Mehrgenerationenhaus Kleinstadthelden: Wie Kinder und Senioren in Blankenburg zusammen leben

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Ihr Alter könnte unterschiedlicher nicht sein und doch können sie viel voneinander lernen: Kinder und Senioren. In Blankenburg leben sie gemeinsam in einem Mehrgenerationenhaus und bereichern ihren Alltag. Ein Besuch. Eine besondere Art, auch zukünftig miteinander Zeit zu verbringen – und deshalb Teil der ARD-Themenwoche #wieleben. Ein Besuch.

Gemeinsame Backaktion der Kinder und Senioren.
Im Mehrgenerationenhaus verbringen Kinder und Senioren den Alltag zusammen. Das Bild wurde vor der Corona-Krise aufgenommen. Bildrechte: Kita Oesig

Es ist ein rotes Gebäude mit großen Fensterfronten – sowohl außen, als auch innen. Am Rand von Blankenburg im Stadtteil Oesig liegt es. Vorne die große Aufschrift: "GVS Mehrgenerationenhaus Am Lindenberg". Mehrere Generationen treffen hier aufeinander und bereichern gegenseitig ihren Alltag – wegen Corona aktuell eingeschränkter als sonst. Der eine Teil des Gebäudes ist eine integrative Kindertagesstätte, die über einen Gemeinschaftsraum mit selbstgemalten Bildern, vielen Stühlen und Tischen mit dem Pflege- und Wohnbereich der Senioren verbunden ist. "Besonders ist, dass die Kinder Kontaktpunkte haben mit den alten Menschen – und andersherum. So können verschollene Erinnerungen bei den Senioren wieder hervorgelockt werden", erklärt Sebastian Selent, Geschäftsführer des GVS Blankenburg – der Träger des Mehrgenerationenhauses.

Große Fensterfront des Mehrgenerationenhauses
Das Mehrgenerationenhaus hat innen und außen große Fensterfronten. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Genau diese Kontaktpunkte sind in die Tagesabläufe der Kinder und Senioren integriert: Es gibt gemeinsame Zeiten zum Frühstücken und Mittagessen, genau wie die Möglichkeit zum Spielen, Reden und für Aktionen, wie Plätzen backen und Spazieren gehen. "Es ist bei uns so, dass jeder kann und keiner muss – sowohl Kinder, als auch Senioren. Wir leben das ganz alltägliche Leben miteinander", erzählt Kita-Leiterin Charleen Sieg-Dräger. Sie ergänzt: "Wenn die Senioren im Außenbereich spazieren gehen, setzen sich die Kinder auf den Rollator und fahren mit. Oder sie schauen sich gemeinsam die Tiere in der Vogel-Voliere an. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die das Leben hier so schön machen."

Vom wilden Toben und Momenten der Stille

Wie begeistert die Kinder über die Spiel- und Aktionsmöglichkeiten vor Ort sind, wird spätestens ab 9 Uhr hörbar, wenn alle 40 Kita-Kinder dort in ihren Gruppen sind. Sie toben durch die Flure, bauen Bauklötzchentürme, die sie wieder umwerfen und veranstalten draußen Bobbycar-Rennen. So richtig auspowern können sie sich ein Mal die Woche beim Sport in der daneben gelegen Halle des Fördervereins Oesig. Erzieher und engagierte Eltern machen hier mit den Kindern Turnübungen und Sportspiele.

Anfang des Jahres änderte sich die Situation jedoch. Da war es im Haus einfach still, wie sich die Kita-Leiterin erinnert: "Corona hat aus diesem lauten und bunten Haus, ein stilles gemacht. Also ich weiß noch, dass ich zu Arbeit gekommen bin, in ein Haus, wo sonst Kinder lachen, wo Senioren Witze erzählen, wo die Pflegekräfte über die Flure laufen und immer Action ist. Da gab es einen Tag, an dem Ruhe und Stille war."

Die Corona-Situation im Mehrgenerationenhaus Oesig

Wegen der Corona-Krise dürfen die Kinder und Senioren keinen Kontakt haben. Der eigentliche Begegnungsraum der beiden Gruppen, ist in der Mitte abgetrennt, so dass der Kita- und der Pflegebereich nicht zusammen kommen können. Dementsprechend fallen auch gemeinsame Aktionen, wie das Plätzchen backen, Vorlese-Tag und Co. aus. Die Kinder verbringen mehr Zeit draußen und vor allem in ihren Gruppen. Für Angehörige der Senioren gelten klare Besuchszeiten.

Das Beste aus den aktuellen Umständen machen

Die Kinder haben im Briefkasten bei ihren Hütten Briefe gefunden
Im Briefkasten neben ihren selbstgebauten Hütten, haben die Kinder Post und Schokolade gefunden. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Auch, wenn die Corona-Krise das gemeinsame Leben von Alt und Jung aktuell einschränkt, machen die Bewohner und Mitarbeiter das Beste aus der Situation. Zum Beispiel sind die Kinder viel draußen an der frischen Luft. Gemeinsam mit den Erziehern haben sie Hütten im nahegelegenen Wald gebaut. Die haben sogar einen Briefkasten, in den Passanten ab und an Briefe für die Kinder werfen. So auch an diesem Tag – inklusive drei Päckchen mit Kinderschokolade.

Und gerade jetzt, lohnen sich die großen Fenster: "Wir haben damals bei der Architektur bewusst gesagt: 'Fenster so, dass man gucken kann, wie die Kinder zum Frühstück kommen!'", erklärt Heidrun Beck, die das Mehrgenerationenhaus mitbegründet hat. So schauen die Senioren den Kindern momentan vor allem beim Spielen und Essen aus der Ferne zu, solange der Kontakt wegen Corona nicht möglich ist.

Die Entstehung des Mehrgenerationenhauses

Skizzen für das Mehrgenerationenhaus
So sahen die Pläne für das Mehrgenerationenhaus aus – genau so wurde es 2007 auch eröffnet. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

In Deutschland gibt es aktuell mehr als 500 Mehrgenerationenhäuser. Das in Oesig gibt es bereits seit 2007, der Träger ist der GSV Blankenburg. Heidrun Beck war damals die Geschäftsführerin des Vereins und hat das Mehrgenerationenhaus mitbegründet. Sie erklärt: "Die Idee ist 2001 entstanden. Das Haus war eine große Kita, die aber nicht mehr voll belegt und sanierungsbedürftig war. Außerdem gab es ein Altenheim in der Oesig. Gemeinsam mit dem Architekten haben wir überlegt, wie wir alles unter einen Hut bekommen."

Das Ergebnis: Das Mehrgenerationenhaus, in dem aktuell 50 Senioren wohnen und 40 Kinder in die Kita gehen. "Dabei wollten wir, dass beide miteinander leben, sich begegnen, aber auch jeder seinen eigenen Bereich hat", so Beck. Diese Vorbereitung hat einige Zeit in Anspruch genommen, der Plattenbau war eine Herausforderung bei der Umsetzung. Wieso ihr das Zusammenleben beider Generationen so wichtig ist? "Weil wir gemerkt haben, dass Kinder den Bezug zu der älteren Generation brauchen. Früher haben Oma, Opa und so weiter unter einem Dach gelebt. Dieser Trend war rückläufig – wir wollten gerne die Begegnung ermöglichen."

Gemeinsam voneinander lernen

Durch das Zusammensein im Mehrgenerationenhaus lernen alle viel voneinander, zum Beispiel Humor und ganz viel Rücksichtsnahme, sagt Kita-Leiterin Charleen Sieg-Dräger und beschreibt: "Sie lernen mit dem Leben und allem was dazugehört umzugehen. Und, dass alles ganz natürlich ist. Dass man keine Angst vor dem Anderssein haben haben muss und jeder so sein kann, wie er ist." Genau dieser Gedanke macht das Leben dort so wertvoll: Kinder mit Beeinträchtigungen sind dort vor Ort, genauso wie pflegebedürftige Senioren. Und alle bekommen dadurch mit, dass man anders sein darf.

Was die Kinder ebenfalls – gerade bei der Konstellation im Mehrgenerationenhaus – lernen müssen: Mit dem Thema Tod umzugehen. Darüber sprechen sie ganz normal und kindgerecht, sagt Kita-Leiterin Charleen Sieg Dräger. Denn die Kinder hätten einige Fragen, wenn sie beispielsweise einen Krankenwagen am Mehrgenerationenhaus sehen. Wie Doreen Irrgang, die Hausleitung des Bereich Pflege, beschreibt: "Man begegnet hier nicht nur den Alten und den Kindern. Sondern man hat hier den Anfang und das Ende – und das ist das Schöne." So soll das Thema Sterben nicht tabuisiert, sondern mit den Kindern besprochen werden.

Gemeinsam in die Zukunft

Auch zukünftig sollen die Kinder und Senioren im Mehrgenerationenhaus zusammen leben. Um den gemeinsamen Alltag weiter zu bereichern, hat der GVS Blankenburg als Träger des Hauses schon einige Pläne, wie Geschäftsführer Sebastian Selent erzählt: "Wir planen im kommenden Jahr im Außengelände einen Barfußpfad und ein barrierearmes Tretbecken. Das kann beides von den Senioren und Kindern genutzt werden."

Weitere Einblicke auf Instagram Auf dem Instagram-Kanal "Kleinstadt.helden" des MDR wird das Mehrgenerationenhaus die gesamte Woche mit insgesamt sechs Feedposts und dazugehörigen Instagram-Stories vorgestellt. Da bekommen sie dann noch weitere Einblicke zu sehen.

Quelle: MDR/jd

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