Verendet durch Kehlbiss? Wolfs-Streit um tote Stute bei Möckern

Stephan Schulz
Bildrechte: Anne Hasselbach

Im Jerichower Land gibt es Streit um eine Stute, die am Wochenende auf einer Pferdekoppel verendet ist. Experten vom Wolfskompetenzzentrum des Landes schließen aus, dass es ein Wolf war. Die örtliche Jägerschaft hat jedoch Zweifel.

Totes Pferd liegt auf einer Wiese.
Woran die Stute verendet ist, wird derzeit von Experten des Landesamtes für Verbraucherschutz in Stendal untersucht. Bildrechte: privat

Mathias Holzberger hat sich festgebissen. Er will unbedingt herausfinden, ob am Wochenende eine trächtige Stute auf einer Weide bei Möckern im Jerichower Land von einem Wolf gerissen wurde oder nicht. Der Besitzer des Pferdes hatte ihm am Sonntag mehrere Fotos des verendeten Tieres geschickt. Holzberger stellte sie umgehend in eine Whatsapp-Gruppe, die Jäger miteinander vernetzt. Seither rumort es in der Jägerschaft. Und nicht nur dort. Der Landrat des Jerichower Landes, Steffen Burchardt (SPD), hat sich direkt an Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) gewandt und ihn gebeten, gegen die weitere Ausbreitung des Wolfes vorzugehen. 

Mathias Holzberger, der den Vorsitz der Jägerschaft Genthin inne hat, misst dem Vorfall bei Möckern große Bedeutung bei. "Wenn sich herausstellen sollte, dass tatsächlich ein Wolf das Pferd gerissen hat, dann wäre es an der Zeit, einzelne Wölfe aus dem Bestand zu entnehmen." Holzberger will schon seit längerer Zeit erreichen, dass einzelne Wölfe geschossen werden dürfen. Deswegen dokumentiert er jeden vermeintlichen Wolfsangriff.

Schafe immer wieder Opfer von Wölfen

Am Wochenende war er am Ortsrand von Tuchheim unterwegs. Dort fielen sechs Schafe einem Wolfsangriff zum Opfer, ganz in der Nähe von Wohnhäusern. "Ein weiteres Schaf ist später an seinen Verletzungen gestorben", sagt Holzberger. Er hat vor Ort zahlreiche Fotos gemacht, die nichts für empfindliche Mägen sind. "Ich vermute, dass für den Riss bei Tuchheim ein Wolf verantwortlich ist, der auch schon Schafe in Karow, in Kade und in Paplitz gerissen hat." 

Das Landesamt für Umweltschutz hat inzwischen bestätigt, dass ein oder mehrere Wölfe die Schafe getötet haben. Die Tiere wiesen demnach wolfstypische Bisswunden auf.

Wolfskompetenzzentrum: Keine Wolfsspuren bei Stute

Im Fall der toten Stute hat die Behörde jedoch inzwischen mitgeteilt, dass die Mitarbeiter des Wolfskompetenzzentrums Iden am Pferdekadaver weder einen Kehlbiss noch andere Wunden feststellen konnten, die auf eine Beteiligung des Wolfes hindeuten. Weitere Untersuchungen sollen Klarheit zur Todesursache bringen.

Mathias Holzberger gibt sich mit der Auskunft der Wolfsexperten jedoch nicht zufrieden. Man merkt ihm deutlich an, dass er der Spur der Wölfe lieber selbst nachgeht, als sich auf offizielle Angaben zu verlassen. Dieses Misstrauen ist weit verbreitet in der Jägerschaft und unter Nutztierhaltern. 

Zwei Männer vermessen in Maisfeld Spuren.
Mathias Holzberger vermisst eine Wolfsspur in einem Maisfeld in unmittelbarer Nähe der Pferdekoppel.
Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Auf Spurensuche im Jerichower Land

Am Dienstag setzt er sich in sein Auto und fährt nach Mangelsdorf bei Jerichow, um Dirk Freudenhagen zu besuchen, den Besitzer des toten Pferdes. Freudenhagen betreibt einen kleinen Stutenmilchhof. Er erzählt, dass die Stute, um die es geht, auf einer Koppel von Freunden bei Möckern stand. Und die hätten erzählt, dass ein Mitarbeiter des Wolfskompetenzzentrums Iden einen Kehlbiss bei dem toten Tier festgestellt habe, was auf einen Wolf hindeute.

Mann steht neben Pferdekoppel.
Dirk Freudenhagen, Besitzer der toten Stute Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Mathias Holzberger will diese Aussage überprüfen. Er lässt den Stutenmilchhofbesitzer in Möckern anrufen. Der Mann am anderen Ende der Leitung bestätigt lediglich, dass der Wolfsexperte sich nicht sicher gewesen sei, was den Tod des Pferdes verursacht habe. Allerdings gebe es Wolfsspuren gleich neben der Koppel.

Holzberger wird hellhörig. Wolfsspuren? Er macht sich sofort auf den Weg nach Möckern. Unterwegs hält er noch in dem Dorf Reesen an und nimmt den Arzt Dr. Pieter Ziems, den Vorsitzenden der Jägerschaft Burg, mit auf Spurensuche. Ich fahre den beiden hinterher. Sie haben es eilig, weil schon bald die Sonne untergeht. 

In Möckern werden die Jäger von Natalie Nowacki in Empfang genommen. Sie lotst uns zur Pferdekoppel. Natalie Nowacki ist 27 Jahre alt, sie redet sich in Bruchteilen von Sekunden in Rage. Der Wolfsexperte hätte behauptet, dass "Killerfüchse" die Stute angeknabbert haben, sagt sie. Und im nächsten Moment ist davon die Rede, dass der Mitarbeiter des Wolfskompetenzzentrums Iden in einem Protokoll festgehalten habe, dass am Hals des Pferdes ein Kehlbiss zu sehen sei. "Er hat bestätigt, dass es der Wolf war." 

Wiederum kurze Zeit später stellt sich heraus, dass Natalie Nowacki gar nicht dabei war, als der Wolfsexperte sein Protokoll schrieb. Sie verweist an Florian Zedschak, der sich als Besitzer der Pferdekoppel vorstellt. Er sagt: Der Experte hat "vor Ort gesagt, es war definitiv ein Wolf und das hat er auch so in einem Protokoll festgehalten." 

Eine Frau und zwei Männer stehen auf einer Wiese mit Pferden.
Florian Zedschak, Natalie Nowacki, Christian Jahnel – auf ihrer Pferdekoppel bei Möckern wurde die tote Stute gefunden. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Widersprüchliche Aussagen

Mathias Holzberger ärgert sich über die widersprüchlichen Zeugenaussagen. Es ist nicht mehr erkennbar, was wahr ist und was vielleicht aus überschäumenden Emotionen übertrieben oder sogar falsch dargestellt wird. Deswegen fragt er nach dem Protokoll des Wolfsexperten. Doch der Besitzer der Pferdekoppel kann nichts Schriftliches vorlegen. Ihm sei keine Kopie des Protokolls ausgehändigt worden.

Holzberger kritisiert das: "Wenn ich vor Ort bin, schreibe ich die Zahlen und Daten nieder, die ich finde, und dann übergebe ich das den Betroffenen. Wenn das Protokoll zwanzig Tage später ankommt und derjenige das nicht abfotografiert hat oder einen anderen Dokumentationsnachweis hat, ist es für mich kein Protokoll." 

Obwohl die Rissbegutachtung des Wolfskompetenzzentrums Iden und des Landesamtes für Verbraucherschutz ergeben hat, dass Wölfe für den Tod der Stute nicht verantwortlich sein können, hält Holzberger eine Beteiligung von Wölfen weiterhin für denkbar.

Und so lässt er sich das Maisfeld zeigen, in dem die Pferdebesitzer Wolfsspuren entdeckt haben wollen. Ganz in der Nähe der Koppel sind dann tatsächlich Wolfsspuren zu sehen. Holzberger geht in die Hocke und vermisst mit einem Zollstock die Spur. "Hier vorn sehen Sie schön die beiden Krallen", sagt er. "Das ist ein Altwolf, ich schätze mal 50 bis 70 Kilo." 

Eine Hand zeigt auf Spur im Boden, daneben liegt ein Zollstock.
Die Wolfsspur wird fotografiert und vermessen. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Ein totes Pferd, Wolfsspuren neben der Koppel, Holzberger zieht daraus seine Schlüsse. "Zumindest beweist es, dass Todeszeitraum der Stute und die Wolfsfährte zeitlich zueinander passen."

Untersuchungen zur Todesursache der Stute laufen

Das Wolfskompetenzzentrum Iden verfolgt eine mögliche Wolfsspur bei dem getöteten Pferd nicht mehr. Woran das Tier gestorben ist, soll im Labor des Landesamtes für Verbraucherschutz in Stendal festgestellt werden. Das Landesamt für Umweltschutz teilte schriftlich mit: "Je nach Umfang der erforderlichen tierärztlichen Untersuchungen wird ein Befund in den nächsten Wochen vorliegen."

Stephan Schulz
Bildrechte: Anne Hasselbach

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik so selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt und spricht er so gern darüber. Stephan Schulz ist seit 2001 festangestellter Redakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Außerdem ist er einer der beiden Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 30. September 2020 | 08:10 Uhr

1 Kommentar

aus Elbflorenz vor 3 Wochen

Ein aus Steuermitteln der Allgemeinheit finanziertes Wolfskompetenzzentrum hat keine Foto- oder Videoaufnahmen gemacht und auch sonst eine sorgfältige Dokumentation unterlassen? Das hätte jeder Schüler nach einem Jahr Biologieunterricht besser hinbekommen.
Wenn es um Schadensersatzansprüche geht, fragt sich zu wessen Lasten eine völlig unzureichende Dokumentation geht? Zu Lasten des Geschädigten oder zu Lasten des Landes, welches das Kompetenzzentrum beauftragt und mit Mitteln ausgestattet hat und für dessen ordnungsgemäße Arbeit durch Überwachung sorgen muss? Es würde mich nicht wundern, wenn ein Gericht in einer unterbliebenen oder unzureichenden Dokumentation (entsprechend einer entsprechenden Handlungsanleitung) schon fast eine Beweisvereitelung sieht und das Land - wenn zumindest eine Indiziengrundlage für einen Verdacht auf einen Wolfsriss gibt - zur Zahlung verpflichtet.

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