Kreative Lösungen Central Digital: Mit Livestream-Konzerten durch die Corona-Krise

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

Als die Bars wegen der Corona-Pandemie plötzlich schließen mussten, standen die Betreiber vor völliger Ratlosigkeit. Die Besitzer des Café Central in Magdeburg wollten die Situation aber nicht einfach hinnehmen und haben nach kreativen Lösungen gesucht.

Ein Mann und eine Frau lehnen über einen DJ-Pult.
Julia Mantwill und Steffen Jany gehören zum Betreiberteam des Café Central in Magdeburg. Bildrechte: Daniel Krüger

"Es war echt hart, den Laden so leer und trist zu sehen", erinnert sich Julia Mantwill an den Moment, als sie und ihre Mitbetreiber ihre Bar nach der Schließung das erste Mal betreten haben. Mitte März musste sie, wie auch alle anderen Gastronomen, das "Café Central" in Magdeburg für den Publikumsverkehr schließen. Doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, haben die vier Freunde sich eine Veranstaltungsreihe überlegt.

"Eine Bar ist dafür da, Menschen zusammenzubringen"

"Wir haben uns schon immer irgendwelche Sachen einfallen lassen und Kulturveranstaltungen gemacht", erzählt die junge Managerin der Bar. Also sei es klar gewesen, dass auch jetzt etwas unternommen werden muss. "Eine Bar ist dafür da, Menschen zusammenzubringen. Und was ist gerade das beste Mittel, um sie zusammenzubringen? Natürlich das Internet." Entstanden ist die neue Veranstaltungsreihe "Central Digital". Heißt genau: Regionale Künstler performen in einem Livestream. Zu sehen jeden Freitag und Samstag auf mittlerweile vier Plattformen: Facebook, Twitter, YouTube und Twitch.

Portrait einer Frau mit Brille und Kurzhaarschnitt
Julia Mantwill, Managerin vom Café Central Bildrechte: Daniel Krüger

Dabei bieten die sozialen Medien einen großen Vorteil: "Ein wesentliches Element sind die Chatfunktionen. Die Leute können also nicht nur konsumieren, sondern mit uns, den KünstlerInnen oder untereinander kommunizieren", erzählt Julia frohen Mutes. "Wir haben stellenweise auch einen Videochat angeboten und da haben die Leute sogar 'miteinander' getanzt". Das sei auch ein wichtiger Aspekt, die Menschen zu Hause von ihrer Couch runter zu bewegen.

Das Feedback zu der neuen Veranstaltungsreihe ist auf Anhieb positiv gewesen. Mehrere tausend Menschen haben sich die Stream-Konzerte angeschaut. Wahrscheinlich auch, weil die Idee schon recht frühzeitig umgesetzt wurde. Zu einem Zeitpunkt, als die Menschen noch im Prozess des Verarbeitens der neuen Einschränkungen waren. Den ersten Stream gab es bereits am 21. März. Mittlerweie findet sich die Veranstaltungsreihe auch auf den Seiten der Stadt unter "Kultur digital", weil auch andere Kulturschaffende den Weg der Digitalisierung gehen.

Wir haben definitiv die Leute vor die Bildschirme geholt.

Julia Mantwill, Managerin des Café Central

Für ihre Streams hätten die Café-Central-Besitzer zunächst DJs angefragt, mit denen sie sowieso vorher gearbeitet haben. "Es sind ja lauter Menschen, die gerade nichts zu tun haben und so geben wir ihnen die Möglichkeit, bei uns die Zeit zu verschönern", so Julia. Zwischendurch hätten sie auch einen Aufruf gestartet und die User nach ihren Wünschen gefragt. Einer der auftretenden Künstler, Hausfreund Semanski, wollte zum Beispiel aus seinem Konzert eine Call-In-Show machen. Und hat das am Ende auch umgesetzt. So konnten die Nutzer anrufen und sich Lieder wünschen. Ein deutlicher Mehraufwand für das Team, den sie letztlich gern auf sich genommen haben.

"Wir entwickeln uns auch mit jedem Livestream weiter"

Dass solche Livestreams überhaupt so schnell realisiert werden konnten, liegt in der Konstellation des Teams. Alle vier Verantwortlichen betreiben die Bar nebenberuflich. Zwei von ihnen sind im digitalen Kommunikationsbereich tätig. "Das Know-how und die technischen Möglichkeiten waren also schon da, das musste nur angewendet werden – das ist unser großer Vorteil." Auch die Internetleitung konnte aus dem direkt über der Bar liegenden Büro umgeleitet werden, um eine stabile Leitung herzustellen. Beste Voraussetzungen also. "Das ist sicherlich für andere nicht ganz so einfach", gibt Mantwill zu.

Spenden in digitaler Hutkasse

Zusätzlich zu den Streams haben sie eine digitale Hutkasse etabliert. Während die Künstler spielen, können die Zuschauer Geld spenden, ähnlich wie ein Eintrittsgeld bei einer Veranstaltung – mit dem Unterschied, dass die Leistung freiwillig ist. Wer spendet, unterstützt den Künstler und die Bar. Die Streams mit den DJs werden Mantwill zufolge bisher besser angenommen, es kommen 100 bis 150 Euro zusammen. "Es ist definiv noch nicht genug, um zu überleben, aber es ist mehr, als wir am Anfang gedacht hätten." Manch einer habe sogar 50 Euro gespendet mit persönlicher Nachricht "Ich möchte einfach, dass die Bar bleibt." Die Augen der Betreiberin funkeln glücklich, als sie das erzählt: "Das ist dann schon ein tolles Gefühl."

Wer sich ein wenig mit Betrierbskosten auskennt, weiß natürlich, dass diese Summen nicht aureichen, um eine Bar über einen und erst recht nicht über mehrere Monate zu finanzieren. Wie in den meisten Gastronomie-Betrieben mussten deshalb auch hier die Angestellten auf Kurzarbeit umgestellt werden, bei den Studierenden fallen die Stunden einfach weg, wie die Managerin erzählt.

Doch trotz aller Schwierigkeiten, verlieren sie nicht die Motivation: "Wir haben große Freude daran, das zu machen." Geplant seien auch weitere Schritte, wie T-Shirts und weitere Merchandising-Artikel des Central Digital.

Uns ist es schon wichtig, dass das Central am Leben erhalten bleibt. Es hat schon so viel mitgemacht. Es wird dieses Jahr 15 Jahre alt und es wäre schade, wenn es danach vorbei ist.

Julia Mantwill, Managerin des Café Central

Es sei noch nicht geplant, mit der Veranstaltungsreihe aufzuhören. Auch die DJs hätten signalisiert, wieder mitmachen zu wollen. Dass vor ihnen kein Publikum tanzt, sei nicht eigenartig. "Insofern machen wir das jedes Wochenende bis wir wieder aufmachen dürfen und selbst danach, denke ich, dass die Menschen eher vorsichtig sein werden. Insofern ist es vorstellbar, dass wir das auch im Sommer neben dem Bar-Business forführen."

Optimistisch in die Zukunft blicken

Trotz aller aktuellen Herausforderungen blickt Julia optimistisch in die Zukunft. Das Café vergleicht sie mit dem Hasselbachplatz, der Heimat der Bar.

Wir haben schon viel mitgemacht und trotzdem sind wir noch da. Das Beste, was uns die Situation geben kann, ist dieses sich mal wieder neuerfinden.

Julia Mantwill, Café Central

"Ich glaube, wir haben uns mit dem Central schon immer über die Jahre neu erfunden. Dabei haben wir unseren Central-Charakter beibehalten können. Und wenn alles drum herum auch neuauflebt und aus dieser Situation neue Sachen entstehen, dann sehe ich nur, dass es hier weitergeht", so Mantwill.

Wenn man sie nach dem Central-Charakter fragt, beschreibt sie ihn so: "Das sehr Wohnzimmerhafte und Gemütliche und auf der anderen Seite das Vielfältige. Bei uns kommen alle möglichen Menschen zusammen, sowohl gesellschaftlich als auch kulturell. Das hat schon immer zum Central gehört und das schätze ich sehr und das versuchen wir auch zu bewahren."

Was sich dennoch verändern könnte, wird die Situation zeigen. Julia sagt mit einem Zwinkern: "Mal schauen, was passiert, vielleicht sind wir ja am Ende gar keine Bar mehr, sondern ein Paket-Shop für unseren Merch und ein Filmstudio."

Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier schreibt sie Online-Artikel, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT. Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 18. April 2020 | 19:00 Uhr

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