Gestaffelte Zeitverträge in Kinderbetreuung Kitagebühr nach Bedarf funktioniert für viele nicht

Seit August müssen Kitas in Sachsen-Anhalt den Eltern gestaffelte Zeitverträge anbieten. So sollen die Eltern nur für die Stunden bezahlen, in der eine Betreuung tatsächlich benötigt wird. Ein Besuch in Lüttgenrode im Harz zeigt, dass die Staffelung für viele nicht funktioniert – und sie dadurch noch weniger flexibel sein können.

von Julia Heundorf, MDR SACHSEN-ANHALT

Mutter und Kind stehen vor einer Kita
Katharina und Michel Jesse vor dem Kindergarten Lüttgenrode Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Tellergeklapper und Kinderstimmen schallen an einem Freitag im August durch den Kindergarten "Lüttis Rasselbande" in Lüttgenrode im Harz. An kleinen, runden Tischchen sitzen Jungen und Mädchen und essen Nudeln mit roter Soße. Für die Betreuung in der Einrichtung in Lüttgenrode bezahlen die Eltern verglichen mit anderen Kitas im Land überdurchschnittlich viel Geld.

Kindergärten können besser planen

Seit dem 1. August müssen Kitas laut dem neuen Kinderförderungsgesetz, den Eltern gestaffelte Zeitverträge anbieten. Die Idee: Eltern, die tatsächlich nur fünf Stunden Betreuung benötigen, müssen auch nur für fünf Stunden bezahlen.

Blick auf Lüttgenrode
Blick auf Lüttgenrode vom Nachbardorf Stötterlingen Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

"Ungefähr zwei Drittel der Eltern haben bei uns höhere Verträge gewählt", erklärt Heike Hundertmark-Wedde. Sie leitet die Kita in Lüttgenrode, in der 38 Kinder von acht Erzieherinnen betreut werden. Aus Personalsicht seien höhere Verträge super (Verträge mit höherer Betreuungszeit, Anm. der Redaktion). Denn: "So können wir unsere achte Erzieherin rechtfertigen." In Lüttgenrode gebe es keine Jobs, fast keine Unternehmen. Das trage zu den höheren Verträgen bei, ist sich die Kita-Leiterin sicher. Denn ehe Mama und Papa auf Arbeit einstempeln, ist für die Kinder der Kita-Tag schon längst in vollem Gange.

Die Stechuhr kommt in die Kitas

Eine Frau lächelt
Heike Hundertmark-Wedde leitet den Kindergarten in Lüttgenrode. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Doch "Einstempeln" müssen mit der neuen Regelung auch die Kinder: Mit den neuen Verträgen sei nicht nur der Stundenbetrag, sondern auch die genaue Uhrzeit festgelegt, erklärt Heike Hundertmark-Wedde – und zwar nicht von den Eltern. "Für Kleinverträge, zum Beispiel für fünf Stunden Betreuung, werden die Uhrzeiten von der Stadt festgelegt." Die Stadt sagt: 7 bis 12 Uhr. Das bringt Eltern, die nur am Nachmittag Betreuung bräuchten, gar nichts. Sie müssten einen Vertrag für zehn Stunden abschließen, um das Kind zwischen 12 und 17 Uhr unterbringen zu können.

Von der Regelung ist Lennox aus Osterwieck nicht mehr betroffen. Er hatte Ende Juli seinen letzten Tag im Kindergarten, nun geht er in die Schule. Seine Mutter ist erleichtert, dass sie sich nicht mehr mit den gestaffelten Zeitverträge auseinandersetzen muss. Sie erzählt: "Wir hatten 30 Stunden pro Woche, die wir nicht überschreiten durften, aber die Verteilung konnten wir relativ flexibel gestalten." Mal früher kommen, mal später gehen. Nur wenn Lennox einmal mehr als 30 Stunden hätte bleiben müssen, wären pro angefangene halber Stunde je 15 Euro fällig gewesen.

Weniger Flexibilität für Eltern

Eine ähnliche Regel gilt für Katharina Jesse und ihren Sohn Michel. Seit Dezember 2018 geht er in Lüttgenrode in die Krippe. Die Zahnarzt-Assistentin gehört zu den zwei Dritteln der Eltern mit höherem Vertrag: Von 7:30 Uhr bis 16:30 Uhr wird der fast Zweijährige in "Lüttis Rasselbande" täglich betreut – laut Vertrag. Im Arbeitsvertrag der Mutter steht als Dienstbeginn: 7:45 Uhr. Im drei Kilometer entfernten Osterwieck. Das sei schon knapp, erzählt die 28-Jährige, denn die Kita darf ihn erst pünktlich um 7:30 Uhr annehmen. "Ich muss ihn absetzen und gleich weiterfahren."

Kita "Lüttis Rasselbande“
Kindergarten "Lüttis Rasselbande" in Lüttgenrode Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Sie wünscht sich auch die Freiheit, ihren Sohn an einigen Tagen früher wegzubringen, um schon vor der Arbeit kurze Wege zu erledigen: "Einfach mal vor der Arbeit gleich ein Brot holen oder so." Das wäre möglich – würde aber 15 Euro kosten.

Familie Jesse zahlt 255 Euro im Monat für Michels Krippenplatz. Dazu kommt das Mittagessen, das täglich 2,50 Euro kostet. Außerdem gibt es in jedem Quartal eine Abgabe für Kopiergeld.

Ein Kita-Beitrag für alle Dörfer

Ob die Kita-Beiträge zu hoch seien, darüber habe Katharina Jesse bisher nicht nachgedacht. "Jetzt, wo ich weiß, dass es da Unterschiede gibt, kommt es mir teuer vor", überlegt sie. Gerade nach der Elternzeit habe sie schon angefangen zu rechnen. Denn nachdem gerade ein Jahr lang weniger Geld aufs Konto kam, stünden direkt mehr monatliche Ausgaben an. Eine Alternative hätte die Familie aber sowieso nicht. Einen Platz in einer angrenzenden Gemeinde zu suchen ist keine Option, allein von der Entfernung. Die Dörfer mit Kita Richtung Norden, Osten und Süden gehören alle zu Osterwieck: Hier ist der Preis in allen Einrichtungen gleich. Westlich des Dorfes beginnt Niedersachsen.

Wie kommt aber eigentlich der Betrag zustande?

Die Gemeinde muss die Kosten aller Kitas errechnen. Die sind je Einrichtung unterschiedlich: Ältere Teams kosten mehr Geld, weil die Gehälter nach Tarifrecht mit dem Dienstalter steigen. Die Betriebskosten sind in größeren Kitas höher. Krippenplätze sind teurer als Kindergartenplätze. In Osterwieck wolle man auch Standorte sichern, heißt es von Seiten der Stadt. Jeder Standort kostet dabei Geld, zum Beispiel für eine leitende Stelle.

Keinen Zeitdruck am Nachmittag

An diesem Nachmittag im August spielen bei "Lüttis Rasselbande" die Kinder auf dem Klettergerüst und auf der Wippe mit ihren Freunden, bevor die Eltern sie abholen. Michel Jesse wird von einer Erzieherin gerade raus gebracht. Seine Mama wartet geduldig, bis er sich von einer Freundin verabschiedet hat. Sie hat keinen Zeitdruck. Es ist 15:00 Uhr. Michel darf laut Vertrag bis 16:30 Uhr blieben. Aber Katharina Jesse arbeitet an drei Tagen in der Woche nur bis 12:00 Uhr. Den Vertrag bis 16:30 Uhr brauchen Jesses eigentlich nur an zwei Tagen pro Woche.

Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. August 2019 | 10:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2019, 17:31 Uhr

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