Streit um das Kindeswohl, Umgangsrecht und Unterhalt "Wenn Sie vor dem Familiengericht landen, sind Sie keine guten Eltern"

Wenn sich Eltern trennen, gibt es oft Streit darum, wer am besten für die Kinder sorgen kann, bei wem sie zukünftig leben und wer wieviel Unterhalt zu zahlen hat. Dazu kommt ein Unterhaltsrecht, das an aktuelle Lebensweisen nicht angepasst ist. Immer öfter landen die Konflikte vor Gericht.

Bei welchem Elternteil sollen Kinder nach einer Trennung leben? Wer muss wem wieviel Unterhalt zahlen? Welches Betreuungsmodell ist für die Kinder am besten – Residenzmodell, Wechselmodell? Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach wünschen sich 77 Prozent der Eltern, ihre Kinder nach einer Trennung gemeinsam zu betreuen.

In der Realität übernehmen aber nur 22 Prozent die Betreuung zur Hälfte. Und immer mehr Väter und Mütter geben die Verantwortung an die Justiz ab. So gab es am Amtsgericht in Magdeburg in den letzten 13 Jahren mehr als doppelt so viele Verfahren, die Betreuungszeit von Kindern betreffend.

2006 gab es 75 Verfahren zum Umgang, 2010 waren es 133 und im Jahr 2019 bis Anfang Juni 93 Verfahren. Der Sprecher des Amtsgerichts teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit: "Nach dem Eindruck der Familienrichter hängt der Umstand, ob es zu einem Umgangsverfahren kommt, auch davon ab, wie überzeugend im Vorfeld die Arbeit des Jugendamts und die Erarbeitung einer außergerichtlichen Umgangsvereinbarung gelingt."

Interview: "Den Willen der Kinder in das Verfahren einbringen"

Franka Berger ist gerichtliche Betreuerin in Magdeburg, eine sogenannte Verfahrensbeiständin – auch als "Anwältin der Kinder" bezeichnet, erzählt, wie bei Verfahren das Wohl der Kinder im Blick behalten werden kann.

Was ist die Aufgabe einer Verfahrensbeiständin am Amtsgericht

Franka Berger, Verfahrensbeiständin
Franka Berger vor dem Amtsgericht in Magdeburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Franka Berger: Ich bin dazu verpflichtet, die Kinder über den Ablauf und den Inhalt des Verfahrens aufzuklären. Ich habe denen gesagt, dass Mama und Papa aktuell unterschiedliche Ideen haben, wie oft Mama oder Papa die Kinder sehen sollen. Und ich bin da, um zu erfragen was sie wollen.

Wie geht es den Kindern dabei?

Berger:
Es ist belastend zu merken, Mama und Papa sind nicht gut miteinander. Was aber manche Eltern sehr gut hinkriegen, ist über den anderen Elternteil trotzdem wertschätzend zu reden und das macht es für die Kinder natürlich leichter. Ich war an Verfahren beteiligt, wo das den Eltern nicht möglich war, positives an dem anderen Elternteil zu benennen. Das ist sehr kränkend für Kinder.

Wie findet man heraus, was ein guter Umgang wäre?

Berger: Ich habe den klaren Auftrag, den Willen der Kinder in das Verfahren mit einzubringen. Was wäre, wenn du Papa öfter sehen würdest? Was wäre denn, wenn es Mama leichter fallen würde, dich zu Papa zu lassen? Ein weiterer Parameter für mich ist immer das Alter der Kinder. Jüngere Kinder brauchen einen regelmäßigen Kontakt zu dem anderen Elternteil. Bei größeren Kindern kann die Pause länger sein, danach sollte der Kontakt aber schon intensiver und mehrere Tage lang sein. Daraus entwickele ich dann meine Stellungnahme.

Sind Kinder nicht von ihren Eltern beeinflusst?

Berger: Alle Kinder sind loyal ihren Eltern gegenüber, ob Eltern getrennt sind oder nicht. Ja und daraus entwickelt sich ihr Wille. Tatsächlich ist es mein Auftrag, die Lebenswelt ab einem bestimmten Alter der Kinder zu erweitern. Also zu sagen: Guck mal das gibt's auch. Es ist aber nicht mein Job, als Anwalt dieser Kinder, den Willen zu hinterfragen.

Was entscheidet über das beste Umgangsmodell?

Berger: Beim Wechselmodell ist es wichtig, dass Eltern gut miteinander sprechen können. Das ist aus Sicht der Kinder wichtig, weil da zwei Lebenswelten in großem Maße parallel existieren. Viele andere Parameter wie Betreuung, Arbeitssituation, Lebenssituationen sind beim Wechselmodell besonders zu betrachten.

Was ist das Wechselmodell?

Bei diesem Betreuungsmodell sollte die Betreuungszeiten beider Elternteile möglichst gleich sein. Teilweise wird aber schon ab einem Zeitanteil von 30 Prozent des weniger betreuenden Elternteils von einem Wechselmodell gesprochen; andererseits definierte der Bundesgerichtshof in einem Urteil von 2005 das Wechselmodell als ein Modell, bei dem beide Eltern "etwa die Hälfte der Versorgungs- und Erziehungsaufgaben" übernehmen. Auch die Kosten werden geteilt.

Oft lebt das Kind nach der Trennung bei der Mutter und der Vater zahlt. Immer mehr Väter fordern das Recht ein, sich um ihre Kinder kümmern zu können. Doch in Deutschland ist im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern das Wechselmodell noch nicht im Gesetz verankert.

Das Wechselmodell ist eine relativ neue Art des Zusammenlebens. Im Februar 2017 gab der Bundesgerichtshof erstmals einem Vater Recht (XII ZB 601/15), der die gleichberechtigte Betreuung seines Kindes gegen den Willen der Mutter eingeklagt hatte.

Schon 2015 hatte der Europarat alle europäischen Mitgliedsstaaten aufgefordert, das Wechselmodell im Gesetz zu verankern. Viele Länder, darunter Schweden, Frankreich und Belgien haben das bereits getan. Jahrzehntelang war das sogenannte Residenzmodell das favorisierte Betreuungsmodell in Deutschland. Dabei hat das Kind seinen Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil und besucht den anderen. Das Prinzip dahinter: Ein Elternteil betreut, der andere zahlt. Mittlerweile kann auch im Streitfall das Wechselmodell angeordnet werden.

Was ist das richtige Modell bei Trennungen?

Berger: Ich habe nicht den Gedanken, dass eine Lösung für alle Familien passig sein kann. Familien sind so unterschiedlich, leben in ganz anderen Konstellationen und Rahmenbedingungen. Da ist das Alter des Kindes, die Entwicklung, die Bindung und Beziehung zu dem jeweiligen Elternteil von so immensem Ausschlag, dass ich es nicht gut für die Kinder finden würde, wenn es nur eine Lösung für alle Kinder geben kann. Und was brauchen die Familien? Was brauchen die Eltern, um wieder in die Elternrolle gebracht zu werden, um Kommunikation zu stärken? Und was brauchen die Kinder um gut mit beiden Elternteilen groß zu werden? Ja das heißt, Kinder haben das Recht darauf, im Kontakt mit beiden Elternteilen zu sein. Das ist auch überwiegend der Wunsch dieser Kinder. Und das muss umgesetzt werden.

Gibt es genügend Beratungsstellen, um über Umgangsformen aufzuklären?

Berger: Die Beratungswelt ist sehr weiblich besetzt. Ich glaube, das ist für Männer schwierig, da vielleicht ins Gespräch zu kommen oder sich gut gesehen und gehört zu fühlen. Das erlebe ich so. Die Mütter halten zusammen. Es wäre schön, wenn es für Beratungsangebote kürzere Wartezeiten gebe und die Eltern immer mit zwei Beratern an einen Tisch sitzen würden – männlich und weiblich.

Argumente für und gegen das Wechselmodell

Hildegund Sünderhauf, Jura-Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg
Professorin Hildegund Sünderhauf-Kravets Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das geltende Unterhaltsrecht geht vom Modell Familienernährer aus. Das Unterhaltsrecht sei ungerecht und müsse an moderne Lebensweisen angepasst werden, sagt Jura-Professorin Hildegund Sünderhauf an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg. Sie forscht seit zehn Jahren zum Thema. "Dass das ungerecht ist, ist offenkundig. Selbst wenn ein Mann seine Erwerbstätigkeit zurückfährt, um mehr Zeit für das Kind zu haben, spielt das überhaupt keine Rolle. Er zahlt den vollen Unterhalt. Und umgekehrt bekommt die Mutter, die 55 Prozent betreut genauso viel Unterhalt, wie die, die hundert Prozent betreut. Auch das ist ungerecht."

Nach Sünderhauf-Kravets müsste nicht nur das Unterhaltsrecht novelliert werden. "Das Wechselmodell als Leitbild würde bei Trennung und Scheidung die Frage stellen: Wie können wir erreichen, dass Mutter und Vater beide im Boot bleiben? Denn die Frage, wer der bessere Elternteil ist, darf nicht mehr gestellt werden, weil Mutter und Vater wichtig sind."

Miriam Hoheisel, Leiterin des Bundesverbandes alleinerziehender Mütter und Väter, sagte im Interview: "Es ist weiterhin so, dass Paarfamilien viel traditioneller leben, als die Diskussion uns denken lässt und als uns auch die Wünsche von Paarfamilien uns nahelegen. In über 80 Prozent der Fälle ist der Mann weiterhin der Haupternährer und die Mütter leisten den Löwenanteil der Kinderbetreuung und gehen mit schlechteren Erwerbschancen in eine Trennung." Mehr Zeit zu haben aufgrund des Wechselmodells löse noch nicht die strukturellen Probleme am Arbeitsmarkt. "Deswegen ist das Wechselmodell noch kein Modell gegen die Armut von Alleinerziehenden."

Was bedeutet es, wenn Streitigkeiten trotzdem vor Gericht kommen?

Berger: Zum Vorschein kommt oft, es noch nicht geschafft zu haben, sich darauf zu besinnen, dass man eine gemeinsame Aufgabe hat in dem gemeinsamen Kind. Trennungen sind oft sehr schmerzhaft. Ein Lebensmodell bricht zusammen, manchmal nicht freiwillig. Ein neues Lebensmodell muss erst wachsen und oft stagniert da die Kommunikation zwischen den Eltern.

Es ist auch menschlich, dass die Kinder da aus dem Blick geraten für eine bestimmte Zeit. Aber es ist auch Aufgabe von Eltern, sich wieder zu besinnen. Warum man sich vor dem Familiengericht jetzt trifft? Es ist für Kinder eine sehr belastende Situation. Auch wenn ich als Verfahrensbeistelle versuche, die Gespräche und die Atmosphäre so kindgerecht wie möglich zu gestalten. Es ist für die Kinder sehr transparent, dass zwischen den Eltern da gerade was nicht funktioniert, dass sie nicht gut sprechen können. Streiten sie sich wegen mir? Bin ich schuld? Das versuche ich immer aufzulösen für das Kind.

Kinder sind immer sehr begeistert von der Formulierung: Ich gebe Mama und Papa Hausaufgaben auf. Das finden die immer toll. Wenn die auch merken: Die Erwachsenen müssen was tun und das Kind kann sich entspannt zurücklehnen und drauf vertrauen, dass die Erwachsenen eine Regelung finden. Wir haben eine Richterin in Magdeburg, die an der Stelle immer sagt: "Wenn Sie hier vor dem Familiengericht landen, sind Sie keine guten Eltern." Sie erklärt es danach: "Nicht weil Sie sich getrennt haben, sondern weil Sie nicht Ihr Kind im Blick haben."

Franka Berger, Verfahrensbeiständin im Beratungsgespräch
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zur Person Franka Berger ist zertifizierte Verfahrensbeiständin in Magdeburg. Sie ist studierte Pädagogin, systemische Familientherapeutin und Traumapädagogin und hat eine Weiterbildung im Familienrecht.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 03. Juli 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2019, 11:13 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

25 Kommentare

07.07.2019 12:03 Manni an Kommen Tarti (22) 25

Sie brauchen sich mit Ihrem "Was ist dies für ein Dr...sstaat?" nicht so echauffieren.

Denn das ist genau der " Dr...sstaat" mit der viertniedrigsten Geburtenrate in ganz Europa.
In den letzten 20 Jahren gab es auch aufgrund dieser Rechtssprechung deshalb 2,3 Millionen minderjährige Kinder WENIGER, verglichen zum Stand 1997 in Deutschland.
Wer möchte auch schon noch Kinder haben, wenn man vorher weiß das man als Vater in diesem "Dr...sstaat" nur das rechtlose ZAHLSCHWEIN ist.

Gute Nacht, du "Dr...sstaat"!

07.07.2019 11:40 Manni an Luise (12) 24

Ach Luise,

"Beratungen sind in Deutschland nicht verpflichtend. Eltern ziehen lieber direkt vor Gericht. Selten tun sie das, um juristische Konflikte zu klären. Meist gehe es um Kränkungen, Bitterkeit, Verletzungen, Gefühle von Rache, erklärt Dr. Rücker. Eltern zeigten sich unkooperativ, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Das habe aber keine Folgen für sie. Es komme schon mal vor, dass ein Elternteil spontan wegziehe - mit dem Kind.. ...
In vielen westlichen Ländern, darunter auch die USA und Australien, darf ein Elternteil mit einem minderjährigen Kind nicht weiter als 50 Meilen vom anderen Elternteil wegziehen, um Entfremdung zu vermeiden. In Frankreich und Österreich gibt es verpflichtende Beratungen nach einer Trennung, der Inhalt wird protokolliert. Trägt ein Elternteil nichts zu einer Lösung bei, kann ihm das bei einer möglichen Verhandlung Nachteile bringen."
(Studienergebnis Dr. Stefan Rücker)

06.07.2019 20:34 susanne 23

Was meint wohl die Richterin in Magdeburg, wenn Sieimmer sagt: "Wenn Sie hier vor dem Familiengericht landen, sind Sie keine guten Eltern." ?

Kann es sein, dass das ganze "Rechts"-System genau so angelegt ist, das Eltern ZWANGSLÄUFIG "vor dem Familiengericht landen"???

In Belgien ist das Wechselmodell schon längst Gesetz. Dort gibt es „Klare Regeln für die Betreuung des Kindes. In jedem Scheidungsvertrag wird ganz genau festgelegt, dass die Betreuung des Kindes wöchentlich wechselt.“ Punkt. Aus. MickyMaus.
Und das schon seit 2006!

Mehr aus Sachsen-Anhalt