Güsen im Jerichower Land Wie ein Mann für die Zukunft seines Dorfes kämpft

Eine Studie hat dem Jerichower Land im Sommer besonders schlechte Zukunftsaussichten bescheinigt. Aber auch hier gibt es Menschen, die etwas in ihrer Heimat bewegen wollen. In Güsen zum Beispiel wird aus einem alten Bahnhofsgebäude ein Gründerlabor. Frank Jansky will sein Dorf damit fit machen für die Zukunft. Teil 1 der Reihe über Zukunftschancen im Jerichower Land.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/ Jörn Rettig

von Kalina Bunk, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann vor einem Bahnhofsgebäude
Frank Jansky ist seiner Heimatregion treu geblieben. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk, Florian Leue

Der Putz bröckelt teilweise von den Decken, die Einrichtung wirkt noch ein wenig zusammengewürfelt: Im Kleinbahnhof Güsen muss in nächster Zeit einiges getan werden. Jahrelang stand das denkmalgeschützte Gebäude auf dem Bahnhofsgelände in Güsen leer und rottete vor sich hin. Bis Frank Jansky darin eine Chance sah. Gemeinsam mit ein paar anderen Leuten kaufte er die Immobilie. Seine Idee: Einen Ort für Projekte schaffen, die die Region stärken. So entstand der bahnhof17.

Schon bald soll hier ein Gründungslabor starten. Ab Oktober will Jansky Gründern helfen, im ländlichen Raum selbstständig zu werden. Mit Unterstützung des Netzwerks Kulturhanse sind Schulungen und Trainings geplant. Eine handvoll Leute wolle das bereits ausprobieren, erzählt der Rechtsanwalt. Es gebe etwa die Idee, eine Bioregionalvermarktung aufzubauen – oder eine Mobilitätsagentur. Denn der Ort zwischen Burg und Genthin habe zwar einen Bahnhaltepunkt. Aber: "Wenn die älteren Leute am Wochenende ins Theater fahren – wie sollen die danach vom Bahnhof nach Hause kommen?". Nicht das einzige Problem für die rund 1.800 Einwohner von Güsen.

Dorfinventur soll zeigen, was gebraucht wird

Jansky ist gebürtiger Genthiner und seit mehr als 20 Jahren als Rechtsanwalt auf dem Land in Güsen. Dass es im Dorf vorangeht, ist ihm wichtig. Er arbeitet deswegen auch an einer Art Dorfinventur. Ziel ist es, genau herauszufinden, was künftig fehlen könnte und wie man gegensteuern kann. Der Arzt im Ort werde immer älter, die Nachfolge sei unklar. Genauso sehe es beim Bäcker aus. "Und auch die Gaststätte sagt: Wir machen es vielleicht noch fünf Jahre." Drei zentrale Punkte, die wegzubrechen drohen, sagt Jansky. Das Gründerlabor könnte hier helfen, so die Idee.

Projektraum im Kleinbahnhof Güsen
Einer der Räume im Kleinbahnhof. Hier finden zum Beispiel Filmabende statt, auch ein Wohnzimmerkonzert gab es schon. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Über die Reihe "Zukunftschancen im Jerichower Land"

Welche Regionen in Deutschland haben die besten Zukunftsaussichten? Dieser Frage ist das Wirtschaftsforschungsinstitut "Prognos" nachgegangen. Verglichen wurden dabei zum Beispiel Daten zur Bevölkerungsentwicklung, zur Kaufkraft, zur Kriminalitätsrate sowie zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.

In der im Sommer veröffentlichten bundesweiten Studie schnitten die meisten Landkreise Sachsen-Anhalts nicht gut ab, darunter das Jerichower Land. Der Kreis landete auf Platz 399 von 401. Aber auch hier gibt es engagierte Menschen, die ihre Heimat schätzen und sich für eine positive Entwicklung der Region einsetzen. Um sie geht es in unserer Reihe zu Zukunftschancen im Jerichower Land.

Das Kleinbahnhof-Projekt wird mit Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds unterstützt. Aus dem Gebäude soll auch Wohnraum werden und ein Ort der Integration. Denn obwohl der Ausländeranteil im Jerichower Land gering ist – Ende 2018 lag er laut Statistischem Landesamt bei 3,5 Prozent – gibt es in Güsen Fremdenfeindlichkeit. Das hat Jansky bei seiner Arbeit als Anwalt bei seinen eigenen Mandanten festgestellt. "Die Menschen kommen nicht raus aus dem Dorf, haben nur das Fahrrad." Jansky brachte die alteingesessenen Einwohner im bahnhof17 mit Zugezogenen zusammen.

Hartz-IV-Empfänger und ausländische Kinder, das ergibt eine völlig neue Mischung, Ängste gehen verloren. Da hört man auf, extrem links oder extrem rechts zu denken. Da wird es wieder normal im Umgang miteinander.

Projektleiter Frank Jansky

"Wir"-Geld als Ansporn, etwas zu tun

Scheine der «Wir»-Währung
Diese Scheine kann man sich erarbeiten und gegen Produkte eintauschen. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Jansky nimmt die Güsener auch mit in andere Orte des Landes, nach Magdeburg und Aschersleben, zeigt Ihnen dort Nachhaltigkeitsprojekte. Gibt Anstöße, selbst etwas in die Hand zu nehmen. "Die Leute blühen auf", so Jansky. "Junge Leute, die hier geblieben sind, die suchen eigentlich nach Modellen, wo sie sich selbst verwirklichen können", stellt er fest.

Eine Motivation fürs tätig werden gibt es im bahnhof17 auch: Die Regionalwährung "Wir". Wer bei Projekten mitmacht, kann sich dieses "Geld" verdienen und es im Anschluss gegen Produkte im Mitgliederladen eintauschen. Das motiviere auch Kinder, mal ihr Handy wegzulegen, so Jansky. Sie würden so lernen, dass man sich Geld erarbeiten muss. Und könnten sich etwas kaufen, obwohl das richtige Geld eigentlich knapp ist. Jansky hatte die alternative Währung in der Vergangenheit auch schon in der Sekundarschule in Parey in Umlauf gebracht und wurde dafür von der Robert Bosch Stiftung als "Neulandgewinner" ausgezeichnet.

"Ländlicher Raum wurde vernachlässigt"

Woher aber kommt die Motivation, sich für die Heimat einzusetzen? Jansky sagt, er habe über die Jahre das Auf und Nieder der Region live miterlebt. "Es ist, denke ich, auch Aufgabe eines Landanwalts, sich da einzusetzen. Mit seinen Fähigkeiten und dem Netzwerk, das man hat, etwas zur Dorf- und Regionalentwicklung beizutragen."

Der Güsener kritisiert, es gebe im Bereich der Landesentwicklung viel Intransparenz. Die Leute seien enttäuscht und frustriert; wüssten nicht, ob ihr Dorf noch eines sei, in das Entwicklungsmittel fließen werden. Die Entwicklung des ländlichen Raumes sei in den letzten Jahren außer Acht gelassen worden. Bei den Bemühungen, Menschen vor Ort zu halten, vermisse er seitens der Politik Kreativität.

Kleinbahnhof Güsen
Öffentlich sind die Veranstaltungen im bahnhof17 bisher nicht. Aber jeder, der sich dafür interessiere, bekomme eine Einladung, so Jansky. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Die Landespolitik müsse die Akteure vor Ort stärker einbeziehen und das Ehrenamt stärken. "Unseren Ministerpräsidenten sehe ich einfach zu selten im Jerichower Land und in den Dörfern, in denen es brennt", meint Jansky.

Er sieht die Dinge aber auch realistisch. Dass es Abwanderung gibt, davor könne man die Augen nicht verschließen. Das Kommen und Gehen menschlicher Siedlungen sei ein durchaus normaler Prozess, der an sich auch nicht schwierig sei. Andererseits gebe es aber auch immer mehr Menschen, die bereit seien, für ihr Dorf zu kämpfen.

In Güsen gibt es die auf jeden Fall.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/ Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. Juli 2019 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2019, 19:06 Uhr

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