Flexible Kurse vor dem Berufsstart Warum Migrantinnen der Jobeinstieg schwer fällt – und wie sie unterstützt werden sollen

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Nur wenige zugewanderte Frauen haben eine Arbeit. Ein Modellprojekt in Magdeburg soll sie bei der Jobsuche mit flexiblen Kursen unterstützen. Zwei muslimische Frauen aus Afghanistan erzählen von ihren Berufswünschen – und wie sicher sie sich nach dem Anschlag in Hanau fühlen. Der dritte Teil unserer Reihe zu muslimischem Leben.

Montage einer Mondsichel auf einem Bild, das muslimische Frauen in einem Raum zeigt
Etwa 15 afghanische Frauen haben sich in Magdeburg über das Kursangebot informiert, das ihnen beim Berufseinstieg helfen soll. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke, Collage: Max Schörm

Seit vier Jahren lebt Najriba Qorbani in Schönebeck. Die Mutter von drei Kindern ist aus Afghanistan geflohen – wegen der Taliban. In Afghanistan habe sie als Friseurin gearbeitet, erzählt sie. Auch in Deutschland möchte sie in ihrem Beruf arbeiten.

Doch bisher hat sie keine Stelle gefunden. Drei Praktika bei Friseuren hat sie bereits gemacht – zwei in Schönebeck, eines in Magdeburg. Das Problem in allen drei Salons: "Ich durfte mein Kopftuch nicht tragen", erzählt die Muslimin. Chefs und Chefinnen hätten ihr gesagt, das Kopftuch würde bei den Kunden nicht gut ankommen. Najriba Qorbani hat für die Praktika ihr Kopftuch abgelegt. Aber eigentlich will sie das nicht. "Für meinen Glauben ist es wichtig, dass ich Kopftuch trage." Sie steht vor einem Dilemma, das ihr den Weg in den Job erschwert.

Kostenfreie Kurse vor dem Berufseinstieg

Ein neues Modellprojekt soll Frauen wie Qorbani helfen, solche Hürden beim Berufseinstieg zu überwinden. Die Fachstelle "Blickpunkt: Migrantinnen" will zugewanderte Frauen dabei unterstützen. Dazu bietet sie mit einem Partner, dem Europäischen Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft (EBG) mit Sitz in Magdeburg-Westerhüsen, vier Kurse an. Diese sind für die Frauen kostenlos, sie werden mit Fördergeld finanziert. Auch Fahrtkosten bekommen die Teilnehmerinnen erstattet. Zugleich will die Fachstelle auch auf Unternehmen zugehen und mit Chefs und Mitarbeitern reden.

Fachstelle "Blickpunkt: Migrantinnen"

Nur etwa zehn Prozent der nach Sachsen-Anhalt geflüchteten Frauen haben eine Arbeit, die über einen Minijob hinausgeht. Darum will die Fachstelle "Blickpunkt: Migrantinnen" in Magdeburg speziell geflüchtete und auch zugewanderte Mädchen und Frauen beim Berufseinstieg unterstützen. Der Caritasverband für das Bistum Magdeburg koordiniert die Fachstelle. Dort werden Beratungsgespräche angeboten. Je nach individuellem Bedarf werden die Frauen etwa in die Kurse des Bildungspartners EBG weitervermittelt.

Das Besondere an dem Projekt: Neben den Kursen werden die Teilnehmerinnen weiterhin an der Fachstelle durch die Caritas beraten und durch Gespräche begleitet.

Das Projekt ist zunächst auf zweieinhalb Jahre angelegt, also bis Mitte 2022. Ziel ist, in dieser Zeit 200 Frauen in die EBG-Kurse zu vermitteln. 100 sollen die Module erfolgreich abschließen. Dafür stehen eine Million Euro Fördermittel bereit, die von der EU und vom Land kommen. Das Forschungsinstitut Minor begleitet das Projekt wissenschaftlich und bereitet die Erkenntnisse aus der Beratung und den Kursen für die Öffentlichkeit auf.

Franka Kretschmer und Christiane Eisfeld vom Europäischen Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft
Franka Kretschmer (links) und Christiane Eisfeld vom EBG Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Christiane Eisfeld und Franka Kretschmer vom EBG organisieren das Kursangebot. Ihr Angebot umfasst die Module "Deutsch lernen" an praxisnahen Übungssituationen, "Empowerment", in dem die Frauen ihre Stärken und auch ihre Rechte kennenlernen sollen, "Berufliche Vorbereitung", in der bestimmte Berufsfelder mit ihrem spezifischen Vokabular und Einstiegsmöglichkeiten vorgestellt werden. Abschließend werden im Modul "Berufliche Eingliederung" Bewerbungen geschrieben und mit Arbeitgebern Kontakt aufgenommen, die einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle anbieten.

Gerade die Kooperation mit Arbeitgebern könnte im Fall von Najriba Qorbani helfen. Eisfeld und Kretschmer sagen, dass Saloninhabern zum Beispiel erklärt werden könne, dass sie durch eine Mitarbeiterin mit Kopftuch auch neue Kunden gewinnen könnten.

Kurse sind flexibel und familienfreundlich

In dieser Woche haben die Organisatorinnen etwa 15 afghanischen Frauen aus Schönebeck die vier Module vorgestellt. Kretschmer sagt über das Modellprojekt: "Das ist ein großes Experiment." Wenn das Angebot angepasst werden müsse, könne das auch geschehen. Was die Kurse von den üblichen Programmen zur Integration in den Arbeitsmarkt unterscheidet: Die Teilnahme ist sehr flexibel und familienfreundlich. So soll es den Migrantinnen möglichst einfach gemacht werden, die Module zu belegen.

Was an Rahmenbedingungen feststeht: Drei Stunden dauert eine Kurseinheit, die von Montag bis Freitag sowohl vormittags von 9 bis 12 Uhr als auch nachmittags von 13 bis 16 Uhr angeboten wird. Frauen könnten ihre kleinen Kinder, die noch nicht zur Kita oder in die Schule gehen, einfach mitbringen, sagt Eisfeld. So könnten die Frauen ohne Verzögerung mit der Vorbereitung auf den Berufseinstieg anfangen und Deutsch üben – und danach, wenn die Kinder etwa in eine Kita können, mit einer Ausbildung oder einem Job beginnen.

Kleine Kinder können zum Kurs mitkommen

Afshar Shokria mit ihrer Tochter und Najriba Qorbani
Afshar Shokria mit ihrer jüngsten Tochter und Najriba Qorbani Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Die Familienfreundlichkeit des Angebots ist beispielsweise Afshar Shokria wichtig. Auch sie ist aus Afghanistan geflohen und lebt seit vier Jahren in Schönebeck. Das jüngste ihrer drei Kinder ist noch nicht alt genug für eine Kita. Deshalb will Afshar Shokria ihre kleine Tochter zum Kurs mitnehmen.

In Afghanistan war Shokria Hausfrau. Es sei in Afghanistan für Frauen schwierig, außerhalb des Hauses zu arbeiten, sagt sie. In Deutschland sei das ganz anders. Deswegen suche sie nun einen Job. Shokria interessiert sich für die Berufe Köchin und Fotografin. Auf jeden Fall will sie selbst Geld verdienen: "Ich habe drei Kinder und Deutschland ist teuer", erklärt sie. Qorbani stimmt zu, auch sie will deshalb eine Stelle finden.

Niedrigschwellig und ohne Druck

Wie oft die Frauen pro Woche an den Kursen zum Jobeinstieg teilnehmen, ist ihnen selbst überlassen. Sie können jeden Tag kommen oder nur einmal die Woche, nur vormittags, nur nachmittags. Maßnahmen etwa des Jobcenters seien oft sehr strikt und ganztägig, was für die Frauen mit kleinen Kindern nicht möglich sei, sagt Kretschmer. Und: "Manche Frauen kommen gar nicht mehr zu einem Kurs, wenn sie zweimal nicht da waren – weil ihnen das Fehlen unangenehm ist oder weil sie Angst haben, nicht zu bestehen", erzählt Kretschmer.

Beim Angebot des EGB dagegen können die Teilnehmerinnen jederzeit pausieren, wenn sie zum Beispiel einen mehrmonatigen Integrationskurs machen müssen oder Schulferien sind. Insgesamt müssen sie 150 Stunden eines Moduls absolvieren. Auch das Arbeitsamt ist an dem Modellprojekt beteiligt. Sollte das Jobcenter die Frauen also in eine für sie zu unflexible Maßnahme bringen wollen, sei es nach Absprache möglich, dass sie zunächst die EGB-Kurse weitermachen könnten, erklären die Kurs-Organisatorinnen.

Mehr Selbstbewusstsein durch neue Fähigkeiten

Diese Flexibilität ist möglich, weil die Kurseinheiten nicht aufeinander aufbauen. Anders als etwa bei klassischen Deutschkursen gibt es keine Grammatiklektionen oder eine Unterteilung nach Sprachniveaus. Anfänger lernen zusammen mit Fortgeschrittenen, und zwar themenbezogen – etwa bei einem gemeinsamen Ausflug in den Supermarkt. Auch eine Prüfung gibt es am Ende des Moduls nicht, worüber die Frauen bei der Vorstellung der Kurse sehr erleichtert reagieren.

Viele der Frauen sind sich über ihre eigenen Fähigkeiten nicht klar.

Franka Kretschmer, Europäisches Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft
Das Europäische Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft (EBG) in Magdeburg-Westerhüsen
Die Kurse finden im Europäischen Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft (EBG) in Magdeburg-Westerhüsen statt. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Im zweiten Kurs, "Empowerment", sollen die Frauen ihre eigenen Stärken herausfinden und neue Kenntnisse erlernen. Dazu können sie zum Beispiel an Computerkursen teilnehmen oder Büro-Organisation lernen. Nur etwa ein Drittel der Migrantinnen in Sachsen-Anhalt hat eine Arbeit und die Mehrheit von diesen nur einen Minijob. Grund dafür sei nicht, dass zugewanderte Frauen nicht arbeiten dürften, sagt Kretschmer. Sondern: "Es gibt Studien, die zeigen, dass sich viele der Frauen über ihre eigenen Fähigkeiten nicht klar sind", erklärt sie. Und sie wüssten nicht, dass diese Fähigkeiten für Jobs relevant seien – und trauten sich selbst daher nicht genug zu. Das behindere sie bei der Arbeitssuche.

Ziel: Ein Job, der Spaß macht

Ende Februar sollen die ersten Deutsch- und Empowerment-Kurse für die Migrantinnen starten. Sowohl Afshar Shokria als auch Najriba Qorbani wollen dann direkt einsteigen.

Organisatorin Franka Kretschmer sagt, das Ziel des Angebots sei, dass die Frauen einen tollen Job finden, der ihnen Spaß mache und in dem sie sich wohlfühlten. Kretschmer und Eisfeld hoffen außerdem, dass sich ihr Angebot in den Netzwerken der Migrantinnen herumspricht. Und dass die Teilnehmerinnen, die dann erfolgreich einen Job gefunden haben, durch ihr Vorbild weitere Frauen motivieren.

Anschlag in Hanau: Fühlen sich die muslimischen Frauen sicher?

Überschattet wurde die Vorstellung der Kurse für Migrantinnen vom rassistischen Anschlag im hessischen Hanau vor wenigen Tagen. Elf Menschen starben dabei, unter ihnen der mutmaßliche Täter. Erst vergangene Woche waren zwei Sachsen-Anhalter festgenommen worden, die mutmaßlich einer rechtsextremen Terrorzelle angehörten, die unter anderem Anschläge gegen Muslime plante. Wie geht es Qorbani und Shokria, wenn sie von Nachrichten wie diesen hören?

Ich habe keine Angst in Deutschland.

Najriba Qorbani nach dem Anschlag in Hanau

Sie dagegen habe schon ein wenig Angst, sagt Shokria. Aber in Afghanistan sei es viel schlimmer gewesen. Qorbani sagt, dass zwar auch in Deutschland schreckliche Sachen passieren könnten. Aber: In Afghanistan könne die Taliban machen, was sie wolle. In Deutschland dagegen werde der Täter von der Polizei gesucht und komme vor Gericht. Deshalb sagt sie: "Ich habe keine Angst in Deutschland."

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

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