Knöllchen-Analyse Sechs Fakten über Falschparker in Magdeburg

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Um welche Uhrzeit wurden die meisten "Knöllchen" verteilt, welche Straßen sind besonders betroffen? MDR SACHSEN-ANHALT hat erstmals Daten zu mehr als 83.000 Strafzetteln aus Magdeburg ausgewertet. Das sind die Ergebnisse.

Eine Mitarbeiterin vom Ordnungsamt steckt ein Knöllchen an eine Windschutzscheibe.
2018 wurden mehr als 83.000 Knöllchen in Magdeburg verteilt und bescherten dem Stadthaushalt Einnahmen von mehr als einer Million Euro. Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Im Jahr 2018 wurden in Magdeburg rund 83.600 Park- und Halteverstöße geahndet. Das bedeutet: An jedem einzelnen Tag wurden durchschnittlich 229 – umgangssprachlich – "Knöllchen" verteilt. Jährlich fließen dadurch zwischen 1 und 1,5 Millionen Euro in den städtischen Haushalt.

Für das Jahr 2018 hat MDR SACHSEN-ANHALT für jedes einzelne Knöllchen Daten wie Uhrzeit, Straße und Art des Delikts in einer automatisierten Analyse untersucht. Damit ist es erstmals möglich, die Falschparker-Situation in der Landeshauptstadt detailliert zu untersuchen und folgende sechs Erkenntnisse daraus abzuleiten:

1: Knöllchen wurden (fast) nur zwischen 7 und 19 Uhr verteilt

97 Prozent aller Knöllchen im Jahr 2018 wurden zwischen 7 und 19 Uhr verteilt. Davor und danach fällt die Zahl der verteilten Strafzettel enorm ab. Am aktivsten waren die Verkehrsüberwacher am Nachmittag zwischen 16 und 17 Uhr. Gerd vom Baur, Leiter des ordnungsamtlichen Außendienstes der Stadt Magdeburg, hatte Gelegenheit, zu allen Ergebnissen der Knöllchen-Analyse gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT Stellung zu beziehen.

Foto von Gerd vom Baur, Leiter des ordnungsamtlichen Außendienstes.
Gerd vom Baur Bildrechte: Stadt Magdeburg

Das sagt das Ordnungsamt: Die zeitliche Verteilung habe vor allem zwei wesentliche Gründe. Zum einen waren 2018 rund die Hälfte aller Knöllchen in Magdeburg auf Verstöße gegen Parkzeit-Regelungen zurückzuführen. Dazu gehören vor allem die Zonen, in denen tagsüber nur gegen Gebühr mit Parkschein geparkt werden darf. Innerhalb dieses Zeitraums – zum Beispiel zwischen 8 und 20 Uhr – werden dann sehr viele Delikte festgestellt, davor und danach nicht.

Zum anderen sei es schlichtweg auch die Frage, wie das vorhandene Personal eingesetzt wird. Ab 20 Uhr seien momentan im Durchschnitt vier Mitarbeiter für das ganze Stadtgebiet im Einsatz. Diese seien aber vor allem wegen Lärmbelästigungen im Einsatz, für Verkehrsüberwachung bleibe da nicht viel Zeit.

2: Kaum Knöllchen an Wochenenden und Feiertagen

Aus der Knöllchen-Analyse geht weiterhin hervor, dass 2018 an Wochenenden – insbesondere sonntags – deutlich weniger Park- und Halteverstöße geahndet wurden als wochentags. Noch deutlicher wird das bei den Feiertagen. Dort wurde nur ein Bruchteil der sonst täglich üblichen Knöllchen verteilt, an manchen Feiertagen sogar gar keins. Beispiele dafür waren Karfreitag, Tag der Deutschen Einheit und Weihnachten.

Das sagt das Ordnungsamt: Auch hier lautet die Begründung, dass in vielen Bereichen am Wochenende keine Parkscheine gelöst werden müssen und es damit auch deutlich weniger Vergehen gibt. Darüber hinaus sei am Wochenende deutlich weniger Personal für Kontrollen verfügbar als unter der Woche. Ausnahmen davon seien Sondereinsätze bei größeren Ereignissen wie dem Weihnachtsmarkt sowie Sport- oder Musikveranstaltungen. Vereinzelt würden dann bei gezielten Aktionen mehr Verkehrsüberwacher eingesetzt.

3: Die meisten Verstöße gab es in der Altstadt

Wie viele Strafzettel im jeweiligen Postleitzahlgebiet verteilt wurden, erfahren Sie beim Klicken auf die Karte. Wenn Ihnen die Karte nicht angezeigt wird, ist möglicherweise Ihr Browser zu alt – bitte nutzen Sie dann eine aktuelle Browser-Version von Chrome, Firefox oder Edge.

Unter den zehn Straßen, in denen 2018 die meisten Knöllchen verteilt wurden, liegen alle – mit Ausnahme der Halberstädter Straße – im Stadtzentrum im Postleitzahlbereich 39104. An zweiter Stelle liegt der Bereich 39108, also hauptsächlich Stadtfeld-Ost. Dieser Stadtteil wurde auch von den Facebook-Usern bei MDR SACHSEN-ANHALT als der große Falschparker-Hotspot der Landeshauptstadt genannt.

Das offizielle Straßenverzeichnis der Stadt umfasst mehr als 1.700 Straßen, in jeder Dritten wurde mindestens ein Knöllchen verteilt. Wo genau in Ihrem Viertel die meisten Knöllchen verteilt wurden, erfahren Sie mit einem Klick auf die jeweilige Aufklappbox:

39104

  1. Breiter Weg: 7.536 Knöllchen
  2. Julius-Bremer-Straße: 3.072 Knöllchen
  3. Domplatz: 2.259 Knöllchen

39106

  1. Lüneburger Straße: 473 Knöllchen
  2. Telemannstraße: 443 Knöllchen
  3. Rollenhagenstraße: 359 Knöllchen

39108

  1. Lessingstraße: 839 Knöllchen
  2. Westernplan: 799 Knöllchen
  3. Annastraße: 669 Knöllchen

39110

  1. Olvenstedter Chaussee: 158 Knöllchen
  2. Fröbelstraße: 97 Knöllchen
  3. Hohendodeleber Straße: 25 Knöllchen

39112

  1. Halberstädter Straße: 1.447 Knöllchen
  2. Leipziger Straße: 721 Knöllchen
  3. Schäfferstraße: 622 Knöllchen

39114

  1. Kleiner Stadtmarsch: 452 Knöllchen
  2. Heinrich-Heine-Platz: 262 Knöllchen
  3. Friedrich-Ebert-Straße: 251 Knöllchen

39116

  1. Otto-Richter-Straße: 297 Knöllchen
  2. Hansapark: 160 Knöllchen
  3. Seepark: 45 Knöllchen

39118

  1. Hermann-Hesse-Straße: 57 Knöllchen
  2. Brenneckestraße: 21 Knöllchen
  3. Lunochodstraße: 18 Knöllchen

39120

  1. Carnotstraße: 12 Knöllchen
  2. Bertolt-Brecht-Straße: 9 Knöllchen
  3. Doctor-Eisenbart-Ring: 8 Knöllchen

39122

  1. Alt Salbke: 46 Knöllchen
  2. Randauer Straße: 40 Knöllchen
  3. Mühlinger Straße: 39 Knöllchen

39124

  1. Lübecker Straße: 417 Knöllchen
  2. Nachtweide: 370 Knöllchen
  3. Moritzstraße: 337 Knöllchen

39126

  1. Salvador-Allende-Straße: 125 Knöllchen
  2. Lumumbastraße: 51 Knöllchen
  3. Dr.-Grosz-Straße: 26 Knöllchen

39128

  1. An der Steinkuhle: 352 Knöllchen
  2. Johannes-R.-Becher-Straße: 32 Knöllchen
  3. Hugo-Junkers-Allee: 25 Knöllchen

39130

  1. Bruno-Taut-Ring: 55 Knöllchen
  2. Rennebogen: 20 Knöllchen
  3. Hans-Grade-Straße: 13 Knöllchen

Das sagt das Ordnungsamt: Wie typischerweise in allen größeren Städten sei auch in Magdeburg das Stadtzentrum eine sogenannte Parkraumbewirtschaftungszone. In diesem Bereich muss mit Einschränkungen und Verboten der Verkehr gesteuert werden, da gerade tagsüber die Nachfrage nach Parkplätzen das vorhandene Angebot überschreite. Und diese Steuerung gelinge nur, wenn in diesen Bereichen regelmäßig kontrolliert wird.

4: Parken ohne Parkschein sehr beliebt

Fast jedes dritte Knöllchen wurde im Jahr 2018 für das Parken ohne Parkschein bzw. die Überschreitung der Parkzeit um bis zu 30 Minuten verteilt. Insgesamt wurden 135 verschiedene Halte- und Parkverstöße sanktioniert. Dazu gehörten beispielsweise das Verlassen des Autos ohne alle Türen und Fenster zu schließen (Vier Knöllchen mit je 15 Euro Strafe) oder das Parken vor oder in einer amtlich gekennzeichneten Feuerwehrzufahrt (284 Knöllchen mit je 35 Euro Strafe).

Das sagt das Ordnungsamt: Verwunderlich sei, dass trotz einer Strafe von 10 Euro das Parken ohne Parkschein so verbreitet sei. Beim Parken auf Gehwegen oder Halteverbotszonen hingegen komme von Autofahrern sehr oft die Ausrede, dass sie "nur schnell" zum Bäcker, zur Bank oder in ein Geschäft gegangen seien. Ein nachhaltiger verkehrserzieherischer Effekt würde sich wahrscheinlich erst einstellen, wenn die bundeseinheitlichen Strafen drastisch angehoben werden würden.

5: Das soll sich ändern

Nach eigener Aussage wertet der ordnungsamtliche Außendienst seine Knöllchen-Daten regelmäßig intern aus, um gegebenenfalls die Touren der Verkehrsüberwacher anzupassen und sich auf neues Parkverhalten einzustellen. Seit Mai 2019 sind zudem mehrmals pro Woche Mitarbeiter des Ordnungsamts mit E-Bikes im Stadtgebiet unterwegs, um insbesondere Park- und Halteverstöße auf Fuß- und Radwegen zu ahnden.

2020 sollen zudem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der neu geschaffenen Stadtwache neben ihren abendlichen Kontrollen an sogenannten "Problem-Plätzen" auch mögliche Falschparker im Blick haben. Damit sollen die Kontrollen zumindest im Zeitfenster 20 bis 22 Uhr besser als zuvor abgedeckt werden.

Grundsätzlich kann laut Gerd vom Baur nur an alle Magdeburger appelliert werden, "den eigenen Egoismus ein bisschen abzustellen und eben auch zu überlegen, was man macht, wenn man sich auf einem Behindertenparkplatz oder in eine Feuerwehrzufahrt stellt." Warum er auch schon mal Fahrzeughalter im Schlafanzug zum Auto rennen sieht und warum nächtliche Knöllchen-Aktionen in Stadtfeld einen Aufstand der Anwohner hervorrufen könnte, lesen Sie hier im ausführlichen Interview.

6: Bürgeranfrage machte Daten überhaupt erst öffentlich

Dass MDR SACHSEN-ANHALT überhaupt eine so detaillierte Knöllchen-Analyse durchführen konnte, ist dem Magdeburger Arno Battke zu verdanken. Im Februar 2019 hatte er über die Online-Plattform fragdenstaat.de eine Anfrage an das Ordnungsamt gestellt, weil er das Gefühl hatte, dass Rad - und Gehwege sowie abgesenkte Bordsteinkanten zugeparkt werden, die Stadt aber kaum oder nur zur bestimmten Uhrzeiten kontrolliere.

Foto von Arno Battke aus Magdeburg.
Arno Battke aus Magdeburg sorgte mit einer Anfrage an das Ordnungsamt dafür, dass Daten zu mehr als 83.000 Knöllchen veröffentlicht wurden. Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Die geforderten Daten bekam er dann auch, überraschend allerdings verbunden mit der Aufforderung, für den entstandenen Verwaltungsaufwand rund 250 Euro zu bezahlen. Dagegen legte Battke umgehend Widerspruch ein, da er dem Ordnungsamt schon bei der ersten Anfrage mitgeteilt hatte, dass er vorab über eventuell entstehende Kosten informiert werden möchte. Die Stadt sah sich hingegen weiter im Recht. Nach mehreren Monaten Bearbeitungszeit und einigen bürokratischen Irr- und Umwegen kassierte das Landesverwaltungsamt den Kostenbescheid der Stadt Magdeburg wieder ein.

Battke zeigte sich dazu gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT erleichtert: "Letztlich war ich doch überrascht, als das Schreiben im Briefkasten war. Da ich nun aber davon ausgehen kann, dass so eine Anfrage an die Stadt Geld kostet, würde ich sie so nicht noch einmal stellen."


So haben wir die Daten analysiert Die Rohdaten der Knöllchen-Analyse stammen vom Ordnungsamt Magdeburg, die Arno Battke über fragdenstaat.de bekommen hatte. Für jeden Monat gab es eine eigene PDF-Datei, die von uns zunächst in einer Tabelle zusammengeführt wurde. Diese Tabelle umfasst das Tatdatum, die Tatzeit, den Tatort und den Tatbestand.

Da die Tatorte jedoch nicht einheitlich bezeichnet wurden ("Letzlinger Straße vor Tunnel", "Ambrosiusplatz vor Feuerwehr"), haben wir diese Spalte bereinigt, sodass am Ende die Straßennamen eindeutig identifizierbar waren. Aus dem offiziellen Straßenverzeichnis der Stadt Magdeburg haben wir automatisiert für jede Straße die Postleitzahl ergänzt.

Zusätzlich haben wir aus dem bundeseinheitlichen Strafenkatalog für jeden Tatbestand aus den Rohdaten die Beschreibung und die Höhe der Strafe ergänzt. Ein Beispiel: Der Tatbestand "112372" bedeutet "Sie parkten vor einer Bordsteinabsenkung" und stellt einen Verstoß gegen § 12 Abs. 3 StVO dar, der mit 10 Euro zu ahnden ist.

So haben wir nach und nach den ursprünglichen Datensatz um wichtige Informationen ergänzt, um damit eine umfangreiche und tiefgründige Analyse des Falschparker-Geschehens in Magdeburg durchführen zu können.

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Über den Autor Manuel Mohr arbeitet seit 2017 als Datenjournalist bei MDR SACHSEN-ANHALT. Sein Aufgabenschwerpunkt liegt in der Recherche und Analyse von Daten, aus denen Geschichten für Online, Radio und Fernsehen entstehen.

Seine Parkscheine kauft und verlängert er in Magdeburg übrigens per App und hat deswegen noch nie ein Knöllchen bekommen.

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 18. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Wenzel vor 40 Wochen

Ist das Ordnungsamt auch bei Heimspielen des 1. FCM und des SCM im Dienst? Da ist noch min. eine Million mehr für die Stadt drin. Aber so wie da alles zugeparkt wird, sorgt sich kein Amt um Ordnung.
Wie weit sind wir denn mit dem kostenlosen ÖPNV ? Dann könnte man das Auto (draußen) stehen lassen und mit Bus und Bahn in die City fahren. Auf den leeren Parkplätzen könnten die Mitarbeitenden des Ordnungsamtes Parkbänke stellen, Hochbeete anlegen und Bäume 🌳🌳🌳pflanzen und Magdeburg wird zum Luftkurort.

B. W-R vor 40 Wochen

Das Ordnungsamt sollte sich lieber um die Jugendliche Horden auf dem Kosmonautenspielplatz in Reform kümmern. Dort terrorisieren Jugendliche Horden die Anwohner seit Jahren mit Technomusik. Aber da traut man sich nicht hin und es ist ja auch viel einfacher in Hauseingängen des breiten Weges zu lauern und dann Zettel an Autos zu hängen.

nilux vor 40 Wochen

Vielen Dank für den Beitrag. Im Prinzip bestätigen sich meine Vermutungen, kassiert wird überwiegend dort wo ohnehin per Parkschein kassiert wird: Im PLZ-Bereich 39104. Denn dort ist es auch am Einfachsten: Kein Parkschein oder Parkschein abgelaufen - zack - Knöllchen. Für so etwas braucht man als Stadt eben keine gut ausgebildeten Mitarbeiter, das kann im Grunde jeder ohne Schulabschluß.
In Stadtbezirken wie 39108 (Stadtfeld Ost) sieht die Sache da schon anders aus, ab 19.00 Uhr kann Jeder machen was er will, z.B. Gehwege komplett zuparken. Oder seinen Hund die wenigen grünen Stellen vollkacken. Ok, anderes Thema aber gleiches Amt.

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