Ende einer Tradition Merino-Schafe in Langenstein: Verein kann bedrohte Schafe und Wiesen nicht länger retten

In Langenstein versucht der Merino-Verein, eine 160 Jahre alte Tradition zu bewahren. Seit Generationen hat eine seltene Schafrasse im Harz eine einmalige Kulturlandschaft entstehen lassen. Beides ist jetzt bedroht.

Merinofleischschafe im Stall
Schaf Max soll der neue Leithammel der Neuankömmlinge werden. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne

Max läuft gerne um den Schafstall der Schäferei Estancia in Bernburg herum und schaut, ob alles in Ordnung ist. Doch wenn Ulrike Wehrspohn ihn ruft, kommt er sofort angeflitzt und springt freudig um sein Frauchen herum. Max hält sich für einen Hütehund, dabei ist er eines von 600 Schafen in Ulrike Wehrspohns Herde. Und heute hat sie eine ganz besondere Aufgabe für ihn.

Der gerade einmal einjährige Max soll der Leithammel der 80 Neuankömmlinge werden, die vor kurzem zu der Stammherde von Ulrike Wehrspohn dazu gestoßen sind. "Die sind noch ganz nervös und Max vermittelt ihnen einfach die Ruhe, die sie jetzt brauchen", erzählt die Schafhalterin MDR SACHSEN-ANHALT. Es handelt sich dabei um sogenannte Merinofleischschafe, eine ganz besondere Rasse, die im heutigen Sachsen-Anhalt vor 160 Jahren gezüchtet wurde.

Vom Aussterben bedrohte Rasse

Seit damals wurden die Merinofleischschafe zwischen Drei Annen Hohne und Langenstein eingesetzt, um die vielen kleinen Wiesen des Harzes zu beweiden. Auf dem unwegsamen Gelände, das von Maschinen nicht bearbeitet werden kann, halten die Schafe seit Generationen Büsche und Bäume kurz. So ist im tiefen Wald des Harzes eine außergewöhnliche Kulturlandschaft entstanden, die jetzt bedroht ist.

Der Merino-Verein aus Langenstein bemüht sich seit 30 Jahren, diese lange Tradition zu bewahren. Er möchte die Merinofleischschaf-Rasse vor dem Aussterben schützen und die Kulturlandschaft erhalten. Doch Frauke Meenken, die Vorsitzende des Vereins, sieht keine Möglichkeit mehr, diese Ziele weiter zu verfolgen. "Es sind einfach zu viele kleine Flächen, die in einem zu großen Umkreis bewirtschaftet werden müssen. Das rechnet sich einfach nicht mehr", erzählt die Vieh-Wirtin.

Rasen-Mäher im Harz So können Merinofleischschafe in Sachsen-Anhalt erhalten werden

Die Merinofleischschafe beweiden seit 160 Jahren Lichtungen im Harz. Jetzt droht ihnen das Ende.

Merinofleischschafe auf der Weide
Merinofleischschafe haben im Harz eine lange Tradition. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Merinofleischschafe auf der Weide
Merinofleischschafe haben im Harz eine lange Tradition. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Eine Frau steht in einem Schafstall.
Ulrike Wehrpohn sammelt Merinoschafe. Aus Thüringen hat sie die dort typischen Merinolangwollschafe und Merinolandschafe mitgebracht. Mit den Merinofleischschafen hat sie alle Merino-Rassen zusammen. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Eine Frau steht mit einem Hund in einem Schafstall.
Ulrike Wehrspohn mit Hütehund Rocko im Schafstall vor den Langensteiner Schafen. 80 Damen aus Langenstein haben in Bernburg ein neues zu Hause gefunden Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Merinofleischschafe im Stall
80 Schafdamen aus Langenstein haben in Bernburg ein neues zu Hause gefunden. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Merinofleischschafe im Stall.
Max soll der neue Leithammel der Neuankömmlinge werden. Er lebt ihnen vor, dass sie vor Ulrike Wehrspohn keine Angst zu haben brauchen. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Karakul-Schafe
Ulrike Wehrspohn versucht bedrohte Rassen zu retten, so hat sie auch 20 der seltenen Karakul-Schafe, die in Halle gezüchtet wurden. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Eine Frau steht vor einer Weide.
Frauke Meenken ist die Vereinsvorsitzende des Merino-Vereins. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Merinofleischschafe auf der Weide
An einigen Stellen im Harz öffnet sich der Wald im Sommer plötzlich auf eine blühende Wiese. Doch schon bald werden sich der Wandernde nicht mehr an putzigen Rasenmähern erfreuen können. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
Merinofleischschafe auf der Weide.
Wenn der Merino-Verein keine Nachfolger für seine Flächen findet, wird diese besondere Kulturlandschaft mit ihrer einmaligen Biodiversität von dornigen Büschen überwuchert werden. Es wäre das Aus für eine 160 Jahre alte Tradition. Bildrechte: MDR/ Alexander Kühne
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Das Merinofleischschaf Anders als der Name vermuten lässt, haben Merinofleischschafe eine besonders feine Wolle, die mehr wert ist als herkömmliche Wolle. Natürlich kommt der Name nicht von ungefähr, denn obwohl sie kleiner sind als andere Merino-Rassen, ist ihre Fleisch- und Wollausbeute besser als bei den Großen. Durch ihre geringere Größe, benötigen sie auch weniger Futter. Diese Gründe machten das Merinofleischschaf zu einer der wichtigsten Schafrassen der DDR. Seitdem ist ihre Zahl jedoch abnehmend und beläuft sich auf noch etwa 4000 Stück. Von den verschiedenen Ursprungsorten des Merinofleischschafes im mitteldeutschen Raum ist Langenstein der Älteste.

Umliegende Schäfereien könnten die Rettung sein

Bisher wurden die 700 Schafe des Vereins auf die zu beweidenden Wiesen aufgeteilt. Dieses Vorgehen benötigte das Dreifache an Personal und Ausrüstung. Ein Aufwand, der mit Wolle schon seit Jahren nicht mehr zu refinanzieren ist. Deshalb sieht sich Frauke Meenken gezwungen, die Flächen an Schäfereien in der Umgebung abzugeben. Sollten sich jedoch keine Interessenten finden, droht die 160 Jahre alte Kulturlandschaft einfach zu verbuschen.

Auch seine Schafe muss der Merino-Verein nun aus Kostengründen loswerden. Zum Glück für den Verein hat Ulrike Wehrspohn aus Bernburg den Wert der Merinofleischschafe erkannt und sich die etwa 80 Vertreter dieser Rasse aus der Langensteiner Herde herausgepickt. "Wir hoffen einfach, diesen 160 Jahre alten Genpool retten zu können. Wir können mit den Schafen ganz anders wirtschaften", erklärt die Schäferei-Betreiberin. Im kommenden Jahr möchte Ulrike Wehrspohn damit beginnen, die Zahl ihrer neuen Schäfchen mindestens zu verdoppeln. Max wird ihnen bei der Eingewöhnung helfen.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. November 2020 | 19:00 Uhr

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