Ein Mann arbeitet an einer Leiterplatte.
Die Firma Tonfunk fertigt etwa 2.700 verschiedene Produkte und hat gut 50 Kunden, zum Beispiel in der Automobilindustrie, Medizintechnik und Telekommunikation. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fachkräftemangel Wie Unternehmen um Rückkehrer werben

Das Elektrounternehmen Tonfunk in Ermsleben im Landkreis Harz hat knapp 500 Mitarbeiter. Fachkräfte für diese ländliche Region zu begeistern, ist allerdings schwierig. Der Betrieb bildet daher selbst aus und wirbt zudem um Rückkehrer. Daniel Vogel ist einer dieser Rückkehrer. Er will in Sachsen-Anhalt seine Träume verwirklichen.

Ein Mann arbeitet an einer Leiterplatte.
Die Firma Tonfunk fertigt etwa 2.700 verschiedene Produkte und hat gut 50 Kunden, zum Beispiel in der Automobilindustrie, Medizintechnik und Telekommunikation. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ermsleben im Landkreis Harz: Drei Handwerksmeister überlegen, dass sie Plattenspieler bauen könnten, schön in hölzernen Musiktruhen. Gut 60 Jahre ist das inzwischen her. Die Firma Tonfunk gibt es heute aber noch immer. Das Unternehmen hat knapp 500 Mitarbeiter – Ingenieure, Elektrotechniker, Experten aus der IT, aber auch aus dem kaufmännischen Bereich. Sie stellen heutzutage zum Beispiel Leiterplatten her. Das sind Bauteile, die in fast jedem elektronischen Gerät stecken.

Für diese Arbeit die passenden Mitarbeiter in den Harz zu locken – das wird allerdings zunehmend schwieriger, erzählt Tonfunk-Geschäftsführer Norman Thor. "Wir haben nach 1990 ein recht breites Fachkräftespektrum hier gehabt, zu dem Zeitpunkt haben wir sie nicht so stark benötigt. Nach der Wende gab es hier am Standort Arbeit für etwa 100 Mitarbeiter. Für 50 gab es nicht die große Arbeit", so Thor.

Firma setzt auf Rückkehrer

Ein Mann arbeitet an einer Leiterplatte.
Bei Tonfunk werden unter anderem Leiterplatten hergestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aber dann sei das Unternehmen gewachsen. Software-Entwickler wie Daniel Vogel hatten ihre Heimat da jedoch schon verlassen. "Damals war die Region eigentlich nicht so attraktiv für das, was ich studiert habe. Da war eigentlich schon zu Schulzeiten klar, dass das hier in der Region eng wird", erzählt er.

Heute arbeitet Vogel bei Tonfunk und führt die Software-Abteilung. Auch seine Frau aus dem Umland von Berlin ist mit herzgezogen. Beide haben in Sachsen-Anhalt Fuß gefasst und wollen bleiben. Das Leben hier gebe ihnen ein gutes Gefühl: "Ich denke, ich bin ausgeglichener, ich fühle mich wohler. Mir gefällt die Nähe zu meinen Eltern, zu meinen Großeltern und Geschwistern. Und dass man schnell in der Natur sein kann", so der Rückkehrer. Das sei anders als an seinen bisherigen Wohnorten Berlin, Leipzig oder auch Budapest. Ernsthafte finanzielle Nachteile hat Vogel durch den Umzug in die Heimat nicht, erzählt er. Die Mieten seien fairer, das Umfeld insgesamt auch.

Daniel Vogel, Software-Entwickler bei Tonfunk.
Rückkehrer Daniel Vogel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und dann dachte ich, eigentlich wäre es doch ganz gut, wieder zurückzukommen. In eine Region, wo es ein bisschen mehr Platz gibt, für einen selbst, um Träume zu verwirklichen.

Unternehmen wirbt für sich – online und auf Messen

Fabian Pagenhardt hat der Großstadt ebenfalls den Rücken gekehrt. Er ist in Berlin großgeworden, hat Familie in Hüttenrode. Seine Begeisterung für den Pferdesport war einer der Gründe, warum es auch für ihn in den Harz ging. Nun arbeitet er bei Tonfunk im Einkauf. Von der Firma hatte Pagenhardt vorher noch nichts gehört, er wurde durch das Onlineportal "Heimvorteil Harz" auf sie aufmerksam.

Fabian Pagenhardt, Mitarbeiter im Verkauf bei Tonfunk.
Pagenhardt: "Wir haben die Familie in Hüttenrode und alles, was man zum Leben braucht." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hier präsentiert sich Tonfunk. Außerdem stellt sich das Unternehmen regelmäßig auf Festen und Messen vor. Es sei wichtig, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen, um die Präsenz zu erhöhen, meint Geschäftsführer Norman Thor. "Wir haben den Vorteil, dass wir seit 60 Jahren hier sind und durchaus eine gewisse Bekanntheit haben. Die geht aber über einen Radius von 15, 20 Kilometern nicht hinaus. Den Radius müssen wir erweitern."

Ende vergangenen Jahres beispielsweise ging es zum Rückkehrer-Tag nach Wernigerode. Auf der Jobmesse haben mehrere Arbeitgeber für eine dauerhafte Rückkehr in den Harz geworben. Für Tonfunk lief das laut Thor erfolgreich. Es seien neue Kollegen eingestellt worden, andere potentielle Bewerber wurden auf das Unternehmen aufmerksam.

Norman Thor, Chef der Firma Tonfunk.
Norman Thor ist optimistisch: Hightech habe im Harz eine Zukunft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Ziel ist es natürlich, auf diesen Standort überhaupt aufmerksam zu machen. Niemand vermutet zwangsläufig ein solches Unternehmen hier in der Region und in diesem ländlichen Umfeld.

Ministerium: Rückkehrer gegen Fachkräftemangel

Dass noch mehr fortgezogene Sachsen-Anhalter ihren Rückkehrwunsch umsetzen, das hoffen auch andere Unternehmen im Land – sowie das Arbeitsministerium. Ein Sprecher teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, die Rückkehrintention abgewanderter Fachkräfte biete ein gutes Potenzial zur Sicherung des aktuellen und künftigen Fachkräftebedarfs.

Rückkehrer seien für Sachsen-Anhalt eine Bereicherung. Denn: "Diese Fachkräfte sind bereits sehr vertraut mit den heimischen Strukturen, haben aber auch weitere Erfahrungen in anderen Ländern oder Bundesländern gemacht, die sie nunmehr in ihr Lebensumfeld einbringen", so das Ministerium. Die zuziehenden Fachkräfte und Familien sind den Angaben zufolge durchschnittlich 25 bis 40 Jahre alt.

Seit 2014 mehr Zuzüge als Fortzüge

Sachsen-Anhalt versucht den Umzug zurück ins Land seit 2015 mit dem "WelcomeCenter" zu erleichtern. Auf der Internetseite können sich Interessierte zum Beispiel über Kinderbetreuung, Infrastruktur, freie Wohnungen und Jobs informieren. Auch Unternehmen bekommen bei ihrer Mitarbeitersuche hier Hilfe. Seit Beginn im Jahr 2015 wurden laut Ministerium etwa 650 zuzugs- und rückkehrinteressierte Fachkräfte beraten.

Abgewanderte zurück-, und neue Leute nach Sachsen-Anhalt holen – das bleibt für das Land und Tonfunk-Chef Norman Thor wohl auch in nächster Zeit eine der wichtigsten Aufgaben. Damit noch mehr Leute kommen wie Daniel Vogel und Fabian Pagenhardt.

Statistik: Zuzüge und Fortzüge nach/aus Sachsen-Anhalt

Wie viele Sachsen-Anhalter ins Land zurückkehren, wird statistisch nicht erfasst. Die amtlichen Statistiken erfassen nur den Zuzug an sich, die Wanderungsbiografie bleibt dabei außen vor.

Die Zahlen zeigen: Bis einschließlich 2013 haben mehr Menschen das Bundesland verlassen, als dazukamen. Seit 2014 kommen mehr Menschen her, als abwandern.

Eine Studie zur Bevölkerungsentwicklung hat Sachsen-Anhalt zuletzt allerdings ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Das Land könnte demnach bis 2035 massiv Einwohner verlieren. Die Gründe: fehlende Innovationen, Forschungsgelder und neue Jobs. Während Halle und Magdeburg vergleichsweise gut abschneiden, soll es andere Regionen besonders hart treffen – etwa die Landkreise Mansfeld-Südharz, Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg.

"FAKT IST"-Bürgertalk am 17.06.2019 Viele Sachsen-Anhalter sind nach der Wende weggezogen – dorthin, wo es Arbeitsplätze gab, nach Bayern, Hamburg, Baden-Württemberg. Jetzt wollen immer mehr zurückkommen: Die Heimat ruft oder die Familie, die hier geblieben ist. Doch wie leicht ist das? Welche Probleme gibt es dabei? Was muss die Politik tun für gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost und West?

Darum geht es beim ersten "FAKT IST"-Bürgertalk, der am 17.06.2019 ab 20:45 Uhr live aus dem MDR-Landesfunkhaus in Magdeburg übertragen wird.

Zuvor läuft ab 20:15 Uhr die Reportage "Weggehen oder wiederkommen? – Der Preis der Heimat". Der Film von Nadja Storz und Julian Kanth erzählt von jungen Menschen, die von Rückkehr träumen und von Unternehmen, die auf genau diese Menschen setzen.

FAKT IST!-Bürgertalk

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 17:29 Uhr

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8 Kommentare

13.06.2019 20:38 Wilfried Thür 8

Facharbeitermangel ist eine aufgebaute Mär der Arbeitsverwaltung, um keine fachkräfte vermitteln zu müssen. Ich wollte in 2014 noch eine Qualifikation als Schweißer machen; sie wurde mir verweigert mit dem Hinweis, daß es irgendwo in Deutschland doch noch freie Stellen als Maschinenschlösser gäbe, die ich besetzen könnte. Wohlgemerkt, mit 58 Jahren... Kein weiterer Kommentar nötig

06.06.2019 17:28 Ex Magdeburger 7

Wenige Betriebe die nach der Wende noch existierten. Wegzug der jungen Fachkräfte. Die ehemaligen Genossen fanden im öffentlichen Dienst, bei der IHK etc. Unterschlupf. Nach ca. 22 Jahren wieder zurück kommen, nein.

05.06.2019 15:38 Info 6

Sehr geehrte Forum-Mitglieder,

hier kann ich nur zustimmen, das ist ein absoluter Witz mit den Fachkräften und dann wird auch noch nach noch mehr Fachkräften verlangt. Das müsst Ihr mir/uns einmal erklären!? Außerdem bauen die Firmen so eine Scheiße, dass sie einen das Leben auch noch zusätzlich versauen.

Viele Grüße
Info

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