Klimawandel Trotz Trockenheit und Dürre: Warum der Wald im Harz nicht stirbt

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Durch Hitze, Trockenheit und Borkenkäfer sterben im Harz seit 2018 großflächig Fichten. Auch 2020 droht ein Dürrejahr zu werden, das den Bäumen in Sachsen-Anhalt erneut zusetzen wird. Doch das bedeutet nicht das Ende der Wälder – sondern eine Veränderung.

Tote Fichten im Nationalpark Harz
Tote Fichten: Folgen des Klimawandels sind im Wald im Harz deutlich sichtbar. Bildrechte: MDR/Susanne Scharfenberg

Kahle, tote Bäume, wo einst dichte, dunkelgrüne Fichtenwälder standen. Dieser bedrückende Anblick bietet sich Besuchern des Nationalparks Harz seit 2018, zum Beispiel bei Schierke.

Warme, trockene Sommer haben die jahrzehntealten Fichten in den vergangenen zwei Jahren extrem geschwächt. Die Ausbreitung des Borkenkäfers haben die Wetterbedingungen dagegen begünstigt. Die Folge: Der Käfer befällt die Fichten im Harz, die geschwächten Nadelbäume sterben ab – und graue Baumskelette bedecken die Berge. Das betrifft längst nicht nur den Nationalparkwald, sondern auch angrenzende Wirtschaftsforste.

Mit Kälte und Nässe komme die Fichte gut klar, erklärt der Sprecher des Nationalparks, Friedhart Knolle. Die vergangenen Jahre aber waren das krasse Gegenteil davon – und auch in diesem Jahr sind die Böden zu trocken. Im vergangenen Winter war es zudem sehr mild. Die Fichtenwälder, die jahrzehntelang die Landschaft am Brocken prägten, werden sich also wohl auch 2020 nicht erholen können.

Vorhersehbare, aber rasante Entwicklung

Eigentlich wachsen Fichten im Harz erst ab einer Höhe von etwa 800 Metern. Unterhalb dieser Grenze dominierten ursprünglich Laubbäume die Region, vor allem Buchen. Doch als im Harz der Bergbau anfing, wurden diese Wälder für Holz gerodet und mit schnell wachsenden Fichten wieder aufgeforstet.

Dass die Fichten-Monokulturen im Harz nun sterben, kommt für Nationalpark-Sprecher Friedhart Knolle nicht unerwartet. Denn nicht erst seit 2018, sondern schon seit dem 19. Jahrhundert würden die Temperaturen im Harz steigen, sagt Knolle. Die Entwicklung fällt zeitlich mit der industriellen Revolution zusammen, als Menschen vermehrt begonnen haben, etwa aus Kohle Energie zu gewinnen – und dadurch das klimawirksame Gas Kohlenstoffdioxid (CO2) freizusetzen.

Doch dass nun in so kurzer Zeit so viele Fichten auf einmal sterben würden, sei nicht abzusehen gewesen, sagt Knolle. "Wir dachten, wir hätten mehr Zeit. Aber wir haben offenbar einen Kipp-Punkt erreicht." Wenn ein sogenannter Kipp-Punkt erreicht ist, kann eine Entwicklung abrupt abbrechen oder sich extrem beschleunigen, sodass die Veränderung oft nicht mehr aufzuhalten oder wieder rückgängig zu machen ist.

Eigentlich hatte die Nationalparkverwaltung geplant, den Wald ganz allmählich von einem reinen Fichtenwald wieder in einen naturnahen, Harz-typischen Mischwald mit vielen Buchen umzuwandeln. Besucher hätten die Veränderungen kaum bemerkt. Dass nun großflächig Fichten innerhalb weniger Jahre sterben, ist dagegen nicht zu übersehen. "Es erschreckt die Leute", sagt Knolle.

Warum nur einzelne Baumarten sterben

Friedhart Knolle, Pressesprecher Nationalpark Harz
Friedhart Knolle, Pressesprecher Nationalpark Harz Bildrechte: MDR/Susanne Scharfenberg

Obwohl es so wirkt: "Der Wald im Harz stirbt nicht. Einzelne Bäume, einzelne Baumarten sterben", betont Knolle. Und tote Bäume seien ein normaler, sogar wichtiger Bestandteil eines naturnahen Walds. Denn Totholz biete Nahrung und Lebensraum für andere Pflanzen, Pilze und Tiere. Daher werden die abgestorbenen, teils entwurzelten Fichten im Nationalpark in den Wäldern belassen, solange sie nicht zu nah an Straßen und Wanderwegen stehen und bei Stürmen umkippen könnten. Was wie Unordnung aussieht, ist Natur.

Der Wald im Harz stirbt nicht. Einzelne Bäume, einzelne Baumarten sterben.

Friedhart Knolle, Nationalparkverwaltung

Keine erhöhte Waldbrandgefahr wegen Totholz

Viele kahle Baumstämme und voraussichtlich wieder ein Jahr mit wenig Niederschlag: Was bedeutet das für die Waldbrandgefahr? Friedhart Knolle sagt dazu: "Es gibt eine Waldbrandgefahr im Nationalpark, aber vor allem durch Bodenbrände, die zum Beispiel aus schlecht gelöschten Feuerstellen entstehen können." Die abgestorbenen Fichten erhöhten die Waldbrandgefahr nicht, erklärt Knolle. Insbesondere liegendes Totholz sei oft feucht, da es vermodert – und brenne daher kaum.

Junge Bäume wachsen nach

Wer genau hinsieht, kann im Nationalpark auch schon die Anfänge eines neuen Walds sehen. Denn neben den toten Fichten wachsen bereits kleine Laubbäume und auch junge Fichten – teils sind sie gepflanzt, teils haben sie sich selbst ausgesät. "Die Naturverjüngung funktioniert", sagt Knolle. Und solange junge Bäume nachkämen, sei ein Wald nicht tot.

Zwar kämpften auch die kleinen Bäume mit der Trockenheit, aber etwa 70 Prozent der Setzlinge würden es schaffen, so Knolle. 4,5 Millionen Bäume seien im ganzen Nationalparkgebiet – also in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen – in den vergangenen zehn Jahren gepflanzt worden.

Nationalparks: Hier experimentiert die Natur

Nationalparks seien wie Labore, erklärt Knolle. Im Nationalpark Harz teste die Natur selbst, welche Baumarten in einem an den Klimawandel angepassten Wald stehen können. Das Ergebnis der Natur-Experimente sei allerdings noch völlig offen: Welche Bäume im Wald der Zukunft stehen, sei nicht sicher vorherzusagen.

Derzeit sieht Knolle gute Chancen, dass Laubbäume wie Buchen, Ebereschen oder Weiden trotz Klimawandel gut im Harz leben können. Buchen etwa könnten durch ihre tief reichenden Wurzeln auch das Grundwasser anzapfen, wenn es zu wenig regne. Aber auch Buchen leiden unter der Hitze und Trockenheit der vergangenen Jahre. Knolle zeigt vertrocknete Äste an sonst intakten Buchen, die beim nächsten Sturm leicht abfallen könnten. Allerdings würden solche Schäden vor allem alte Bäume betreffen. Junge Bäume hielten die Wetterbedingungen besser aus.

Bei Wäldern ist Geduld gefragt

Ein Wald wächst nicht in wenigen Jahren, sondern braucht mehrere Jahrzehnte bis Jahrhunderte. In solchen Zeitspannen zu denken, falle nicht jedem leicht, erzählt Knolle. Kaum ein Nationalpark-Besucher von heute wird wohl selbst erleben, wie der gerade entstehende Wald im Harz einmal aussehen wird. Ihre Kinder oder Enkel aber schon.

Wie es im Nationalpark Harz in Zukunft aussehen könnte, ist jetzt schon im Ilsetal am Heinrich-Heine-Wanderweg zu sehen. In dieser Gegend ist der ursprüngliche, für den Harz typische Wald nicht gefällt worden, um Platz für Fichten-Kulturen zu schaffen. Deshalb umgibt das über Felsen plätschernde Flüsschen Ilse ein romantischer, sattgrüner Mischwald mit vielen Buchen. Ein beliebtes Fotomotiv, sagt Knolle. "An nebligen Tagen denkt man wirklich, dass gleich eine Hexe hinter den Bäumen hervorkommt." Eine magische, entschleunigende Landschaft. Auf die sich das Warten lohnt.

Heinrich-Heine-Wanderweg entlang der Ilse im Harz
So wie hier im Ilsetal könnte der Wald einmal überwiegend im Nationalpark Harz aussehen. Bildrechte: MDR/Susanne Scharfenberg
Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

1 Kommentar

wer auch immer vor 2 Wochen

Stimmt, Gedult ist da gefragt.
Ältere Menschen werden demnach die neuen Wälder im Harz leider nicht mehr erleben, hoffen das sie da recht haben, die Kinder und folgende Generationen einen Wald erleben, der den Namen gerecht wird.

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