Birgit Hartmann - Eine Frau mit orangener Weste und orangenem Bauhelm steht lässig auf angehäuftem Schotter.
Birgit Hartmann, Projektleiterin für den Bahnknoten Magdeburg, hat auf der Großbaustelle den Überblick. Bildrechte: MDR/André Plaul

Hauptbahnhof Magdeburg Sie hält die Bahn-Großbaustelle im Takt

Bis Mai 2019 wird der Magdeburger Hauptbahnhof umgebaut. Brücken, Gleise und Bahnsteige werden neu errichtet. Projektleiterin ist Birgit Hartmann. Genaues Planen ist ihr Job – dennoch reizen sie Überraschungen.

von André Plaul, MDR SACHSEN-ANHALT

Birgit Hartmann - Eine Frau mit orangener Weste und orangenem Bauhelm steht lässig auf angehäuftem Schotter.
Birgit Hartmann, Projektleiterin für den Bahnknoten Magdeburg, hat auf der Großbaustelle den Überblick. Bildrechte: MDR/André Plaul

"Das ist nicht so gelaufen wie geplant", flüstert Birgit Hartmann, während sie sich auf Bahnsteig 6 des Magdeburger Hauptbahnhofs an den Reisenden vorbeischlängelt. Es ist das einzige Mal an diesem Nachmittag, dass die sonst so überzeugt redende Bahn-Projektleiterin für den Knoten Magdeburg flüstert. Sie deutet mit dem Zeigefinger auf den neuen Fahrstuhl, ein großer Glaskasten in der Mitte des Bahnsteigs, der mit rot-weißen Baustellenzäunen und einer Sperrholzplatte zugestellt ist. Streng genommen ist es noch kein Fahrstuhl, nur ein leerer Schacht – aber ein Schacht, der schon für Überraschungen gesorgt hat. Erst, so berichtet Hartmann, war beim Bau eine unbekannte Leitung entdeckt worden, später zu allem Überfluss auch noch ein ebenfalls unbekannter Raum. Schon war der Zeitplan an dieser Stelle passé.

Ein aus Beton gegossenes Fundament für einen Oberleitungsmasten ragt aus einer Baustelle.
Wo einst Gleise und Bahnsteige waren, wird gestemmt, gewühlt und neu errichtet. Bildrechte: MDR/André Plaul

Weiteres Problem: Der Bahnsteig 6, einer von fünf in dieser Bauphase noch verbliebenen, muss barrierefrei zugänglich sein. "Da hatten wir mal Glück", schmunzelt die Projektleiterin unter ihrem orangefarbenem Bauhelm, die mittlerweile am Ende des Bahnsteigs angekommen ist. Dort, in Höhe des Kölner Platzes mit Aussicht auf die Citytunnel-Baustelle, steht noch der alte Fahrstuhl aus den Neunzigerjahren. Er war noch nicht wie geplant außer Dienst gestellt worden.

Als Konglomerat aus Wissen und Nicht-Wissen beschreibt Projektleiterin Hartmann die Arbeit im Baufeld des Hauptbahnhofes. Etliche Baupläne seien seit dem Krieg verschollen. Eine grobe Orientierung bietet vor allem eine alte Karte der Festungsanlage von 1750, auf deren Gelände der "Zentral-Bahnhof" 120 Jahre später errichtet wurde. Gräber, Gänge, Mauern, aber auch Ketten und Knochen gehören zu den zahlreichen Fundstücken an den Stellen, wo viele Jahrzehnte Gleise lagen oder Bahnsteige standen. Birgit Hartmann holt einen dicken Hefter aus ihrer Tasche. Er ist voller Fotos – sie sind das einzige, das von den größten Fundstücken übrig bleibt. Dokumentiert, zugeschüttet, weiter geht's.

Überraschungen sind beim Projekt eingepreist

All diese Funde sieht die Diplomingenieurin, die ihr 40-jähriges Dienstjubiläum gerade hinter sich hat, gelassen. "Bei so einem Baufeld wäre es fatal, wenn sie beim ersten archäologischen Fund aufgeben müssten", sagt sie. Entsprechend großzügig wurde das Projekt geplant – finanziell und zeitlich. Teils mit Erfahrung, teils mit Glaskugel, gesteht sie. "Wenn wir jetzt das Bernsteinzimmer finden, werden wir natürlich nicht fertig", so Hartmann mit einem Lachen auf den Lippen. Die Überraschungen, erzählt sie, seien aber gerade das Spannende an der Arbeit.

Aus einem Betonblock führen in Röhren sortierte Kabel
Das Baufeld steckt voller Überraschungen. Bei Kabeln wird es besonders spannend. Bildrechte: MDR/André Plaul

In Jeans und Arbeitsschuhen, braun-orange mit extra dicker Sohle, führt Hartmann weiter über die Großbaustelle. Es geht über Schotter und roten Sand. Vom früheren Bahnsteig 5 steht nur noch die Außenkante. Wo der Gehweg schon abgetragen wurde, beanspruchen Schutthaufen den Platz. An einer Stelle ist die Bahnsteigkante aufgebrochen. Hartmann deutet in die Grube. Wieder so eine Überraschung, diesmal aus der Neuzeit. Telefon- und andere elektrische Kabel ragen aus der Erde. Sie müssen weg, "hilft nix", so Hartmann. Wofür sind diese Kabel? Dürfen sie gekappt werden? Besonders schwierig werde es, erzählt die Projektleiterin, bei sicherheitsrelevanten Kabeln. Bei Bahn-Technik, sogenannter LST, oder Versorgungsleitungen für Geschäfte oder etwa die Bahnhofstoiletten muss großes Besteck aufgefahren werden. Ausfälle sind zu vermeiden. Ersatzlösungen sollten parat liegen.

Bahnknoten Magdeburg Ein Projekt, viele Baustellen

Der Eisenbahnknoten Magdeburg wird grundlegend modernisiert. Auch der Hauptbahnhof selbst wird runderneuert. Ein Rundgang über die Baustelle.

mehrere große Betonteile überbrücken eine Baustelle
Lückenschluss für die Bahnbrücken über dem Magdeburger Citytunnel: Jetzt sind auch die übrigen Anlagen im Rohbau fertig. Bald können darüber die Gleise verlegt werden. Bildrechte: MDR/André Plaul
mehrere große Betonteile überbrücken eine Baustelle
Lückenschluss für die Bahnbrücken über dem Magdeburger Citytunnel: Jetzt sind auch die übrigen Anlagen im Rohbau fertig. Bald können darüber die Gleise verlegt werden. Bildrechte: MDR/André Plaul
U-Förmige Betonteile ragen neben einem gelben Bagger hervor.
Wo einst Bahnsteige waren, werden wieder welche errichtet. Die ersten Betonteile stehen, weitere werden aufgesteckt. Bildrechte: MDR/André Plaul
Aus einer Baugrube ragt ein alter gefliester Treppenaufgang.
Überbleibsel des Treppenaufgangs zu den Bahnsteigen 3 und 4. Dieser Schacht wird zu einem Fahrstuhl umgebaut. Bildrechte: MDR/André Plaul
Ein aus Beton gegossenes Fundament für einen Oberleitungsmasten ragt aus einer Baustelle.
Übers ganze Baufeld verteilt stehen bereits die ersten Fundamente für die neuen Oberleitungsmasten. Der frühere Bahnsteig 1 an der Hausfassade wird zurückgebaut. Bahnsteig 1 und 2 werden künftig über den selben Aufgang zu erreichen sein. Bildrechte: MDR/André Plaul
Rote Metallteile liegen vor einem Gebäude mit einem provisorischen Dach aus Gerüstteilen.
Nach dem Abriss von Bahnsteig 5 benötigte das Bahngebäude ein neues Dach. Es wurde provisorisch errichtet. Bildrechte: MDR/André Plaul
Aus einem Betonblock führen in Röhren sortierte Kabel
Viele Baugruben, viele Überraschungen. Neben Überresten aus der Magdeburger Stadtgeschichte sorgen auch Leitungen und Kabel für kleine Planänderungen. Bildrechte: MDR/André Plaul
U-Förmige Metallträger liegen auf einem Haufen
Die Träger der alten Bahnsteige werden mit Rostschutz behandelt und wiederverwendet. Bildrechte: MDR/André Plaul
Blick auf eine Weiche, im Vordergrund ist eine Betonschwelle mit dem Wort 'bleibt' beschriftet
Am Rand des Baufeldes liegen bereits neue Gleise, die an die bestehenden Anlagen anschließen. Schotter und Oberleitungen folgen noch. Bildrechte: MDR/André Plaul
Betonschwellen und Gleise liegen sorgfältig aufgereiht
Die Lagermöglichkeiten auf der Großbaustelle sind begrenzt. Bildrechte: MDR/André Plaul
Ein kantig wirkendes Gleis führt zu einem Bauzug
Für die Bauzüge werden auch extra Gleise verlegt. Sie verschwinden wieder, sobald das Material an seinem Bestimmungsort ist. Bildrechte: MDR/André Plaul
rote Baumaschinen stehen unter Betonbrücken
Die Brücken oberhalb des Citytunnels gehören zur Bahn-Baustelle. Bildrechte: MDR/André Plaul
ein eingerüsteter Treppenaufgang zwischen Betonwänden
Zur Ernst-Reuter-Allee werden neue Treppenaufgänge geschaffen. Bildrechte: MDR/André Plaul
Bauplan zweier Bahnbrücken, die durch einen Treppenaufgang unterbrochen sind
Auf dem Papier sieht das so aus. Bildrechte: MDR/André Plaul
in eine Betonwand ist die Jahreszahl 2018 gegossen, Gerüstteile ragen heraus
Fertiggestellt 2018: Für den Rohbau der Eisenbahnbrücken stimmt diese Zahl.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25.06.2018 | 06:30 Uhr
Bildrechte: MDR/André Plaul
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Bahnsprache – Deutsch LST - Leit- und Sicherungstechnik
EDK - Eisenbahndrehkran (hebt fertige Weichen ein)
OLA - Oberleitungsanlage
Sakra - Sicherheitsaufsichtskraft

Struktur bis ins Detail

Als Projektleiterin fühlt sich Hartmann wie eine "Krake mit tausend Tentakeln". Da alles mit allem zusammenhänge, müsse sehr vorausschauend und umfassend geplant werden. "Der Job besteht darin, dafür Sorge zu tragen, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit das Richtige tun", erklärt sie. Dass dieses detaillierte und strukturierte Denken genau ihr Ding ist, beweist ein Blick in ihr Büro. Der taggenaue Baustellenplan mit allen Einzelarbeiten und Maschinen hängt im Großformat an der Wand. So behält Hartmann den Überblick und erkennt Verzögerungen sofort. Auf ihrem Schreibtisch liegen Projektmappen, Pläne und andere Dokumente akkurat auf- und nebeneinander. Kein Notizzettel, der nicht an seinem Platz klebt, so scheint es.

Blick auf eine Weiche, im Vordergrund ist eine Betonschwelle mit dem Wort 'bleibt' beschriftet
Altes Gleis trifft neues Gleis: Das Baufeld hat eine Länge von zwei Kilometern. Bildrechte: MDR/André Plaul

Wie detailliert Planungen manchmal ablaufen müssen, zeigt der Ausflug ins südliche Baufeld. Es geht vorbei am Intercity-Hotel, einem der Leidtragenden der Großbaustelle. Das Haus fragt regelmäßig nach, wann es mal wieder laut werden könnte. Mit einem Blick auf ihren XXL-Wandplan kann Hartmann dann genau Auskunft geben. Nachts herrscht zwar Ruhe auf der Baustelle. Aber auch Tagungsgäste wären gern ungestört.

Einige Meter weiter, südlich der früheren Bahnsteige 1 bis 5, liegen schon neue Betonschwellen. In der Nachmittagssonne leuchten sie fast weiß, ein starker Kontrast zu den rostroten neuen Gleisen, die ebenfalls schon montiert sind. An einer Weiche bleibt Hartmann stehen und lässt den Finger über den Boden kreisen. "Über 50 Einzelteile", erzählt sie stolz, habe so eine Weiche. Und alle müssten einzeln bestellt werden. Ein Jahr vorher, taggenau, bei komplizierten Weichen sei der Vorlauf noch länger. Über 40 Weichen hat das Bauprojekt. Als Hartmann das sagt, grinst sie wieder unter ihrem Bauhelm hervor. Das neue Gleis führt weiter in Richtung Buckau. Das aber ist schon wieder ein anderer Bauabschnitt, der werde jetzt geplant und in den 20er-Jahren angepackt. Die Projektleiterin bemerkt trocken: "Da bin ich schon in Rente."

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Autor Aus der Altmark in die Landeshauptstadt: André Plaul gehört seit 2010 zum Team von MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor konnte sich der gebürtige Stendaler bereits ein Journalistik-Studium und ein multimediales Volontariat beim MDR in Leipzig in den Lebenslauf schreiben. Bei MDR SACHSEN-ANHALT betreut André mit Leidenschaft das Frühprogramm im Radio - und die Nachrichtenseiten im Netz. Seine Freizeit widmet er mit Vorliebe dem Thema Eisenbahn. So ist er auch im Funkhaus in diesen Dingen Ansprechpartner Nummer eins.

Schwerpunkt: Bahn in Sachsen-Anhalt

Ausbildungsoffensive Bahn-Azubis unterwegs mit dem Juniorzug
Bildrechte: MDR/André Plaul

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. Juni 2018 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2018, 15:16 Uhr

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2 Kommentare

26.06.2018 18:54 böse-zunge 2

Toller Beitrag über eine Leiterin die baut was die Bilder zeigen.
Bild 3) Aus den beidseitigen Tunnelaufgängen wird ein einseitiger Aufgang und ein Aufzug?
Bild 12 und 13) Vorfreude schönste ...
Zwischen den Brücken eine Treppe in den Fußgängertunnel? Ein Treppenmonstrum a la SKET-Haltepunkt im Schanzenweg?
Das sowas seit dem Berliner Treppensturz noch gebaut wird - das nenn ich mal Kühnheit der besonderen Art.
Aber, keine Aufregung, ist ja alles vorgefertigt - lange vorgeplant, lange vorbestellt ... wird nix geändert, gebaut wie geplant - basta.
Zumindest die DB bleibt im Plan, ist ja auch was wert - zumindest diesen Artikel.

25.06.2018 11:18 jackblack 1

Die alten Brücken haben 120 Jahre gehalten, obwohl zu DDR Zeiten öfter mal Bagger oder LKWs der " Freunde" mit zu hohen Containern dagegengefahren sind. Leider wird von den aktuell lebenden Personen keiner überprüfen können, ob die neuen Brücken genauso lange halten, aber bis ins Jahr 2140 ????