Debatte um Verantwortung Flüchtlingsrat: Probleme in ZASt Halberstadt waren vorhersehbar

In der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt haben Flüchtlinge kritisiert, dass sie seit Beginn der Corona-Krise nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt werden. Sie fühlen sich von den zuständigen Behörden auch nicht genügend über die Pandemie informiert. Der Flüchtlingsrat versucht nun, die angespannte Situation zu entschärfen. Ein Interview.

ZASt
Seit gut zwei Wochen dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner der ZASt die Einrichtung nicht mehr verlassen. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt steht seit zwei Wochen unter Quarantäne. Es wurden Zäune zwischen den Wohnblöcken aufgestellt und die 839 Bewohnerinnen und Bewohner können vorerst die Unterkunft nicht verlassen. Mittlerweile ist das Corona-Virus 44 mal unter den Menschen dort nachgewiesen worden. Ein Teil der Asylbewerber hat am Wochenende einen Hungerstreik ausgerufen, um auf die prekäre Versorgungssituation aufmerksam zu machen. Daraufhin gab es Zusagen, dass die Versorgung mit Hygieneartikeln schnell verbessert werden soll.

Mittlerweile sind diese verfügbar, auch gibt es einen Lieferdienst für kleinere persönliche Besorgungen – um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass aktuell niemand hinaus kann. Doch die Kritik an mangelnder Versorgung kommt mittlerweile auch von politischer Seite, wie etwa in einem offenen Brief der Linken-Abgeordneten aus Land- und Bundestag, darunter Henriette Quade, Petra Sitte und Matthias Höhn. Auf einen weiteren offenen Brief von Bewohnern selbst, die bisherige Gespräche mit der ZASt-Leitung als gescheitert erklären, reagierte Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke). Er will nun in dem Konflikt vermitteln.

MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Helen Deffner vom Flüchtlingsrat des Landes über Situation und mögliche Verbesserungen gesprochen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie bewerten Sie die aktuelle Situation in der ZASt?

Helen Deffner: Die Berichte der Ministerien und der Verwaltungsebene unterscheiden sich stark von dem, was die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort schildern. Die Versorgung hat sich in den letzten Tagen zwar insgesamt verbessert. Aber wir hören immer noch, dass die Versorgungssituation nicht ausreichend ist. Vor allem was die Informationslage angeht. Das führt bei vielen zu Verunsicherungen und Angst. Seit dem vergangenen Wochenende gibt es einen runden Tisch mit der Heimleitung, dem Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa) und einzelnen Geflüchteten, um gemeinsam zu debattieren. Die dort besprochenen Inhalte kann man leider nicht ohne Weiteres an die rund 850 Bewohnerinnen und Bewohner in der ZASt vermitteln.

Um die Informationslage vor Ort zu verbessern, gibt es auf dem Gelände Sprachmittler des Landesnetzwerks. Das ist schon eine Verbesserung. Zuvor gab es nur einmal am ersten Tag der Quarantäne allgemeine Informationen über einen Lautsprecherwagen und Aushänge in den Blöcken.

Danach ist die Informationslage für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nachvollziehbar gewesen. Die Leute verstehen nicht, was passiert. Und es dauert Ewigkeiten, bis sich Dinge ändern. Dabei fühlen sich manche gar nicht gehört. Wir haben das Gefühl, die Verwaltung hört die Anforderungen nicht. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben sich entschieden, nur noch mit der Landesregierung zu kommunizieren. Das belegt auch ein neuer offener Brief aus der ZASt.

Was empfiehlt der Flüchtlingsrat, um die Situation vor Ort besser zu managen?

Wir haben diese Informationen zusammengestellt, schon bevor die Quarantäne ausgerufen wurde. Unserer Meinung nach waren die eingetretenen Situationen – von schlechter Versorgung bis hin zu Unsicherheit unter den Geflüchteten – vorhersehbar. Die Versorgung in der ZASt war schon vorher nicht gut und wurde vor Monaten kritisiert. Trotzdem gab es keine aureichenden Vorkehrungen.

Zwei Brötchen und ein Coffee-to-go
Zwei Brötchen, eine Mohrrübe und ein Coffee-to-Go-Becher – Geflüchtete aus der ZASt haben dem Flüchtlingsrat Bilder der Essensversorgung geschickt. Bildrechte: Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt

Obwohl bei der hohen Infektionsrate des Coronaviruses eigentlich klar war, dass sich auch Menschen in der ZASt infizieren werden. Wir konnten das frühzeitig erkennen und sind deshalb frustriert, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Unsere Forderungen haben wir gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohner der ZASt ausgearbeitet. Die Hauptpunkte sind die Art der Unterbringung, die Hygienemaßnahmen und Sicherstellung der Versorgung. Im Moment gibt es gemeinschaftliche Zimmer mit bis zu fünf Personen. Die sanitären Anlagen teilt man sich mit mehreren Personen. Man kann sich gar nicht aus dem Weg gehen. Deshalb muss es eine andere Form der Unterbringung geben.

Seit dem Wochenende wurden immerhin 50 Personen in andere Unterkünfte umverteilt. Das muss beibehalten und noch schneller umgesetzt werden.

Zur Person: Helen Deffner ist seit Januar 2019 beim Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt beschäftigt. Sie ist als Projektmitarbeiterin im Bereich Landesinfostelle Flucht und Asyl tätig. Deffner hat Global Studies und Staatswissenschaften studiert. Seit mehreren Jahren ist sie politisch und akademisch im Bereich Migration und Flucht aktiv.

Wie ist die Stimmung vor Ort unter den Bewohnerinnen und Bewohnern?

Die Stimmung ist ganz unterschiedlich. Es gibt in der ZASt fünf Quarantänebereiche. In dem dritten Haus (Haus C) leben Familien und Kinder. Die werden in andere Unterkünfte umverteilt, weil sie zur besonders schutzbedürftigen Gruppe gehören. Somit haben die Familien in dem Haus einen Hoffnungsschimmer, dass sie bald raus aus der ZASt können. Aber in Haus A – Bereich der alleinreisenden Männer – herrscht große Frustration.

Sie gehören nicht zur wohlberatenen Gruppe, da sie nicht Teil der Risikogruppe sind. Es gibt für sie im Moment keine Aussicht auf eine Umverteilung in eine andere Unterkunft. Was die Informationsverteilung angeht, herrscht ein Ungleichgewicht. Manche Gruppen sind besser informiert. Das führt zu großen Diskrepanzen.

Am Sonnabend kam es zu Spannungen und Auseinandersetzungen in der ZASt. Waren Sie überrascht über die Tumulte am Wochenende?

Wir haben die ganze letzte Woche Gespräche mit Menschen vor Ort geführt. Sie haben uns alle unabhängig voneinander erzählt, dass sie sich weder ausreichend versorgt noch informiert fühlen. Also war es letzte Woche schon spürbar, dass großer Unmut herrscht. Das Relevanteste sind Rundum-Informationen für alle. Mir ist es natürlich klar, dass wir uns in einer Ausnahmesituation für alle befinden. Es ist sehr schwer, so viele Menschen zu informieren. Lösungsmöglichkeiten wären zum Beispiel: Informationsmaterialien in die Zimmer mitgeben, mehrsprachige Informationen aufnehmen und abspielen oder Gesprächsrunden mit einem gewahrten Abstand führen.

Holger Stahlknecht
Innenminister Holger Stahlknecht lehnt eine dezentrale Unterbringung der Asylbewerber ab. Bildrechte: dpa

Das Robert-Koch-Institut hat passend dazu das Prinzip der partizipativen Quarantäne entwickelt. Demzufolge sollen die Menschen, die unter Quarantäne gestellt werden, mitgestalten können, wie das aussehen soll. Dazu ist es die komplette letzte Woche nicht gekommen. Das bringt massive Probleme mit sich. Auch wenn alle überfordert sind, darf das nicht passieren. Deshalb ist die Unterbringungsform in der ZASt ungeeignet. Man muss davon ausgehen, dass in dieser Form die Menschen weder mit Informationen noch mit allem Anderen ausreichend versorgt werden können.

Holger Stahlknecht – Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt – lehnte eine dezentrale Unterbringung ab. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass es eine andere Unterbringungsform gibt?

Man darf die Augen vor der Realität nicht verschließen. Es ist nicht möglich, in der ZASt die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Maßnahmen – wie zum Beispiel einen Mindestabstand von 1,50 Metern zueinander – einzuhalten. Abgesehen davon kursierte außerhalb der Einrichtung auch das Gerücht, das Problem sei einfach nur das nicht schmeckende Essen. So etwas kann man den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht vorwerfen. Da muss ich einfach einen Perspektivwechsel empfehlen.

Die Menschen, die dort leben, bringen massiv traumatisierende Fluchtgeschichten mit. Man kann sich mal Gedanken darüber machen, was es heisst, keine Informationen zu haben, mit zu wenig Essen versorgt zu sein und die Einrichtung nicht verlassen zu dürfen. Wenn man diesen Perspektivwechsel wagt, versteht man, dass es ganz klar nicht um die Gewürze im Essen geht!

Wenn man sich vom Gedanken der dezentralen Unterbringung löst, was sollte vor Ort akut passieren?

Es sollte die Möglichkeit geben, zumindest dem eigenen Bedarf nach einkaufen zu können. Und das Konzept mit dem runden Tisch ist ein sehr wichtiger Schritt. Das sollte man kontinuierlich aufrechterhalten.

Die Fragen stellte Vesile Özcan.

MDR-Schwerpunkt: Das Coronavirus
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. April 2020 | 19:00 Uhr

40 Kommentare

winfried vor 24 Wochen

Reiner Zimmermann, Ihrem Beitrag entnehme ich eine gehörige Portion Frust.
Bereits 2015 habe ich als damaliges Fördermitglied einen DRK-Helfer gefragt:
"Fühlen Sie sich nicht missbraucht ?! … Ein nützlicher ***** sozusagen ?!"

Reiner Zimmermann vor 24 Wochen

Ich habe mich 2015 aus persönlichen Erwägungen heraus entschieden, mich ehrenamtlich in einer Erstannahmeeinrichtung zu engagieren. Auch wenn meine Ansichten bezüglich des Asylrechtes immer noch die Selben sind (ich werde sie hier nicht kommentieren), kommen mir die Nachrichten aus der ZAsT nachfragenswürdig vor. Was soll dem Leser das Foto mit der Möhre sagen? Unkommentiert könnte man meinen, das wäre die Essenration für die Asylsuchenden. Ich melde hier begründeten Zweifel an. Weiterhin möchte auch Keiner erläutern, um welche fehlenden Hygieneartikel es sich genau handelt. Das wäre sicher interessant, man könnte das Problem sicher schnell beheben. Der Flüchtlingsrat und die ihn unterstützenden politischen Kräfte geben hier kein gutes Bild ab. Ich halte es mit meiner eigenen Erfahrung für ausgeschlossen, dass man die Bewohner in der Einrichtung nicht erreicht. Das gab es 2015 so nicht. Damals ohne Heerscharen von Sprachmittlern und Sozialarbeiten.

SZ Rentner vor 24 Wochen

Außerdem stellt sich die Frage " Zast-Randale bewusst angezettelt? " nachzulesen in der Volksstimme vom 07.04.2020 . Wäre das nicht auch was für den MDR mal ein Faktencheck ?

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