Magdeburger Händler in Sorge Buckauer Mauer bedroht Existenzen

Seit sie dasteht, spaltet sie die Gemüter. Die einen sind über die Sperrung in der Coquistraße im Magdeburger Stadtteil Buckau froh, andere wollen sie schleunigst wieder aus dem Stadtteil haben. Und für andere wiederum geht es um ihre Existenz. Einigen Gewerbetreibenden bricht die Kundschaft weg, seitdem die im Volksmund so genannte Buckauer Mauer steht.

Olga Patlan
Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

von Olga Patlan, MDR SACHSEN-ANHALT

Vor einem Getränke-Geschäft ist die Straße großzügig abgesperrt.
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Vor zwei Jahren hat Jan Rieche in Magdeburg-Buckau seinen Cateringservice eröffnet. Hier, in einem aufblühenden Stadtteil der Landeshauptstadt, wollte er die Erweiterung seines Ladens aufbauen. Hier, wo viele Geschäfte eröffnen und die Stadt in den Aufbau investiert, wollte auch er zum Wachstum beitragen.

Umsatzeinbußen bis zu 50 Prozent

Sein erstes Geschäft gibt es bereits seit 1995, ebenfalls in Magdeburg. Eine Verbindung aus Cateringservice und Kantine für schnelles Essen im Berufsalltag. Das Konzept ist auch in der Filiale in der Porsestraße gut angelaufen: "Normalerweise dauert es vier bis fünf Jahre in der Gastronomie, bis sich ein Geschäft etabliert hat.

Jan Rieche
Jan Rieches Cateringservice beklagt durch die Buckauer Mauer Einbußen. Bildrechte: Olga Patlan

Es lief aber gut hier in Buckau, die Umsätze waren steigend", so Rieche. Seine Gäste seien eine bunte Mischung aus anderen Gewerbetreibenden aus der Umgebung, Angestellten, Künstlern und Anwohner des Kiez'.

Seit Ende März kommen allerdings immer weniger Gäste: "Wir haben Umsatzverluste zwischen 15 und 50 Prozent", klagt der Kantinenbetreiber. Womit das zusammenhängt, ist sich Rieche sicher: "Es ist definitiv mit der Buckauer Mauer verbunden, weil ganz Buckau nun abgeschnitten ist."

Eine Mauer mit Vor- und Nachteilen

Was Rieche meint, ist die aktuelle Verkehrssituation in Buckau. Weil die neue Nord-Süd-Verbindung der MVB gebaut wird, sind die Raiffeisen- und die Warschauer Straße gesperrt. Zudem ist ein Teil der Schönebecker Straße nur stadtauswärts befahrbar.

Weil in den ersten Tagen der Baumaßnahmen die Umleitungen von vielen Autofahrern missachtet wurden und der Schleichverkehr stadteinwärts chaotisch durch die schmale Coquistraße lief, beschloss die Stadt, diese zu sperren – mit einer Betonleitwand. Im Volksmund wird sie seit ihrem Aufstellen Ende März die Buckauer Mauer genannt, weil sie den Stadtteil trennt.

Eine Straße ist durch einen Poller und Betonblöcke gesperrt.
Seit Anfang April ist die Coquistraße von Betonwänden und einem Poller getrennt. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Anreise länger als die Mittagspause

"Ich bin für einen starken Nahverkehr", betont Rieche. Den Ausbau der Straßenbahnlinien begrüße er, auch alle damit verbundenen Sanierungen. Zwei mögliche Zufahrten zu seinem Laden seien wegen der Baumaßnahmen bereits gesperrt. Dass die Stadt nun mit der Buckauer Mauer auch noch die dritte Zufahrt versperrt, bringt ihn dennoch auf: "Die Leute, die arbeiten, haben in der Regel eine halbe Stunde Mittagspause und da möchten sie nicht eine dreiviertel Stunde im Auto sitzen, um hierher zu kommen." So lang würden die Umwege für einige seiner Gäste dauern.

Bangen vor dem Winter

Ähnlich geht es auch dem Geschäftsführer von Getränkefeinkost. Alexander Kusserow leitet zwei Filialen des Getränkefachhandels in Magdeburg. Das Geschäft in der Warschauer Straße besteht seit 2012. Weil es hier im Kiez so gut lief, wurde ein zweites im Stadtteil Stadtfeld eröffnet. Doch nun sieht auch er seinen Laden gefährdet.

Alexander Kusserow
Auch Alexander Kusserow fehlen Kunden. Bildrechte: Sebastian Vandrey

"Die Kundenfrequenz ist deutlich gesunken, weil es einfach viel schwieriger geworden ist, zu uns zu kommen", so Kusserow. Insbesondere in den Abendstunden kämen weniger Kunden vorbei. Diejenigen, die auf dem Heimweg mit dem Auto angehalten haben, blieben weg.

"Dadurch, dass Sommer ist, ist bei uns noch viel los, aber wir haben Angst vor dem Winter, weil erfahrungsgemäß da schon relativ wenig los ist. Wenn man dann auch noch schwer zu uns kommt, könnte das schon schwierig werden", so Kusserow. Als eine Vorsichtsmaßnahme habe er sein Team bereits um einen Arbeitsplatz reduziert. Dasselbe hat auch Rieche gemacht. Bei beiden Gewerbetreibenden sind Stellen im Frühjahr ausgelaufen und  wurden nun nicht wieder besetzt. "Wir wissen nicht genau, was kommt", sagt Kusserow.

Zufahrt nur über Hasselbachplatz

Generell sei die Verkehrssituation "unkoordiniert". Getränkefeinkost befindet sich direkt an der Ecke zur Warschauer Straße, die Baustelle ist direkt vor der Tür.

Baustelle Straße
An der Warschauer Straße in Magdeburg ist kein Durchkommen mehr. Bildrechte: Olga Patlan

Auch seien Anlieferungen ein "Riesenproblem". "Weil es einfach sehr schwer zu erklären ist, wie die Lieferanten zu uns kommen. Ich habe inzwischen mehrere Sätze, die ich schreibe: Anlieferung nur aus Richtung Hasselbachplatz über Steubenallee und Schleinufer möglich. Für Ortsansässige ist es noch halbwegs zu verstehen, aber für die Auswärtigen ist es einfach ein großes Problem", schildert der Geschäftsführer.

Die Verkehrssituation kritisiert auch Ulrich Duchstein. Er ist Hausleiter der City Pension Magdeburg in der Warschauer Straße.  Die Reservierungen in seinem Haus seien bisher unverändert, das hänge auch damit zusammen, dass seine Kunden nicht ortskundig sind und nichts von der Verkehrssituation wüssten.

Ulrich Duchstein
Ulrich Duchstein befürchtet schlechte Online-Rezensionen. Bildrechte: Olga Patlan

Allerdings beklagen die Gäste regelmäßig bei der Ankunft die schwerfällige Anreise. "Und sobald die ersten negativen Rezensionen im Internet sind, könnte es schwierig werden. Keiner hat Lust, eine Dreiviertelstunde durch die Stadt zu gurken", so Duchstein.  In seinen Augen ist die Beschilderung der Umleitungen nicht optimal gelöst, insbesondere für ausländische Gäste sei es schwierig.

Zudem: "Das Sackgassenschild kommt, aber die Sackgasse ist erst in drei Kilometern, das ist schwierig für alle Händler", sagt der Hausleiter.

Keine Neuigkeiten vom Tiefbauamt

Dass eine Besserung der Verkehrssituation kommen soll, versprach Thorsten Gebhardt, Leiter des Tiefbauamtes. Anfang April hörte er sich bei einer Bürgerversammlung die Anliegen der Anwohner und Gewerbetreibender an und versprach "nach Alternativen zu suchen, um möglichst die Betonleitwand in absehbarer Zeit entfernen lassen zu können". Passiert ist seitdem allerdings noch nichts. Herr Gebhardt war zum Zeitpunkt des Verfassens des Artikels  für eine Anfrage des MDR SACHSEN-ANHALT nicht zu erreichen.

Olga Patlan
Bildrechte: MDR/Alexander Friederici

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier schreibt sie Online-Artikel, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT.

Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen.

Quelle: MDR/aso

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 06. Mai 2019 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 17:30 Uhr

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7 Kommentare

07.05.2019 10:40 Leander 7

Ich ärgere mich vom ersten Bild an über die unsaubere Argumentation von Olga Patlan. Dort werden Absperrungen der Straßenbahn-Baustelle in der Warschauer Straße gezeigt. Die"Buckauer Mauer" hingegen befindet sich in der Coquistraße. Über die kann man freilich geteilter Meinung sein. Ich allerdings begrüße es außerordentlich, dass damit dem "Schleichverkehr" Einhalt geboten worden ist.
Die Baustellen-Absperrung in der Warschauer Straße steht auf einem völlig anderen Blatt. Sicherlich ist sie zur Absicherung notwendig. Die Klagen der anliegenden Geschätsinhaber sind aber verständlich. Deshalb sollte das Tiefbauamt in der Tat gesprächs- und kooperationsbereit sein und bleiben, anstatt sich in unkluger Weise dem Gespräch - auch gegenüber dem MDR - zu verweigern.

06.05.2019 14:03 Bernd 6

Ich finde es schade, wenn 30 Jahre nach dem Mauerfall wieder eine Mauer für Unbehagen sorgt.

Lernt man denn in Sachsen Anhalt gar nichts aus der Vergangenheit?!

06.05.2019 13:31 lummox 5

jenaer, ihre moderaten worte in allen ehren, aber hier noch ein etwas älterer volksmund: sich zum otto machen, was wohl bedeuten soll sich lächerlich machen, übers ziel hinausschießen oder blamieren, was gerade in den letzten jahren dadurch das man aus dieser stadt mehr machen will als man ihr zumuten kann seine aktuelle bedeutung erhalten hat. otto-stadt :)

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