Braune Fichten stehen an einem Hang.
Nur auf den ersten Blick idyllisch: Der Fichtenwald im Harz stirbt. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner

Streit um den Borkenkäfer Der Wald im Harz stirbt – diesmal wirklich

Sehr viele Bäume im Harz sind durch Stürme, Hitze und Borkenkäfer abgestorben. Katastrophal für Waldbesitzer, beängstigend für Anwohner – und Klimawandel vor der Haustür. Eine Einschätzung von Harz-Reporterin Elke Kürschner. Teil 2 unserer Serie über Waldschäden in Sachsen-Anhalt.

Braune Fichten stehen an einem Hang.
Nur auf den ersten Blick idyllisch: Der Fichtenwald im Harz stirbt. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner

Der Wald stirbt. Dazu muss man nicht in den Waldzustandsbericht schauen. Es reicht ein Besuch im Harz: Der wird von Fichtenwald bestimmt, viele leben von ihm. Nicht nur die privaten Waldbesitzer des Landes. Sie empören sich gegen den Nationalpark Harz, weil der den Borkenkäfer verharmlose, so ihr Vorstand Prinz zu Salm-Salm. Schließlich hat der Borkenkäfer die Fichten großflächig absterben lassen.

Denn der niedliche "Berti Borkenkäfer" aus der Umweltbildungskampagne des Nationalparks Harz (Ansage: "Ich schaffe Wildnis") ist für Waldbesitzer der Totengräber des Waldes. Der Hauptfeind im Kampf um gutes Holz. Der Markt dafür ist durch die vielen beschädigten Bäume zusammengebrochen. Besonders kleine Waldbesitzer sehen ihre Existenz gefährdet. Kein Wunder, dass die Nerven blankliegen.

Der Borkenkäfer: Symbol für den Umgang mit dem Wald

Der Fichtenborkenkäfer heißt auch "Buchdrucker", weil sein Fressbild dem Buchdruck ähnelt. Gesunde Fichten harzen, wehren so die Käfer ab. Kranke Bäume fallen ihm zum Opfer: eine natürliche Auslese. Das ist zumindest der Ansatz des Nationalparks Harz. Natürlich wird auch aufgeforstet. Aber rund um den Brocken herrscht das Prinzip "Natur Natur sein lassen". Und da zeigt sich eben auch ihre zerstörerische Seite.

Ein Buchdrucker (Borkenkäfer/Altkäfer) sitzt auf einem Fichtenstamm
Totengräber oder Waldumbauer? Der Umgang mit dem Buchdrucker sorgt für Streit im Harz. Bildrechte: dpa

Das erklärt, warum der Borkenkäfer als Symbolfigur für den Wald im Wandel steht. Doch das kommt bei vielen als kalter Sarkasmus an. Der Borkenkäfer ist eben auch ein Symbol für den Umgang mit dem Wald insgesamt: Will ich ihn vermarkten? Oder soll der Wald sich frei entwickeln in einem "Labor", wie das Nationalpark-Leiter Andreas Pusch bezeichnet. Oder muss ich von ihm leben?

Welche Bäume stehen im Wald der Zukunft?

So wie der Landesforstbetrieb, in dessen Revieren die Wälder ähnlich traurig aussehen wie im Nationalpark. Obwohl die Schädlinge bekämpft werden und umfassend aufgeforstet wird. Der Leiter vom Forstbetrieb Oberharz, Eberhard Reckleben, hat mich auf eine riesige Kahlfläche bei Rübeland geführt. Entstanden ist sie durch den Wintersturm des letzten Jahres und die nachfolgende Borkenkäfer-Katastrophe. Solche Ausmaße kannte Reckleben bisher nicht. Die Situation sei furchtbar. Der Wald stirbt: Fichte, Buche, Eiche, Ahorn und Esche – in seinem Betrieb seien fast alle Baumarten von Schäden betroffen. So würden ihm langsam die Baumarten ausgehen für den Wald der Zukunft. Ein erschütterndes Fazit.

Ein abgebrochener Baumstamm steht auf einer Freifläche in einem Wald im Harz.
Leiter vom Forstbetrieb Oberharz ist ercshüttert über die derzeitige Situation in seinen Wäldern. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner

Der Harz lebt von Touristen. Und die wollen intakte Natur: gesunde Bäume, schönen Wald. Was sie sehen, sind ganze Berge voll brauner Baumskelette ohne Nadeln. Der Harzwald stirbt, in einem Tempo, das unfassbar scheint. Die Ursachen sind Stürme, Hitze und die Borkenkäfer, die sich jetzt explosionsartig vermehren und nicht nur im Nationalpark grassieren.

Wald stirbt: Einwohner fühlen sich machtlos

In Schierke, dem Tourismusdorf am Fuße des Brockens, sitzen nicht wenige Einwohner auf gepackten Koffern, wollen vorbereitet sein, wenn es brennt. Denn der Wald ist knochentrocken und ein Funke genügt, um ihn in Brand zu setzen. Und immer wieder entzünden wild campende "Naturliebhaber" Lagerfeuer, so wie vor kurzem bei Ilsenburg. Ein Waldbrand hätte für den kleinen Ort verheerende Folgen.

Ertönt eine Sirene, schrecken die Leute auf. Das haben mir Einwohner erzählt. Und sie haben mir ihre Fotos gezeigt: Von Bergen, die mal voll bewaldet waren und jetzt komplett kahl dastehen. Die Bäume haben sie nicht selten selbst gepflanzt. Sie fühlen sich machtlos, als unfreiwillige Teilnehmer eines Experiments.

Klimawandel hat den Harz erreicht

Von einer Katastrophe spricht Schierkes Bürgermeisterin Christiane Hopstock. Der Umgang mit dem Nationalpark sei nie leicht gewesen, man habe sich arrangiert. Doch jetzt sei eine Grenze erreicht. Sie fordert Konsequenzen und einen echten Dialog zwischen Bürgern und Nationalpark.

Ich erinnere mich an die Hochglanzfotos von diversen Klimagipfeln; legen wir doch einfach mal die Fotoserien aus Schierke daneben. Hier findet der Klimawandel statt. Der Wald stirbt. Es ist an der Zeit, dass sich alle davon Betroffenen im Harz zusammen mit diesem Problem auseinandersetzen, anstatt gegeneinander zu arbeiten.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 28. Juli 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2019, 14:32 Uhr

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14 Kommentare

27.07.2019 17:56 Eulenspiegel 14

Also wer sich mit den Jährlichen Waldschadensbericht nur ein klein wenig befasst weiß gesund, fit und widerstandsfähig ist unser deutscher Wald schon viele Jahrzehnte nicht mehr. Und jetzt kommt das wovor viele Leute gewahrt haben. Aber diese Leute wurden ja nur als grüne Spinner belächelt. Ich denke hier muss sich jeder an die eigene Nase packen. Denn dafür gibt es nun mal sehr viele Ursachen. Und da geht es nun mal nicht ganz ohne Einschränkungen. Ich sehe noch das Geschrei als es um ein Tempolimit auf den Autobahnen ging nur als Beispiel.

27.07.2019 13:21 Manuel 13

Der "Nachdenker" schreibt Unsinn.
Ich bin in den letzten Jahren 1500km im Harz gewandert und habe es nicht nur mal "versucht".
Was er da beschreibt, ist kein Wanderweg, sondern ein Rückeweg. Das sind genauso wenig Wanderwege wie die Wege, die ein Traktor auf einem Feld verursacht. Hier wird vergessen, dass ein großer Teil des Harzes eben nicht Naturschutzgebiet ist, sondern der Holzwirtschaft dient. Und das seit Jahrhunderten. Der Harz hat ein dichtes Wegenetz zum Wandern. Das scheint er nicht gefunden zu haben.
Wenn er Wald sehen will, der langsam zuwächst, dann muss er in den Naturpark Harz. Da stehen eben auch die abgestorbenen hohen Fichten, aber darunter ist auch grünes, dichtes Unterholz. Aber dadurch wandern darf man auch nicht.
Was er zu Windparks schreibt ist gleichzusetzen mit dem, was Leute zu Chemtrails phantasieren. Kompletter Unsinn. Leider reichen 1000 Zeichen nicht, um das auch noch zu widerlegen.

27.07.2019 10:44 Atze 12

@1Herr Reinhard:
" Der Harz wird ..."gestorben". "
Ich war das letzte Mal ca. 2000 im Harz in Stolberg und der Harz hatte zu dieser Zeit einen Aufschwung. Wunderschön. Wenn es jetzt so ist, wie Sie geschildert haben, ist das sehr bedauerlich. Ich hätte davon bisher keine Ahnung bis auf den letzten grossen Aufreger.
Von Bayern wurde mir dieses Jahr berichtet, dass er von Menschenmassen z.B. am Königssee überflutet wird.Auch viele Menschen aus Fernost mit ihren Sektor usw. Unsere Bekannten hätten sich 3 Stunden für eine Fahrt auf dem Königssee anstellen müssen. Wenn nun auch unser Harzwald darunter zugrunde geht, sollten sich die Verantwortlichen aber mit ihren Entscheidungen sputen. Nicht mehr Reklame für den Harz, sondern sofort eindämmen! Nicht auf den Zug der Bespassung aufspringen und das fördern. Leute im Harz, schützt eure herrliche Natur und kehrt vor allem zu natürlichen Beschäftigungen zurück. Wanderer werden es schätzen.

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