Drag-Queen "Butchy Goldt" Die Geburt einer Superheldin in Magdeburg

Ein Mann und eine Frau vor einer grauen Wand.
Bildrechte: MDR/Fabian Stark

Wie kreiert man eine Drag-Queen? Clemens Kellner nimmt uns mit auf seine Reise, die er mit seiner Kunstfigur "Butchy Goldt" bisher durchlebt hat. Seit 2019 arbeitet er am Theater Magdeburg und hat dort auch seinen ersten großen Auftritt vor Live-Publikum gefeiert.

Ein junger Mann mit exzentrisch geschminkten Augen.
Clemens Kellner hat zu "Butchy Goldt" gefunden und "Butchy Goldt" zu ihm. Sein Drag-Charakter ist eine persönliche Befreiung für den Magdeburger. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

"Drag hat mein Leben gerettet", sagt Clemens Kellner. Er meint das gar nicht mal so dramatisch, wie es klingt. Er strahlt dabei. "Butchy Goldt" ist der Name seiner Bühnenfigur und das vorläufige Ergebnis einer langen Reise. Sie beginnt, als Clemens Kellner seine "Dragmutter" trifft, wie er sagt: die Drag-Queen "Disko Jutta".

Wie Clemens Kellner zum Drag kam

Davor studiert Kellner in Hildesheim und Frankfurt am Main Theater-, Film- und Medienwissenschaft. In dieser Zeit verschlägt es ihn für ein Praktikum nach Berlin. Über seinen Arbeitgeber, den Rapper Black Cracker, lernt er die kanadische Musikerin Peaches kennen. Kellner wird ihr Produktionsassistent und tourt mit Peaches durch Europa. Das ist 2015.

Das bedeutet Drag

Drag bezeichnet das Spiel mit Geschlechterbildern und -klischees in oft übertriebener, überhöhter Form. Dabei hat der aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Begriff "Drag" viel mit Travestie gemein. Travestie wird allerdings oft als sexueller Fetisch verstanden; davon grenzt der Begriff "Drag" sich ab – das Politische steht hier im Vordergrund. "Wir werden nackt geboren, und der Rest ist Drag", sagt der US-amerikanische Schauspieler RuPaul und betont damit, dass Geschlechterrollen nicht natürlich gegeben sind, sondern kulturell wachsen.

Danach arbeitet Kellner bei einem Verlag – doch dort fühlt er sich schnell fehl am Platz. Daneben endet seine Beziehung, eine anstrengende dazu. "Es hat einfach so viel nicht zu mir gepasst, dass ich mich gefragt habe: Was mache ich jetzt mit meinem Leben, was mache ich jetzt mit mir?" Kellner hat genug von Berlin, vorerst. 2018 zieht er zurück in seine Heimatstadt Hannover; dort jobbt er bei seinem Vater, in dessen Tischlerwerkstatt.

"Disko Jutta" lernt er in der "Schwulen Sau" kennen, einem queeren Begegnungszentrum in Hannover. Jutta ist dort Teil einer Theatergruppe. Kellner beginnt, sich mit Drag zu beschäftigen – entdeckt darin das kreative Spiel von Geschlechterbildern, das mehr sein will als Männer in Frauenkleidern. Doch selbst als Drag-Queen aufzutreten, das kommt für ihn noch nicht infrage.

Die Geburt der Drag-Queen "Butchy Goldt"

Ende des Jahres ist Kellner in Frankfurt zu Besuch. Er folgt der Einladung zu einer Party mit dem Namen "Kabinett der Kuriositäten". Verkleidung ist erbeten. "Auf einmal legte sich bei mir so ein Schalter um", erzählt er. "Okay, ich geh da jetzt als Drag-Queen hin. Ich hatte zu dieser Zeit weder eigenes Make-Up noch ein Kostüm. Dann habe ich als theateraffiner Mensch einfach meine Kreativität spielen lassen und war dann letztendlich ein kräftiger Kerl mit Lippenstift." Auf der Party trägt er eine rote Sporthose, eine Lederjacke und Kniestrümpfe, keine Perücke. Es ist die Geburt von "Butchy Goldt".

Das englische "Butch" bezeichnet in nicht-heteronormativen und queeren Beziehungen maskuline Eigenschaften und das Ausfüllen einer eher männlichen Rolle, im Gegensatz zu "Femme". Die Figur "Butchy Goldt" folgt laut Kellner einem Konzept: Seine Queen hat – obwohl sie eine Frau ist – mit Absicht maskuline Züge: markante Gesichtszüge, Grobmotorik, Haare im Gesicht und auf der Brust. "Meine Superheld*in springt zwischen den Geschlechtern und Geschlechterrollen", so Kellner. Doch warum Superheldin?

'Butchy Goldt' ist in einer Zeit entstanden, wo ich etwas gebraucht habe. Deswegen habe ich mir eine eigene Superheld*in kreiert. So ähnlich ging es auch vielen anderen Drag-Performern. Diese Helden-Figuren sind entstanden, weil man mit seinem eigenen Leben, seiner eigenen Lebenssituation nicht zufrieden war.

Clemens Kellner

Die Arbeit an seiner Kunstfigur vom Erstellen ihres Äußeren bis zum ersten öffentlichen Auftreten hat Clemens Kellner wieder neue Lebensenergie gegeben, die er kurzzeitig verloren hatte. Sein künstlerisches Händchen zeigt sich auch in Butchys Handschrift – ihrem Make-Up: ein Schönheitsfleck auf der rechten Seite, auf der linken eine comichafte Träne. Beides Symbole: "Die Träne steht dafür, dass Drag mir in einer Zeit begegnet ist, als ich sehr traurig war. Der Schönheitsfleck bedeutet, dass nichts niemals perfekt ist." Sein erstes Make-up-Set bekommt Kellner im Dezember 2018, von seiner besten Freundin zum 30. Geburtstag.

Ein Tisch mit Schmuck, Bürste und Samthandschuhen.
All das braucht es, damit aus Clemens Kellner die Figur "Butchy Goldt" wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Clemens Kellner fotografiert sich als "Butchy Goldt", nimmt kurze Videos von ihr auf. Butchy übt sich in der "Königsdisziplin" des Drag, wie Kellner sagt, dem Lipsyncing. Er bewegt die Lippen zur Musik – im Grunde wie Playback, aber ohne vorzugeben, tatsächlich zu singen. Die Videos teilt Clemens auf der Facebook-Seite von Butchy Goldt. Doch das reicht ihm nicht.

Der erste Auftritt: "Legit Love" in Magdeburg

In Magdeburg hat "Butchy Goldt" ihren ersten Live-Auftritt. Im November 2019 auf der 20er-Jahre-Party der Reihe "Legit Love" im Schauspielhaus. Dort leitet Kellner ansonsten die Statisterie und arbeitet im künstlerischen Betriebsbüro. Seine Kolleginnen und Kollegen haben ihn ermutigt, sich bei "Legit Love" als "Butchy Goldt" zu präsentieren.

Ein junger Mann im bunten Hemd vor einem Fenster.
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Drag ist schwierig, im Alltag wie in der Tagesöffentlichkeit. Drag ist für mich Underground und Dunkelheit. Da kann man sich eben noch mal ganz anders bewegen und ausleben.

Clemens Kellner

Für ihn ist der "Legit-Love"-Auftritt ein entscheidender Moment: "Ich bekomme immer noch eine ziemliche Gänsehaut, wenn ich daran denke. Denn es war das erste Mal, dass ich auf einer großen Bühne gestanden habe und dass wirklich mehrere 100 Menschen zugeguckt haben." Auf dieser Art von Party gehe es nicht vorwiegend ums Aufreißen. Das Partypublikum mischt sich dort mit dem, das um Mitternacht aus der Theatervorstellung auf die Party stolpert. Dort eröffnet der Drag für viele Menschen eine neue Welt, meint Kellner: "Sie werden mit vielen queeren Menschen konfrontiert." Ein Austausch, der in der Gesellschaft heute allzu oft fehle; der aber so wichtig sei gegen blinde Ressentiments zu Gender-Themen.

Der Stadt Magdeburg hafte zwar ein misstrauisches, griesgrämiges Image an, bemerkt Clemens Kellner. Auf der "Legit Love" allerdings sei davon nichts zu spüren. Inzwischen hat er eine eigene Drag-Show entwickelt, für das Corona-Kulturprogramm vom Magdeburger Moritzhof. Für "Hof on Air" lipsynced "Butchy Goldt" unter anderem Mariah Carey.

Veranstaltungen wie "Legit Love" könnten auch ein Anstoß sein, Drag zu normalisieren. Zwar gibt es Drag-Größen wie Lilo Wanders, Olivia Jones und RuPaul; doch wirkliche Akzeptanz erfahre Drag dann doch vor allem in der Nacht, so Kellner: "Drag ist schwierig, im Alltag wie in der Tagesöffentlichkeit. Drag ist für mich Underground und Dunkelheit. Da kann man sich eben noch mal ganz anders bewegen und ausleben."

Mit "Butchy Goldt" hat sich Clemens Kellner seine eigene Superheldin geschaffen: "Sie hat mich so stark gemacht. Deswegen bin ich mir selbst für diese Reise bisher sehr dankbar."

MDR-Volontärin Ann-Kathrin Canjé
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über die Autorin Ann-Kathrin Canjé wurde 1991 in Düsseldorf geboren und volontiert seit 2019 beim MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNK. Nach dem Abitur hat sie sich von NRW verabschiedet, um in Niedersachsen und Berlin Kulturwissenschaften und Angewandte Literaturwissenschaft zu studieren. Währenddessen absolvierte sie Praktika bei der Kulturzeit in Mainz und dem Kulturmagazin Aspekte in Berlin. Vor dem Volontariat hat sie in der Onlineredaktion des Berliner Radiosenders FluxFM gearbeitet. In ihrer Arbeit liegen ihr besonders Themen wie Gleichberechtigung und Anti-Diskriminierung am Herzen, weil es für sie wichtig ist, Stimmen sichtbar zu machen, die im alltäglichen Geschehen oft unter gehen. Wenn Ann-Kathrin gerade nicht journalistisch unterwegs ist versucht sie ihre Zeit zum Lesen und Schreiben zu nutzen. Ihr liegen die kleinen, unauffälligen Geschichten des Alltags am Herzen, die sie meist in Kurzgeschichten festhält.

Fabian Stark
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Fabian Stark wurde 1991 im bayerischen Altötting geboren und volontiert seit 2019 beim MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNK. Davor hat er in Berlin Europäische Ethnologie studiert - und arbeitet auch heute am liebsten zu Themen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Vor dem MDR machte Fabian Stark Stationen bei Zeit Online, der tageszeitung und funk. Neben dem Journalismus unternimmt er gelegentlich Ausflüge ins Theater, wie zum Beispiel zum Dokumentartheater Rimini Protokoll, für das er 2018 eine Virtual-Reality-Ausstellung über die globalisierte Nahrungsmittel-Produktion recherchierte. In seiner Freizeit schwimmt er und überlegt sich Texte für die bürgerliche Punkband "Ente Kross". Ihre bisher größten Hits: "Feindbilder: Betriebsyoga", "Akku leer auf Lanzarote" und "Hautausschlag von Sojamilch".

Quelle: MDR/acj,fs

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