Knochenmarkspende für todkranken Jungen aus den USA Wie Mario Scharfe aus Wernigerode zum Lebensretter wurde

Riley ist noch ein Baby – und droht zu sterben. Der kleine Junge aus Texas leidet an einer seltenen Erkrankung des Immunsystems. Doch eine Knochenmarkspende eines Mannes aus dem Harz rettet ihm das Leben. Sechs Jahre später treffen beide erstmals aufeinander – für Spender Mario Scharfe einer der emotionalsten Momente seines Lebens.

Daniel George
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von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Mario Scharfe und Riley
Mario Scharfe und Riley (r.) werden sich bald zum ersten Mal treffen. (Fotomontage) Bildrechte: MDR/Schörm/George

Beim Blick auf den Kalender wird Mario Scharfe nervös. Etwas mehr als eine Woche noch, dann geht es los. Einfach ins Flugzeug steigen und "alles auf mich zukommen lassen", das ist sein Plan. Denn: "Ich weiß gar nicht, was mich dort erwartet", sagt der 33-Jährige aus dem Harz. Und: "Ich weiß auch gar nicht, ob der Kleine versteht, wer ich bin – und dass er ohne mich nicht mehr leben würde."

Er, das ist Riley aus den USA. Heute sechseinhalb Jahre alt, damals noch ein Baby. Ein kleiner Junge, erkrankt an einer seltenen Erkrankung des Immunsystems, der die ersten Monate seines Lebens im Krankenhaus verbrachte. Bis zum entscheidenden Moment: der Knochenmarkspende von Mario Scharfe, gebürtig aus Benneckenstein.

Mutter und Onkel an Krebs gestorben

Der 1. August 2019 wird zu den emotionalsten Tagen seines Lebens gehören – da ist sich Mario Scharfe schon sicher. Seine Mutter ist vor vier Jahren an Krebs gestorben, der Onkel auch. "Für mich war das nie eine Frage, ob ich helfe." Die Antwort war klar: ja. Und nun, sechs Jahre nach der Spende, wird Scharfe den kleinen Jungen, dem er das Leben gerettet hat, zum ersten Mal kennenlernen. "So richtig", sagt er, "sackt das jetzt erst alles, was damals überhaupt so richtig passiert ist."

Mario Scharfe, Knochenmarkspender aus Wernigerode
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Ob es ein Mann oder eine Frau war, alt oder jung, schwarz oder weiß, das war mir vollkommen egal. Hauptsache, ein Menschenleben retten.

Knochenmarkspender Mario Scharfe

Die Geschichte in ihren bedeutendsten Zügen: Vor zehn Jahren erkrankt ein Feuerwehrmann aus einem Nachbarort an Leukämie und sucht einen Stammzellspender. Sich typisieren lassen? Ehrensache für Mario Scharfe. Schließlich engagiert er sich selbst in der freiwilligen Feuerwehr. Sein Kollege findet einen Spender. Der kleine Riley war damals noch gar nicht geboren. Und für Scharfe gerät die Registrierung in der Stammzellspenderdatei in Vergessenheit.

Etwa drei Jahre später liegt ein Brief der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, die heute nur noch DKMS heißt, in seinem Postkasten. "Darin stand, dass ich als Spender infrage komme", erinnert sich Scharfe im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Also ab zum Arzt: Blutprobe. Danach weitere Untersuchungen in einer Spezial-Klinik in Köln. Dann herrscht Gewissheit: Er kann Riley das Leben retten.

Zweijährige Kontaktsperre zwischen Spender und Empfänger

Am 1. August 2013 werden Scharfe unter Vollnarkose 800 Milliliter Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen. "Das war kein gefährlicher Eingriff oder so. Danach tat es an der Stelle noch zwei, drei Tage etwas weh, als ob ich mich gestoßen hätte, mehr nicht", sagt Scharfe. Die Transplantation hilft Riley, die Immunkrankheit Hämophagozytische Lymphohistiozytose (HLH) zu besiegen. "Ich wusste damals nur, dass ich einem kleinen Jungen aus den USA das Leben gerettet habe", sagt Scharfe. "Da habe ich schon geschluckt. Aber ob es ein Mann oder eine Frau war, alt oder jung, schwarz oder weiß, das war mir eigentlich vollkommen egal. Hauptsache, ein Menschenleben retten."

Zwei Jahre lang dürfen Spender und Empfänger nach den deutschen Richtlinien nur anonym Kontakt haben. "Mir war wichtig, zu wissen, wie es demjenigen geht", sagt Scharfe. "Ich wusste dann aber nur, dass ich einem kleinen Jungen aus den USA das Leben gerettet habe." Nach Ablauf der Kontaktsperre schrieb er den Eltern von Riley, Stephanie und Daylon, auf Facebook. Sie tauschten sich immer wieder über den Gesundheitszustand von Riley aus. Der Kontakt blieb über die Jahre bestehen.

"Du kannst dich auch wie der Vater von Riley fühlen"

Eine Reise in die USA? Illusorisch für Scharfe, der als Maschinenführer bei einem Schreibartikelhersteller in Wernigerode arbeitet: "Das konnte ich mir einfach nicht leisten." Doch Anfang dieses Jahres meldete sich die Großtante von Riley per Facebook bei ihm. "Sie wollte wissen, wann ich Urlaub habe", erinnert er sich. "Und dann hat sie angeboten, mir den Flug zu bezahlen, damit ich Riley und die ganze Familie treffen kann."

Scharfe zögerte. 1.400 Euro für die Flugtickets von einer Fremden annehmen? "Ich habe mich sehr schwer getan", sagt der 33-Jährige. "Ich will nichts geschenkt haben. Ich will niemanden ausnutzen." Doch seine Freunde hätten ihm zugeredet: "Sie haben gesagt, dass das ein Zeichen von Respekt und Dankbarkeit ist. Und da haben sie ja auch Recht." Scharfe beantragte einen Reisepass. In etwas mehr als einer Woche hebt sein Flieger in Frankfurt am Main nun schon ab – kurzer Zwischenstopp in Chicago, dann weiter nach Dallas, schließlich noch zwei Autostunden nach Mineola, wo Riley wohnt. "Richtig bei den Cowboys", sagt Scharfe mit einem Grinsen im Gesicht.

Riley und seine Mutter
Riley (r.) und seine Mutter Stephanie Bildrechte: Mario Scharfe

Aus dem kranken Baby von damals ist ein gesunder Junge geworden, der gerne Softball spielt und bald eingeschult wird. Die Eltern haben Mario Scharfe regelmäßig Fotos geschickt. Und zum Vatertag habe Rileys Dad ihm gratuliert und geschrieben: "Du kannst dich auch wie der Vater von Riley fühlen."

"Mund auf, Stäbchen rein, Retter sein – so einfach geht das!"

Manchmal nimmt das Schicksal skurille Züge an. So ist es Zufall, dass Mario Scharfe ausgerechnet am Jahrestag der Knochenmarkspende auf Riley treffen wird. "Da haben wir Betriebsferien." Und auch seinen 34. Geburtstag wird er in Texas feiern, am 9. August. Erst zwei Tage später geht es zurück nach Deutschland. "Das wird für mich alles ein wahnsinniges Erlebnis."

Die Stammzellspende liegt Mario Scharfe am Herzen. Er will die Menschen für das Thema sensibilisieren, weil er glaubt, dass es viele Vorurteile gibt, manche Knochenmark zum Beispiel mit Rückenmark gleichsetzen. Deshalb hat er sich per Facebook an MDR SACHSEN-ANHALT gewandt, auch der Volksstimme und der Mitteldeutschen Zeitung ein Interview gegeben. Auf Facebook will er die Menschen über seine Reise in die USA informieren.

"Ich will nicht berühmt werden, das ist überhaupt nicht mein Ziel", sagt er. "Ich will einfach nur, dass die Leute wissen, worum es bei der Stammzellspende geht und sich nicht nur registrieren lassen, wenn sie persönlich betroffen sind. Mund auf, Stäbchen rein, Retter sein – so einfach geht das! Ich bin doch das beste Beispiel dafür."

Der Besuch des Lebensretters aus Deutschland wird für Riley und seine Eltern eine Überraschung. Wohnen wird Scharfe bei der Großtante. Sie hat nichts verraten. Am 1. August geht es ins Krankenhaus, wo Riley einen Termin für eine Kontrolluntersuchung hat. "Dann werde ich plötzlich da stehen", sagt Scharfe. "Das wird unglaublich emotional." Zum ersten Mal werden sie sich in die Augen sehen, der Mann aus dem Harz und der kleine Junge aus Texas – und sie werden gemeinsam das Leben feiern.

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. Juli 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 08:22 Uhr

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1 Kommentar

22.07.2019 19:40 Volker Glaser 1

Ich kann nur sagen, super Mario !!! Schon als Kind ist er als kleiner Knirbs der Freiwilligen Feuerwehr in Benneckenstein bei getreten. Seine Motivation: Menschen retten. Das hat er sich bis heute auf seine Fahne geschrieben und das mit Erfolg. Er zeigt uns auch auf, dass viele von uns umdenken sollten und durch Blutspenden und hier die Knochenmarkspende von Mario viele Menschenleben retten könnten. Vielleicht sogar würdest du oder ich auf so eine Hilfe angewiesen sein. Keine Spende, keine Hilfe! Mario Scharfe Hut ab vor dir. Gruß Volker Glaser

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