Endstation Mediensucht Wenn die virtuelle Welt die reale Welt verdrängt hat

Wenn es zur quälenden Sucht wird, im Internet von Seite zu Seite zu springen, dann kann manchen nur noch eine Therapie helfen. Schloss Wendgräben im Jerichower Land ist ein Ort dafür. Ein Besuch.

von Stefan Bauerschäfer, MDR SACHSEN-ANHALT

Mann im Dunkeln vor Computer
Endstation Mediensucht: Auf Schloss Wendgräben im Jerichower Land wird denen geholfen, die mediensüchtig sind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schloss Wendgräben im Jerichower Land. Man kommt nicht zufällig hier vorbei. Der Herrensitz im englischen Landhausstil liegt mitten im Wald, am Ende einer Sackgasse. Handyempfang gibt es hier nicht. Für Alex* ist das ein Segen. Der 17-Jährige ist seit sieben Wochen hier im "Gezeitenhaus", einem privaten Fachkrankenhaus für Psychosomatische Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin. Alex hat schon mehrere stationäre Therapien hinter sich. Erst hier in Wendgräben haben sie festgestellt: Alex ist mediensüchtig.

Ein junger Mann steht vor einem Treppenaufgang
Alex ist nicht sein richtiger Name. Der Jugendliche lässt auf Wengräben gegen seine Onlinesucht helfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es war kein Ausgleich, keine Erholung. Es hat quasi mein Leben erfüllt", gibt der junge Mann zu. Es hat eine Weile gedauert, bis er eingewilligt hat, mit uns zu sprechen. Man sieht ihm an, dass er viel durchgemacht hat. Und immer noch durchmacht. Wann das alles losging, kann er heute nicht mehr sagen. Aufgewachsen sei er mit dem Fernsehen. Später mit den Smartphones kamen die sozialen Medien. Aber auch Konsolen- oder Onlinespiele waren immer dabei. Und irgendwann, als es ihm selbst zu viel wurde, da habe er versucht, das Ganze mit Netflix und Amazon zu kompensieren. Dass auch hier die Gefahr der Abhängigkeit lauern könnte, sei ihm damals gar nicht so bewusst gewesen. "Es wird total verharmlost. Alle machen das, und alle reden drüber." Es ist wie ein Wettbewerb. Binge-Watching, nur noch eine Folge, Staffel, Serie. Eine Grenze gibt es nicht.

600.000 Mediensüchtige bundesweit

Einer bundesweiten Erhebung zufolge sind 600.000 Menschen in Deutschland mediensüchtig. Mindestens 2,5 Millionen Nutzer gelten als problematisch. Diese Zahlen hat die BLIKK-Studie der Bundesdrogenbauftragten Marlene Mortler bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht. Aber in Deutschland gilt Mediensucht nach wie vor nicht als eine Krankheit. Das könnte sich ändern. Denn: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat angekündigt, Mediensucht in ihren neuen Krankheitskatalog (ICD-Katalog) mit aufzunehmen.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch
Dr. Klaus von Ploetz, Psychiater und Psychotherapeut am "Gezeitenhaus" Wendgräben Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch wie lässt sich diese Krankheit therapieren? "Es gibt noch keine guten Untersuchungen über die Heilungschancen, weil eben die Diagnose Internet- oder Mediensucht eigentlich ein sehr frisches Geschehen ist", sagt Dr. Klaus von Ploetz, Psychiater und Psychotherapeut am "Gezeitenhaus" Wendgräben. Entsprechend schwer tun sich die Kassen mit der Kostenübernahme für eine solche Behandlung. Hinzu komme die Schwierigkeit, den Betroffenen von seinem Problem zu überzeugen.

Meist seien es Jugendliche, die von ihren Eltern gebracht werden. Allein die Vorstellung, dass hier in Wendgräben weder Handy noch Fernsehen oder Computer zugelassen sind, löse massiven Widerstand gegen eine Behandlung aus. "Interessanterweise sind die Entzugserscheinungen bei Medien-Entzug dieselben wie bei Alkohol oder anderen Suchtstoffen: Zittern, Schweißausbruch, motorische Unruhe ... und eben ein Riesenverlangen nach etwas, das diese Leere vermeintlich füllen könnte." Deshalb setze man hier in Wendgräben auf bewährte Therapiekonzepte aus anderen Suchtbereichen.

Ein gesellschaftliches Problem

Doch woher kommt dieses Bedürfnis nach virtueller Weltflucht? Man habe es hier mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun, betont von Ploetz. "Es ist ein Thema der Bindungsschwierigkeit, die Menschen in unserer Gesellschaft zunehmend haben, weil wir natürlich in einer Gesellschaft leben, die hohe Anforderungen stellt." Das gehe schon bei den Kindern los. Anstatt zu fragen, warum ein Kind nicht in der Schule mitkommt oder zurückgezogen ist, denke man heutzutage viel zu schnell über Sonderschule oder dergleichen nach.

Dabei seien es vielleicht einfach schüchterne Kinder, die Unterstützung brauchen. Solche Kinder neigten sehr stark dazu, ihre Zuflucht in Medien zu suchen, die es einem einfacher machen, die eigene Schüchternheit zu überwinden Das gelte übrigens auch für Erwachsene, sagt von Ploetz. Nur können die es eben meist noch besser einschätzen, weil sie in der Regel noch ohne Internet aufgewachsen sind und entsprechende Alternativen kennen.

Zwei Menschen sitzen vor der Kulisse einer altehrwürdigen Villa
Handyempfang gibt es auf Schloss Wendgräben nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kriterien für Mediensucht

Um zu erkennen, ob man selbst gefährdet ist, sollte man sich dennoch regelmäßig selbst überprüfen. Von Ploetz nennt vier Kriterien: wenn jemand sich so sehr einengen lässt von "seinem Medium", dass es ihn aus seinen sozialen Kontakten herauszieht. Wenn man die Kontrolle verliert über seinen Genuss, also nicht mehr aufhören kann, obwohl man merkt, dass es einem schaden könnte.

Entzugserscheinungen sind ein weiteres Merkmal: man wird unruhig, wenn man gerade nicht an sein Handy kommt. Und meist lassen sich relativ schnell negative soziale Folgen erkennen: Man gibt seinem Körper keine Aufmerksamkeit mehr, man fängt an sich zu überessen oder wenig zu essen oder zu trinken, geht nicht mehr zur Arbeit oder zur Vorlesung. Ein schleichender Prozess also, der dazu führt, dass jemand zum modernen Einsiedler wird, erklärt von Ploetz.

Auch Alex hat all diese Phasen durchlebt. "Es ist schwer zu bemerken, wo es anfängt, ein Problem zu werden und wie ernst das schon ist", sagt er. Für seine Zukunft wünscht er sich vor allem ein geregeltes Leben. Hier in Wendgräben hat er viele Strategien erlernt, die er draußen einsetzen will. Das Wichtigste für ihn momentan: Normalität. "Ich würd's halt keinem wünschen, dass er jemals so einen Kontakt zu Medien hat wie ich damals."

*Name von der Redaktion geändert

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Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. September 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2018, 16:06 Uhr

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1 Kommentar

16.09.2018 10:17 Kinderglaube 1

In der politischen Diskussion ist doch schon längst die
Pipi Langstrumpf- Welt angekommen.

Keiner lernt mehr was,

Keiner weiss mehr was,

Keiner liest mehr was und

Jeder glaubt nur noch,
dass die Welt so ist oder
sein soll wie er sie sich ausmalt.