#miteinanderstark Dieser Prof organisiert ein Online-Studium an der Hochschule Harz

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

Eigentlich hätte der Lehrbetrieb an der Hochschule Harz schon Mitte März beginnen sollen, doch alle Vorlesungen und Seminare wurden abgesagt. Wo sonst rund 3.000 Studierende lernen, ist es ruhig. Doch bald soll der Lehrbetrieb wieder laufen – im Internet: Professor Thomas Leich erarbeitet ein Online-Studium für seine Studierenden.

Ein Mann mit Brille
Professor Thomas Leich lehrt und forscht an der Hochschule Harz. Der Wirtschaftsinformatiker geht davon aus, dass dieses Semester komplett digital laufen muss – und dreht und schneidet Video-Vorlesungen. Bildrechte: MDR/Thomas Leich

Die Bibliothek, die Mensa und Sporthalle, die Hörsäle und Seminarräume sind geschlossen und menschenleer. Dabei sollte an der Hochschule Harz eigentlich seit Wochen der Lehrbetrieb laufen, sollten Texte gelesen und diskutiert, Projekte vorbereitet und umgesetzt, sollten Abschlussarbeiten geschrieben werden. 

Doch um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, wurde der Start des Semesters für alle Hochschulen und Universitäten auf den 20. April verschoben. "Momentan wissen wir noch nicht einmal, ob wir mit Präsenzveranstaltungen starten können, oder ob wir mit Online-Veranstaltungen beginnen", sagt der Rektor der Hochschule Harz, Prof. Folker Roland, in einem Info-Video zur aktuellen Situation. Denkbar sei auch, ein reines Online-Angebot zu schaffen.

Online-Vorlesungen: Planen, filmen, schneiden

An genau einem solchen Online-Video-Angebot arbeitet Professor Thomas Leich. Der Wirtschaftsinformatiker hat bereits zwanzig Stunden Vorlesungsmaterial in seinem heimischen Arbeitszimmer aufgenommen und auf einer internen Plattform der Hochschule Harz hochgeladen. Nun können rund 500 Studierende des Fachbereiches darauf zugreifen. Videos zu Drehen und zu Schneiden hat sich Leich selbst beigebracht:

Das ist natürlich etwas, das ich nie gelernt habe. Damit musste ich mich jetzt erst mal beschäftigen. Respekt an alle YouTuber, die das regelmäßig machen. Die letzten Videos sind besser geworden.

Prof. Dr. Thomas Leich

Oftmals sind vermeintliche Kleinigkeiten die größten Hürden, erzählt Leich. Etwa: Wo lässt sich schnell ein gutes Mikrofon besorgen? Er habe Schwitzattacken beim Systemadministrator ausgelöst, als er ausgerechnet habe, wie viel Speicherplatz seine Videos benötigten, sagt er. Ein Video dauert 90 Minuten – so lang, wie eine normale Vorlesung dauert. Die Speicherprobleme seien inzwischen gelöst worden. Die verschiedenen Fachbereiche der Hochschule tauschten sich aus, damit alle Online-Angebote profitieren.

Ein Mann mit Brille
So sehen die Online-Vorlesungsfolien von Thomas Leich aus. Bildrechte: MDR/Thomas Leich

Leich sagt, die Online-Vorlesungen haben den klaren Nachteil, dass direktes Feedback fehlt: "Also wenn mal die Augen hochgehen, oder einer den Kopf schüttelt und man sieht, dass sie etwas nicht verstanden haben." Zum Ausgleich plant die Hochschule Harz Videokonferenzen, in denen die Studierenden ihre Fragen stellen können. Ein entsprechendes Tool wird laut Professor Leich bereits getestet. "Dann können wir auch diese Stirnrunzel-Phasen irgendwie beantworten."

Die Hochschule Harz: An der Hochschule Harz haben sich für dieses Sommersemester rund 3.000 Studierende eingeschrieben. Die meisten Studierenden zählt der Studiengang Tourismusmanagement – rund 450. Auf dem Campus in Halberstadt sind die Verwaltungswissenschaften angesiedelt, auf dem Campus in Wernigerode wird in Wirtschaftswissenschaften, Automatisierung und Informatik gelehrt und geforscht.

Zugriff für Studierende aus aller Welt

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Die Hochschule Harz hat bereits eine Plattform für Videokonferenzen getestet – damit die Studierenden live Fragen an Dozenten wie Thomas Leich stellen können. Bildrechte: MDR/Thomas Leich

"Ich hab auch Studierende, die wahrscheinlich gar nicht nach Deutschland einreisen dürfen", sagt Leich. An der Hochschule Harz lernen Studierende aus vielen Ländern – unter anderem aus Marokko, Brasilien, Indien und Kolumbien. Angesichts der unterschiedlichen Zeitzonen dürfte es eine Herausforderung werden, Videokonferenzen zu organisieren, an denen alle Studierenden teilnehmen können. Als Software-Ingenieur habe er den Vorteil, ohnehin an Konferenzen über mehrere Zeitzonen hinweg gewöhnt zu sein, sagt Thomas Leich.

Die Corona-Krise hat die Kraft, Forschung und Lehre an den Hochschulen und Universitäten in Deutschland nachhaltig zu beeinflussen. Corona sei ein sehr großer Treiber für die Digitalisierung, meint Leich: "Wir haben auch zuvor schon einige Videovorlesungen gehabt, aber das waren halt Ausnahmen. Jetzt sind sie ausnahmslos – das hat sich zu Einhundert Prozent gewandelt."

Online-Angebote bis 20. April freiwillig

Bis zum verspäteten Semesterstart am 20. April sind alle Online-Angebote für die Studierenden freiwillig, sagt Rektor Folker Roland. Die Online-Inhalte richteten sich bis zum Semesterstart vor allem an diejenigen, die genug freie Zeit zur Vorbereitung haben. Das trifft aber nicht auf alle zu:

Wir haben auch Studierende, die in der aktuellen Situation zum Beispiel in Krankenhäusern oder als Erntehelfer mitarbeiten – und da können wir jetzt nicht erwarten, dass die parallel komplett in das Semester einsteigen.

Folker Roland, Rektor Hochschule Harz

Das Ziel der Hochschule Harz sei es, so viele Veranstaltungen wie möglich auf dem üblichen qualitativen Niveau anbieten zu können, sagt der Rektor weiter – und ergänzt vorsichtig: "Inwieweit das gelingt, lässt sich im Moment noch gar nicht final abschätzen."

Der Wirtschaftsinformatiker Thomas Leich ist optimistischer: "Wer, wenn nicht wir an den Hochschulen, sollte denn schneller auf so etwas reagieren können? Es muss bei uns klappen. Wir verkaufen ja auch, dass wir die Moderne sind. Das kann man auch schaffen."

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MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

Über den Autor Roland Jäger arbeitet seit 2015 für den Mitteldeutschen Rundfunk – zunächst als Volontär und seit 2017 als Freier Mitarbeiter im Landesfunkhaus Magdeburg. Meist bearbeitet er politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen – häufig für die TV-Redaktionen MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE und Exakt - Die Story, auch für den Hörfunk und die Online-Redaktion. Auf Twitter ist er unter @roland__jaeger zu finden.

Vor seiner Zeit bei MDR SACHSEN-ANHALT hat Roland Jäger bei den Radiosendern Rockland und radioSAW erste journalistische Erfahrungen gesammelt und Europäische Geschichte und Germanistik mit Schwerpunkt Medienlinguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg studiert. In seiner Freizeit ist Roland Jäger gern mit dem Fahrrad im Harz unterwegs.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 31. März 2020 | 13:10 Uhr

2 Kommentare

Erichs Rache vor 8 Wochen

@Lyn

So großartig das auch ist und in der derzeitigen Lage auch geboten erscheint. Professor Leich weist aber auch auf Nachteile hin.

Ich hoffe für viele Studierende und Lehrkräfte, das dies nicht zum Dauerzustand wird. Nicht das irgendjemand irgendeines Tages noch auf die Idee kommt Schulen und Hochschulen aus Kosten- und Effiziensgründen ganz zu schließen.

Lyn vor 8 Wochen

Ich finde das großartig.
Online Seminare für Studenten weltweit sind möglich, und ich denke, dass das in Zukunft dauerhaft genutzt werden kann.

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