Ausgrabungen in der Sternstraße Warum die Baustellen in Magdeburg Archäologen immer wieder faszinieren

Ein Knochenfund in Magdeburg sorgte in dieser Woche für Aufsehen. Bei der Sanierung der Polizeiinspektion wurde eine Grabanlage aus der Bronzezeit freigelegt. Das Gräberfeld mit den fünf Skeletten und unterschiedlichen Kreisgräbern ist bisher einzigartig für die Landeshauptstadt. MDR SACHSEN-ANHALT hat die Gelegenheit genutzt, um mit dem zuständigen Grabungsleiter Gösta Ditmar-Trauth genauer über den besonderen Fund in der Sternstraße zu sprechen.

Lisa Felgendreff
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von Lisa Felgendreff, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann hockt an einer Ausgrabungsstätte hinter einem menschlichen Skelett.
Grabungsleiter Gösta Ditmar-Trauth spricht im Interview über seine Arbeit als Archäologe – und warum er die auch nach mehr als 30 Jahren noch so spannend findet. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Ditmar-Trauth, woran erkenne ich, dass ich bei Bauarbeiten auf einen archäologischen Fund gestoßen bin?

Gösta Ditmar-Trauth: Eine Baustelle in einem historischen Bereich wie Magdeburg zu eröffnen heißt immer, dass das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie vorher gefragt werden muss. Wenn die Aussicht besteht, dass man dabei auf archäologisch relevante Bereiche stößt, gibt es Archäologen, die den Bau begleiten oder im Vorfeld eine Ausgrabung durchführen.

Wenn man jetzt, wie in der Sternstraße, Knochen findet, wie unterscheidet man einen archäologischen Skelettfund von einem modernen?

Da gibt es natürlich Grenzbereiche, Leichen können auch sehr schnell verfallen, je nachdem, wie die Bodenchemie ist. Doch die Polizei erkennt recht schnell, ob eine Leiche zu alt ist, um als Kriminalfall oder ungeklärter Todesfall bearbeitet zu werden. Unseren archäologisch relevanten Grabfunden sieht man das Alter schon auf den ersten Blick an. Oft liegt dem Ganzen ein gewisser Grabritus zugrunde, das hat nichts mit einem modernen Friedhof zu tun. Die Knochen sehen auch anders aus, da sie im Erdboden verwittern können und ihre Substanz verändern. Schlimmstenfalls werden die Knochen brüchig und lösen sich auf. Es kann auch sein, dass Bodenbewohner die Niederlegung mit der Zeit stören. Wir haben es ganz oft, dass typischerweise kleine Knöchelchen wie Fuß- oder Fingerknochen, durch den Besuch eines Nagers fehlen können. Ein sehr einfaches und klares Erkennungsmerkmal ist moderner Zahnersatz in den Zähnen.

Apropos Zähne: Bei der Grabung auf dem Gelände bei der Polizeidirektion wurde auch immer wieder über den Zustand der Zähne gesprochen. Was kann man daran alles erkennen?

Vor allem die Gesundheit des Menschen. Die frühen Bronzezeitler aus Sachsen-Anhalt waren wohl sehr gesunde Menschen, groß gewachsen mit stabilen Knochen. Unsere Toten haben ihre Zähne nämlich weitestgehend bis zum Schluss behalten, diese sind aber stark abgenutzt. Das ist eine ganz typische Sache bis weit in die Neuzeit hinein. Das wird durch den hohen Anteil an Steinmehl (Abrieb der Mühlsteine im Mehl; Anm. d. Red.) im Brot verursacht. Wenn man sein Leben lang Steinabrieb isst und kaut, kann man sich gut vorstellen, dass die Zähne ordentlich abgenutzt werden.

Die Bestimmung der Todesumstände ist eventuell auch möglich. Bei einem offensichtlich älteren Skelett ist der Tod durch Altersschwäche recht naheliegend. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass man Zahnentzündungen feststellt, die tödlich verlaufen sind. Bei einem Toten aus dem Gräberfeld waren die Zähne schon durch den Gaumenknochen gebrochen. Da kann man davon ausgehen, dass der Zeitpunkt zum Zahnziehen verpasst wurde und er wahrscheinlich an einer Blutvergiftung starb.

Bei einem der Skelette soll es sich um eine Mutter mit ihrem Baby gehandelt haben. Warum sind bei dem Kind keine Knochen mehr erhalten?

Ein menschlicher Schädel liegt, verpackt in eine Tüte, in einem Karton.
Im Moment sind die Funde abgepackt in Plastetüten. Das ändert sich aber noch. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff

Da der erwachsene Knochenbau stabiler ist und der Verwitterung mehr widerstehen kann, ist er immerhin irgendwie erhalten geblieben. Am stabilsten ist noch der massive Schädelknochen. Die Körperknochen waren schon recht zierlich und in einem schlechten Zustand. Wenn Sie sich jetzt ein Neugeborenes oder ein einjähriges Kind vorstellen, dessen Skelett ist so etwas Zartes. Wenn in neuzeitlichen Gräbern ein Kinderskelett gefunden wird, dann ist das empfindlich wie Papier und hat keine Chance, zu überdauern. Da bleibt dann nur ein Schatten in der Erde zurück, wenn wir Glück haben. Neben dem Kopf der Frau war in diesem Fall eine Ausbuchtung. Sie hat auch ihre Hände in diese Richtung gelegt bekommen. Anhand des Leichenschattens und der Knochenflitter, die in einem Zustand waren, dass wir sie nicht einsammeln konnten, können wir davon ausgehen, dass dort ein Kleinkind oder Neugeborenes gelegen hat. Die Frau kann zwar immer noch an Spätfolgen der Geburt gestorben sein, aber es ist naheliegend, dass die Geburt letztendlich tödlich verlief.

Wann immer ich in letzter Zeit im Eingangsdepot in Halle gewesen bin, um einen Fundtransport hinzubringen, habe ich tolle Sachen zu sehen bekommen. Zum Beispiel Sonderbestattungen von Familiengräbern, in denen mehrere Menschen zusammen bestattet worden. Die werden als großer Erdblock geborgen und dann im Labor freigelegt und untersucht.

Wie lange dauert es, um nach der Ausgrabung so einen Skelettfund zu bergen?

Normalerweise schaffen wir das innerhalb von ein bis drei Tagen, je nachdem, wie aufwendig das ist. Bei einer Notbergung kann es auch nötig sein, dass alles innerhalb eines Tages erledigt ist. Das habe ich zum Glück noch nicht erlebt und konnte bisher alles vernünftig ausgraben. Dabei wird alles freigelegt, fotografiert, dokumentiert, eventuell auch gezeichnet und in den Gesamtplan eingefügt. Dann wird aufgenommen, welche Knochen da sind.

Was passiert danach? Vorerst stecken die Funde ja nur in Plastetüten.

Das wird natürlich nicht einfach nur so abgepackt, sondern systematisch: linker Arm, rechter Arm, linkes Bein, rechtes Bein und auch entsprechend beschriftet. Wir gehen dabei nach einem Skelettplan vor, der ausgefüllt und mit Kommentaren ergänzt wird. Anschließend wird alles vernünftig gepolstert und verpackt, damit beim Transport ins Eingangsdepot des Landesamtes nichts passiert. Dort wird es in die richtigen Hände geleitet, um den Fund weiter zu bearbeiten und den Verfall zu bremsen. Wann immer ich in letzter Zeit im Eingangsdepot in Halle gewesen bin, um einen Fundtransport hinzubringen, habe ich tolle Sachen zu sehen bekommen. Zum Beispiel Sonderbestattungen von Familiengräbern, in denen mehrere Menschen zusammen bestattet worden. Die werden als großer Erdblock geborgen und dann im Labor freigelegt und untersucht.

Magdeburg Gräberfeld auf Polizeigelände freigelegt

Auf dem Gelände der Magdeburger Polizei sind Grabanlagen aus der Bronzezeit freigelegt worden. Mehrere Skelette von Frauen sowie Schmuck wurden entdeckt. Es ist der erste Fund dieser Art in der Landeshauptstadt.

Ein menschlicher Schädel liegt, verpackt in eine Tüte, in einem Karton.
Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege haben auf dem Gelände der Magdeburger Polizei Gräber aus der Bronzezeit freigelegt. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff
Ein menschlicher Schädel liegt, verpackt in eine Tüte, in einem Karton.
Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege haben auf dem Gelände der Magdeburger Polizei Gräber aus der Bronzezeit freigelegt. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff
Zwischen zwei Häusern wurde Erde ausgehoben, in der Mitte liegt eine Schubkarre.
Unter dem ehemaligen Exerzierplatz, der zuletzt als Parkplatz der Polizei diente, wurden auf einer Fläche von sechs mal 37 Metern insgesamt fünf Skelette geborgen. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff
Ein Mann hockt an einer Ausgrabungsstätte hinter einem menschlichen Skelett.
Grabungsleiter Gösta Ditmar-Trauth sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er sei überrascht, Gräber von einer so hohen Qualität vorgefunden zu haben. "Gerechnet haben wir damit nicht." Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff
Ein menschliches Skelett liegt auf dem Boden.
Besonders beeindruckt hat die Archäologen ein Skelett mit angewinkelten Armen – ein sogenanntes Hockergrab. Ditmar-Trauth hob den "schönen Ohrschmuck und den Armreif" hervor. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff
Funde von Ausgrabungen liegen auf einem Tisch.
Die Funde stammen den Erkenntnissen zufolge aus der Mittelbronzezeit – etwa 1550 bis 1250 vor Christus. Zudem fanden die Archäologen auf dem Gelände Hinweise auf eine noch ältere Anlage, die aus der Frühbronzezeit – 2200 bis 1500 vor Christus – stammen könnte. Bildrechte: MDR/Lisa Felgendreff
Teile eines menschlichen Skeletts liegen auf dem Boden.
Es seien die ersten Gräberfelder aus der Bronzezeit, die in der Magdeburger Innenstadt nachgewiesen werden konnten, hieß es. Anlass der archäologischen Untersuchungen ist die umfangreiche Sanierung des Polizeigeländes unweit des Magdeburger Hasselbachplatzes. Diese soll noch einige Jahre in Anspruch nehmen.


Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16.09.2019 | 16:30 Uhr

Quelle: MDR/ap
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Kommen wir zurück zu unserer Baustelle in der Sternstraße. Die Gräber, die Sie dort entdeckt haben, werden anschließend wieder überbaut. Was ist das für ein Gefühl?

Damit habe ich kein Problem. Wir haben den Fund gut und wissenschaftlich bearbeitet, dokumentiert und geborgen. Er wird ja nicht mehr brutal weggebaggert. Wir haben großes Glück, dass wir diesen Teil des Gräberfeldes überhaupt erfasst haben. Vor den heutigen Polizeigebäuden stand hier eine Kaserne aus der Kaiserzeit, im Zweiten Weltkrieg gab es Bunkerbau und eine Tankstellenanlage wurde für den Dienstgebrauch gebaut. Das waren alles tief in den Boden eingreifende Maßnahmen. Ich kann gar nicht beziffern, wie viel Prozent von dem Gräberfeld wir hier erfasst haben. Zumal es mit seinen Hockerbestattungen und solchen in Rückenlage sowie unterschiedlichen Kreisgräben über eine längere Epoche hinweg geht.

Sagen sie als Archäologe nicht, dass es schön wäre, diese Entdeckungen in irgendeiner Form weiter zu erhalten?

Je nachdem, was wir im Zusammenhang mit diesem großen Kreisgraben noch herausfinden, könnte das hier der Fall sein. Vielleicht gehört er wirklich zu einer Kultstätte, die mit Pfosten versehen wurde. Das wäre etwas wo man sagt: Hey, das ist etwa besonders, besteht vielleicht die Chance, hier oder in der Nähe etwas darzustellen, das auf den Fund hinweist? Aber letztendlich sind alle Daten gesichert und man könnte immer eine Replik davon erstellen. Eine Infotafel oder ein Hinweisschild, das die Stelle als solche in Erinnerung behält, kann man immer machen. Aber ich muss da schon recht schmerzfrei sein, denn das meiste ist anschließend doch weg. Daran muss man sich gewöhnen.

Gab es denn einen speziellen Fall, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist, bei dem Sie sich so etwas gewünscht hätten?

Ich habe 2005 an der Regierungsstraße, bei der ehemaligen Goldschmiedebrücke in Magdeburg, einen großen Gießformenfund aus dem 13. Jahrhundert geborgen. Das waren Formen zur Schmuck- und Spielzeugherstellung aus Zinn. Da hätte ich mir schon gewünscht, dass man dort noch eine Tafel oder etwas Gestalterisches hätte, was darauf hinweist, dass sich eine Hauptstraße der Gießkunst in Magdeburg befunden hat. Denn der Fund mit über tausend Gießformen aus der Zeit in der Qualität war europaweit einmalig.

Es gibt immer wieder Überraschungen und plötzlich habe ich es hier mit der Bronzezeit zu tun, was ich auch hoch spannend finde.

In Magdeburg gibt es ja immer wieder Funde. Verliert man irgendwann das Interesse oder bleibt es spannend?

Ich bin seit 30 Jahren im aktiven Geschäft und ich gehe immer wieder mit Interesse an die Grabungen heran und es passiert auch immer etwas Neues. Ich war in Magdeburg eigentlich überwiegend mit Mittleralter und allenfalls früher Neuzeit befasst, das war sehr interessant. Vor allem weil das Bild des Mittelalters in Magdeburg, trotz allen Wissens, noch extrem lückenhaft ist. Aber es gibt immer wieder Überraschungen und plötzlich habe ich es hier mit der Bronzezeit zu tun, was ich auch hoch spannend finde. Das ist schon der zweite Schnitt, den ich hier am Polizeirevier bearbeite.

Der erste Teil direkt an der Sternstraße hat auch eiszeitliche Befunde gebracht. Da war es sehr interessant zu gucken, worauf man die entdeckten Brandschichten zurückführen kann. Dort gab es auch Befunde aus dem 19. Jahrhundert, mit denen wir abklären konnten, was hier baugeschichtlich passiert ist. Es hat sich gezeigt, dass es zwischenzeitlich gründerzeitliche Bebauung gab, so wie sie in der Sternstraße und am Hasselbachplatz heute noch steht. Die wurde innerhalb einer Generation wieder weggerissen und eine Kaserne entstand. Das wusste man nicht, dazu gab es keine Aufzeichnungen. Erst 1880 taucht dann der Kasernenbau auf. Das ist zwar deutlich jüngere Geschichte, gehört aber auch zu unserem archäologischen Auftrag.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. September 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 10:44 Uhr

1 Kommentar

kennemich vor 3 Wochen

Das ist doch in ganz Mitteldeutschland möglich, man findet doch überall Zeichen wo Menschen gelebt haben.

Magdeburg war auch über viele Jahrhunderte eine schöne und reiche Stadt, bis zum 30jährigen Krieg, danach hat sie nie wieder das erreicht was mal vorher war.

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