Erinnerung an erschossene Jugendlichen Oberharzer wollen Gedenkstein für DDR-Grenzopfer aufstellen

Zwei 15-Jährige wollen in den Westen, werden dabei von Grenzern erwischt. Einer der Jugendlichen wird erschossen. Dieser Fall sorgte seinerzeit selbst bei den zuständigen Grenzorganen der DDR für Aufsehen. Geschehen ist das Ganze im Oberharz nahe dem Ort Sorge, genau vor 40 Jahren. Einige Harzer wollen mit einem Gedenkstein daran erinnern.

von Carsten Reuß, MDR SACHSEN-ANHALT

Darsteller Frank Goldhammer steht nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei den Dreharbeiten zur Dokumentation "Tödliche Grenze" mit Gewehr in der Hand
ZDF-Dokumentation "Tödliche Grenze – Der Schütze und sein Opfer": Frank Goldhammer war 2015 als Komparse dabei. (Archivbild) Bildrechte: picture alliance / dpa

Es sind nur 30 Meter neben dem ehemaligen Kolonnenweg, auf dem heute der beliebte Harzer Grenzweg verläuft. Frank Goldhammer aus Benneckenstein und der Journalist Söhnke Streckel stehen genau an der Stelle, an der es geschah. Wo heute Sträucher wuchern, und noch immer die einst klare Waldkante erkennbar ist, wollten am 8. Dezember 1979 zwei 15-Jährige die Grenze überwinden.

Uwe Fleischhauer und Heiko Runge gehen in die 10. Klasse. Die beiden Schulfreunde aus Halle-Neustadt machen sich am Morgen des 8. Dezember auf, um in den Westen zu fliehen. Sie fahren mit der Bahn nach Nordhausen, steigen dort um in die Harzquerbahn und verlassen diese dann in Benneckenstein. Von dort machen sich auf in Richtung Grenze.

Tödliche Grenze – Die DDR-Grenze bei Sorge im Harz

Blick auf original erhaltene Grenzanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Sorge
Am 8. Dezember 1979 wollen zwei 15-jährige Schüler die DDR-Grenze im Harz überwinden. Bildrechte: picture alliance / dpa
Blick auf original erhaltene Grenzanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Sorge
Am 8. Dezember 1979 wollen zwei 15-jährige Schüler die DDR-Grenze im Harz überwinden. Bildrechte: picture alliance / dpa
Ein Propagandaschild in der ehemaligen Kaserne der Grenztruppen in Sorge (Sachsen-Anhalt)
Niemand soll erfahren, dass Heiko Runge bei einem versuchten Grenzdurchbruch erschossen wurde. (Im Bild ein Propagandaschild in der ehemaligen Kaserne der Grenztruppen in Sorge.) Bildrechte: picture alliance / dpa
Darsteller Frank Goldhammer steht nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei den Dreharbeiten zur Dokumentation "Tödliche Grenze" mit Gewehr in der Hand
Frank Goldhammer war damals als Komparse dabei.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Dezember 2019 | 14:10 Uhr

Quelle: MDR/mp
Bildrechte: picture alliance / dpa
Blick auf original erhaltene Grenzanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze
Heiko Runge stirbt durch einen Schuss in den Rücken. Uwe Fleischhauer wird festgenommen und muss in Haft. Runge wird auf Anweisung des MfS anonym bestattet, der Totenschein gefälscht. Bildrechte: picture alliance/dpa
Zwei Männer stehen vor einem Wald
Frank Goldhammer (r.) aus Benneckenstein und der Journalist Söhnke Streckel aus Wernigerode wollen jetzt einen Gedenkstein für Heiko Runge aufstellen. Bildrechte: MDR/ Carsten Reuß
Die Kopie zeigt die Stelle, an der ein 15-Jähriger zu DDR-Zeiten erschossen wurde.
Gerade für die jüngere Generation sei es wichtig, dass sie erfahren, was an der Stelle passiert ist, sagt Frank Goldhammer. Bildrechte: MDR/ Carsten Reuß
Gedenkstein für DDR-Grenzopfer im Harz
Der Stein ist schon gefunden – jetzt muss er noch bearbeitet und mit einem Schriftzug versehen werden. Bildrechte: MDR/ Carsten Reuß
Blick auf original erhaltene Grenzanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Sorge
Spätestens im Frühjahr soll der Gedenkstein aufgestellt werden – im Oberharzer Wald zwischen Benneckenstein, Sorge und Hohegeiß, gleich neben dem einstigen Kolonnenweg, der heute ein viel gegangener Wanderweg ist. Bildrechte: picture alliance / dpa
Schild an einem Zaun einer original erhaltenen Grenzanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Sorge
Das ZDF hatte 2015 den Dokumentarfilm "Tödliche Grenze – Der Schütze und sein Opfer" gedreht. Bildrechte: picture alliance / dpa
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Signalzaun löst Alarm aus

Mit etwa zehn Grad ist es nicht kalt, aber ungemütlich. Es nieselt und es ist neblig. Gegen 15 Uhr kommen die beiden Jugendlichen an einen Zaun. Sie biegen die Drähte auseinander und steigen hindurch. Was sie nicht wissen: Es ist ein der Grenze vorgelagerte Signalzaun. Sie lösen Alarm aus.

Die Kopie zeigt die Stelle, an der ein 15-Jähriger zu DDR-Zeiten erschossen wurde.
Die Kopie zeigt den Verlauf des Signalszauns, der Heiko Runge zum Verhängnis wurde. Bildrechte: MDR/ Carsten Reuß

Sofort wir die Alarmgruppe der in Sorge stationierten Grenzkompanie in Marsch gesetzt. Entlang des Kolonnenweges werden alle 150 Metern zwei Soldaten abgesetzt. Auch an der sogenannten Buchenwaldschlucht haben zwei Soldaten Posten bezogen, hinter einem Erdwall, etwa 100 Meter vor dem mit Minen bestückten Grenzzaun. Gegen 16 Uhr werden die beiden Jugendlichen nahe der Buchenwaldschlucht entdeckt.

Tödlicher Schuss in den Rücken

Zwei Männer stehen vor einem Wald
Sönke Streckel (l.) und Frank Goldhammer wollen den Gedenkstein für Heiko Runge aufstellen. Bildrechte: MDR/ Carsten Reuß

Uwe Fleischhauer wird später aussagen, er habe ohne Warnung das Durchladen der Waffen gehört. Die Grenzsoldaten werden zu Protokoll geben, sie hätten vorher die beiden aufgefordert, stehen zu bleiben.

Fleischhauer jedenfalls wirft sich sofort auf den Boden. Sein Freund Heiko Runge aber rennt in den Wald zurück, weg von der Grenze. Die Grenzer schießen Dauerfeuer, geben 51 Schüsse ab. Einer trifft Heiko Runge tödlich in den Rücken.

Stasi versucht Vorfall zu vertuschen

Der Wernigeröder Journalist Söhnke Streckel hat viele Akten zu dem Fall gesichtet und Fakten zusammengetragen.

Gedenkstein für DDR-Grenzopfer im Harz
Dieser Stein soll künftig an der Stelle stehen, an der Runge erschossen wurde. Zuvor wird der Stein noch bearbeitet. Bildrechte: MDR/ Carsten Reuß

Das Ministerium für Staatssicherheit habe einen immensen Aufwand betrieben, um den Vorfall zu vertuschen, hat Streckel erfahren, denn nach den damals geltenden Dienstvorschiften hätten die Soldaten nicht auf die Minderjährigen schießen dürfen.

Das MfS lässt den Totenschein fälschen. Niemand soll erfahren, dass Heiko Runge bei einem versuchten Grenzdurchbruch erschossen wurde. Der Mutter wird erklärt, ihr Sohn sei bei einer Aktion in der Nähe eines russischen Militärobjektes in Halle ums Leben gekommen. Erst 20 Jahre später erfährt sie die Wahrheit.

Anonyme Bestattung

Die Urnenbestattung erfolgt auf Weisung des MfS anonym. "Es gibt praktisch keinen Trauerort", sagt Streckel. Der eigentliche Skandal für ihn aber ist, dass bis heute niemand den gefälschten Totenschein mit dem falschen Todesort korrigiert hat.

Auch deshalb wollen Streckel, Goldhammer sowie ein paar Freunde der beiden einen Gedenkstein an die Stelle setzen, an der Heiko Runge erschossen wurde. Das sei eine reine Privatinitiative, so Goldhammer, der zu einer Gruppe gehört, die Relikte aus der Zeit, wie Technik und Uniformen, sammelt, die aber auch die Geschichte der Grenze und die Vorkommnisse im Oberharz aufarbeitet. Einen passenden Stein haben sie kürzlich bekommen, aus einer privaten Sammlung. Jetzt suchen sie einen Steinmetz, der einen passenden Schriftzug aufbringt.

Ausstellung: An der Grenze erschossen

Nach Angaben des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR sind bis 1989 insgesamt 75 Frauen und Männer an Grenze des heutigen Sachsen-Anhalts vor allem durch Schüsse und Minen getötet worden.

Weitere 31 Menschen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts seien an der Berliner Mauer, an weiteren Abschnitten der DDR-Grenze oder am sogenannten "Eisernen Vorhang" in anderen europäischen Staaten getötet worden.

Mit der Ausstellung: "An der Grenze erschossen: Erinnerung an die Todesopfer des DDR-Grenzregimes in Sachsen-Anhalt" in Halle werde erstmals zusammenhängend über die bisher bekannten Todesopfer berichtet, so der Veranstalter.

Die Ausstellung ist vom 23. Juli 2019 bis 31. Dezember 2019 in der BStU-Außenstelle Halle
Blücherstraße 2, 06122 Halle (Saale) zu sehen. Geöffnet ist von Montag bis Freitag 8 Uhr bis 18 Uhr.

Gedenkstein kommt im Frühjahr

Gerade für die jüngere Generation sei es wichtig, dass sie erfahre, was an der Stelle passiert ist, sagt Frank Goldhammer. Söhnke Streckel möchte, dass es einen Ort zum Trauern und Erinnern gibt. Unterstützt wird die Gruppe auch von Uwe Fleischhauer, dem damaligen Schulfreund Heiko Runges, der sich auf den Waldboden warf und überlebte. Er wurde damals zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und erfuhr erst nach deren Verbüßung, dass sein Freund Heiko nicht mehr lebt.

Spätestens im Frühjahr soll der Gedenkstein aufgestellt werden – im Oberharzer Wald zwischen Benneckenstein, Sorge und Hohegeiß, gleich neben dem einstigen Kolonnenweg, der heute ein viel gegangener Wanderweg ist.

#MDRklärt So viele Menschen starben an der DDR-Grenze in Sachsen-Anhalt

An der innerdeutschen Grenze starben viele Menschen. Insgesamt sollen es über 200 gewesen sein. Ein Großteil starb im Grenzbereich des heutigen Sachsen-Anhalt.

Der Kommandoturm an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Marienborn
Bildrechte: imago images/Christian Schroedter
Der Kommandoturm an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Marienborn
Bildrechte: imago images/Christian Schroedter
75 Menschen starben an der Grenze im heutigen Sachsen-Anhalt.
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Die Hälfte der Toten war unter 25 Jahre alt. Nur jeder 5. war älter als 35 Jahre. Die meisten Toten waren männlich.
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Etwa die Hälfte der Opfer starb durch Schüsse. 14 traten auf Minen. 11 ertranken. 9 begingen Suizid nach ihrer Verhaftung.
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Blick über die Berliner Mauer nach Ostberlin zum Klub der Voklssolidarität an der Bernauer Strasse, 1980.
Bildrechte: imago/Peter Homann
Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Dezember 2019 | 14:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2019, 21:20 Uhr

6 Kommentare

Simone vor 10 Wochen

Zunächst einmal wird es für jeden Toten, egal ob Täter oder Opfer hoffentlich einen Menschen geben, der um ihn trauert. Ansonsten finde ich es ziemlich makaber und geschmacklos was sie hier von sich geben. Es hätte ja keiner fliehen müssen, dann wäre niemand erschossen worden - gehts noch? 15 Jahre an der Grenze verhindert zu haben, dass eigene Landsleute das Land verlassen spricht nicht wirklich für ihren Job. Was die toten DDR GRenzsoldaten angeht sollten sie sich mal besser informieren und nicht die alten Tagesbefehle zitieren. Die Allermeisten wurden von ihren eigenen Leuten bzw. den Russen erschossen. So ist das halt, wenn man man Leute mit Waffen durch erlogene Bedrohungsszenarien heiß macht, oder wenn diese wissen, dass ihnen der Kamerad bei einer Flucht in den Rücken schießen wird. Was die westliche Beeiligung angeht, so finden sich da sehr wenige Fälle und der Großteil davon war wohl Notwehr.

Mediator vor 10 Wochen

Was bei ihnen nicht klar herauskommt ist, ob man den durch DDR Grenzer ermordeten Landsleuten gedenken sollte, die lediglich ihr Land verlassen wollten. Macht es diese Tötungen besser, wenn allen DDR Bürgern bekannt war, dass ihr Staat sie eher umbringen als ziehen lassen würde? Ich finde nein!

Da sie Internet haben sollten sie inzwischen in der Lage sein sich zu informieren bevor sie hier so tun als wären reihenweise und systematisch DDR Grenzer durch den BGS oder die Westalliierten getötet oder gar ermordet worden. Inzwischen sollte man doch als angeblicher Insider erkannt haben, was DDR Propaganda und was die Realität war. Kleiner Merksatz: Wer auf einen Soldaten oder Polizisten feuert, der wird in der Regel ebenfalls unter Feuer genommen.

Ansonsten gilt, dass man öffentlich wohl kaum der Täter bzw. Angehörigen einer Täterorganisation gedenkt. Tolle Kameradschaft übrigens bei den Grenztruppen, wo man seinen Postenkameraden umlegen muss, wenn man seinem Land dem Rücken kehren will

Hans Frieder leistner vor 10 Wochen

Es ist traurig, daß ein Staat bzw. seine Herrscher junge Menschen wie Hasen abknallen ließ, nur weil sie ihren Lebensraum selbst bestimmen wollten. Und dann suchen noch die ehemaligen Wächter nach billigen Ausreden. Ich habe öfter das hochnäsige Auftreten der Grenzwächter an den Übergangsstellen erlebt. Es gab zwar auch einsichtige Posten, aber leider waren das die Wenigsten.

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