Rübeland Hoffen auf Harzer Grottenolm-Babys – nach 85 Jahren

Erneute Chance auf Olmen-Nachwuchs im Harz: Ein Forscherteam hat bei den Grottenolmen in der Rübeländer Hermannshöhle befruchtete Eier entdeckt. Es wäre der erste Nachwuchs für die bereits in die Jahre gekommenen Tiere.

Ein Grottenolm in der Tropfsteinhöhle
Nach Jahrzehnten könnte es bei den Grottenolmen in der Rübeländer Hermannshöhle Nachwuchs geben. Bildrechte: Rübeländer Tropfsteinhöhlen/U. Fricke

Im Harz keimt wieder Hoffnung auf den ersten Grottenolm-Nachwuchs der Region. Wie die Rübeländer Tropfsteinhöhlen mitteilten, wurden im Eileiter eines Grottenolm-Weibchens in der Hermannshöhle mehrere befruchtete Eier entdeckt. Ein Forscherteam des Leibnitz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung Berlin stellten die per Ultraschall fest.

Dass wir bei dieser ersten Untersuchung direkt auf Grottenolm-Eier stoßen, die reif zur Ablage sind, damit hat keiner gerechnet.

Dr. Anne Ipsen, Gesellschaft für Freilandökologie und Natutschutzplanung mbH Kiel
Grottenolme werden untersucht von zwei Personen
Mit einem mobilen Ultraschallgerät haben die Wissenschaftler drei Grottenolm-Weibchen untersucht. Bildrechte: Rübeländer Tropfsteinhöhlen/A. Ipsen

Insgesamt drei Weibchen wurden untersucht. Bei allen seien Hinweise auf eine grundsätzliche Fortpflanzungsfähigkeit festgestellt worden. Wobei ein Tier bereits vier befruchtete Eier in sich trage. In einem Ei hat wahrscheinlich auch schon die Zellteilung begonnen – woraus sich schließlich die Olmenlarve entwickeln könnte. In der Hermannshöhle leben derzeit sieben Olme im Olmensee, davon vier Weibchen. Alle Tiere haben laut Betrieb ein Alter von mindestens 85 Jahren. Sie werden wahrscheinlich um die 100 Jahre alt.

Olme werden vorsichtig bewacht

Die Grottenolme von Rübeland sollen nun erst einmal in Ruhe gelassen werden, so Grottenolm-Expertin Dr. Anne Ipsen, die die Forscher begleitet. Dennoch werde nachgesehen, ob die Weibchen ihre Eier tatsächlich ablegen und wie sie sich weiterentwickeln. Danach, so die Expertin, sollen die Eier von den Tieren separiert werden, damit sie sie nicht fressen. Ziel des Projektes ist es, später ein Nachzucht-Konzept für die Grottenolme in Rübeland zu entwickeln. Bereits in den vergangenen Jahren wurde der künstliche Olmensee in der Hermannshöhle umgebaut, um mehr Rückzugsmöglichkeiten für die paarungsbereiten Tiere zu schaffen.

Ein Grottenolm in der Tropfsteinhöhle
Kaum entdeckt – schon wieder weg. Grottenolme sind scheue Wesen. Bildrechte: Rübeländer Tropfsteinhöhlen/U. Fricke

Grottenolme: Nie erwachsen werdendes Evolutionswunder Die 20 bis 30 Zentimeter langen Tiere sind in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: Es handelt sich um Amphibien, die aber nie das Larvenstadium überwinden, also keine Metamorphose machen. Auch verlassen sie niemals das Wasser, im Gegensatz zu den meisten Amphibien. Grottenolme besitzen, wie Fische, ein Seitenlinienorgan, mit dem sie sich im Wasser orientieren. Die Tiere atmen über Lungen, haben aber zeitlebens auch Kiemen am Hinterkopf. Wissenschaftlich sind die Grottenolme bislang wenig erforscht.

Grottenolme – die zu den Schwanzlurchen gehören – haben einen schmalen, stromlinienförmigen Körper mit vier kaum entwickelten Füßen. Vor Jahrhunderten glaubte man daher, es handele sich um Drachenkinder. Sie wohnen in unterirdischen Gewässern, die sauber und sauerstoffreich sind und vor allem im Dunklen liegen. Innerhalb von Höhlen haben die Olme keine Fressfeinde. Sie finden sich mit Geruchs- und Gehörsinn zurecht. Ihre Augen sind nicht entwickelt. Außerdem können die Tiere Jahre ohne Nahrung überleben. Natürliche Vorkommen des Grottenolmes gibt es ausschließlich im dinarischen Karst östlich der Adria, etwa in Kroatien und Slowenien.

Verwirrung um Geschlecht und Nachwuchspech

Die Geschichte der Harzer Grottenolme beginnt 1932. Da wurden die ersten fünf Tiere von der Halbinsel Istrien in die Rübeländer Hermannshöhle gebracht. Für sie wurde ein etwa 80 Quadratmeter großer künstlicher Olmensee angelegt. Ein Ehepaar aus dem Ort brachte in den Fünfzigerjahren schließlich von einer Studienreise weitere Tiere mit – elf wurden in den See verbracht.

Bereits zu DDR-Zeiten wurde ein Zuchtprojekt für die Tiere gestartet, extra Becken wurden eingerichtet. Ein Zoologe aus Halle identifizierte jedoch später alle Tiere als Männchen. Das erklärte zunächst den ausbleibenden Zuchterfolg – sollte sich aber Jahrzehnte später als Irrtum herausstellen: 2015 wurden bei Untersuchungen schließlich auch Weibchen entdeckt. In den Jahren 2016 und 2017 fand man im Olmensee Eier. Sie starben jedoch ab, die Nachwuchshoffnung war zunächst dahin.

Die Grottenolme in Rübeland sind in Deutschland einzigartig und die am weitesten nödlich lebenden ihrer Art überhaupt.

Ein Ei eines Grottenolm in der Tropfsteinhöhle
2016 wurden erstmals in der Hermannshöhle Grottenolm-Eier abgelegt. Bildrechte: Rübeländer Tropfsteinhöhlen/U. Fricke

Die Wissenschaftler und Tierärzte, die wir in den letzten Jahren hier begrüßt haben, sagen: Die Tiere müssen mindestens 85 Jahre alt sein. Es ist bemerkenswert, sich in dem hohen Alter noch einmal fortpflanzen zu wollen. Aber für uns ist es eine tolle Sache. Wir haben den See umgestaltet, Areale geschaffen – eine Liebesgrotte im Dunklen.

Markus Mende | Tourismusbetrieb der Stadt Oberharz am Brocken

Besuch der Hermannshöhle möglich – unter Auflagen

Rübeland: Hermannshöhle Eingang und Ausgang
Die Hermannshöhle (links: Ausgang, rechts: Eingang) war 1866 bei Straßenbauarbeiten entdeckt worden. Bildrechte: MDR/André Plaul

Nach einer coronabedingten Pause kann die Hermannshöhle in Rübeland seit dem 16. Mai wieder besucht werden. Dabei ist ein Mund-Nase-Schutz Pflicht. Allerdings werden keine Führungen angeboten, da bei Gruppentouren die geforderten Abstandsregeln nicht eingehalten werden können.

Stattdessen können Besucher individuell durch die Höhle gehen, dabei sind auch kleine Gruppen bis maximal fünf Personen erlaubt. Dazu gibt es an der Tageskasse sowie Online Tickets für ein jeweiliges Zeitfenster zu kaufen. Vor und in der Höhle gibt es demnach Mitarbeiter, die Abstände und Sauberkeit kontrollieren. Außerdem ist das Fotografierverbot in der Höhle teilweise aufgehoben: An zwei markanten Stellen dürfen Besucher nun Fotos für private Zwecke machen.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. Juni 2020 | 05:40 Uhr

1 Kommentar

Heike1986 vor 5 Wochen

Wie schön! Dann toi, toi, toi auf hoffentlich gesunden Grottenolm-Nachwuchs!

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