Auf dem Weg zur Corona-Geisterstadt Wie es sich anfühlt, wenn Magdeburg dicht macht

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Ab Mittwoch müssen Bars, Geschäfte, Kinos und viele weitere Einrichtungen in Sachsen-Anhalt schließen. Wie es am Abend in der Stadt aussieht, wenn die Türen zum letzten Mal öffnen, hat sich MDR SACHSEN-ANHALT am Dienstagabend angesehen.

Leere Holztische in einer Bar
Nur im Obergescoss der Hyde-Bar saßen am Dienstag drei Gäste. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Es ist wunderbares Frühlingswetter am Dienstag in Magdeburg als das Land die neuen Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus bekannt gibt. Darunter die Anweisung: Geschäfte, Bars und viele andere Einrichtungen müssen schließen. Dadurch soll verhindert werden, dass viele Menschen sich im Innenbereich auf engem Raum aufhalten, wo Viren schneller übertragen werden als an der frischen Luft.

Ein Blick auf die Straßen in der Alten Neustadt am Nachmittag zeigt: Zu Hause bleiben will hier kaum jemand. Zahlreiche Leute sind mit Hund oder Kinderwagen unterwegs, aber auch mit dem Skateboard. Nachbarn stehen in Gruppen für ein Schwätzchen zusammen. Auch im Supermarkt ist nicht weniger los als sonst. Ein voller Parkplatz, drei von fünf geöffneten Kassen, auf Sicherheitsabstand legt kaum jemand wert.

Der Blumenladen muss schließen

Poträt einer Frau mit braunen, kinnlangen Haaren mit Blumenstrauß vor ihrem Blumengeschäft
Claudia Weber verteilte die letzten kleinen Sträuße an Passanten auf dem Breiten Weg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Supermärkte dürfen auch ab Mittwoch geöffnet bleiben, sagt die Landesregierung. Geschäfte und Bars müssen aber schließen. Deshalb steht Claudia Weber vom "Blumentempel" im Breiten Weg kurz nach 18 Uhr auf dem Gehweg vor ihrem Laden und verschenkt kleine Blumensträuße. An der Scheibe steht bereits in Neonfarbe "Pflanzen 50 Prozent". Sie habe seit gestern so viel wie möglich verkauft, um noch die Kosten für die Materialien reinzukriegen. Ab Mittwoch darf sie ihr Geschäft nicht mehr öffnen.

"Ein Monat ist eine lange Zeit", sagt die Inhaberin. Zwei Angestellte, eine Auszubildende und eine Pauschalkraft beschäftigt sie in ihrem Laden. Die sollen auch bleiben, sagt Claudia Weber, die vor kurzem noch Claudia Bunge hieß: "Es gibt keine Entlassungen hier, weil ich mich immer auf mein Team verlassen kann", aber es werde an das eigene Kapital gehen.

Ideen für ein Notgeschäft

Ideen für ein Notgeschäft hat die Unternehmerin: "Wir werden versuchen einen Lieferservice aufzubauen." Viele regelmäßige Kunden, wie Arztpraxen und Behörden hätten weiterhin geöffnet und auch signalisiert, dass sie weiterhin beliefert werden wollten. Denkbar wäre für Claudia Weber auch eine Blumenstraße vor dem Laden aufzubauen. Wie sie solche Notmaßnahmen gestalten und sich gleichzeitig an die Regeln halten könnte, müsse sie aber erst noch klären.

Verärgert über die Maßnahme ist sie nicht. Stattdessen sagt sie: "Es ist wichtig, es muss sein." Sie hoffe allerdings, dass es für Unternehmen wie ihres Förderungen geben wird. Denn auch schon vor der Schließung habe das Geschäft unter der Pandemie gelitten: Hochzeiten waren schon vorher für die nächsten vier Wochen abgesagt worden.

Miete nicht mehr zahlbar

Blonde Frau im Porträt vor Tüchern und Schmuck im Laden
Anke Bräme ist Modedesignerin und selbstständig. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Auch Anke Brämer hat auf dem Breiten Weg ihr kleines Geschäft. Die Modedesignerin verkauft im eigenen Laden "Querstyle" ihre selbstgemachte Mode. Ein Monat Schließung bedeutete für sie: "Ich kann die Miete nicht mehr zahlen." Sie wolle mit ihrem Vermieter verhandeln, dass er ihr die Miete stundet. Für die weiteren Fixkosten könne sie noch Aufträge abarbeiten. Bis April sei wirklich lange für selbstständige Unternehmer, sagt sie, aber auch: "Ich langweile mich nicht, ich kann kreativ arbeiten."

Erleuchtetes Kleidungsgeschäft bei Anbruch der Dunkelheit
Die Miete für das Modegeschäft kommt ohne Umsatz nicht zusammen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Ein Kredit würde ihr nicht helfen. Sie hoffe auf ein Förderprogramm: "In Bayern gibt es wohl einen Härtefall-Fond." Da Bayern immer Vorreiter sei, hoffe sie auf ein Grundeinkommen für den nächsten Monat. Denn das Geld sei weg: "Was jetzt nicht gekauft wird, wird im nächsten Monat nicht doppelt gekauft."

Auch Veranstaltungen wie Konzerte, die sie sonst im Laden mit Musikern veranstaltet, musste sie bereits vorher absagen. Das sei auch vernünftig, sagt Anke Brämer: "Es ist eng hier."

Bars schließen am Hasselbachplatz

Vor einem Dönerladen am Hasselbachplatz stehen zahlreiche Menschen, auch an der Bahnhaltestelle. Der Supermarkt und die Drogerie sind noch geöffnet, vorm Spätshop stehen die Grüppchen mit ihrem Bier. Alles ganz normal. In der Sternstraße ist es gegen 19:30 Uhr leer. Der Barkeeper im Hyde steht ganz allein hinter der Theke, alle Tische sind frei.

Dominik Maurer studiert noch, schreibt demnächst seine Bachelor-Arbeit und finanziert sich mit dem Job als Barkeeper: "Ich bin darauf angewiesen." Einen anderen Job zu finden, werde ebenfalls schwierig. Für das Hyde ist es der letzte Öffnungstag. Als reiner Schankbetrieb gemeldet, darf die Bar nicht mehr öffnen.

Mann in schwarzem T-Shirt an einer Theke
Dominik Maurer finanziert sein Studium als Barkeeper im Hyde. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Aber es lohne sich wahrscheinlich derzeit auch nicht. Schon seit einer Woche seien die Besucherzahlen runtergegangen. Am Wochenende, erzählt Dominik Maurer, seien nur so viele Leute gekommen, wie normalerweise an einem Wochentag. Jetzt habe er einen Stammtisch oben. Drei Leute statt sonst 15 seien erschienen. Sie trinken ihr Bier zum halben Preis.

Alternative Geschäftsmodelle gebe es für eine Bar nicht. Dominik Maurer sagt: "Wir können ja keinen Lieferdienst für Fassbier machen." Das Gespräch mit dem Geschäftsführer finde aber erst noch statt. Vielleicht könne man sich noch etwas überlegen.

Erlaubt, aber nicht lohnend

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Im Riff wurden die Tische schon auf zwei Meter Abstand auseinander gerückt. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Die Riff-Bar direkt nebenan könnte mit Speisekarte und Küchenbetrieb als Restaurant öffnen. Die Landesregierung hatte für Sachsen-Anhalt – entgegen den Empfehlungen der Bundesregierung – beschlossen, dass Restaurants auch nach 18 Uhr noch geöffnet bleiben dürften. Auch touristische Übernachtungen sind in Sachsen-Anhalt im Gegensatz zu anderen Bundesländern noch erlaubt.

Am letzten möglichen Öffnungstag am Dienstag sitzt nur das Team mit ein paar Freunden in der Bar. Ja, man könne theoretisch öffnen, doch die Frage sei, ob es sich lohne. Auch für das Riff bleibt die unmittelbare Zukunft also ungewiss.

Gegen 20 Uhr füllt sich die Sternstraße noch etwas. Vorm Hyde sitzt nun eine kleine Gruppe und bestellt bei Dominik Maurer Getränke. Im Späti von Nikita Morskov holen sich junge Leute Bier ab. Er führt mit seinem Kiosk theoretisch ein Lebensmittelgeschäft. Leute kommen rein, kaufen ein und gehen wieder. Nikita Morskov bleibt zunächst geöffnet. Aber die Unsicherheit ist da: "Wenn ich schließen müsste, wäre das existenzbedrohend."

Bars zu schätzen wissen

Die Studenten Richard Schmidt und Marvin Frank trinken ihr Bier auf dem Hasselbachplatz. Dass die Bars am Hasselbachplatz schließen werden, bedeutet für sie: "Noch weniger Möglichkeiten, Zeit zu vertreiben." Sie wären jetzt im Skiurlaub – ausgefallen wegen Corona. Studieren tut man nicht – wegen Corona. Auch ihre Arbeitgeber schließen – wegen Corona. An der frischen Luft sitzen sie allerdings nur, weil sie noch auf Freunde warten, um dann zu klären, wo es am Abend hingehen soll.

Wie es in einem Monat in Magdeburg aussehen wird, wenn – wie geplant – die Bars wieder öffnen dürfen, wissen sie nicht. "Vielleicht wissen die Leute es dann wieder mehr zu schätzen, in Bars zu gehen."

Zwei Männer mit Bier auf einer Bank
Richard Schmidt (links) und Marvin Frank warten am Hasselbachplatz auf Freunde. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Quelle: MDR/jh

1 Kommentar

Ernie vor 15 Wochen

Super ! Greta wird arbeitslos. Weltweit werden wir Dank dieses Coups die Klimaziele erreichen !! Keine Flüge mehr, keine Kreuzfahrer, kein Tourismus, wenig Auto´s, keine Industrieemissionen etcc. Keiner mault, alle sind einsichtig ! Also geht doch, wenn man die richtigen Tools nutzt...alleine 2018 gab es in Deutschland gemäß RKI über 25.000
Grippetote, da ist noch keiner auf den Dreh gekommen...
Wir haben jedes Jahr über 3000 Verkehrstote in Deutschland, also Autofahren dauerhaft verbieten !!!

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