Corona-Infektion bei Wiesenhof "Sechs bis acht Personen in einer Wohnung" – keine Ausnahme in der Geflügelproduktion

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Bei einem Geflügelverarbeiter in Möckern hat sich ein Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Die Zusammenarbeit mit dem Landkreis läuft. Aber die Zustände für Mitarbeiter in der Geflügelfleischbranche sind kritisch.

Hühner hinter einem Maschendrahtzaun
In der Geflügelproduktion in Möckern gab es eine Corona-Infektion. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Christian Schroth

Nach den zahlreichen Corona-Neuinfektionen bei der Schweinefleischproduktion von Tönnies in Nordrhein-Westfalen hat es jetzt auch in Sachsen-Anhalt einen ersten direkten Corona-Fall in der Fleischindustrie gegeben – allerdings in der Geflügelproduktion. Wie der Landkreis Jerichower Land mitteilt, fiel der Covid-19-Fall bei einer Reihentestung auf. Es handle sich um einen Lkw-Fahrer der Firma "Anhaltinische Geflügelspezialitäten", die für die PHW Gruppe, speziell für deren Kernmarke Wiesenhof, Geflügelfleisch produziert. Die PHW-Gruppe ist der viertgrößte Fleischverarbeiter in Deutschland.

Schon seit Beginn der Corona-Krise arbeitete der Wiesenhof-Produzent in Möckern eng mit dem Landkreis zusammen und hat "in Abstimmung mit den zuständigen Behörden ein Hygienekonzept vorgelegt und umgesetzt. Dieses Konzept wurde an die neuen Entwicklungen angepasst", heißt es vom Jerichower Land.

Rund 400 Mitarbeiter des Unternehmens hätten sich auf Covid-19 testen lassen. Diese Tests seien eine freiwillige Maßnahme seitens des Unternehmens und der Mitarbeiter gewesen. Auch sei die Initiative in diesem Fall vom Unternehmen ausgegangen, erklärt der Landkreis.

Geschäftsführer: "Haben Hygienevorschriften verschärft"

Grafik mit den Standorten der umsatzstärksten Fleischunternehmen in Sachsen-Anhalt (Tönnies, Vion, Wiesenhof, Kaufland, Bauerngut)
Grafik mit den Standorten der umsatzstärksten Fleischunternehmen in Sachsen-Anhalt (Tönnies, Vion, Wiesenhof, Kaufland, Bauerngut) Bildrechte: Grafik MDR/Martin Paul

Auch das für Wiesenhof produzierende Unternehmen äußert sich zu den Schutzmaßnahmen. "Im Sinne des Infektionsschutzes haben wir die strengen Hygienevorschriften nochmal verschärft", erklärt Michael Schönewolf, Geschäftsführer der "Anhaltinischen Geflügelspezialitäten". Diese würden für alle Mitarbeiter gelten, "ganz gleich, ob es sich dabei um Festangestellte, Leiharbeitnehmer oder Werkvertragsbeschäftige handelt".

Laut Schönewolf sind alle Mitarbeiter darüber auch in ihrer jeweiligen Muttersprache informiert worden. Neue Maßnahmen seien unter anderen eine Schulung aller Beschäftigten auf das Hygienekonzept und das Schaffen neuer Pausenräume, damit Abstandsregelungen eingehalten werden könnten. "Um unsere Beschäftigten weiterhin so gut wie möglich vor dem Coronavirus zu schützen, werden wir auch nach der Reihentestung weiterhin risikobasierte Tests durchführen", erklärt der Geschäftsführer.

Schlachthof-Mitarbeiter: Sechs bis acht Personen pro Unterkunft

Gerade seit den aufgedeckten Umständen beim Schweineproduzenten Tönnies weiß man, dass die Situation für Mitarbeiter auf Schlachthöfen nicht immer optimal ist. Thomas Bernhard von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten meint, dass die Bedingungen in der Geflügelverarbeitung im Prinzip die gleichen sind wie in der Schweineverarbeitung.

Der Referatsleiter für Ernährung erklärt, dass ein nennenswerter Unterschied zur Schweineproduktion die Dauer der Anwesenheit in Deutschland ist. Die Menschen seien so länger vor Ort und könnten sich dadurch auch eine eigene Wohnung suchen. Dies sei aber auch stark vom Standort abhängig.

Ein Mann in Anzug lächelt in einer Nahaufnahme in die Kamera
Thomas Bernhard, Referatsleiter für Ernährung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Bildrechte: Gewerkschaft NGG

Insgesamt sind die Bedingungen genauso schlecht wie in den anderen Schlachtbranchen. Zwei Personen pro Zimmer, sechs bis acht Personen pro Wohnung. Alle benutzen das gleiche Bad und dieselbe Küche.

Thomas Bernhard Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten

Es werde versucht, möglichst viele Tiere auf einem Hof zu schlachten. Dafür brauche es von Zeit zu Zeit mehr Mitarbeiter und das auf engstem Raum – da sei aber auch die jeweilige Region ein Faktor, erklärt der Referatsleiter von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten die Lage auf den deutschen Schlachthöfen.

In Möckern, wo laut Landkreis die Mitarbeiter in angemieteten Wohnungen untergebracht sind, habe es freiwillige, stichprobenartige Begehungen von Wohnungen gegeben und dabei "wurden die Wohnungen in einem ordnungsgemäßen Zustand vorgefunden", heißt es vom Landkreis.

Niedrige Temperatur und Lüftung sind das Problem

DorotheaFrederking lächelt im freien stehend in die Kamera.
Die Landtagsabgeordnete Dorothea Frederking will die Vorsorgemaßnahmen an die besonderen Umstände in Schlachthöfen anpassen. Bildrechte: DorotheaFrederking

Die Landtagsabgeordnete Dorothea Frederking (Bündnis 90/Die Grünen) war bereits zwei Mal bei der Geflügelproduktion in Möckern – wo im Jahr 2014, nach ihren Angaben, täglich bis zu 160.000 Tiere geschlachtet wurden. Sie fordert, dass "überall, wo Leute dicht an dicht arbeiten, alle Vorsorgemaßnahmen getroffen werden müssen. Die Belüftungsanlagen tragen dazu bei, dass sich das Virus weiterverbreiten kann."

Die besondere Situation durch die niedrige Temperatur und Lüftung müsse auch bei den Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden.

Der Schutz der Mitarbeiter in Schlachthöfen muss gewährleistet sein.

Dorothea Frederking, Bündnis 90/Die Grünen


Eine aktuelle Debatte zu dem Thema Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen gibt es am Donnerstag dieser Woche im Landtag.

Kevin Poweska
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung.

In seiner Freizeit ist er gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin Poweska führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Juli 2020 | 16:00 Uhr

3 Kommentare

ossi1231 vor 16 Wochen

Atemschutzmasken | FFP1-, FFP2-, und FFP3-Masken
Und im Bayrischen Landtag ist eine FFP3-Masken verboten worden, so unglaubwürdig ist unsere politische Klasse.

kleinerfrontkaempfer vor 16 Wochen

Personalkosten sind Sachkosten. Jeder Unternehmer/Kapitalist weiß damit umzugehen.

winfried vor 16 Wochen

>>Die Zustände für Mitarbeiter in der Geflügelfleischbranche sind kritisch<<
Sind sie aber auch gesetzeswidrig ?! ... Ich meine: NEIN.

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