ARD-Themenwoche #wieleben "Bleibt hier, aber geht weg." – Der Zwiespalt der Jugend in Quedlinburg

MDR-Volontärin Ann-Kathrin Canjé
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weltkulturerbe, gesunder Tourismus, wunderschöne Altstadt. Auf den ersten Blick liefert Quedlinburg genug Gründe, hier wohnen zu wollen. Doch laut Prognosen werden immer weniger Menschen unter 25 Jahren dort leben. Also wie geht es den Jugendlichen in Quedlinburg? Was bewegt sie und was wünschen sie sich? MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Jugendlichen vor Ort über ihre Perspektiven gesprochen. Teil 3 der Reihe zum demografischen Wandel.

Sieben der Jugendlichen, die sich auch im Jugendforum der Stadt Quedlinburg engagieren. Von l.n.r.: Adele Probst, Mia Weberling, Bengt Wurm, Jette Münch, Lea Kupfer, Lucas Habenreich, Julia Ibe
Jugendliche im Kulturzentraum Reichenstraße in Quedlinburg. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé | Grafik Martin Paul

Wo sich Fachwerkhäuser aneinanderschmiegen, auf einer Straße, die aussieht wie aus einem Märchenbuch, liegt das Jugendzentrum Reichenstraße – kurz "die Reiche". Als soziokulturelles Zentrum mit Kino und Veranstaltungssaal ist es ein Treffpunkt für viele Jugendliche der Stadt. Hier können sie sich aus dem touristisch geprägten Alltag zurückziehen.

Adele Probst, Bengt Wurm, Jette Münch, Julia Ibe, Lea Kupfer, Lucas Habenreich und Mia Weberling, alle zwischen 15 und 18 Jahre alt, gehören zu jenen, die sich regelmäßig in der Reiche treffen. Sie haben etwas zu erzählen über ihr Leben in Quedlinburg, über die Wünsche für die Stadt. MDR SACHSEN-ANHALT hat die Gruppe im Gespräch mit drei Fakten konfrontiert, die aus der Analyse von Sachsen-Anhalts Bevölkerungsprognose bis zum Jahr 2030 hervorgehen.

Fakt 1: Die Zahl der jungen Menschen wird weiter sinken

2019 lebten etwa 4.360 Menschen im Alter unter 25 Jahren in Quedlinburg. 1990 waren es noch über 10.800, 2030 sollen es nur noch rund 3.970 sein. Wie gehen die Jugendlichen einer recht bekannten und nicht allzu kleinen Stadt wie Quedlinburg also damit um, wenn von Jahr zu Jahr die Zahl der jungen Menschen immer weniger wird? In einem sind sich die sieben einig: Dann wollen auch sie weg. Und es stimme, dass der Wegzug anderer junger Menschen das erst begünstige. Denn sie brauchen einander. Das vermitteln die Jugendlichen in der Art, wie vertraut sie miteinander umgehen, aufeinander achten, miteinander diskutieren.

Jette, 18 Jahre jung, erinnert sich: "Ich hab eine Freundin, die mir erst letzte Woche gesagt hat, dass wenn ihre beste Freundin wegzieht, sie auch wegziehen würde. Sie wüsste dann nicht mehr, was sie hier noch soll." Jette selbst verlässt bald die Stadt, zieht zum Wintersemester nach Halle, um dort Medien- und Kommunikationswissenschaft zu studieren. Die nahe gelegenen Standorte der Hochschule Harz hatten für sie kein Angebot, das in ihre Richtung gegangen wäre.

"Der Fokus liegt auf dem Tourismus"

Auch der 15-jährige Bengt sieht den Wegzug junger Menschen kritisch, denn er wisse nicht, was er ohne andere Gleichaltrige hier noch machen solle. Ein Freizeitangebot außerhalb der Reiche sei für Jugendliche kaum vorhanden. Sie wünschen sich Discos, Orte, an denen sie sich treffen können, wo die Getränke für die Schülerinnen und Schüler erschwinglich sind, die Kulturangebote an ihre Bedürfnisse angepasst, wo sie sehen können: hier wird etwas für uns getan. Denn derzeit wirke es für viele von ihnen so, als läge der Fokus der Stadt auf dem Tourismus und auf dem "Welterbe-Image".

"Ich habe das Gefühl, dass viele Leute sich freuen, wenn die Jugendlichen wegziehen, weil es dann für die Touristen besser ist. Dann laufen hier keine Leute mehr lang, die laut Musik hören oder so. Dass es dann eine bessere Vorzeigestadt wird, denn es wird ja immer mehr auf den Tourismus geachtet. Ich glaube, die machen halt nichts für uns, weil es die nicht wirklich juckt, wenn wir weg sind. Nicht alle – ich will das nicht verallgemeinern und auch keinem unterstellen – aber für mich fühlt es sich so an", so die 18-Jährige Mia. Die Touristinnen und Touristen gehen nach ein paar Stunden, dem Wochenende, dem Kurzurlaub wieder. Was aber passt mit denjenigen, die bleiben? Sie wollen irgendwann auch weg.

Fakt 2: Nur Halle und Magdeburg werden wachsen

Quedlinburg, das ist laut Julia "Die Stadt der Alten". Wenn die jungen Menschen nicht mehr da sind, sei es still in den Straßen. Als Jugendliche in Quedlinburg zu leben, gleiche einer echten Herausforderung, denn es gäbe einfach nichts, um sich die Zeit zu vertreiben. Deswegen wollen alle dorthin, wo das Angebot attraktiver sei. In die Großstadt. Dorthin, wo die Vorteile überwiegen. Das belegen auch ganz deutlich die Zahlen und Prognosen für Städte wie Magdeburg und Halle. Sie sollen durchschnittlich wachsen und jünger werden.

Was ist also das Reizvolle an den großen Städten? Und wollen die jungen Quedlinburgerinnen wirklich alle weg? Die Rahmenbedingungen auf dem Land scheinen dafür zu sprechen. Ein oft beklagtes Thema: die ÖPNV-Anbindungen. Auch die Jugendlichen bemängeln die Anbindungen, so Bengt: "Wenn man jetzt nach Halberstadt will, wo das nächste größere Kino oder Schwimmbad ist, dann bezahlt man knapp sechs Euro für eine Fahrt und fährt eine halbe Stunde. Man hat hier kaum Möglichkeiten und Perspektive gibt es hier nicht gerade viel."

Alleine so etwas wie das Essensangebot könnte schon die Stimmung ändern. Jette hat bei ihren Besuchen in Halle gemerkt, wie anders dort das Angebot ist: "Dadurch, dass dort eine Hochschule ist, müssen auch die Betreiber viel mehr an Jugendlichen orientieren. Wenn man hier zum Beispiel mal etwas vegetarisches Essen will, ist das total schwierig. In Halle gibt es überall, selbst wenn es ein Steak House ist, eine vegetarische Karte dazu."

Und auch bei der Wahl der Partnerinnen oder Partner sei die Großstadt reizvoller, weil sich auf dem Dorf irgendwann alle kennen würden. Letztlich sei es eben auch das Freizeitangebot, die Abwechslung und auch, dass die Menschen progressiver seien. So etwas wie eine Hose mit Löchern zu tragen würde in der Großstadt gar nicht erst zum Thema werden.

Fakt 3: Die Rentner werden mehr, die Arbeiter werden weniger

Unter welchen Bedingungen würden die Jugendlichen denn in der Stadt bleiben? Etwa durch die Aussicht auf einen gesicherten Arbeitsplatz? Laut Prognose soll die Gruppe der erwerbsfähigen Bevölkerung in Quedlinburg verhältnismäßig am stärksten schrumpfen. Konkret bedeutet das also: Viele Arbeitsplätze könnten frei werden und es damit für die heutigen Jugendlichen schon in zehn Jahren leichter sein, einen Job zu finden.

Doch auch mit diese Gedankenspiel konfrontiert bleibt die Antwort: sie würden nicht bleiben. Bengt sieht das ganz radikal: "Okay, man kann hier arbeiten gehen, aber, was macht hier die Lebensqualität aus? Arbeiten zu gehen? Oder arbeiten zu gehen und auch sonst noch etwas unternehmen zu können? Man hat hier kaum etwas, was ansprechend ist. Wenn der Arbeitsplatz alles ist, dann weiß ich nicht, was mich hier noch hält."

Auf die Frage, ob sich durch die Möglichkeit auf Homeoffice daran etwas ändern würde, bricht die Gruppe in Gelächter aus. Das Homeoffice würde schließlich nichts daran ändern, dass in der Stadt nichts sei, vor allem eines nicht: gut funktionierendes Internet. "Wenn wir hier jetzt versuchen würden, so ein Zoom-Meeting zu machen, es würde bei der Hälfte abstürzen", witzelt Jette.

Und weiter draußen im Stadtteil Gernrode, sei es noch schlechter. Das hätten die Schülerinnen und Schüler auch in der Corona-Zeit gemerkt, als sie auf einmal Tests und Klausuren von zu Hause aus schreiben mussten. Der Server einer Lehrerin sei so schnell überlastet gewesen, dass die Klasse alle zu unterschiedlichen Zeiten die Tests bekommen habe.

"Wir wollen ja, dass möglichst viele hierbleiben"

Im Gespräch mit den Jugendlichen wird schnell klar: Perspektiven scheint es hier nicht viele zu geben und das gängige Klischee-Bild von der "abgehängten Jugend auf dem Land" ist schnell bestätigt, selbst in einer verhältnismäßig großen Stadt. Vielleicht, weil sie zu lange nicht ernst genommen wurden? Das möchten die sieben jungen Menschen hier auf jeden Fall ändern. Denn soviel sie auch über ihre Heimatstadt meckern, so sehr schwärmen sie auch von den Fachwerkhäusern, der Natur, dem "Wordgarten", der Region.

Ihr Lösungsansatz ist, die Zukunft und die Gegenwart schon jetzt mitzugestalten, für sich selbst und für die Generationen, die nachkommen. Auch die 15-Jährige Lea merkt an: "Wenn so viele weggehen, gibt es ja weniger, die sich engagieren können. Genau das ist ja das, was für uns so problematisch ist: dass es hier so wenig junge Leute gibt. Und wir wollen ja, das möglichst viele hier bleiben eigentlich."

Engagement im Jugendforum

Deswegen engagieren sie sich seit November letzten Jahres im Jugendforum, das auf Initiative der Stadt und ihm Rahmen der Projekte "Demokratie leben" und "Partnerschaft für Demokratie Quedlinburg", entstanden ist. Perspektivisch soll es den Stadtrat in Sachen Jugend beraten. Das Jugendforum sei ein Treffpunkt für politisch interessierte, die sich engagieren möchten. Etwa gegen Rassismus oder gemeinsam mit dem "Bündnis bunter Harz".

Das Jugendforum

Das Jugendforum ist auf Initiative der Stadt Quedlinburg im Rahmen der Projekte "Demokratie leben" und "Partnerschaft für Demokratie Quedlinburg" im November 2019 entstanden. Perspektivisch soll es den Stadtrat in Sachen Jugend beraten. Das Jugendforum trifft sich (je nach aktueller Corona-Lage) einmal wöchentlich und ist Treffpunkt für politisch Interessierte, die sich engagieren möchten. Das Jugendforum leitet die Dozentin der Kinder- und Jugendarbeit, Jennifer Fulton.

Den Jugendlichen ist auch für die Zukunft wichtig, in Dialog mit ihrer Stadt zu treten. Sie möchten einen Begegnungsraum mit älteren Menschen schaffen, da sie den Generationenkonflikt in Quedlinburg deutlich spüren. Was ihnen auch ganz wichtig ist: die eigenen Wünsche und Forderungen kommunizieren. Sie hoffen, so auch andere junge Menschen für Politik zu begeistern. Denn auch bei der Jugend sei die Stadt sehr gespalten.

"Mülleimerinfrastruktur"

Das habe Adele, die gerade die Schule gewechselt hat, im Unterricht gemerkt. Dort sollte sie ein Wappen basteln und sich anhand dessen vorstellen. Nur eine Sache sollte nicht stimmen. Sie erzählt: "Ich habe hingeschrieben, dass ich mich für Politik interessiere. Und alle haben gefragt, ob Politik der Fehler ist. Das hat mich echt ein bisschen traurig gemacht, weil ich finde, dass vor allem Jugendliche sich für Politik interessieren sollten. Klar, 'Politik' das klingt so trocken, aber ich habe das Gefühl, das ist nur so, weil so viele ältere Menschen das gerade machen. Wenn wir hier im Jugendforum zusammen sind, dann macht das Spaß, weil so viele junge Leute so viele coole Ideen haben."

Mehr Beleuchtung in den Straßen Quedlinburgs oder eine "Mülleimerinfrastruktur" in ihrer Stadt aufbauen. Was erstmal kurios klingt, ist sicherlich auch ein Anliegen, das ältere Menschen bewegt. Denn in der Stadt gebe es laut den Jugendlichen viel zu wenig Mülleimer, der Müll lande auf der Straße – das soll sich ändern.

Zurückkehren – das ist definitiv eine Option

So viel Engagement für die eigene Stadt zeigt auch, dass sie auf die Zukunft setzten, irgendwann sogar zurückkommen wollen. Die Erfahrung des Rückkehrens erleben sie auch in ihrem nächsten Umfeld. Adele beispielsweise hat drei ältere Geschwister. Sie alle sind nach ihrem Studium aus den großen Städten zurückgekehrt. Und auch Bengt, Jette, Julia, Lea, Lucas und Mia können sich gut vorstellen nach einer Zeit des Auslebens und "Raus sein" zurückzukommen, weil das Aufwachsen in der Stadt als Kind eben doch viel Gutes gehabt habe und die Familie nunmal in Quedlinburg lebe.

Es bleibt also ein Zwiespalt, der sich in der Verbundenheit zur Stadt einerseits und der Ablehnung durch fehlende Möglichkeiten andererseits, zeigt. So lautet Bengts Antwort am Ende auf die Frage, was er Leuten sagen würde, die weggehen wollen: "Bleibt hier, aber geht weg."

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. November 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Frank von Broeckel vor 1 Wochen

Quedlinburg! Tourismus!

Liebe Quedlinburger,
mit den Schönheiten und Annehmlichkeiten mit dem man seit altersher Touristen nach Quedlinburg lockt, kann man auch durchaus NEUE Einwohner anlocken!

Ja, das kann man wirklich!

MUSS man nur machen!

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