Berufe ohne Nachwuchs Altenpflege: Warum einem Seniorenheim in Magdeburg keine Fachkräfte fehlen

Johanna Honsberg
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

In Sachsen-Anhalt werden dringend Fachkräfte gesucht – vor allem in Ausbildungsberufen. Ein Beispiel: die Altenpflege. Von 200 freien Stellen in Magdeburg im Dezember konnte keine besetzt werden. Wie sieht der Arbeitsalltag eines Altenpflegers eigentlich aus? Ein Besuch in einem Altenpflegeheim in Magdeburg.

Eine Pflegerin betreut einen älteren Mann
Pflegen, waschen, unterhalten: Die Arbeit in einem Altenpflegeheim ist vielfältig. Bildrechte: Colourbox.de

Es ist sieben Uhr morgens. Im Altenpflegeheim "Haus Reform" in Magdeburg ist schon viel los. Im grün gestrichenen Aufenthaltsraum auf der dritten Etage wuseln vier Pflegekräfte um die Bewohner herum. Sie schneiden Äpfel und Bananen, kochen Tee.

Der Raum ist gemütlich und viel moderner eingerichtet, als man sich das in einem Altenpflegeheim vielleicht vorstellen würde. In den Ecken stehen große Sofas, die anliegende Küche besteht aus einer großen Kücheninsel und ein paar Tischen aus hellem Holz. Vom Flachbildfernseher in der Ecke dudelt leise Schlagermusik.

Der Morgenrundgang

Stefanie Stahl ist die Leiterin des Altenpflegeheims "Haus Reform" in Magdeburg. Täglich arbeiten rund 30 Mitarbeiter im Haus Reform. Dazu gehören die Pflegerinnen und Pfleger, das Küchenpersonal oder die Betreuer. Stahl kommt mit einem breiten Lächeln in die Küche. Für sie beginnt der Tag mit dem Morgenrundgang. Sie geht von Etage zu Etage, über die Gänge und durch die Wohnbereiche. "Wir fragen dann, was es in der Nacht gab, reden mit den Mitarbeitern, wünschen ihnen einen schönen Tag und begrüßen auch unsere Bewohner", erzählt sie.

Stahl klopft an eines der wenigen Doppelzimmer. Dort können Ehepaare gemeinsam wohnen, ganz nach dem Motto "Zweisamkeit statt Einsamkeit". Mit einem Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad und Ankleideraum ähnelt das Doppelzimmer einer richtigen Wohnung – nur die Küche fehlt.

Das Altenheim Haus Reform in Magdeburg 4 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mi 04.03.2020 14:40Uhr 03:30 min

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Gerade leben 84 Bewohner im Haus Reform, die meisten sind zwischen 60 und 90 Jahre alt. Sie sind hier, weil sie alleine nicht mehr für sich sorgen können. Und weil sie trotzdem noch gerne in Gesellschaft sind. Denn der Tagesablauf ist viel voller als erwartet. Eine Bewohnerin sitzt an einem der Esstische im Aufenthaltsraum. Ihren Namen verrät sie nicht, dafür aber, wie ihr Tag normalerweise abläuft: "Erstmal frühstücken und dann ist hier meistens Beschäftigung, wo ich dann dran teilnehme, bisschen Sportübungen und so." Nach dem Mittagessen gehe es mit Gesprächsrunden oder fernsehen weiter.

Zwischen Ballspielen und Massagen

"Sobald man im Altenpflegeheim ist, ist das Leben vorbei." Bei diesem Vorurteil schüttelt Betreuerin Heidi Rothenberger nur empört mit dem Kopf. Sie gibt Fußmassagen, erzählt Geschichten im Aufenthaltsraum oder organisiert Sportübungen, wie zum Beispiel das Ballspiel "Punching".

Senioren im Altenheim Haus Reform in Magdeburg bei einem Ballspiel.
Aktiv bleiben: Sportübungen im Haus Reform. Bildrechte: MDR/Johanna Honsberg

Die Bewohner sitzen dabei in einem Kreis und haben jeder eine Schwimmnudel in der Hand. Damit spielen sie sich einen großen, aufblasbaren Ball zu. Er schwebt durch die Luft, von einem Bewohner zum anderen. Manchmal fliegt er ins Regal. Zwischendurch klirren die Porzellanteller an der Wand. Das Spiel ist begleitet von viel Gelächter. Betreuerin Heidi Rothenberger feuert ihre Mitspieler an: "Und los, schlag richtig zu!" Andere Aktivitäten sind Massagen im Entspannungsraum, auch "Snoezelen-Raum" genannt und Erzählrunden im Aufenthaltsraum.

Die täglichen Pflichten

Stefanie Stahl, Leiterin des Altenpflegeheims "Haus Reform" in Magdeburg
Heimleiterin Stefanie Stahl Bildrechte: Haus Reform

Es ist natürlich nicht alles bunt und spaßig. Zu den Tätigkeiten der Pflegekräfte gehört auch das Waschen der Bewohner – oder mit Stürzen umzugehen. Laut Leiterin Stefanie Stahl passiert das häufig, vor allem, wenn die Bewohner ihre Kräfte falsch einschätzen. Meist stürzen die Bewohner beim Gang ins Bad, sagt Stahl.

Kurz vor dem Mittagessen steht die Medikamentenvergabe an. Die Pflegerin Sophie Lingner verteilt die Tabletten in kleinen, beschrifteten Dosen und gibt Insulinspritzen. Meist müssen die Pfleger nur hinschauen, dass die Bewohner auch wirklich ihre Tabletten nehmen. "Die sind recht selbstständig", sagt Sophie Lingner und lächelt.

Die Sache mit dem Personal

Der Fachkräftemangel ist im Haus Reform laut Heimleiterin Stahl weniger zu spüren. Das bestätigt auch die zuständige Personalchefin Carina Müller. "Wir haben einen Tarifvertrag, einen Betriebsrat, wir bilden sehr lange aus", zählt sie auf. "Das spricht sich alles rum."

Ein Zuhause schaffen, für die Bewohner, aber auch für das Personal: Im Haus Reform hat das Erfolg. Die Pflegerinnen und Pfleger gehen in ihrem Beruf richtig auf. Und hoffen, dass genau dieses Arbeitsklima noch mehr junge Menschen in die Altenpflege zieht.

Johanna Honsberg
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Johanna Honsberg war von Januar bis Ende Februar 2020 als Praktikantin bei MDR SACHSEN-ANHALT tätig – meist im Hörfunk, manchmal aber auch für das Fernsehprogramm.

Die gebürtige Göttingerin studiert eigentlich in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaft. Nebenbei wirkt sie beim studentischen Radio mephisto97.6 mit. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind der Harz und ganz besonders die kleine Stadt Quedlinburg.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. März 2020 | 14:40 Uhr

2 Kommentare

Silke vor 11 Wochen

Ich finde es toll, das es solch Pflegeheim gibt... ABER, das ist die Ausnahme. Ich arbeite selbst in einem Pflegeheim und da sieht es ganz anders aus. Wir haben ca. 60 Bewohner, mit Kurzzeit-Pflegen, immer noch Doppelzimmer wo absolut keine Privatsphäre vorhanden ist, aber in Moment wird ein neues Haus gebaut, wo nach Umzug jeder Bewohner sein eigenes Zimmer hat.
Was das Pflegepersonal betrifft, ist z. T. nicht mehr schön. Z.B. die frisch ausgelernte Jugend hat keine "Böcke" an Wochenenden, oder Feiertagen zu arbeiten, da glänzen diese mit Krankenscheine und wenn es angesprochen wird, gestaltet sich das sooo, das die mit Lustlosigkeit zum Dienst erscheinen , oder permanent krank sind. Dann gibt es noch die Dauerkranken. Das alles wirkt sich zum erschrecken auf die Bewohner aus, Pflegekräfte sind nur noch am Rennen... Fließbandarbeit und wenn man überlegt, was die Pflegeplätze kosten?!
Von der Bezahlung ganz zu schweigen!
Ich möchte mal später in kein Pflegeheim "abgeschoben" werden.

H. N. vor 11 Wochen

Das ist sehr schön das es in diesem Pflegeheim so funktioniert. Leider sieht der Pflegewahnsinn in anderen Heimen nicht so gut aus. Da kommt es schon mal vor, daß eine Pflegekraft auf 2 Etagen im Haus alleine da steht. Hut ab vor diesem Haus.

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