Gruppe von Menschen guckt auf ihre Handys und chattet
Jung und neugierig: Die Teilnehmer der Veranstaltung von "Diskutier mit mir". Bildrechte: MDR/Olga Patlan

"Diskutier mit mir" Wie eine App Menschen zum miteinander Diskutieren bringen will

Wenn es um politische Meinungen geht, bleiben Gleichgesinnte oft unter sich. Treffen Menschen unterschiedlicher Ansichten aufeinander, bleibt das Gespräch nicht immer sachlich. Die App "Diskutier mit mir" will beides ändern. Am Dienstag hat das Startup zu einer Diskussionsrunde in Magdeburg eingeladen, um herauszufinden, was Sachsen-Anhalter beschäftigt.

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

von Olga Patlan, MDR SACHSEN-ANHALT

Gruppe von Menschen guckt auf ihre Handys und chattet
Jung und neugierig: Die Teilnehmer der Veranstaltung von "Diskutier mit mir". Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Dienstagabend in Magdeburg. Ein moderner, schlicht eingerichteter Raum. Eine Gruppe junger Menschen. Die einen sind aus Berlin angereist, die anderen stammen aus Magdeburg und Umgebung, andere wiederum sind zugezogene Sachsen-Anhalter. Was sie verbindet: Sie wollen reden und wünschen sich eine bessere Diskussionskultur.

Diskutieren ohne Hatespeech

Eingeladen zu diesem Abend hat ein Startup aus Berlin. "Diskutier mit mir" heißt es. Die digitale Plattform hat es sich zur Aufgabe gemacht, unterschiedlich denkende Menschen zusammenzubringen, damit sich diese zu politischen Themen austauschen. "Wir wollen einen Ort schaffen, an dem Meinungen aufeinandertreffen, ohne Hatespeech, Trolling oder Aggressivität", erklärt Mitbegründer Niklas Rakowski. Und das Ganze soll in "Eins-zu-Eins-Gesprächen stattfinden, wo man mal nachfragen kann: 'Du, wie meinst du das mit deiner Position' und wo man auch lernen kann, die eigenen Position zu vertreten", so Rokowski weiter.

Wir wollen einen Ort schaffen, an dem Meinungen aufeinandertreffen, ohne Hatespeech, Trolling oder Aggressivität.

Niklas Rakowski, Mitbegründer

Geburtsstunde: Bundestagswahl

Gruppe Menschen lächelt in die Kamera
Das Team hinter "Diskutier mit mir". Neben Niklas Rakowski (r.o.) ist Louis Klamroth (2.v.r.u., Moderator und Schauspieler) Mitbegründer des Projekts. Bildrechte: Diskutier mit mir/Raewyn Leipold

Entstanden ist die Idee während der Bundestagswahl 2017. Niklas Rakowski erinnert sich: "Das Problem, was wir gesehen haben, war, dass wir alle Digital Natives sind und alle politisch interessiert, aber nie wirklich eine gute politische Diskussion im Netz hatten." So war die Idee geboren: "Mit 'Diskutier mit mir' wollten wir einen Ort schaffen, an dem das möglich ist."

Aus der Idee wurde eine digitale Plattform, die als App, auf dem Desktop, mit oder ohne Registrierung funktioniert. "Uns ist es wichtig, dass wirklich jeder mitdiskutieren kann, wenn er will", betont die Projektleiterin Raewyn Leipold in Magdeburg.

So funktioniert die App "Diskutier mit mir"

Zu Beginn beantwortet man Fragen oder wählt eine Partei aus. Der Algorithmus der App sucht ein Gegenüber, das politisch möglichst weit von der eignen Ansicht entfernt ist. Wie bei einer Dating-App wird man gematched. Nur, dass eben nicht Personen, die gut zueinander passen, sondern konträre Positionen verbunden werden. Das Matching funktioniert über Thesen oder über die ausgewählten Parteien. In Eins-zu-Eins-Chats werden politische Themen anonym diskutiert. Nach Angaben der Betreiber sind die Inhalte der Chats geschützt und können von niemandem eingesehen werden.

Erste selbstorganisierte Diskussionsrunde in der Offline-Welt

Und weil das Startup sich auf die Fahne geschrieben hat, Meinungsblasen zum Platzen zu bringen, hat es nun erstmals eine Veranstaltung in der Offline-Welt selbst organisiert: "Wir wollten raus aus der Berliner Blase und gucken: Was sind die Themen, die die Menschen in Sachsen-Anhalt interessieren? Welche Themen fehlen auf unserer Plattform?", erklärt Rakowski. Um genau darüber zu reden, sind zehn junge Menschen aus Magdeburg erschienen.

Gruppe von Menschen guckt auf ihre Handys und chattet
Parallel chatten: In einem Test haben die Gäste das anonyme Chatten gleichzeitig ausprobiert. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Nach einer kurzen lockeren Vorstellungsrunde ging es zunächs ans Chatten. Jeder der Teilnehmer sollte die App ausprobieren und schauen, wie der anonyme politische Dialog in der Praxis funktioniert. Die Mehrheit im Raum hatte schon mal von der App gehört, aber sie noch nicht ausprobiert.

Nach einem halbstündigen Test fällt das Urteil durchweg positiv aus. Felix Bernhardt, einer der Gäste, sagt: "Ich hatte – vielleicht auch durch Zufall – ein sehr gutes Gespräch. Direkt, sehr kontrovers. Ich war sehr gefangen." Und Pia Osmann: "Ich fand's richtig spannend, auch, weil eine echte Diskussion zustande kam." Sie erkennt eine Chance in dem Test: "Wenn man die Diskussion aufs Handy bringt, wo die jungen Leute eh viel Zeit verbringen, ist das eine echt gute Möglichkeit, die Leute zum Miteinanderreden zu bewegen."

Die Herausforderung in heutiger Diskusssionskultur sehe ich...

Blonde Frau lächelt vor einer grauen Wand
Hannah Bieri
"Die größte Herausforderung ist, dass wir es gar nicht mehr gewöhnt sind, richtige politische Diskussionen zu führen, weil wir uns immer im gleichen, immer im eigenen Umfeld bewegen und da auch heikle Themen immer weniger angesprochen werden. Man vermeidet die Konfrontation."
Bildrechte: MDR/Olga Patlan
Blonde Frau lächelt vor einer grauen Wand
Hannah Bieri
"Die größte Herausforderung ist, dass wir es gar nicht mehr gewöhnt sind, richtige politische Diskussionen zu führen, weil wir uns immer im gleichen, immer im eigenen Umfeld bewegen und da auch heikle Themen immer weniger angesprochen werden. Man vermeidet die Konfrontation."
Bildrechte: MDR/Olga Patlan
Mann mit Basecap lächelt vor einer grauen Wand
Bastian Radloff
"Es gibt viele Leute, die sehr schnell persönlich werden. Also viel zu extrem in ihrer Art und Weise sind. Aber auf der anderen Seite viele Leute, die Dinge sehr extrem auffassen. Vieles ist zu emotional – wie es rübergebracht wird und wie es empfangen wird."
Bildrechte: MDR/Olga Patlan
Junge Frau mit Brille lächelt vor einer grauen Wand
Pia Osman
"
Leute müssen erstmal anfangen, sich tiefer mit Politik zu beschäftigen. Das muss darüber hinausgehen, den Wahl-o-Mat zu benutzen oder am Stammtisch zu diskutieren."
Bildrechte: MDR/Olga Patlan
Mann mit Brille und Basecap lächelt vor einer grauen Wand
Felix Bernhardt
"Ich hab den Eindruck, dass man gar nicht mehr miteinander redet, sondern sich nur noch übereinander lustig macht, was für dumme Argumente andere haben. Das funktioniert auf lange Sicht nicht. Deshalb muss man immer weiter miteinander reden.“
Bildrechte: MDR/Olga Patlan
Junge Frau mit Brille und kurzem Haarschnitt lächelt vor einer grünen Wand
Thea-Helene Gieroska
"Sachlich zu bleiben. Viel geht immer sofort auf die emotionale Schiene. Auch in Talkshows wird immer über Emotionen geredet. Klar, Politik hat auch immer eine gewisse Emotionalität. Aber es geht auch viel um Fakten und sachliche Themen. Daran zu bleiben und nicht persönlich zu werden – das ist wichtig."
Bildrechte: MDR/Olga Patlan
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Themen, die Sachsen-Anhalt bewegen

Anschließend ging es mit einem Gespräch zwischen den Teilnehmern weiter, dieses Mal ohne Handy. Die Frage: Was sind die Themen, die in Sachsen-Anhalt bewegen? Jeder der zehn Teilnehmer konnte sich äußern. Das sei auch bei der Planung der Veranstaltung wichtig gewesen: Die Gruppe in einem Rahmen zu halten, bei dem jeder zu Wort kommen kann, sagt Projektleiterin Leipold.

Eine Gruppe junger Menschen steht um einen Tisch herum
Gemeinsam über Themen sprechen, die wichtig sind, war eines der Ziele der Veranstaltung. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Schnell kam ein ganzer Katalog zusammen: Lohnt es sich noch, auf dem Land zu leben? Wie ist die mangelnde ärztliche Versorgung auf dem Land zu beheben? Wie gehen wir in Sachsen-Anhalt mit erneuerbaren Energien und der Digitalisierung um? Wie können wir in die Bildung investieren? Aber auch Themen wie Innere Sicherheit, Ungerechtigkeit, Rechtsruck und Mobilität wurden angesprochen.

Nach rund eineinhalb Stunden ist die Diskussion vorbei. Die Macher aus Berlin versprechen: "Wir nehmen die Themen für die Erweiterung der Plattform mit und werden sie als Thesen oder für die nächsten Wahlen miteinfließen lassen", so Rakowski. Und der eine oder andere der Gäste will die App für weiteren Dialog nutzen. "Mir fällt zumindest keine andere Plattform ein, bei der ich so einfach und anonym mit anderen reden kann", sagt Felix Bernhardt abschließend.

Das ist "Diskutier mit mir"

"Diskutier mit mir" ist ein als gemeinnütziger, eingetragener Verein organisiertes Startup mit Sitz in Berlin. Es ist nach eigenen Angaben überparteilich und an keine Weltanschauung oder Konfession gebunden. Das Hauptprojekt von "Diskutier mit mir" ist die gleichnamige digitale Plattform für politischen Dialog. Das Startup wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Schöpflin Stiftung unterstützt sowie durch Spenden finanziert.

Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier schreibt sie Online-Artikel, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT. Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. August 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2019, 07:54 Uhr

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1 Kommentar

15.08.2019 16:48 Frank von Bröckel 1

Eine freie Debatte klingt zunächst ganz nett, ABER..
..das funktioniert solange nicht wirklich, bis dieser Zirkelschluss, die sogenannte Illegitimität der Extralegalität aus unseren Staat wieder entfernt worden ist!
Dieser Zirkelschluss ist SOGAR in Wahrheit die EINZIGE(!!) Ursache für diesen gesamtgesellschaftlichen Unfrieden hier in Deutschland!!!

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