Harzer Jodlerwettstreit Zoff wegen Absage der traditionellen Veranstaltung im Bodetal

Jodeln im Harz ist etwas Besonderes und zunehmend Seltenes. Der traditionelle Harzer Jodlerwettstreit in Altenbrak sollte jetzt eigentlich zum 68. Mal stattfinden. Doch er fällt aus, vielleicht sogar für immer.

Jodelwettstreit
Ein Jodelmeister während dem Wettstreit 2019 Bildrechte: MDR/Andreas Knopf

Die Mitglieder der Trachtengruppe Altenbrak wollten auch in Corona-Zeiten unbedingt an der Tradition ihres Jodlerwettstreits festhalten. Sie hatten ein Hygienekonzept entwickelt und sich immer wieder mit dem Gesundheitsamt beraten. Doch drei Wochen vor dem Termin sagten sie ab. Zitat aus der E-Mail: "Wir als Verein haben nun gestern in einer Krisensitzung entschieden, den Jodlerwettstreit abzusagen und sind auch in den Folge-Jahren nicht mehr bereit, diesen zu organisieren." Was war geschehen?

Frustration bei den Jodelmeistern

Frustriert seien sie, sagt dazu der Altenbraker Andreas Knopf. Der 44fache Jodlermeister und Star der Szene ist selbst Mitglied in der Trachtengruppe. Altenbraks Ortsbürgermeister Michael Wiese habe in einer Mail mitgeteilt, dass der Ortschaftsrat eine Durchführung des Jodlerwettstreits aufgrund der derzeitigen Pandemiebestimmungen ablehne. Deshalb hätten sie hingeschmissen, so Knopf. Mehr noch: Die Trachtengruppe wolle sich zum Jahresende auflösen. Die Zukunft des Jodelwettstreits würde damit in den Sternen stehen.

Bürgermeister wirbt um Verständnis für die Absage

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Zu den Jodelwettbewerben kamen viele Zuschauer aus der Region. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Der Bürgermeister selbst bedauert das sehr, wirbt aber um Verständnis für seine Auffassung und die seines Ortschaftsrates. Aus seiner Sicht sei es bedenklich, in der Corona-Situation den Wettstreit durchzuführen. Das habe er mitgeteilt. Außerdem hätte die Waldbühne wegen der Corona-Einschränkungen nicht hergerichtet werden können. Dass die Veranstalter auf eine Wiese am Bodeufer ausweichen wollten, habe er dann erst aus der Zeitung erfahren. Er hofft nun, dass die Tradition des Wettbewerbs nicht stirbt.

Der Altenbraker Jodlerwettstreit war etwas Besonderes. Etwas, das Marketingfachleute heute mit Alleinstellungsmerkmal bezeichnen. Denn Jodeln im Harz, das ist vor allem für viele Harztouristen etwas Exotisches. Verbinden sie doch dieses Brauchtum vor allem mit den Alpen. Doch im Harz wird schon lange gejodelt.

Jodeln als Kommunikationsmittel

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Die Gewinner des Jodelwettbewerbs 2018 Bildrechte: MDR/Andreas Knopf

Das Jodeln soll als eine Art Kommunikation im Gebirge entstanden sein, wenn sich zum Beispiel Fuhrleute vor Kurven in engen Hohlwegen bemerkbar machen mussten. Auch unter Köhlern soll das Jodeln verbreitet gewesen sein. Der Harzer Brauchtumsforscher Lutz Wille fand dazu erste Belege aus dem 19. Jahrhundert. So erwähnt der Schriftsteller Heinrich Pröhle 1851 einen jodelnden Knecht, und der Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl berichtet 1866 von Köhlerjungen, die laut in den Bergen jodeln und jauchzen würden. Im Harz seien bereits Ende des 19. Jahrhunderts Heimatlieder populär gewesen, die einen Jodler enthielten, schreibt die Musikethnologin Helen Hahmann, die in ihrer Promotion an der Universität Halle vor einigen Jahren das Harzer Jodeln untersuchte.

Die Tradition des Jodelns

Die Geschichte des Altenbraker Jodlerwettstreits indes begann 1952, zwei Jahre nach dem Aufbau der Waldbühne. Die Wettbewerbe waren von Beginn an erfolgreich. Von tausenden Zuschauern wurde damals berichtet, die ganz eng beieinander und sogar auf den Rasenkanten gesessen hätten. Nach der Wende dann nahm das Interesse langsam aber stetig ab. 1993 beim 41. Harzer Jodlerwettstreit in Altenbrak jodelten 180 Teilnehmer um Pokale und Urkunden. Im Jahr 2014, als Andreas Knopf seinen 35. Titel errang, waren es nur noch 80 Teilnehmer, im vergangenen Jahr rund 50. Immerhin stieg die Zahl der Zuschauer wieder an. 600 waren es im vergangen Jahr.

Geschichte von Jodelwettkämpfen

Der erste Harzer Jodlerwettstreit soll 1925 in Benneckenstein stattgefunden haben. In den Jahren 1934 bis 1936 fanden jährlich Jodlerwettstreite im Westharzer Clausthal-Zellerfeld statt. Ab 1947 gab es in Benneckenstein, Ilsenburg und Hasselfelde Wettstreite und ab 1949 wieder in Clausthal-Zellerfeld im Westharz. Zuletzt gab es jährlich drei Jodlerwettstreite im Harz: in Clausthal-Zellerfeld im Westharz (seit 1949), den "Südharzer Jodlerwettstreit" im thüringischen Hesserode, einem Ortsteil von Nordhausen (seit 1962) und im Ostharz auf der Waldbühne in Altenbrak im Bodetal (seit 1952).

Besonderheit vom Harzer Jodeln

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Auch Kinder haben an den Jodelwettkämpfen teilgenommen. Bildrechte: MDR/Andreas Knopf

Bei den Wettbewerben traten Kinder in verschiedenen Altersgruppen und Erwachsene in unterschiedlichen Leistungsgruppen an. Es zählten Originalität und Reinheit des Vortrages. Das Jodeln im Harz hat dabei seine Eigenheiten. Ein Jodlermeister aus Bayern hätte im Harz nicht die Spur einer Chance, erklärt der amtierende Harzer Jodlermeister Andreas Knopf. Es gäbe eine harztypische Art des Jodelns, stellte auch Musikethnologin Helen Hahmann in ihrer Untersuchung fest. Typisch sei die Schnelligkeit, mit der zwischen Brust- und Kopfstimme gewechselt werde. Auch der Variantenreichtum der Melodien und Intervalle sei etwas Besonderes.

Doch wie kann diese Besonderheit nach der Absage der Altenbraker Traditionsveranstaltung erhalten werden. Der Bürgermeister der benachbarten Stadt Oberharz am Brocken, Ronald Fiebelkorn schlug vor, den Wettstreit auf die Waldbühne nach Benneckenstein zu verlegen. Bei der kommunalen Bodeltal Tourismus GmbH Thale (Altenbrak ist Ortsteil von Thale) wird indes bereits überlegt, im nächsten Jahr selbst eine Art Fortsetzungsveranstaltung in Altenbrak zu organisieren. Tradition, Folklore und Jodeln sollen auf der Waldbühne auch künftig weiterleben, heißt es in einem Brief. Die Rede ist von einem "volkstümlichen, traditionsreichen Nachmittag". Ob es aber ein Wettstreit wird?

Der Schlusssatz gehört hier der bereits erwähnten Musikethnologin Helen Hahmann. Sie schrieb als Fazit in ihre Promotion: "Diese Wettstreite sind so etwas wie lebende Archive, weil sich hier ganz verschiedene Regionen aus dem Harz begegnen und miteinander singen."

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Quelle: MDR/vö

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6 Kommentare

Saxe vor 6 Wochen

Zum Glück kann man ja noch das Jodeldiplom machen:
Holleri di dudel du
Holleri du dödel du
Hollerö dö dudel dö
Holleri du dödel di diri diri dudel dö

SGDHarzer66 vor 7 Wochen

Das Jodeln ist fester kultureller Bestandteil meiner Heimat. In Altenbrak scheint mittlerweile auch der vorauseilende Gehorsam wichtiger zu sein als der Erhalt deutschen Kulturgutes. Ein Trauerspiel!

Lyn vor 7 Wochen

Viele Besucher?
So viele sind es gar nicht, für meine Begriffe überschaubar.

Ist wohl nicht der "richtige" kulturelle Hintergrund, um es am Leben zu erhalten.

Jackblack hat Recht, Deutschland schafft sich ab.

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