#miteinanderstark Corona-Krise: Wie viel Last Frauen tragen

Janine Wohlfahrt
Bildrechte: MDR/Luca Deutschlaender

In der Corona-Krise zeigt sich: Ohne Frauen würden lebenswichtige Dinge gar nicht funktionieren. Frauen sind überdurchschnittlich oft Krankenschwester, Altenpflegerin, Verkäuferin, Friseurin, Lehrerin, Erzieherin und viele Frauen sind gerade alles auf einmal. MDR SACHSEN-ANHALT hat zwei Frauen getroffen, um mit Ihnen über die Herausforderungen zu sprechen.

Zwei Frauen
Bianca Zacke und Sara Grundel haben derzeit viel zu tun mit den Schulaufgaben der Kinder. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt

Eigentlich verschönert Bianca Zacke Frauen – macht Ihnen tolle Frisuren, färbt die Augenbrauen oder schminkt für Hochzeiten, denn sie ist Friseurin mit eigenem Laden in Magdeburg. Seit Corona aber darf sie nicht mehr arbeiten, hat dafür aber viel gelernt – über Seuchen im Mittelalter und Korbblütler. "Die Schulaufgaben meiner Tochter waren meistens wirklich ganz interessant", sagt sie. Jedoch empfand sie die Aufgaben oft zu schwierig, als dass sie Kinder hätten alleine bewältigen können.

Und so war sie plötzlich irgendwie auch Lehrerin. "Wir haben oft stundenlang zusammen im Internet gesucht, um die richtigen Antworten zu finden. Ohne ständige Anleitung, Hilfe und Motivation wäre das nicht zu schaffen gewesen", meint die Mutter einer Zwölfjährigen, die auf ein Gymnasium geht. Die Tochter immer wieder für die Aufgaben zu motivieren, sei anstrengend und laufe schleppend. Zum Glück gebe es keine Abgabetermine und bisher auch keine Noten.

Probleme mit der Schule

Mehr Rücksicht und Entspanntheit der Lehrer fände auch Sara Grundel gut. Sie ist Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut in Magdeburg. Sie sagt: "Am meisten wünsche ich mir, dass die Lehrer keine Forderungen stellen. Ich spüre da großen Druck, das brauche ich nicht auch noch obendrauf."

Dann gibt’s eben keine Noten dieses Schuljahr. Das ist auch nicht das Ende der Welt.

Sara Grundel, Wissenschaftlerin
Sara Grundel - Portrait Frau
Sara Grundel forscht eigentlich als Wissenschaftlerin. Zurzeit ist sie aber auch Köchin, Lehrerin, Erzieherin und Sekretärin für die Schularbeiten der Kinder. Bildrechte: Janine Wohlfahrt

Mit obendrauf meint Sara Grundel ihre derzeitige Situation. Sie ist langes Arbeiten gewöhnt. Ihr Mann hält ihr dafür auch sonst immer den Rücken frei. Aber seit fast sechs Wochen ist sie im Homeoffice mit Mann und drei Kindern – drei, acht und neun Jahre alt. Wenn sie sich nach dem Mittagessen an ihren Computer setzt, um dann meist bis 22 Uhr ihren Job als Wissenschaftlerin auszufüllen, hat sie eigentlich schon eine ganze Schicht hinter sich. "Wir stehen immer pünktlich um 6 Uhr auf", sagt die Mathematikerin.

Sie forscht daran, wie man Energienetze, insbesondere das Gas- und Stromnetz in Zukunft effizienter nutzen kann – wo etwa Windräder am besten stehen sollten.

Derzeit aber ist sie bis zum frühen Nachmittag jeden Tag gleichzeitig Köchin, Sekretärin für die Schulaufgaben der Kinder, Erzieherin, Lehrerin, Hausfrau und Musiklehrerin. Sara Grundel sagt: "Wir teilen uns die private Arbeit eigentlich schon immer sehr gut auf. Mein Mann arbeitet nur sechs Stunden, so dass er nachmittags die Kinder betreuen kann. Aber ich mache alle Pläne, wer, wie, wo, wann – das ist seit Corona schon viel krasser geworden."

Diese Woche hatte ich zwischen 10 und 12 Uhr eine Telefonschalte, da habe ich mit einem Ohr zugehört und nebenbei mit meinem Sohn Hausaufgaben gemacht und den Teig fürs Mittagessen angerührt.

Sara Grundel, Wissenschaftlerin

Das tägliche Mittagessen ist auch für Bianca Zacke eine echte Herausforderung. "Ich bin das ja gar nicht gewöhnt, jeden Tag zu kochen", sagt sie. Und es dann auch noch allen recht zu machen, sei schon oft schwierig.

Bianca Zacke - Portrait Frau
Bianca Zacke hofft, dass sie Anfag Mai ihre Friseurgeschäft wieder öffnen darf. Bildrechte: Janine Wohlfahrt

Vormittags ist auch sie zur Lehrerin geworden. Seit Wochen darf sie ihr Geschäft nicht öffnen. Sie hat die Hände aber nicht in den Schoß gelegt. Zusammen mit ihrem Partner habe sie viel renoviert aufgeräumt und "alles, was sonst nebenbei passiert, den Balkon bepflanzen zum Beispiel, das mache ich jetzt eben als Hauptaufgabe." Zweimal in der Woche hilft sie in einem Supermarkt beim Wareeinräumen: "Ich habe das beim Einkaufen gesehen, wie viel die Verkäufer da leisten müssen und ich bin ja zuhause, da dachte ich, hilfste halt mit." Bianca Zacke hofft sehr, dass die Friseure am 4. Mai tatsächlich öffnen dürfen.

Das ist schon eine Belastungsprobe. Ich habe zwei Angestellte und drei Lehrlinge. Die Lehrlinge musste ich weiterbezahlen, habe aber keinerlei Einkünfte.

Bianca Zacke, selbstständige Friseurin

Wenn sie wieder arbeiten geht, muss ihre Tochter alleine zurecht kommen mit den Schulaufgaben. Ihr Partner geht auch in Coronazeiten weiter arbeiten. "Oder wir müssen uns dann wieder abends zusammen hinsetzen", sagt Bianca Zacke. An die Mittagsversorgung ihrer Tochter hat sie auch schon gedacht und einen Plan gemacht. Das Essen will sie dann vorkochen. "Warmmachen klappt ja schon mit 12."

Studie belegt: Mehrheit der Eltern fühlt sich Heimunterricht nicht gewachsen

Die Mehrheit der Eltern fühlt sich dem Heimunterricht ihrer Kinder auf Dauer nicht gewachsen. Das geht aus einer in Berlin veröffentlichten repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der gemeinnützigen Vodafone Stiftung hervor. 73 Prozent der befragten Eltern sehen es kritisch, über längere Zeit die Lernunterstützung zu Hause aufrechtzuerhalten. 43 Prozent haben Probleme, die nötige Zeit dafür aufzubringen.

Unzufrieden seien viele Eltern auch mit dem Ersatzangebot der Schulen. Zwar versorgten die meisten Lehrkräfte ihre Schüler per Mail. Bei der Bearbeitung seien diese aber mit ihren Eltern weitgehend auf sich allein gestellt. Nur sieben Prozent der Kinder nähmen täglich an digitalem Unterricht teil. Wann die Schulen generell wieder öffnen, ist derzeit nicht absehbar.

Kritik an Entscheidungen

Auch die Kinder von Sara Grundel sind nach Einschätzung der Mutter schon selbstständig. Aber den ganzen Tag alleine lassen, könnte sie sie nicht. "Anspruch auf Notbetreuung haben mein Mann und ich aber auch nicht", sagt sie und würde sich freuen, wenn wenigstens die dreijährige Tochter wieder in die Kita dürfte. "Dann hätten wir Eltern auch mal wieder so ein Gefühl irgendwann mal Feierabend zu haben", meint sie.

Für Bianca Zacke wäre es toll, wenn ihre Tochter wieder Sport treiben könnte. Sie spielt eigentlich Volleyball und geht zum Reiten. Das vermisse sie. "Zumal die Tiere ja ohnehin bewegt werden müssen und der Abstand auch gegeben wäre", sagt Bianca Zacke.

Eindeutige Aussagen der Politik wären hilfreich

Bild: Sara Grundel - Portrait Frau Q/R Janine Wohlfahrt  Bild: Bianca Zacke - Portrait Frau - Q/R Janine Wohlfahrt  Bild: Kind bei Schularbeiten  - Q/R Bianca Zacke Bild Mutter und Kind beim Kochen - Q/R Bianca Zacke   Danke Janine  Tel 0170 800 2043
Die Tochter von Bianca Zacke sitzt täglich am Rechner und erledigt ihre Schulaufgaben. Ohne Hilfe wäre es schwerer. Bildrechte: Bianca Zacke

Die Schulaufgaben scheinen für diese beiden Frauen und viele andere derzeit eine große Herausforderung zu sein. Sara Grundel findet alles ziemlich unkoordiniert. "Klar, es ist für alle eine neue Situation.“ Deshalb hätte sie es besser gefunden, wenn sich alle Schulleiter zum Beispiel auf einen Kommunikationsweg geeinigt hätten: "Ich bekomme E-Mails und Whatsapp Nachrichten, da wusste ich manchmal gar nicht mehr, wer schreibt mir jetzt für welches Kind."

Sie kritisiert auch die Vorgehensweise der Politik. "Immer in diesen zwei Wochen Schritten, da kann ja niemand Konzepte machen", sagt sie. Besser hätte sie es gefunden, wenn gleich klar gesagt worden wäre: "So, wir machen die Schule zu bis zum Sommer und hätte dann vernünftige Bildungs- und Betreuungsangebote gemacht, die auch allgemein für alle kommuniziert worden wären." Diese ständige Ungewissheit, wie es weitergeht, nerve sie.

Hintergründe und Aktuelles zum Coronavirus – unser Newsletter

In unserem Newsletter zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen, was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird.

Das Corona-Daten-Update – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihrem Postfach. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

Janine Wohlfahrt
Bildrechte: MDR/Luca Deutschlaender

über die Autorin Janine Wohlfahrt stammt aus Magdeburg und arbeitet seit 2001 für MDR SACHSEN-ANHALT. Seitdem hat sie im Hörfunk und Fernsehen Nachrichten gemacht, war als Reporterin mit dem Ü-Wagen unterwegs und sorgt jetzt dafür, dass viele interessante und relevante Gesprächsthemen aus Magdeburg auch im Internet landen. Janine Wohlfahrt arbeitet auch als Chefin vom Dienst in der Online-Redaktion. Bevor sie zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat sie bei der Bild-Zeitung, Radio SAW und MDR JUMP gearbeitet. Ihre Lieblingsorte in Magdeburg sind ihr Zuhause, die Datsche, der Neustädter See und der Stadtpark.

Quelle: MDR/jw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. April 2020 | 07:10 Uhr

2 Kommentare

Demokrat vor 26 Wochen

Leider wird die Leistung und die Last der Frauen viel zu wenig gewürdigt und respektiert! Irgendwie scheint das alles ja Privatsache zu sein, sind Kita, Schule und Spielplatz eben geschlossen, noch dazu auf unbestimmte Zeit, und hat irgendwie zu funktionieren. Vom Virus selbst sind gerade junge Frauen am wenigsten betroffen, von den gesellschaftlichen Auswirkungen aber um so mehr! Da kommt es leicht zu einer Doppel- wenn nicht Dreifachbelastung.
Bleibt zu hoffen, dass die durchaus auch zum Teil positiven Impulse und Erfahrungen der Corona-Krise bleiben, etwa Home Office auch von Männern, Improvisation, Vereinbarkeit von Beruf, Belastung und Familie, Sichtbarkeit der Arbeit von Frauen. Darüber darf nach Corona nicht so leicht hinweg gegangen werden - Gleichberechtigung muss neu gefunden, ein Lastenausgleich, mehr Geschlechtergerechtigkeit geschaffen werden! Die Leistungsträgerinnen dürfen nicht Verliererinnen werden - mit Beifall abgespeist reicht und geht gesellschaftlich nicht mehr!

susa n vor 26 Wochen

Und dann gibt es da noch die Frauen, die ihre kleinen Kinder zur Notbetreuung geben, ihre Großen schulisch unterstützen, den Haushalt stemmen, Einkäufe und Erledigungen meistern und außerdem 40 Stunden die Woche zur Arbeit gehen.
Familie, Haushalt, Arbeit... das im Moment zu meistern ist nicht immer einfach.

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt