Verordnung zur Eindämmung von Corona-Infektionen So hält Ilsenburg absichtlich Touristen fern

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Ilsenburg hat ein Problem mit Touristen aus Niedersachsen, hat am Donnerstag der Bürgermeister der Stadt gesagt. Zumindest, solange die Corona-Eindämmungsverordnung gilt. In Niedersachen ist es offenbar nicht bekannt, dass Reisen für Freizeitaktivitäten in Sachsen-Anhalt derzeit untersagt sind. Touristen kommen weiterhin. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich angesehen, wie die Stadt damit umgeht.

Ein Parkplatzschild in einem Waldgebiet ist abgeklebt, die Einfahrt zum Parkplatz dahinter versperrt
Vor allem das Ilsetal ist als Ausgangspunkt für Ausflügler und Wanderer beliebt. In der Dreißigerzone sieht man normalweise zahlreiche Autos von außerhalb. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Ilsenburg ist ein beliebtes Ziel für Wanderer: Vom Ilsetal aus führt der Heinrich-Heine-Weg hoch zum Brocken. Die Route bietet Wanderern nicht nur wunderbare Panoramen auf den höheren Metern, sondern eine ruhige Waldidylle entlang des Flusses vom ersten Schritt an. Viele Touristen starten ihren Weg bereits am Blochhauer Platz, der noch nah an der Stadt und an Wohnhäusern ist. Kaum etwas deutet hier darauf hin, dass es Beschränkungen gibt – nur ein Spielgerät ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. An einer großen Informationstafel klebt klein und unscheinbar ein Hinweis, dass die gastronomischen Einrichtungen rund um die Plessenburg vorübergehend geschlossen bleiben.

Zum Wandern nach Ilsenburg

Wanderwegschilder
Vom Blochhauer Platz aus geht es auf den Heinrich-Heine-Wanderweg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Achteinhalb Kilometer bis zum Ilsetal sagt der Wegweiser, elf Kilometer bis zum Brocken. Dann mal los, denkt sich auch ein junges Pärchen, das am späten Vormittag im Auto den Blochhauer erreicht. Jule und Daniel haben Braunschweiger Kennzeichen und den letzten Parkplatz in der Reihe ergattert. Sie bestätigen, dass sie aus Braunschweig kommen – und dass sie das Reiseverbot nicht kennen. Jule sagt, sie kennt Ilsenburg und gehe hier öfter wandern, weil es schön sei. Und nun? Beide zögern bei der Frage, ob sie nun trotzdem gehen wollen oder wieder zurückfahren. "Ich habe eigentlich keinen Bock auf Bußgelder oder Ordnungshüter", sagt Daniel. "Ich glaube, wir gehen trotzdem", sagt Jule. Sie wägen ab. Werden sie kontrolliert? Gibt es direkt eine Strafe? Letztendlich gehen sie los. Nicht direkt an der Straße, sondern an der Ilse entlang.

Ihr Auto bleibt in der Reihe der etwa zehn anderen Fahrzeuge, darunter etwa die Hälfte mit den regionalen Kennzeichen HZ und WR. Die Fahrzeuge mit Kennzeichen aus Hannover, Euskirchen und Anhalt-Bitterfeld haben einen Zettel unter den Scheibenwischern hängen: Ein Brief der Stadt, der auf die Verordnung hinweist und den entsprechenden Paragraphen nennt. Das vom Bürgermeister gezeichnete Schreiben erklärt die Maßnahme und sagt: "Ich bedaure sehr, dass Sie unsere Stadt und die angrenzenden Wälder entsprechend der Verordnung des Landes Sachsen-Anhalt nicht besuchen dürfen." Und: "Bleiben Sie gesund."

Parkplätze gesperrt Ilsenburg muss Wandertouristen fernhalten

Ilsenburg liegt nah an der Grenze zu Niedersachen und lockt zahlreiche Touristen an. Nun sind Ausflüge vorerst untersagt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Ilsenburg muss Maßnahmen ergreifen.

Ein Auto parkt vor einem großen Haus in einer Altstadt
Hier am Marktplatz können sich Touristen und Ausflügler in der Touristeninformation normalerweise über Wanderwege, Veranstaltungen und Gastronomie informieren. Bildrechte: MDR/ Julia Heundorf
Ein Auto parkt vor einem großen Haus in einer Altstadt
Hier am Marktplatz können sich Touristen und Ausflügler in der Touristeninformation normalerweise über Wanderwege, Veranstaltungen und Gastronomie informieren. Bildrechte: MDR/ Julia Heundorf
Brief unter den Scheibenwischern auf einer Windschutzscheibe
Die Touristeninformation in Ilsenburgs Altstadt ist derzeit geschlossen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Ein Parkplatzschild in einem Waldgebiet ist abgeklebt, die Einfahrt zum Parkplatz dahinter versperrt
Stattdessen muss die Stadt jetzt Touristen fernhalten. Eine wichtige und offenbar wirkungsvolle Maßnahme ist es, Parkplätze zu sperren. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Leerer Parkplatz zwischen Bäumen
Normalerweise ist dieser Parkplatz im Ilsetal sehr beliebt bei Ausflüglern. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Nahaufnahme eines Hinweisschildes: Reisen aus touristischem Anlass in Sachsen-Anhalt verboten
An der Einfahrt gibt es den Hinweis auf die Verordnung und das Verbot, derzeit als Tourist nach Sachsen-Anhalt zu reisen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Brief unter den Scheibenwischern auf einer Windschutzscheibe
Wer sein Fahrzeug in einer der wenigen nciht abgesperrten Parklücken abstellt und kein regionales Kennzeichen hat, bekommt, wird mit einem Brief unterm Scheibenwischer freundlich auf die Verordnung hingewiesen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Ein Spielgerät in einem Waldstück ist abgesperrt
Spielplätze sind überall im Land abgesperrt und so auch in Ilsenburg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Hinweistafel für Wanderer im Wald
An den Wanderwegen selbst finden sich keine Hinweisschilder. Nur ein kleiner Zettel ist am unteren linken Rand der Infotafel angebracht, der darüber informiert, dass gastronomische EInrichtungen rund um die Plessenburg geschlossen sind. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Landstraße mit Hügellandschaft im Hintergrund
Über diese Landstraße kommen viele Touristen und Ausflüger aus Niedersachen nach Ilsenburg. Und fahren hier auch wieder zurück.

Quelle: MDR/jh
Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
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Kein Parkplatz, kein Ausflug

Gefühlt ist der Frühling da, seit dem Tag, an dem die erste Maßnahme zu Eindämmung des Coronvirus inkraft trat. Auch am Samstag ist das Wetter in Sachsen-Anhalt perfekt. Die Sonne scheint und es ist warm genug, um nur im Pullover eine Zeitlang draußen zu stehen. Bei diesem Wetter sind normalerweise die Parkplätze in Ilsenburg gut belegt bis übervoll. Heute sind sie komplett leer. Das liegt aber weniger daran, dass die Menschen gut über die Verordnung informiert sind oder ihre Verantwortung wahrnehmen und zuhause bleiben.

Es liegt an den Absperrungen und rot-weißen Flatterbändern. Der große Parkplatz schräg gegenüber vom Blochhauer: abgesperrt. Der beliebte große Parkplatz am Kletterwald: abgesperrt. Der Campingplatz gegenüber: abgesperrt. Auf der Straße selbst gilt sowieso eingeschränktes Halteverbot. Und ein kurzer Halt zeigt: Regelmäßig fahren hier Autos her und kehren um, als sie die Situation erkennen. Die Kennzeichen sagen: Aus Berlin, aus Hannover, aber auch aus Quedlinburg, kommen am Samstag Touristen nach Ilsenburg. Außer touristischen Angeboten wie dem Wanderweg und Gaststätten gibt es auf dieser Straße nichts weiter. Es fühlt sich falsch an, weiterzufahren. Wer nicht zufällig einen Parkplatz in der Nähe der Stadt bekommen hat, merkt schnell, dass hier niemand erwünscht ist.

Romantisches Einzelzimmer für die Geschäftsreise

Junge braunhaarige Frau steht im Wald
Katharina Erxleben leitet ein Hotel im Ilsetal. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Ein Parkplatz auf den letzten Metern, bevor endgültig der Wald beginnt, ist noch nicht abgesperrt. Ein großes Schild weißt darauf hin, dass es sich um Privatgelände handelt. Die Schotterfläche gehört zum Kurpark-Hotel, das direkt im Wald an der plätschernden Ilse liegt. Normalerweise steigen hier Gäste ab, die den Harz erkunden. Wanderer und Tagestouristen essen im Restaurant oder trinken etwas im Biergarten. Derzeit sind nur ein paar Geschäftsleute als Hotelgäste da, zum Beispiel Monteure, erklärt die junge Geschäftsführerin Katharina Erxleben. Sie steht auf der Terrasse in der Sonne. Viel zu tun gibt es nicht, denn das Hotel-Restaurant muss geschlossen bleiben. Frühstück bekämen die wenigen Gäste direkt aufs Zimmer.

Die Hotelbesitzerin kennt das auf und ab der Autos bereits. Regelmäßig wären Polizei und Ordnungsamt unterwegs. Man kenne sich schon, sie hätte für einen Mitarbeiter des Ordnungsamtes schon Kaffee zur Verfügung gestellt. Denn bis am Freitag die Absperrungen zu Parkplätzen aufgebaut wurden, hätten Beamte persönlich stundenlang an den Einfahrten gestanden, um die Gäste abzuweisen.

Die Maßnahme wirkt

Einem Pärchen, das die Terrasse betritt, um sich zu erkundigen, warum alles gesperrt ist, darf sie nichts anbieten. Als es das Gelände verlässt, kommt bereits das nächste Fahrzeug, ein Kleinbus mit Kennzeichen aus Wolfenbüttel, voller sichtlich verwirrter Menschen. Er wendet und kehrt um. Am Ende der Straße, etwa einen Kilometer weit vom Kurpark-Hotel, manövriert die Fahrerin den Bus in die letzte sehr enge Parklücke vor einem Restaurant.

Entlang eines Teiches stehen leere Bänke und Bäumchen
Am ruhigen Teich in der Altstadt ist es menschenleer. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

In der kleinen Altstadt von Ilsenburg sind am frühen Nachmittag keine Touristen unterwegs. Die Promenade entlang des hübschen Teiches am Marktplatz ist leer, die weißen Bänke sind unbesetzt. Am Bahnhof ist niemand zu sehen. Die Maßnahme scheint zu funktionieren: All die Autos, die im Ilsetal kehrt gemacht haben, sind scheinbar weiter gefahren. Oder zurück nach Hause.

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Quelle: MDR/jh

12 Kommentare

Anita L. vor 7 Wochen

Prof. Streeck ist ein Experte - und ich werde den Teufel tun, ihm seine Kompetenz abzusprechen - aber er ist nur einer und es gibt viele andere, die anderer Ansicht sind, was angesichts der Tatsache, dass das Virus neu ist, auch nachvollziehbar ist.
Die Immunisierung der Gesellschaft ist ganz gewiss richtig und wichtig, jedoch nicht unkontrolliert und in einem Tempo, welches das Gesundheitssystem zusammenbrechen lässt. Schon unter den aktuell für das Virus erschwerten Bedingungen geraten unsere Nachbarländer bereits an ihre Grenzen. Können Sie sich vorstellen, was los wäre, wenn man dem Virus ungeregelt Raum gegeben hätte? Wie Sie selbst sagen, gibt es wahrscheinlich noch eine Weile keinen Impfstoff dagegen.
Lassen wir also die Experten ihre Erkenntnisse über das Virus festigen und prüfen und so lange verzichte ich gern auf den Ausflug in den Harz oder die Sächsische Schweiz, allerdings in der Hoffnung, dass auch die, denen ich gezwungen begegne, ebenso verantwortungsvoll waren.

Anita L. vor 7 Wochen

Lieber Insider,
das heißt, Sie bevorzugen eine Zweiklassengesellschaft - wer mit dem Auto reisen kann, soll das tun, Zug- und Busreisende haben Pech? Das ist nicht sehr sozial gedacht.
Und wer kontrolliert am Ende, ob die Menschenansammlung auf dem Wanderweg nur gerade zufällig zusammentraf oder eine Wandergruppe ist? An der Ostsee mussten erst die Tage Ausflugsziele geschlossen werden, weil sich die Menschen eben nicht an die Regeln halten können. Ich habe keine Lust, einem von denen dann beim Einkauf oder Arzt zu treffen wo ich zur regelmäßigen Blutuntersuchung hin muss. Und Sie mögen jung, dynamisch und offenbar gesund sein, das muss Sie immer noch nicht vor einem schweren Verlauf bewahren und erst recht nicht die 70-Jährige, die zu einem späteren Zeitpunkt mit Ihnen in der Apotheke steht oder im Bus des ÖPNV sitzt.

Insider207 vor 7 Wochen

Ich hoffe aber, dass sie dann wenigstens nicht mehr einkaufen gehen werden bis Ende des Jahres, da bis dahin wohl weder ein Impfstoff, noch ein bahnbrechendes Medikament zur Verfügung stehen werden, wo wir beim nächsten Punkt angelangt wären: Glaubt man den Virologen, sind im Herbst 2/3 der Bevölkerung infiziert gewesen, es werden also eh fast alle irgendwann durchgemacht haben. Je länger man den Zustand bis zum Vorhandesein der Herdenimmunität hinauszögert, desto mehr Schaden wird das Virus gesellschaftlich- und volkswirtschaftlich anrichten. Wer soll denn bitte für die Herdenimmunität sorgen, wenn nicht die Jüngeren (ich bin z. B. 23, kein Raucher, treibe viel Sport, keine Vorerkrankungen)? Zum Glück habe ich seit Wochen zu niemandem mehr persönlichen Kontakt aus der Risikogruppe, weil es genau diese zu schützen gilt, abgesehen davon, dass man sich nicht beim wandern in der freien Natur ansteckt, die Wahrscheinlichkeit beim Einkaufen ist dramatisch höher, aber immernoch fast bei 0.

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