Nach erneutem Wolfsangriff Warum der Wolf im Jerichower Land nicht geschossen werden darf

Die Nerven bei den Schäfern in Sachsen-Anhalt liegen blank. Erneut haben Wölfe mehrere Schafe im Jerichower Land gerissen. Schäfer wie Uwe Wilberg sehen durch die Wolfsattacken ihre Existenz bedroht. Auch nach der Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes gibt es keine Lösung im Jerichower Land.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein totes Schaf auf einer Weide. Gerissen wurde es vermutlich durch einen Wolf.
Über 30 Schafe wurden in dieser Woche bei mehreren Wolfsangriffen gerissen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

54 Mal haben Wölfe zwischen Januar und September im Jerichower Land Weidetiere gerissen. Zehnmal öfter als im gesamten Jahr 2018. Die Statistik ist noch nicht komplett, weil DNA-Analysen Zeit brauchen. Noch mehrere Untersuchungen stehen aus nach Attacken, die vermutlich auch auf das Konto von Wölfen gehen.

Uwe Wilberg war bereits 12 Mal betroffen. Im Herbst verzeichnete er eine Reihe von Angriffen, bei denen er 40 seiner 450 Schafe verlor. Erst in dieser Woche rissen Wölfe vier Tiere seiner Herde, die bei Gladau steht, alles trächtige Mutterschafe. Dazu gab es auch noch zwei weitere Angriffe – einen bei Zerbst mit elf toten Schafen und einen in der Altmark mit 18 gerissenen Tieren.

Schutzzaun hat nicht geholfen

Schafsherde auf einer Weide im Jerichower Land
Uwe Wilbergs Schafe auf einer Weide in Gladau Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

"Wir hatten einen Rappa-Zaun aufgebaut. Es kommen immer zwei Leute, die das Land bezahlt", verrät der Schäfer aus Krüssau. "Aber der Wolf ist einfach drüber gesprungen". Die sogenannten Rappa-Zäune gelten als sicher. 1,20 Meter sind sie hoch, führen 12.000 Volt, zudem wurden sie durch einen Herdenschutzexperten gebaut. Normalerweise graben sich Wölfe unter Zäunen durch, wenn die nicht genug Strom führen. Hier haben es die Raubtiere offenbar gelernt zu springen. Ein Wolf, der springt, ist gefährlich, denn er kann jeden Zaun überwinden.

Herdenschutzhunde wären ein letztes Mittel, doch für die völlig verängstigte Herde von Uwe Wilberg ist das zumindest jetzt keine Option. "Die Schafe werden schon panisch, wenn sich ein Auto nähert", sagt der Schäfer.

Höchste Wolfsdichte Deutschlands

Das Jerichower Land ist der Landkreis mit der höchsten Wolfsdichte in Deutschland. Mehrere Rudel sind auf den Truppenübungsplätzen zu Hause. Schon vor zwei Jahren hat der Kreistag eine Resolution beschlossen, in der ein verantwortungsvolles Wolfsmanagement angemahnt wird. Darin wird ausdrücklich auch eine Entnahme, sprich der Abschuss, von Wölfen gefordert.

Landrat Steffen Burchhardt hatte sich nach einem Krisengespräch mit Wolfskompetenzzentrum und Umweltministerium Ende November bereit erklärt, erst noch weitere Maßnahmen zu probieren, bevor er einen Antrag auf Abschuss stellt. Doch nach dem letzten Riss vom 18. Dezember sei nun der Punkt gekommen, wo es kaum noch Mittel gebe. "Alle Maßnahmen haben nicht gefruchtet", glaubt der Landrat, "Wölfe, die vormachen, wie man Nutztiere reißt, müssen vergrämt, und wenn das nichts hilft, entnommen werden." Inzwischen sei es so, so Steffen Burchhardt, dass die Wölfe sich immer weiter an Siedlungen heranwagen und Sichtungen keine Seltenheit mehr sind.

Bundestag beschloss leichteren Abschuss von Wölfen

Im Dezember änderte der Bundestag das Bundesnaturschutzgesetz und will den Abschuss von Wölfen sogar rudelweise erlauben. Nach Ansicht von Sachsen-Anhalts Umweltstaatssekretär Klaus Rehda wird das aber wenig am Umgang mit auffälligen Wölfen ändern. "Der Bundestag hat zwar solche Intentionen beschlossen, aber das EU-Recht sagt etwas anderes. Wir werden uns definitiv an EU-Recht halten. Wir müssen jeden einzelnen Abschuss genehmigen, und das werden wir uns sehr genau überlegen."

Problematischer Leitrüde – keine schnelle Lösung in Sicht

Die Situation im Jerichower Land ist auch deshalb kompliziert, weil bei Übergriffen auf Weidetiere mehrfach ein und derselbe Wolf ausgemacht wurde: der Leitrüde des Parchener Rudels. Dieses Tier hat offenbar auch schon andere Wölfe gelehrt, wie man Zäune bezwingt. Peter Schmiedtchen von der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe hält es für problematisch, die Elterntiere eines Rudels zu schießen. Dies berge die Gefahr, dass das Rudel zerbricht und noch mehr Probleme auftauchen.

"Aber so weit sind wir noch nicht", versichert Klaus Rehda. "Wir wollen den Wolf jetzt fangen, ihn identifizieren und mit einem Sender versehen. Wenn sich bestätigt, dass es immer wieder derselbe Wolf ist, werden mit Hilfe von Jägern zunächst Vergrämungsmaßnahmen eingesetzt. Erst wenn das nichts bringt, wird über Entnahme nachgedacht." Auch Peter Schmiedtchen spricht sich dafür aus, zunächst alle Möglichkeiten ausschöpfen, bevor man einen Abschuss erwägt.

Der Landrat fügt sich zähneknirschend. Eine schnelle Lösung wird es im Jerichower Land nicht geben.

Schäfer Wilberg rechnet jederzeit mit neuem Angriff

"Das Land hat Schäfer Uwe Wilberg über Monate mit einem Problem allein gelassen", beklagt Wolfsschützer Peter Schmiedtchen und kritisiert die mangelnde Beratung zum Herdenschutz. So konnte der Wolf über die Zeit lernen, wie er die Nutztiere reißen kann.

In Sorge um seine Schafe fährt Wilberg jede Nacht zu seiner Herde; Familienmitglieder unterstützen ihn. Er hat einen zweiten Zaun hinter den ersten gebaut. In der Hoffnung, dass der Wolf hineinspringt und mit dem Strom in Berührung kommt. Die letzten Monate haben an seinen Nerven gezehrt. Jeden Morgen rechnet er mit Spuren eines weiteren Angriffs. Entschädigung habe er bis heute noch nicht gesehen. Die, so findet er, ist ohnehin viel zu niedrig angesetzt. "Sie berechnen für jedes Schaf nur 45 Kilo. Meine Schafe wiegen aber 85 Kilo." Viele der Schafe hätten zudem im Februar lammen sollen und zwölf sind verletzt.

Auch das ist übrigens eine Forderung des Landkreises. Der Schadensausgleich müsse ein Vollkostenausgleich werden. Auch diese Forderung wurde einstimmig beschlossen. Für Landrat Steffen Burchhardt ein Muss: "Den Schäfern geht es ohnehin nicht gut, wir können nicht zulassen, dass noch mehr aufgeben. Die Schäfer gehören in unsere Landschaft."

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele – dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/pat,sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2019, 11:44 Uhr

5 Kommentare

Userin vor 8 Wochen

DOCH der Wolf gehört in die Natur. Unsere Jäger dulden halt keine Konkurrenz wie Wolf und Bär und deswegen wurden sie gejagt und getötet. Es gibt nicht nur ein paar Aktivisten, viele Menschen wollen den Wolf hier haben. Tja, die Tierhalter meckern - ordentliche Schutzmaßnahmen und gut, bei Rissen unbürokratische Hilfe. Sie haben wohl Angst der Wolf will sie fressen? Sie werden keinem Wolf im Wald begegnen.

Userin vor 8 Wochen

Der Wolf gehört hier her. Tja wenn der Mensch in den Lebensraum von Tieren kommt gibt es Probleme. Was muss man sinnlos in der Wildnis rumlaufen? Lauf doch in deiner Kulturlandschaft spazieren.

tilleulenspiegel vor 8 Wochen

Lesen Sie den "Mist", den Sie hier schreiben, nochmals durch bevor er gesendet wird?! Anscheinend nicht!! "Liebe Grüße" von einem der "paar Aktivisten"! Das zuvor Geschriebene gilt genauso für den Beitrag von "maheba" - ALLES BEIDE GAGA!!!

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