Kultur und Corona Die Welt braucht Lieder: Ein Umdenken in der Kulturlandschaft

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Das Corona-Virus stellt eine echte Bedrohung der Kulturlandschaft dar. Die finanzielle Situation für Freiberufler und Laienkünstler wird immer schwieriger. Auch Chöre sind betroffen und müssen umdenken. Die Chorleiterin Manuela Kanneberg erzählt was sich durch die Pandemieregeln alles verändert hat.

Gospel-Kultur-Corona
Proben und Aufführungen von Chören nur noch mit Abstand Bildrechte: MDR/Manuela Kanneberg

Dieses Virus erweist sich leider alles andere als kulturell gebildet. Würde es sich zum Beispiel über Blut übertragen, fiele vieles leichter. Doch dieses Covid-Sars-sowieso-Dings ist feige und hat sich den einfachsten Infektionsweg gesucht, nämlich die Luft. Und weil Kultur so wichtig wie die Luft ist, treffen die Pandemieregeln einen großen Teil der Kulturbranche, und zwar sowohl Profis wie auch Laien. Besonders sind jedoch jene betroffen, deren Instrument die eigene Stimme ist. Nicht zufällig gab es im Frühjahr mehrere Corona-Ausbrüche nach Gottesdiensten, wobei sich nicht das Beten, sondern das gemeinsame Singen als Problem erwies.

Und so muss die Magdeburger Chorleiterin Manuela Kanneberg vor jeder Probe nicht nur Lieder heraussuchen und Noten sortieren, sondern eben auch Sitzpläne erstellen. "Die Vorbereitung ist aufwändig, auch wegen der unterschiedlichen Räume, in denen man probt. Man braucht Hygienepläne, Kontaktpläne und ich habe mir auch einen Sitzplan gemacht. Vorab klären wir übers Netz wer kommt und dann stelle ich alles zusammen."

Ein Sommer ohne Konzerte

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Manuele Kanneberg plant vor jeder Probe die Sitzordnung. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Hauptberuflich arbeitet Manuela Kanneberg an der Universität Magdeburg und betreut unter anderem die mathematischen Übungen der Studierenden. Insofern fällt es ihr nicht schwer, den Chor im Raum so zu verteilen, dass die Pandemiepläne der Landesregierungen erfüllt sind. Allerdings änderten sich Vorgaben bereits mehrfach: "Die Flächen variierten ja in den Bundesländern, da waren zunächst zehn Quadratmeter pro Chormitglied Vorschrift. Hier in Sachsen-Anhalt sind wir jetzt inzwischen bei zwei Metern Abstand. Das ist aus meiner Sicht auch realisierbar."

Wenn das Publikum auf Abstand sitzt, kann das durchaus zu mehr Bequemlichkeit im Konzertsaal oder im Theater führen, denn wer sitzt schon freiwillig gerne eng neben fremden Menschen. Auf der Bühne hingegen ist die Situation eine andere. Wer hier versucht, mit zwei Metern Abstand einen gemeinsamen Klang zu produzieren, der hat es deutlich schwerer. Doch für den Gospelchor Magdeburg war das bislang ohne hin eher eine rein hypothetische Frage, denn das Jahresprogramm fiel nahezu vollständig dem Virus zum Opfer.

Ein Schild in einem Restaurant, dass auf die Abstandsregeln hinweist
Abstandsregeln sind auch für das Publikum gültig. Bildrechte: imago images / Ralph Peters

Auch für die Chorleiterin Manuela Kanneberg ist das keine einfache Situation: "Ich darf diesen Chor seit zehn Jahren leiten und eigentlich wollen wir bei der Fete de la Musique unser zehnjähriges Jubiläum mit einem Konzert in der Petrikirche feiern. Dann war geplant zum Gospelkirchentag nach Hannover zu fahren und auch das Chorfest in Leipzig ist ausgefallen. Also seit Corona hatten wir kein einziges Konzert."

Singen auf Abstand - auch beim Magdeburger Corfest

Umso wichtiger ist es, dass nun wenigstens das Magdeburger Chorfest stattfinden kann, allerdings nicht, wie ursprünglich geplant, als ein internationaler Wettbewerb, sondern deutlich reduziert, mit Chören aus der Region, unter der Überschrift: "Mit Abstand klangvoll". Und genau deshalb sind die rund 40 Sängerinnen und Sänger des Magdeburger Gospelchores auch zusammengekommen, nämlich um zu üben. Das allerdings  ist nur dann effektiv, wenn auch tatsächlich ein Auftritt in Aussicht steht.

"Der Mensch braucht ein Ziel und das gilt auch für unseren Chor. Denn der Applaus ist der Lohn des Künstlers. Schon wenn man die Lieder für einen Auftritt zusammenstellt merkt man, dass sich eine gewisse Spannung aufbaut, die eben wichtig ist, um sich auch künstlerisch weiter zu entwickeln."

Proberäume sind derzeit größtes Problem

Dabei ist der Chor auch während des Lockdowns nicht verstummt. Zunächst schalteten sich die Sängerinnen und Sänger via Internet zu einem virtuellen Chor zusammen, doch, alleinstehend in Küche oder Wohnzimmer, fehlte eine wichtige Erfahrung des Chorsingens, nämlich die Gemeinschaft.

Später dann, als größere Gruppen wieder zugelassen waren, traf man sich in Parks der Stadt, was in diesem Sommer wegen des Wetters eigentlich kein Problem war. Doch inzwischen sinken die Temperaturen.

Taktstock in einer Hand
Die Chöre in Magdeburg müssen sich selbst um geeignete Probenräume kümmern. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Panthermedia

Die Sängerinnen und Sänger des Magdeburger Gospelchores sind zunächst im Gesellschaftshaus der Stadt untergekommen, ein Glücksfall wie Manuela Kanneberger erklärt. Denn die Internetseite choere.de listet allein für die Stadt Magdeburg vierundzwanzig Chöre auf. Viele von ihnen werden Probleme haben, in den kommenden Monaten beheizbare Räume in der notwendigen Größe zu finden, zumal die Probenorte auch alle dreißig Minuten gelüftet werden müssen. In Hannover hat das städtische Kulturbüro die Suche nach geeigneten Proberäumen organisiert, in Magdeburg hingegen bleibt diese Aufgabe den Chören selbst überlassen. 

Ist Kultur systemrelevant?

Angesichts einer weltweiten Pandemie mit bislang noch unabsehbaren Folgen für die Wirtschafts- und Sozialsysteme könnte man die Probleme von Chören als eher zweitrangig einstufen, doch es ist wichtig, genau auch diese Bereiche nicht aus den Augen zu verlieren. Denn Chöre, Tanzgruppen, Bürgerensembles in Theatern, Blaskapellen, Karnevalsvereine oder Folkloregruppen bilden das Rückgrat für ein vielfältiges Kulturleben, das ehrenamtlich und selbstorganisiert in den Regionen ein Teil der Lebensqualität sichert. Gehen diese Strukturen erst einmal verloren, dürfte es schwer werden, sie nach der Pandemie wieder zu beleben.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/vö

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