Ein normaler Abend im Ausnahmezustand Kulturprogramm in Corona-Zeiten: Besuch im Autokino Magdeburg

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus muss derzeit vieles geschlossen bleiben. In vielen Städten im Land wurden dafür zum ersten Mal Autokinos organisiert, so auch in Magdeburg. Ob sich der Ticketkauf lohnt und was einen dort erwartet: ein Besuch.

Blick vom Beifahrersitz auf eine große Leinwand und andere Autos auf dem Parkplatz
Blick vom Beifahrersitz auf die Leinwand des Autokinos in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Das Auto mit Fast Food beladen und auf einen Parkplatz stellen: Das weckt Erinnerungen an die ersten Jahre mit Führerschein als Dorfkind aus dem Landkreis Harz. Vor der Disco, nach der Disco, an Wochentagen und während der Ferien – die Drive-ins am Stadtrand haben geöffnet. Viel bequemer, als ins Zentrum zu fahren, Parkgebühren zu zahlen, eine Bar zu suchen.

Jetzt hätten die Bars nicht mal geöffnet. Wegen der Corona-Pandemie müssen sie geschlossen bleiben. Die Stunde der Autokinos ist gekommen. Derzeit ist das eines der wenigen Unterhaltungs-Konzepte, für das die Menschen das Haus verlassen können. Am Mittwoch, am Abend vor Himmelfahrt, läuft auf einer Leinwand auf dem Magdeburger Messeplatz der Film "Ziemlich beste Freunde". Eintritt – oder besser gesagt Einfahrt – kostet 19,90 Euro für ein Auto mit zwei Personen. Mit Netflix-Abo ist der Film derzeit quasi kostenlos zu sehen.

So funktioniert das Autokino

Rote Digitalradioanzeige Autokino auf schwarzem Untergrund
Der Ton des Films läuft über eine UKW-Radiofrequenz direkt im eigenen Autoradio. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Kurz nach 19:00 Uhr ist eine Kolonne von Autos unterwegs über die Strombrücke und dann links runter Richtung Elbufer. Am Messeplatz drehen sie nacheinander eine Schleife, um auf den Schotterplatz zu fahren. Der erste Ordner scannt den Barcode auf dem ausgedruckten Ticket, ein zweiter winkt nach links oder nach rechts, ein dritter markiert mit seiner Position die genaue Stelle, an der das Auto halten soll.

Vor allem Klein- und Mittelklassewagen stehen im Block beieinander, mit genug Abstand, um bequem eine Tür zu öffnen. Zwischen den Reihen bleibt etwas Platz – bei Bedarf könnte ein einzelnes Auto sich aus der Formation lösen und wegfahren.

Größere Autos werden schräg am Rand positioniert. Die erste Regel, die auf dem Ticket vermerkt ist, wird – zumindest vor Filmbeginn – nicht gut eingehalten: "Verlassen Sie Ihren PKW nur für den Gang zu den Sanitär- und Cateringanlagen." Zwei Frauen stehen vor ihrem Fahrzeug, rauchen und prosten sich mit ihren Proseccos in Dosen zu. Eine Familie steht mit den mitgebrachten Pizzaschachteln ums Auto.

Popcorn und Fast Food

Tupperdosen, Knusperflocken und vor allem Chips liegen auf den Armaturenbrettern. Aber auch vor Ort wird Verpflegung angeboten: das traditionelle Popcorn, Nachos, aber auch Burger und Quesadillas und Getränke. Ein junger Mann trägt eine Kiste mit kleinen Sektflaschen zum Verkauf über den Parkplatz. Das Essen kommt aus zwei Fast-Food-Trucks, die neben einem Toilettenwagen an der Einfahrt stehen. Den Freunden und der Familie direkt vom Toilettengang Snacks mitbringen ist allerdings nicht möglich: Es wird nur geliefert.

Wer bestellen will, schaltet die Warnblinker an. Schnell ist Servicepersonal mit einem Block zur Stelle, schreibt die Bestellung, Position des Autos und das Kennzeichen auf und kassiert. Nach etwa zwanzig Minuten liefert ein junger Mann zwei Schachteln Popcorn aus einem Fahrradkorb. Nach etwa einer Filmstunde gibt es auch noch Eis aus dem Bauchladen zu kaufen.

Impressionen So sieht ein Abend im Autokino Magdeburg aus

Ein Ordner in Warnweste weist ein blaues Auto auf einen Parkplatz neben einem schwarzen Auto ein
Freie Platzwahl gibt es im Autokino nicht. Wer zuerst kommt, steht in der ersten Reihe. Ordner weisen die Parkplätze nett und zügig zu. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Ein Ordner in Warnweste weist ein blaues Auto auf einen Parkplatz neben einem schwarzen Auto ein
Freie Platzwahl gibt es im Autokino nicht. Wer zuerst kommt, steht in der ersten Reihe. Ordner weisen die Parkplätze nett und zügig zu. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Ein Mann mit Kittel steht vor einem Toilettenwagen hinter Absperrband
Ein Besuch im Toilettenwagen kostet 50 Cent, man kann sich die Hände waschen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Eine Frau in einem Essenswagen mit Popcornmaschine und Nachos
Essensbuden auf dem Messeplatz – ganz normal. Nur dass die Besucher gar nicht am Wagen direkt kaufen, ... Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Blick aus einem Beifahrerfenster auf eine junge Frau mit Mundschutz und Schreibpapier
... sondern ihnen das Essen geliefert wird. Wenn jemand den Warnblinker anschaltet, kommt zum Beispiel Emmely Voigt, um die Bestellung aufzunehmen und zu kassieren. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Eine Hand hält ein Bestellticket für 2 mal Popcorn
Dann bekommt man ein Bestellticket. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Rot-weiß gestreifte Schachtel mit Popcorn drin
Kurze Zeit später wird die Bestellung per Fahrrad geliefert. Kino-Klassiker wie Popcorn und Nachos sind im Angebot, aber auch Burger oder Quesadillas. Und natürlich Getränke. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Blick vom Beifahrersitz auf die Windschutzscheibe, die von außen per Hand geputzt wird
Außerdem gibt es einen Scheibenwischservice, der für einen Euro die Windschutzscheibe reinigt. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Drei Personen aus einem Auto heraus fotografiert
Später wird auch noch Eis aus dem Bauchladen verkauft. Echtes Kinofeeling. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Blick vom Beifahrersitz auf eine große Leinwand und andere Autos auf dem Parkplatz
Die Leinwand ist nicht so groß oder so nah wie im Kino. Aber der Film ist gut erkennbar. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Rote Digitalradioanzeige Autokino auf schwarzem Untergrund
Der Ton läuft übers Autoradio. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Rücklichter von Autos im Dunkeln und weiße Schrift auf schwarzer Kinoleinwand
Nach dem Film "Ziemlich beste Freunde" gab es am Mittwochabend ein kleines Hupkonzert. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Bunt beleuchtetes Riesenrad im Dunkeln
Das Riesenrad im Magdeburger Stadtpark ist nicht weit vom Autokino entfernt. Ein erlebnisreicher Abend mit Freunden ist also auch zu Coronazeiten wieder möglich.

Quelle: MDR/jh
Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Alle (12) Bilder anzeigen

Gute Sicht, aber wenig Kontrast

Kurz vor Filmbeginn ist es noch hell draußen und nicht nur in unserem Auto wird deutlich: Vor einem Autokino-Besuch hätte es Sinn gehabt, die Windschutzschreibe gründlich zu putzen. Aber die Veranstalter haben daran gedacht: Ein junger Mann geht von Auto zu Auto und putzt gründlich das Glas. Der Service kostet einen Euro und wird viel in Anspruch genommen. Der Filmbeginn ist auf dem Messeplatz weniger beeindruckend als im Kino – die nächtliche Autoszene kommt vor Sonnenuntergang nicht so gut zur Geltung.

Dafür ist der Ton perfekt. Über eine UKW-Frequenz läuft er direkt im Autoradio. Das berühmte Klavierstück von Ludovico Einaudi klingt fast so satt wie im Kino. Als das Handy klingelt, scherze ich: "Machst du bitte den Ton aus im Kino?" Es ist Luxus, während des Films gemütlich zu quatschen, zu kramen und zu knistern – ohne ein verärgertes "Schhhh" aus der Dunkelheit des Kinosaals zu provozieren.

Abenteuer trotz Corona

Rücklichter von Autos im Dunkeln und weiße Schrift auf schwarzer Kinoleinwand
Nach dem Film gab es ein kleines Hupkonzert und eine geordnete und zügige Abfahrt. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Je später der Abend, desto tiefer rutschen wir in die Sitze. Der Film fesselt weniger, als das wohl im Kino der Fall gewesen wäre. Dafür ist die Leinwand zu klein und die Umgebung zu sichtbar. Und wir haben zu viel gequatscht. Als am Ende des Films Text auf der Leinwand erscheint, ist er kaum lesbar. Trotzdem scheinen die Leute in den Autos um uns zufrieden. Als der Abspann beginnt, hupt jemand, dann noch jemand und plötzlich fast alle. Die ersten fahren bereits zurück Richtung Einfahrt – es wird jedoch der Zaun neben der Leinwand geöffnet, sodass niemand wenden muss. Innerhalb weniger Minuten leert sich der Messeplatz.

Zurück über die Strombrücke. Schulterblick Richtung Messeplatz: Der ist schon leer und dunkel, aber dahinter leuchtet das Riesenrad im Stadtpark. Wir wenden bei der nächsten Gelegenheit. Wieder über die Brücke, vorbei an der Messe und am MDR-Landesfunkhaus. Auf dem Parkplatz am Stadtpark stehen einige Autos, an der Kasse des Riesenrads etwa fünf Leute. Wir kaufen uns Tickets und können direkt einsteigen. Hinter dem Dom leuchtet schwach das letzte bisschen Abenddämmerung.

Burger, Kino und Riesenrad mit Freunden. Mitten in der Woche. Und ohne eine Sekunde an Corona zu denken. So können Kultur und Spaß auch in großer Gesellschaft ohne Infektionsrisiko funktionieren.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN ANHALT HEUTE | 16. Mai 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Les joueurs d echecs vor 22 Wochen

Daumen hoch! Leider haben "KleinStädter" sowas noch nicht obwohl riesige Parkflächen vor Einkaufstempel und Baumärkten und im Gewerbegebiet vorhanden sind.

INAD vor 22 Wochen

Das ist nicht das erste Autokino welches in Magdeburg auf den Messeplatz Max-Wille läuft. Anfang der 2000 Jahre (ca. 2004) gab es schon mal ein Autokino, welches ich persönlich auch super fand. Schade das es nur so kurz geplant ist und schade, dass es nicht jedes Jahr und regelmäßig geplant ist.

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt