon?", lässt Fontane im Roman seine Cécile sagen. Fontane selbst schwärmte von der Aussicht vom verglasten Balkon auf Bodetal und Rosstrappe, auf die "Bergwand samt ihrer phantastischen Zacken".

1863 für vornehme Sommergäste eröffnet

Am 1. April 1863 war das Hotel eröffnet worden, direkt gegenüber dem im Jahr zuvor errichteten Bahnhof. Gebaut wurde das Hotel von der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft im Auftrag des Magdeburger Bahnhofswirts Franz Zehnpfund. Es sollte direkter Anlaufpunkt sein für aus Berlin anreisende vornehme Sommergäste.

"Von acht bis um eins kamen fünf Züge, im Ganzen vielleicht tausend Menschen", beschrieb Fontane den Ausblick vom Hotelbalkon zu Himmelfahrt 1868. In einem Reiseführer von 1907 wirbt das Hotel als "Haus allerersten Ranges".

Das einst größte Sommerhotel Thales Hotel Zehnpfund gestern und heute

Seit Jahren verfällt das einst prächtige Hotel Zehnpfund in der Nähe von Thales Bahnhof. MDR-Reporter Carsten Reuß durfte in das Gebäude und hat einzigartige Fotos gemacht. Bald soll es saniert werden.

Eine in die Jahre gekommene Hotelfassade
Das Hotel Zehnpfund steht seit 2003 leer. 7.000 Quadratmeter ist der Gebäudekomplex groß. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Eine in die Jahre gekommene Hotelfassade
Das Hotel Zehnpfund steht seit 2003 leer. 7.000 Quadratmeter ist der Gebäudekomplex groß. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Ein dunkler Raum mit Pfeilern
Es war nur 50 Jahre Hotel, danach Waisenhaus, Flüchtlingsunterkunft, Schule und Rathaus. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Ein zerbrochenes Waschbecken
Die vielfältigen Nutzungen und der Leerstand haben ihre Spuren hinterlassen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Eine Glasfassade, bei der einige Scheiben mit Brettern ersetzt worden
Einst war Theodor Fontane Gast im Hotel. Er schrieb hier Novellen und Romane, darunter auch die ersten Seiten seines Romans Cécile, dessen Handlung zum Teil im Hotel Zehnpfund spielt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Postkarte eines vornehmen Hotels mit Gästen davor
Am 1. April 1863 war das Hotel eröffnet worden, direkt gegenüber dem im Jahr zuvor errichteten Bahnhof. Bildrechte: Stadt Thale
Ein großes, vornehmes Hotel auf einer Postkarte
In einem Reiseführer von 1907 warb das Hotel als "Haus allerersten Ranges". Bildrechte: Stadt Thale
Luftaufnahme von einem Hotel, Kirche und Bahnhof
Durch seine Nähe zur nahe gelegenen Eisenhütte sanken jedoch die Touristenzahlen. 1913 wurde der Hotelbetrieb eingestellt. Bildrechte: Stadt Thale
Mehrere Männer stehen vor dem Hotel Zehnpfund
Bürgermeister Frank Hirschelmann ist sehr froh, dass das Gebäude nun wieder einen Sinn bekommt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Eine zugenagelte Tür
Noch ist alles verriegelt, doch im ehemaligen Hotel soll ein Seniorenzentrum entstehen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Mehrere Türen lehnen an einer Wand
In Thale sei man "heilfroh", so der amtierende Bürgermeister. Vielen Bürgern hätte der jahrelange Zerfall des einstigen Prunkgebäudes sehr wehgetan. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Ein Saal mit Stuckdecke und Leuchtern
Das Prunkstück des Hotels ist der Saal. Nach der Renovierung soll er öffentlich genutzt werden können. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Ein Speisesaal mit Kronleuchtern
Laut Jan Lucht, Geschäftsführer des Bauträgers, soll das Erscheinungsbild des Hotels von früher wieder hergestellt werden. Bildrechte: Stadt Thale
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Lazarett, Waisenhaus, Schule, Rathaus

Doch das Hotel Zehnpfund blieb nur 50 Jahre Hotel. Aufgrund der nahe gelegenen Eisenhütte sanken die Touristenzahlen. 1913 wurde der Hotelbetrieb eingestellt. Im ersten Weltkrieg wurde es als Lazarett genutzt, danach kommunal. Es wurde Waisenhaus, Flüchtlingsunterkunft, Schule, Rathaus. Seit 2003 steht der 7.000 Quadratmeter große Gebäudekomplex leer und zerfällt. Immer wieder gab es Pläne für ein Luxus-Hotel, für Wohnungen.

Nun soll das Haus wieder hergerichtet werden, als Seniorenzentrum mit 124 Plätzen. Die meisten werden Einzelzimmer sein. Rund 18 Millionen Euro will die bereits in der Region tätige Azurit-Gruppe investieren. Ein Drittel sind Fördermittel. Gerade wurde der Bescheid über 6,5 Millionen Euro überreicht.

Hotel Zehnpfund Thale: früher und heute

Ein großes, vornehmes Hotel auf einer Postkarte
Bildrechte: Stadt Thale
Ein großes, vornehmes Hotel auf einer Postkarte
Bildrechte: Stadt Thale
Ein baufälliges Hotel mit vielen vernagelten Fenstern
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Saal soll öffentlich genutzt werden können

Ein Speisesaal mit Kronleuchtern
Der damalige Speisesaal soll nach der Renovierung öffentlich genutzt werden können. Bildrechte: Stadt Thale

Jan Lucht, Geschäftsführer des Bauträgers verspricht, dass der prunkvolle Saal danach öffentlich genutzt werden kann. Das Hauptgebäude werde saniert, die Seitenflügel abgerissen und neu errichtet. Diese bestehen nur aus dünnen Wänden. Das Hotel war einst nur für den Sommerbetrieb errichtet worden. Lucht verspricht ein Erscheinungsbild, wie man es von den alten Postkarten kenne.

In Thale sei man heilfroh über diese Entwicklung, so der amtierende Bürgermeister Frank Hirschelmann. Er spricht von einer "Riesenerleichterung" für die Stadtverwaltung. Vielen Bürgern hätte der jahrelange Zerfall des einstigen Prunkgebäudes sehr wehgetan.

Ein großes, vornehmes Hotel auf einer Postkarte 3 min
Bildrechte: Stadt Thale

Das Hotel Zehnpfund in Thale hat wechselvolle Geschichte. Das einstige Schmuckstück diente als Inspirationsquelle von Theodor Fontane und soll nun wiederbelebt werden.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 24.01.2021 13:40Uhr 02:52 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/hotel-zehnpfund-thale100.html

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Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
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Über den Autor Carsten Reuß wurde in Aschersleben geboren und ist in einem kleinen Ort in der Nähe, nur wenige Kilometer vom Harzrand entfernt aufgewachsen. Nach seinem abgeschlossenen Werkzeugmaschinenbaustudium entdeckte er die Liebe zum Journalismus. Nach ersten Erfahrungen bei einer Tageszeitung und einem Abstecher in ein Maschinenbauunternehmen arbeitet Carsten Reuß seit 1993 für den MDR. Seitdem berichtet er regelmäßig aus dem Harz. Den erkundet er außer zu Fuß auch gern auf dem Motorrad, mit dem Fahrrad oder auf Skiern.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Januar 2021 | 17:30 Uhr

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