Jäger
Eine Jägerin ist angegeklagt, im Harz versehentlich einen Jagdkollegen erschossen zu haben. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Prozessbeginn Jäger erschossen – Jägerin bestreitet Schuld

Prozessbeginn am Amtsgericht Quedlinburg am Dienstag: Eine Jägerin soll bei einer Jagd versehentlich einen Mann erschossen haben. Sie hatte eigentlich einen Hirsch schießen wollen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau fahrlässige Tötung vor. Die Jägerin sagt, sie habe sich an die Sicherheitsvorschriften gehalten.

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Eine Jägerin ist angegeklagt, im Harz versehentlich einen Jagdkollegen erschossen zu haben. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Bei einer Drückjagd im Harz ist vor zwei Jahren ein 81-jähriger Jäger erschossen worden. Seit Dienstag muss sich eine Jägerin deswegen vor dem Amtsgericht Quedlinburg verantworten. Der 22-Jährigen wird vorgeworfen, im Forst Ballenstedt-Meisdorf auf einen Hirsch geschossen, stattdessen aber versehentlich den Mann aus Niedersachsen aus etwa 200 Metern Entfernung tödlich am Kopf getroffen zu haben.

Die 22-jährige Angeklagte sitzt im Amtsgericht Quedlinburg in einem Saal und wartet auf den Beginn des Prozesses.
Die 22-jährige Angeklagte erschien am Dienstag im Amtsgericht Quedlingburg. Bildrechte: dpa

Die Frau muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Es sei klar, dass die Jägerin ihren Kollegen nicht habe erschießen wollen, sagte Gerichtssprecher Christian Löffler MDR SACHSEN-ANHALT. Doch laut Staatsanwaltschaft hat sie gegen eine Unfallverhütungsvorschrift verstoßen: Es soll kein ausreichender sogenannter Kugelfang vorhanden gewesen sein. Kugelfang bedeutet, dass auch Kugeln, die ihr Ziel verfehlen, etwa vom Boden oder Erdwällen abgefangen werden. Es darf erst geschossen werden, wenn sich der Schütze vergewissert hat, dass niemand gefährdet wird.

Jägerin weist Schuld von sich

Am ersten Verhandlungstag am Dienstag bestritt die Angeklagte jede Schuld. Sie habe auf einen Hirsch geschossen, der zu einem Rudel gehört habe, das von links nach rechts an einem Hang entlanggezogen sei. Der Hirsch wurde nicht gefunden. Sie würde jeden Schuss so wiederholen, da sie sich bei jedem Schuss sicher gewesen sei, sagte die Jägerin. Die Unfallverhütungsvorschrift zum Kugelfang habe sie eingehalten. Erst nach der Jagd habe sie erfahren, dass es einen Toten gegeben habe. Das habe sie nicht mit ihren Schüssen in Verbindung gebracht. Die 22-Jährige hat bereits seit ihrem 16. Lebensjahr einen Jagdschein.

Auf diese Sicherheitsvorschriften müssen Jäger achten

In der Unfallverhütungsvorschrift Jagd (VSG) ist festgelegt, wie Jäger mit Waffen und Munition umgehen müssen. So steht etwa im Paragraph 3: "Ein Schuss darf erst abgegeben werden, wenn sich der Schütze vergewissert hat, dass niemand gefährdet wird."

Eine Grundregel bei Jagden: Jäger müssen dem Sprecher des Deutschen Jagdverbands zufolge alle Hintergrundgefahren ausschließen. Das heißt: Jäger dürfen nicht auf Siedlungen, Straßen oder Wege schießen. Außerdem müssten sie die Kugeln Richtung Boden lenken, sodass die Erde das Projektil verschlucken könne. Daher säßen Jäger oft auf Hochsitzen. Denn eine ungebremste Kugel könne bis zu drei Kilometer weit fliegen, erklärt der Sprecher.

Zeugen haben am Dienstag ausgesagt, dass der 81-Jährige Niedersachse entgegen der Regularien keine Signalfarbe getragen habe. Darauf habe ihn aber auch niemand hingewiesen. Der zuständige Richter am Amtsgericht Quedlinburg sprach von einem "tragischen Unfall".

Schwierige Ermittlungen

Die Ermittlungen im Fall waren schwierig. Etwa 100 Jäger waren laut Staatsanwaltschaft an der Jagd beteiligt. Das tödliche Projektil sei nicht gefunden worden, erklärte Gerichtssprecher Löffler. Es ist Munition eingesetzt worden, die sich bei einem Treffer in kleine Stücke teilt. Daher seien alle Waffen beschlagnahmt worden und es sei ermittelt worden, wer in welche Richtung geschossen habe.

Fünf Verhandlungstage bis zum 26. November sind am Amtsgericht Quedlinburg angesetzt. Auch eine Besichtigung des Tatorts sei geplant, damit sich das Gericht ein Bild von den Geschehnissen vor Ort machen könne. So solle zudem festgestellt werden, wer außer der Angeklagten noch geschossen haben könne, erklärt Löffler. Sollte die Angeklagte verurteilt werden, müsse geprüft werden, ob das nach Erwachsenem- oder Jugendstrafrecht geschehe. Nach Erwachsenenstrafrecht müsse die Frau mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe rechnen, so Löffler.

Im Schnitt zwei tödliche Jagdunfälle pro Jahr

Tödliche Jagdunfälle sind dem Deutschen Jagdverband zufolge selten. In den vergangenen zehn Jahren sind demnach im Durchschnitt jährlich zwei Menschen durch Jagdwaffen gestorben. 2018 habe es allerdings sechs Todesfälle gegeben, sagte der Sprecher des Deutschen Jagdverbandes.

2015 hat es in Sachsen-Anhalt zwei Jagdunfälle gegeben, die aber nicht tödlich endeten. So schoss ein Jäger im Saalekreis einem Kollegen bei eine Treib- und Drückjagd in den Oberschenkel. Im gleichen Jahr wurden zwei Traktorfahrer beim Abernten eines Maisfeldes bei Wittenberg von Kugeln in die Beine getroffen. Jäger hatten Wildschweine schießen wollen.

Quelle: MDR/mh, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 29. Oktober 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2019, 16:47 Uhr

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