Streetart in Magdeburg Bye bye, Aerosol-Arena

"Hip Hop Olympics", "Meeting of Style" – acht Jahre lang hat die Aerosol-Arena in Magdeburg Streetart-Künstler aus aller Welt angelockt. Auf einem alten Industriegelände war die nach Betreiberangaben größte Freiluftarena Europas entstanden. Doch seit 1. September ist die Aerosol-Arena Geschichte.

Männer mit Kamera, Wandbild
Die Aerosol-Arena wird zur Geschichte. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Kaum noch etwas erinnert an die Scharen von Künstlern, die hier – in der Aerosol-Arena im Norden Magdeburgs – bunte Kunstwerke an die Wand sprayten. Alles ist verschwunden, übermalt, abgerissen. Wo einst viel Leben herrschte, ist nun wieder eine Industriebrache. Die letzten Wochen haben Jens Märker, Annika Schmermbeck und Steven Such damit verbracht, das zurückzubauen, was einst Arena war. "Es ist uns nicht leichtgefallen", gesteht Jens Märker, der die Idee hatte, auf den 30.000 Quadratmetern etwas Einzigartiges zu probieren.

Ein Bekannter hatte das alte Industriegelände erworben, wollte dort eigentlich einen Solarpark errichten. Das zerschlug sich. Jens Märker, selbst als Graffitikünstler unterwegs, sah eine andere Chance. Künstler sollten sich hier ausleben können. So wurden Fensterfronten mit Sperrholz verkleidet, wodurch riesige Flächen entstanden. Gemeinsam mit einem Verein wurden Veranstaltungen aus der Taufe gehoben, die Künstlerinnen und Künstler von allen Kontinenten nach Magdeburg lockten.

Schon vor drei Jahren trennten sich die Wege

Vor drei Jahren gingen Verein und die drei Betreiber getrennte Wege. Es gab große Pläne: Ateliers sollten entstehen, eine Herberge, Möglichkeiten für Seminare. Die Stadt wurde gebeten, eine Machbarkeitsstudie zu finanzieren. Doch daraus wurde nichts. Märker und seine Mitstreiter kündigten den Rückzug an. Die Stadt, immerhin ein Bewerber für die Kulturhauptstadt Europas, rührte sich nicht. Anfang des Jahres dann wurde es öffentlich: die Tage der Aerosol Arena sind gezählt, den Namen wollen die Macher mitnehmen.

Männer mit Kamera an Maschine
Alles wird zusammengeräumt. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Die Stadt, namentlich der damalige Kulturbeigeordnete Matthias Puhle, kündigten an, mit einem neuen Betreiber weiterzumachen. In den letzten Wochen rauchten die Akkuschrauber, krachte Holz von Wänden, wurden Graffiti übermalt. "Wir haben den Künstlern versprochen, dass wir nichts zurücklassen", erklärt Jens Märker. "Sie haben das zur Bedingung gemacht, da wir ja auch den Namen Aerosol-Arena mitnehmen."

"Ohne Leben ist es ein beliebiger Ort"

Für Annika Schmermbeck ist der Ort im Norden Magdeburgs nun nicht mehr derselbe. "Ohne Leben ist es ein beliebiger Ort", findet sie, die am liebsten gar nicht mehr zurückgekehrt wäre an die Stätte, an die sie so viele schöne Erinnerungen hat. Inzwischen trennen Zäune das Areal, wo eigentlich die Grundstücksgrenze zur benachbarten Mühle verläuft. Langweiliges Einerlei an den Wänden, Grün sprießt zwischen dem Beton.

Zukunft ist offen

Was wird, ist offen. Auch für Jens, Annika und Steven. Angebote für einen neuen Standort haben sie erhalten. Mehrere. Ob sie zugreifen, wissen sie noch nicht. "Das sind alles städtische Gelände. Das ist nicht dasselbe", findet Jens Märker. "Hier konnten die Künstler all das umsetzen, was sie selber gern machen wollten. Auf einem städtischen Gelände ist das nicht ohne weiteres möglich."

Wandbild
Wie es weitergehen soll, steht noch nicht fest. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Und auch bei ihm selbst ist momentan die Luft raus. "Wir haben hier einen Traum verwirklicht und jede Menge Zeit, Herzblut und Geld reingesteckt. Ob wir das nochmal schaffen, das müssen wir erst einmal sehen." Das Schlimmste für ihn: dass es keinen Abschied gab. Der war für Mai geplant. Für Pfingsten. An diesem Wochenende wurde traditionell die Gründung der Arena gefeiert, fanden die großen Events statt. Dieses Jahr sollte es eine Abschiedsparty geben. Daraus wurde nichts – Corona hat es verhindert. Und Magdeburg hat mit der Aerosol-Arena einen Ort verloren, der die Stadt besonders gemacht hat.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin: Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. September 2020 | 19:00 Uhr

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