ErhöhterBlick auf ein Dorf, viele Dächer sind zu sehen.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Sommerreise durch Sachsen-Anhalt "Es geht nur zusammen": Heimburg und seine starke Dorfgemeinschaft

MDR SACHSEN-ANHALT ist auf Sommerreise. Noch bis Freitag sind die Reporter Florian Leue und Luca Deutschländer in Sachsen-Anhalt unterwegs, um Orte zu besuchen, in denen es im besten Sinne gut läuft. Sie treffen Menschen mit spannenden Geschichten; Vereine, ohne die das Dorfleben kaum möglich wäre; Leute, die etwas zu erzählen haben. Tag 1 der Reise hat die Reporter nach Heimburg geführt.

von Luca Deutschländer und Florian Leue, MDR SACHSEN-ANHALT

ErhöhterBlick auf ein Dorf, viele Dächer sind zu sehen.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es geht nur zusammen. Das haben sie in Heimburg längst erkannt – und setzen es jeden Tag aufs Neue wieder in die Tat um. Wer nach Heimburg fährt und mit den Menschen hier spricht, der hört immer wieder vom guten Zusammenhalt hier. Dass die Menschen gemeinsam anpacken, wenn jemand Hilfe benötigt. Dass sie Dinge gemeinsam umsetzen, damit am Ende alle etwas davon haben.

Doch der Reihe nach.

Heimburg liegt bei Blankenburg, 2010 wurde das Dorf eingemeindet. Rund 850 Menschen leben hier – und wer zu Fuß durchs Dorf läuft, der sieht nicht nur allerlei enge Gassen, sondern an mancher Stelle auch zufrieden dösende Schweine, die sich mit gackernden Hühnern und schnarrenden Gänsen eine Wiese teilen. Idyllisches Dorfleben, quasi wie im Bilderbuch. Radfahrer und Wanderer genießen die Natur – und jetzt, Mitte Juli zur Ferienzeit, ist es gar nicht so leicht, in einer der drei Pensionen und Gasthöfe im Ort ein Zimmer zu bekommen.

Eindrücke aus Heimburg

Das Ortsschild von Heimburg
850 Menschen leben in Heimburg im Harz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Das Ortsschild von Heimburg
850 Menschen leben in Heimburg im Harz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Die Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse und ihr Stellvertreter Kay Sebastian
Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse und ihr Stellvertreter Kay Sebastian: Sie wollen Heimburg entwickeln und gemeinsam mit den Menschen vor Ort etwas voranbringen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Die Kita von Heimburg ist noch eine Großbaustelle
Eigentlich sollen hier die Kinder aus Heimburg spielen. Die Kita aber ist seit 2018 Großbaustelle. Und so schnell wird sich das wohl auch nicht ändern. Dass es beim Umbau der Kita so schleppend vorangeht, ärgert viele Menschen in Heimburg. Die Verzögerung ist eines der Gesprächsthemen im Dorf. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Durch Heimburg schlängeln sich neben der Hauptstraße auch viele kleine Gassen.
Idyllisch gelegen: Durch Heimburg schlängeln sich neben der Hauptstraße (im Bild) auch viele kleine Gassen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
zwei Schweine stehen am Zaun und teilen sich ein Grundstück mit Hühnern
Und wer durch eine dieser schmalen Gassen läuft, der entdeckt ganz unverhofft zwei Schweine, die sich eine Wiese mit Hühnern, Gänsen und Wachteln teilen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Die Dorfkirche in Heimburg
Die Dorfkirche in Heimburg. Nach Jahren, in denen die Pfarrstelle unbesetzt war, arbeitet hier nun auch wieder eine Pfarrerin – zur Freude von Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein Straße in Heimburg führt bergauf.
Von vielen Stellen im Dorf hat man einen guten Blick auf Heimburg. Davon zeugen auch die Straßen, in denen es immer wieder auf und ab geht. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
An einem Haus gibt es jede Menge Tafeln vom Heimburger Schützenverein.
Und: In Heimburg gibt es einen Schützenverein – was an dem einen Haus ganz gut zu sehen ist. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Strohballen liegen abholbereit auf einem Feld bei Heimburg.
Auch das ist Heimburg – idyllisch gelegen, kommen Naturfreunde hier ganz auf ihre Kosten. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Der Heimburger Wehrleiter Sven Hädicke
Das zieht beim Feuerwehrnachwuchs: Wehrleiter Sven Hädicke hat vor einigen Jahren dieses kleine Feuerwehrfahrzeug für die Kinderfeuerwehr gebaut – aus einem alten Kleiderschrank und einem Bollerwagen. Das gefällt auch Detlef Wachenfeld (hinten im Bild) gut.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22.07.2019 | 19 Uhr

Quelle: MDR/jr
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Am Vormittag, die Kirchturmuhr hat gerade 10 Uhr geschlagen, sitzen Ilona Kresse und Kay Sebastian auf der Bank vor dem Ortsbüro – ein flaches Gebäude, Farbe: Babyblau. Ilona Kresse ist die Ortsbürgermeisterin von Heimburg, Kay Sebastian ihr Stellvertreter. Beide gehören zur "Initiative für Heimburg". Er ist im Moment auf Krücken unterwegs, sie war kürzlich erst im Krankenhaus. "Wir sind die Invaliden von Heimburg", scherzen die Kommunalpolitiker, ehe sie mit einem gewissen Stolz über ihr Dorf sprechen.

Eine blonde Frau im orange-farbenen Oberteil mit Brille.
Ilona Kresse ist Ortsbürgermeisterin. Nach Heimburg zog sie 1996. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Leerstand? Gibt es hier so gut wie gar nicht, sagt Ilona Kresse. "Die Menschen leben gern hier." Und am Nachwuchs mangele es auch nicht. "Gerade erst wurden Zwillinge geboren", erzählt die Ortsbürgermeisterin, die früher als Rechtsanwältin gearbeitet hat. Eigentlich, so Kresse, würden noch mehr Menschen ganz gern hier leben. Allein: Das Bauland fehlt. Heimburg liegt umgeben von Naturschutzgebieten, Platz für neue Häuser gibt es kaum noch.

"Wenn man hier lebt, macht man auch was für den Ort"

Die Dorfgemeinschaft stärken, Dinge gemeinsam umsetzen – das ist inzwischen fest in der Heimburger DNA verankert. Man sieht das auch an Kay Sebastians Gaststätte "Linde". Mehr als 20 Jahre lang stand die leer und gammelte vor sich hin, bis Sebastian irgendwann einen Entschluss traf – und das Gebäude ersteigerte. Ursprünglich sollten hier mal Wohnungen entstehen, dann kam die Finanzkrise. Erst einmal geschah nichts – bis das Jahr 2010 kam. Da öffnete Kay Sebastian die Gaststätte wieder, zumindest ab und an mal am Abend. Der 41-Jährige macht das ja nur nebenbei, eigentlich arbeitet er als Serviceberater in einem Autohaus.

Was trotz geöffneter Gaststätte fehlte, war ein Ort, an dem alle zusammenkommen können – für Familienfeste oder Vereinsfeiern. Und weil die alteingesessenen Heimburger den großen Saal in der "Linde" noch von früher kannten, fragten sie Sebastian, ob der Saal nicht auch wieder hergerichtet werden könne. Ein Jahr später war es soweit. "Wenn man hier lebt, macht man auch was für den Ort", sagt Kay Sebastian. Seitdem hält der Heimburger Karnevalsclub hier seine närrischen Sitzungen ab, die Schützen treffen sich zum Frühschoppen, die Vorsitzenden der Heimburger Vereine zum gemeinsamen Stammtisch. Die "Linde" ist wieder ein Mittelpunkt des Dorfs geworden – auch, wenn der reine Gaststättenbetrieb inzwischen auf Eis liegt. Lohnt sich nicht, sagt Sebastian.

Und trotzdem: Wenn etwas geht, dann nur zusammen.

Vereine arbeiten Hand in Hand

Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse erzählt, dass Heimburg jedes Jahr von der Stadt Blankenburg Geld für die Vereine im Dorf bekommt. Keine großen Summen, aber doch durchaus hilfreich. Normalerweise wird das Geld unter den Vereinen aufgeteilt. Dieses Jahr aber haben die Heimburger Vereine beschlossen, dass nur der Heimatverein profitieren soll – weil der sich um die Überreste der Altenburg oberhalb des Dorfs kümmert. Die Altenburg gehört zu Heimburg, viele hier verbinden etwas mit der Burg. Und weil auch sie sehen, dass mehr und mehr Holz am Pavillon verrottet, muss gehandelt werden.

Ein Spielplatz mit Schaukel und Rutsche, davor eine Holzbank.
Der Spielplatz in Heimburg entstand durch die Initiative mehrerer Eltern. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es geht eben nur zusammen. Das dachten sich auch die Eltern, die sich vor einigen Jahren zusammengetan haben und dafür gesorgt haben, dass Heimburg wieder einen Spielplatz bekommt. Der wurde erst vor kurzem neugestaltet, seitdem gibt es in Heimburg auch eine BMX-Strecke – in direkter Nachbarschaft zum Walderlebnispfad. Vor allem an den Wochenenden wird der Spielplatz gut genutzt, sagt die Ortsbürgermeisterin.

Die Feuerwehr leistet Jugendarbeit

Der Spaziergang durch Heimburg führt zwangsläufig am Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr vorbei. Das liegt an der Hauptstraße – und von dort mussten die Brandschützer heute erst wieder ausrücken. Zum Glück ein Fehlalarm, sagt Markus Sonnberger. Er ist Chef des Fördervereins der Heimburger Feuerwehr, gegründet voriges Jahr. Die Einsatzabteilung, der sie alle angehören, zu unterstützen – das war ihr Ziel damals. Man kennt das ja: Das Geld aus öffentlicher Hand ist knapp, ein Verein kann da bei der einen oder anderen Anschaffung durchaus hilfreich sein.

Es ist jetzt Nachmittag geworden und im Schulungsraum des Gerätehauses laden Markus Sonnberger, Jana Hädicke und Detlef Wachenfeld zum Gespräch. Alle drei sind aktive Mitglieder der Einsatzabteilung, alle drei engagieren sich im Förderverein. Was ihnen besonders am Herzen liegt: der Feuerwehr-Nachwuchs. Und von dem gibt es in Heimburg zum Glück reichlich. Zehn Kinder besuchen die Kinderfeuerwehr, ebenso viele Jugendliche die Jugendfeuerwehr. Für einen kleinen Ort wie Heimburg ist das eine ziemlich gute Bilanz.

Warum ist die Feuerwehr denn so attraktiv? "Die Kinder und Jugendlichen bekommen etwas geboten", sagt Detlef Wachenfeld. Das fange an beim gemeinsamen Kinobesuch und gehe weiter bis zum kostenlosen Eintritt ins Schwimmbad. Und dann sind da natürlich die gemeinsamen Zeltlager. Die Kommune weiß, was sie an der Feuerwehr hat – und warum es sich lohnt, in den Nachwuchs zu investieren.

3 Personen in Feuerwehranzügen sitzen in einem Wagen
Starkes Team: Jana Hädicke, Markus Sonnberger (oben vorn) und Detlef Wachenfeld engagieren sich bei der Feuerwehr in Heimburg. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Und auch der Förderverein mit seinen 37 Mitgliedern weiß das. Nicht ohne Grund haben sie sich auch dem Nachwuchs verschrieben. Markus Sonnberger schwärmt von der ehrenamtlichen Arbeit des örtlichen Jugendwarts und der Beauftragten für die Kinderfeuerwehr.

Einkaufsmöglichkeiten gibt es hier nicht

Nun gibt es bei all den schönen Dingen natürlich auch in Heimburg Probleme. Seit Anfang vergangenen Jahres wird der Kindergarten umgebaut, die Jungs und Mädchen sind provisorisch im Dorfgemeinschaftshaus untergebracht. Eigentlich hatte der Umbau mal Mitte dieses Jahres fertig sein sollen. Wer aber vor der Kita steht, ahnt: Daraus wird nichts. Die Baugerüste stehen noch, das Dach ist an mancher Stelle aufgerissen. Großbaustelle. Nur: Gearbeitet wird an diesem Tag nicht. Die Baustelle ist menschenleer. Das wundert viele Menschen in Heimburg. Der Umbau der Kita und wie lange das alles dauert – das ist eines der Gesprächsthemen im Dorf. Ein anderes Thema: Einkaufsmöglichkeiten gibt es hier nicht. Die Kaufhalle hat vor einigen Jahren geschlossen, der Bäcker wird es ihr Ende dieses Jahres gleichtun. Schon jetzt ist nur noch an zwei Tagen in der Woche geöffnet. Das ist, wie in vielen Ortschaften, natürlich vor allem für ältere Menschen ein Problem.

Doch Ortsbürgermeisterin Ilona Kresse mahnt zum Realismus. Eine Kaufhalle in einem 850-Einwohner-Dorf, das sei marktwirtschaftlich schwierig, gibt sie zu bedenken – zumal die Supermärkte in Blankenburg nur wenige Kilometer entfernt sind. Was sie gut findet, ist der Service eines Einkaufscenters in Blankenburg. Das bietet Fahrten aus Heimburg zum Einkauf und zurück an. Für die älteren Menschen ein echter Gewinn.  

Wenn Ilona Kresse über ihre Wahlheimat Heimburg spricht, dann fällt immer wieder das Wort "lebenswert". Sie liebt es, hier an so vielen Stellen den Ausblick und die Natur zu genießen. Dass sie und ihr Mann 1996 hierhergezogen sind, das hat Ilona Kresse nach eigenen Worten nie bereut. Dass Heimburg in diesem Jahr offiziell den Titel Erholungsort bekommen hat, hat die Ortsbürgermeisterin nicht wirklich überrascht. Wie alle anderen Heimburger weiß sie, wie gut man hier ausspannen kann – in dem Dorf, in dem Zusammenhalt großgeschrieben wird.

Eine blonde Frau im orange-farbenen Oberteil mit Brille.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Mein Rat an die Landesregierung Ilona Kresse, Ortsbürgermeisterin von Heimburg: "Es müsste mehr finanzielle Mittel geben, um operative Aufgaben zu lösen. Wenn die Schlaglöcher so tief sind, dass das sofort repariert werden muss, dann sollte Geld zur Verfügung stehen und man die Menschen wegen 5.000 Euro nicht ewig warten lassen. Da müsste es einen Fonds geben, in dem Geld zur Verfügung steht – damit die Bevölkerung nicht jahrelang auf solche Kleinigkeiten warten gelassen wird.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2019, 19:38 Uhr

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4 Kommentare

25.07.2019 12:26 Anwohner 4

Das sind übrigens Enten und keine Gänse ;)

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Das geben wir den beiden Stadtkindern weiter ;-)

23.07.2019 12:08 Leser 3

@MDR... dafür muss ich mich aber bei Instagram anmelden. Nein danke.

23.07.2019 10:33 Frank von Bröckel 2

Auch in diesen Artikel ist der MDR zumindest auf dem richtigen Weg!

Eine intakte Gemeinschaft ist wesentlich wichtiger(!!) als die Größe dieser Gemeinschaft selbst, und nur aus dem Grunde irgendwelche zusätzliche Personen dort sogar teilweise zwangsweise unterzubringen, nur weil dort noch irgendwie Platz ist, ist in der Sache absolut kontraproduktiv!

Beispiel:
In GANZ Island leben lediglich 367.000 Menschen, was in etwa der Gesamtbevölkerung der deutschen Stadt Wuppertal entspricht!

OBWOHL die Gesamtbevölkerung von GANZ Island wohlgemerkt NUR aus sehr WENIGEN Personen besteht, leben diese sehr WENIGEN Isländer aufgrund ihres sehr engen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts meist recht zufrieden, froh und glücklich!

Bei einer stark schrumpfenden Bevölkerung zum Beispiel auf den Lande ist es daher SEHR viel wichtiger(!!!) durch eine ziemlich radikale Neukonzeption des Gemeinwesens diese bisher intakte Gemeinschaft auch WEITERHIN aufrecht zu erhalten, als ALLES andere!

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