Filialschließung im Harz Letzter Öffnungstag der Sparkasse Neinstedt

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Am Freitag hatte die Sparkasse in Neinstedt bei Thale zum letzten Mal geöffnet. Anwohner und Bewohner der dort ansässigen Evangelischen Stiftung, einer Einrichtung für Behinderte, hatten im November gegen die Schließung protestiert – erfolglos. Künftig hält ein Bus der Sparkasse dreimal in der Woche in Neinstedt. Aber der ist nicht barrierefrei.

Der Container in Neinstedt, in der die Sparkasse bis zum 13.12.2019 eine Filiale hatte.
Die Filiale der Sparkasse in Neinstedt hatte am Freitag zum letzten Mal geöffnet. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Freitag, der 13. Dezember, bedeutete das Aus für die kleine Sparkassenfiliale in Neinstedt, einem Ortsteil von Thale im Landkreis Harz. Seit den 1990er Jahren war die Sparkasse in einem barrierefreien Container untergebracht, erinnert sich der stellvertretende Ortsbürgermeister und Ortschaftsrat Heiko Marks (Die Grünen). In der Bankfiliale, die zuletzt noch an drei Tagen in der Woche geöffnet hatte, steht im Vorraum ein Kontoauszugsdrucker. Außerdem gibt es einen Bankschalter, an dem mit der EC-Karte Geld abgehoben werden kann. An einem kleinen Tisch mit Stühlen können Überweisungsformulare ausgefüllt werden.

Sonst sieht die Filiale ziemlich leer geräumt aus: Pflanzen stehen am Freitag schon keine mehr in der Geschäftsstelle. Mehr Kundschaft als sonst habe es am Vormittag des letzten Öffnungstags auch nicht gegeben, sagt der Sparkassenmitarbeiter.

Fahrtweg zur Sparkasse: Barriere für Behinderte und Ältere

Neinstedts Ortschaftsrat Marks hat im Oktober durch einen Zeitungsbericht von der Schließung der Filiale erfahren. Von der Harzsparkasse habe es danach noch weitere Infos gegeben, erzählt er: Das Kundenverhalten erfordere es, dass die Geschäftsstelle Neinstedt nicht mehr weiter betrieben werde. Also: Nicht genug Menschen nutzen die Filiale.

Hof der Evangelischen Stiftung in Neinstedt
In der Evangelischen Stiftung Neinstedt leben etwa 400 Behinderte. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Der nächste Geldautomat der Sparkasse befindet sich in Thale, also nur wenige Kilometer von Neinstedt entfernt. Aber: In Neinstedt leben in der bereits 1850 gegründeten Evangelischen Stiftung etwa 400 Behinderte. Ein Sprecher der Evangelischen Stiftung Neinstedt, Andreas Damm, erklärt: "Wenn wir anfangen, mit kleinen Schritten die Menschen zu fördern, dass sie zur Sparkasse gehen und Geld abheben: Dann ist das ein Unterschied, ob ich erst noch die Barriere habe, in einen Zug einzusteigen, nach Quedlinburg oder nach Thale zu fahren und dort dann zu einer Filiale zu kommen."

Demo gegen Filialschließung

Neinstedts stellvertretender Ortsbürgermeister steht vor der Sparkassenfiliale.
Heiko Marks, Ortschaftsrat von Neinstedt Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Der Ortschaftsrat habe Unterschriften gegen die Schließung der barrierefreien Filiale vor Ort gesammelt und am 22. November zu einer Demonstration aufgerufen, sagt Marks. Etwa 80 Menschen haben an der Demo teilgenommen. Gerade für die älteren Leute und die Behinderten sei es schwierig, hatte ein Teilnehmer der Demo MDR SACHSEN-ANHALT gesagt. Die Fahrt dahin, etwa mit öffentlichen Verkehrsmitteln, koste für die älteren Anwohner zudem Geld.

Marks hat auch an den Kreistag und den Landrat des Harzes, Martin Skiebe, geschrieben. Darin betont er, dass die Sparkasse eine Anstalt des öffentlichen Rechts sei, deren Aufgabe es laut Sparkassengesetz ist, "die Versorgung mit geld- und kreditwirtschaftlichen Leistungen sicherzustellen". Das Aus der Filiale Neinstedt schließe zahlreiche ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Dorfbewohner von der Bargeldversorgung aus.

Der öffentliche Auftrag der Sparkassen

Sparkassen sind besondere Banken. Sie sind sogenannte öffentlich-rechtliche Kreditinstitute. Was sie von privatrechtlichen Banken unter anderem unterscheidet: Sparkassen haben einen öffentlichen Auftrag, der in §2 des Sparkassengesetzes des Landes Sachsen-Anhalt festgehalten ist. Zum Auftrag der Sparkassen gehört:

  • Wettbewerb im Kreditgewerbe stärken
  • Ihre Leistungen unter Berücksichtigung der Markterfordernisse für die Bevölkerung, Wirtschaft und öffentliche Hand erbringen
  • Sparen und Vermögensbildung fördern


Vom Überschuss, den Sparkassen erwirtschaften, soll ein Teil laut Sparkassengesetz in gemeinnützige Zwecke fließen.

Geldautomat in Neinstedt keine Option

Zwischen der Evangelischen Stiftung und der Harzsparkasse hatte es nach der Demo im November nochmals ein Gespräch gegeben. Die Stiftung habe sich für einen festen Geldautomaten eingesetzt und für dessen Aufstellung eigene Räumlichkeiten angeboten, sagt Sprecher Damm.

Aber die Sparkasse habe den Vorschlag abgelehnt. Denn: Damit sich ein Bankautomat lohne, müssten mindestens 100 Abhebungen pro Tag gemacht werden, so die Sparkasse laut Damm. Neinstedt hat unter 2.000 Einwohner.

Nicht barrierefreier Sparkassenbus fährt Neinstedt künftig an

Die Harzsparkasse will auch weiterhin in Neinstedt präsent sein: mit dem Sparkassenbus, einer mobilen Filiale. Die Harzsparkasse bedient mit zwei Sparkassenbussen bereits 40 Haltepunkte in ihrem Geschäftsgebiet. Der Bus soll ab dem 1. Januar 2020 dreimal pro Woche vor der ehemaligen Sparkasse in Neinstedt halten: am Montag von 9:45 bis 11:15 Uhr, Donnerstag 15:30 bis 17:00 Uhr und Freitag 11:00 bis 12:30 Uhr. In der Neinstedt-Filiale lagen am Freitag Zettel aus, die über die Zeiten informierten. Der Bus bietet Basisleistungen wie Geldein- und -auszahlungen, Überweisungen und den Ausdruck von Kontoauszügen an.

Andreas Damm, Sprecher der Evanglischen Stiftung Neinstedt
Andreas Damm, Sprecher der Evanglischen Stiftung Neinstedt Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Aber es gibt ein Problem mit dem Sparkassenbus: "Das Mobil ist nicht barrierefrei", sagt Damm. Um Menschen im Rollstuhl zu beraten, müsste der Sparkassenmitarbeiter also den Bus verlassen und sie draußen beraten, erklärt er. "Natürlich wird man individuell beraten", sagt Damm. "Aber das ist keine Inklusion, wenn es so stattfindet, dass man doch anders ist als die anderen: dass ich eben nicht in die Filiale fahren kann." Neinstedt arbeite daran, ein barrierefreies und inklusives Dorf zu werden. Der Sparkassenbus sei ein Schritt zurück. Ihm ist wichtig, dass der Kreistag weiter daran arbeite, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und auf den Landkreis Harz herunterzubrechen.

Die Harzsparkasse hat auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT eine Stellungnahme abgelehnt.

Filialschließungen: Online-Banking statt Bankbesuch

Die Schließung der Sparkasse in Neinstedt ist in Sachsen-Anhalt kein Einzelfall. Nach Daten des Ostdeutschen Sparkassenverbands ist die Anzahl der Geschäftsstellen, in denen Mitarbeiter die Kunden persönlich betreuen, von 437 im Jahr 2009 auf 304 Filialen im vergangenen Jahr gesunken. Die Anzahl der Selbstbedienungsstellen – Sparkassenstellen ohne Mitarbeiter – ist dagegen im gleichen Zeitraum von 113 (2009) auf 133 angewachsen.

Gründe für Filialschließungen sind laut einer Sprecherin des Ostdeutschen Sparkassenverbands, zu dem auch die Sparkassen in Sachsen-Anhalt gehören, individuell. Allerdings hänge es immer damit zusammen, dass die jeweilige Filiale nicht mehr genug besucht werde, sodass sich die Betreibung nicht mehr lohne. Kunden stiegen zunehmend auf Online-Banking um. Hinzu komme, dass die Sparkassen wegen der Negativzinsen unter erhöhtem Kostendruck stünden: "Aber solange eine Sparkasse gut besucht wird, wäre das allein kein Schließungsgrund", heißt es vom Ostdeutschen Sparkassenverband.

Im Harz schließen neben Neinstedt noch weitere Geschäftsstellen zum Jahresende, darunter Schierke und Ditfurt. Während Schierke einen Geldautomaten behält, wird Ditfurt ab 1. Januar 2020 zweimal pro Woche vom Sparkassenbus angefahren. Die Harzsparkasse wird im Januar noch 31 Filialen haben. 2015 waren es 60 – also etwa doppelt so viele.

#MDRklärt Warum immer mehr Sparkassen-Filialen schließen

Logo der Sparkasse
Bildrechte: IMAGO
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Heruntergekommenes Sparschwein mit Sparkassen-Logo
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Heruntergekommenes Sparschwein mit Sparkassen-Logo
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Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 12. Dezember 2019 | 09:30 Uhr

1 Kommentar

harzer vor 41 Wochen

Für die Behinderten,Rentner ein Schlag ins Gesicht! Die Angestellten der Sparkassen sind nicht kundenfreundlich ! Man kann auch Geld holen, beim Einkauf von 10 Euro; NP, Lidl, Edeka, fast alle Verkaufsketten bieten das den Kunden an!

Schöne Weihnachten allen Usern und den MDR !

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