Notversorgung Coronavirus: Der Tag, an dem die Kitas schließen

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Am Freitag kam die Nachricht: Schulen und Kitas in Sachsen-Anhalt werden am Montag geschlossen. Eltern sollen sich um eine andere Betreuung kümmern. Dies soll dazu beitragen, dass sich das Coronavirus im Land langsamer ausbreitet. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich am Montag die Situation in Magdeburger Kitas angeschaut.

Sandkasten mit Kinderrutsche im Vordergrund mit Kitagebäude im Hintergrund
Der Spielplatz der Trilingualen Kita in Magdeburg bleibt nun vorerst leer. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Keine Eltern, keine Kinder sind um 7:30 Uhr in der Alten Neustadt in Magdeburg unterwegs. Nur in der langen Schlange vor einer Arztpraxis, die um 8:00 Uhr öffnet, sieht man einige Eltern mit kleinen Kindern vor der noch geschlossenen Praxis stehen. Einer von ihnen erzählt: Er arbeitet normalerweise in der Pflege, habe aber Schnupfen. Er hat sein jüngstes Kind dabei und geht nun zum Arzt. Zwei ältere Kinder habe seine Frau mit zur Arbeit in einem Call-Center genommen.

Etwa einen Kilometer weiter in der Kleinen Schulstraße in der Nähe der Lukasklause und der Agentur für Arbeit ist der Weg vor gleich zwei Kitas ebenso ruhig und unbelebt. Niemand ist zu sehen an der Kita Moosmutzel und der Spielplatz der Trilingualen Kita direkt nebenan ist leer.

Kitabetrieb nur für wenige Eltern

Porträt blonde Frau in rot und Mann in grauer Jacke
Angelika Teßmer-Weber und Rudolf Lockau leiten die Trilinguale Kita in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Sieben Kinder waren am Montag gegen 8:30 Uhr in der Trilingualen Kita anwesend. Sonst sind es 167, sagt Leiterin Angelika Teßmer-Weber. Ihr Kollege im Leitungsteam Rudolf Lockau sagt: "Es gab Eltern, die am Wochenende noch ganz ratlos waren, die nicht in den Kriterienkatalog passen, also nicht zu Hause bleiben dürfen und nicht wussten, wie sie es regeln sollten." Trotzdem standen nur ungefähr fünf Prozent aller Kinder am Montag vor der Tür. Am Montag und Dienstag wäre eine Notbetreuung in der Kita noch für alle Eltern möglich.

Erst ab Mittwoch dürfen nur noch die Kinder kommen, deren Eltern in Berufen arbeiten, die jetzt besonders wichtig sind, also zum Beispiel in der Pflege. In der trilingualen Kita betreffe das maximal zehn Kinder, sagt Rudolf Lockau. "Da haben wir jetzt Betreuungszeiten  und Bedarfe auch genau abgefragt, sodass wir auch Kollegen so einsetzen können."

Kein Kind im "Kinderkasten"

Ungewohnte Ruhe herrschte auch im Magdeburger "Kinderkasten." Kein einziges Kind sei am Montag in den Kindergarten eines privaten Vereins gebracht worden.

Leere Räume in einer Kita.
Das Team im "Kinderkasten": Erzieherin Sarah Lindemann, Leiterin Petra Prill, Erzieherin in Ausbildung Katya Almelejy und Praktikantin Jessica Hein. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt

Die Erzieherinnen saßen alleine im Frühstücksraum. Die Leiterin der Einrichtung Petra Prill sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir rechnen aber noch mit Kindern. Wir haben viele Eltern, die entweder Ärzte sind oder als Pflegekräfte arbeiten – zum Teil sogar beide Eltern."

Eltern, die in Bereichen arbeiten, die für die Infrastruktur extrem relevant sind,  dürfen ihre Kinder auch weiterhin in die Kitas bringen. Das heißt Kinder von Pflegepersonal, Ärzten, Polizisten, Feuerwehrleuten, Mitarbeitern bei Energieversorgern oder den Verkehrsbetrieben.

Noch nicht alles geregelt

Was die Schließung genau für das Personal bedeutet, ist noch unklar. "Wir haben jetzt erstmal Anwesenheitspflicht", sagt Angelika Teßmer-Weber von der Trilingualen Kita. Die ersten Tage seien noch kein Problem. Man könne Dinge mit gutem Gewissen und in Ruhe abarbeiten, die sonst eher liegen bleiben, zum Beispiel Berichte schreiben und aufräumen, so Rudolf Lockau. "Aber wie es nächste Woche weitergeht, wissen wir auch noch nicht." Die meisten Kollegen in der Kita würden normalerweise 40 Stunden arbeiten.

Und auch was die Kitagebühren betrifft, gibt es noch keine Regelung. Und "das ist ja ein langer Rattenschwanz", sagt Rudolf Lockau, "die Essenversorgung ist das nächste Thema, unsere Eltern zahlen einen Pauschalbetrag für die Mittagsverpflegung." Was gezahlt werden muss, sei noch unklar.

Das eigene Kind in der Kita

Porträt eines Mannes mit grauem T-Shirt
Christian Salomon ist Erzieher in der Trilingualen Kind und hat einen vierjährigen Sohn. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Auch einige der Pädagoginnen und Pädagogen haben laut Leitungsteam kleine Kinder. Einer der Erzieher ist Christian Salomon, dessen vierjähriger Sohn am Montag noch mit der Mutter zuhause ist. Seine Frau arbeite in einem Großraumbüro. Es bestehe die Chance ins Homeoffice zu gehen. Geklärt sei aber noch nichts. Christian Salomon bleibt optimistisch: "Es ist schwierig, eine schwierige Situation auf jeden Fall. Aber ich glaube, wir müssen das Beste draus machen. Keine Missgunst, nicht egoistisch sein und dann wird das schon."

Noch keine Richtlinien für Notbetreuung

Die wenigen Kinder, die ab Mittwoch noch in die Trilinguale Kita kommen, werden vorausichtlich nicht mehr in altersabhängigen Gruppen betreut. Rudolf Lockau erwartet aber noch eine Richtlinie: "In Bayern ist es so, dass nicht mehr als 5 Kinder in einer Gruppe betreut werden dürfen und möglichst räumlich voneinander entfernt." In Magdeburg gebe es dafür noch keine Anweisung. Von Kolleginnen und Kollegen in anderen Kitas weiß er: "Die orientieren sich auch nur an den Leitfäden anderer Bundesländer."

Kitas wegen Corona-Virus geschlossen

Erzieherinnen der Kita Kinderkasten in Magdeburg warten auf Kinder. Bisher sind keine gekommen.
Ab Montag sind die Schulen und Kitas in Sachsen-Anhalt geschlossen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Bis Mittwoch können Kinder, für die kurzfristig keine andere Betreuungslösung gefunden wurde, noch abgegeben werden. Die Erzieherinnen der Kita Kinderkasten in Magdeburg warten auf Kinder. Bisher sind keine gekommen. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Erzieherinnen der Kita Kinderkasten in Magdeburg warten auf Kinder. Bisher sind keine gekommen.
Ab Montag sind die Schulen und Kitas in Sachsen-Anhalt geschlossen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Bis Mittwoch können Kinder, für die kurzfristig keine andere Betreuungslösung gefunden wurde, noch abgegeben werden. Die Erzieherinnen der Kita Kinderkasten in Magdeburg warten auf Kinder. Bisher sind keine gekommen. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Leerer Raum der Kita Kinderkasten in Magdeburg.
In den Räumen der Kita herrscht gähnende Leere. Die vorübergehende Schließung gilt bis zu den Osterferien. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Hinweisschild an einer Kita in Magdeburg zur vorübergehenden Schließung .
Für die Kinder von medizinischem Personal soll eine Notfallbetreuung eingerichtet werden. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt
Das leere Außengelände einer Magdeburger Kita.
Auch auf den Außenanlagen dieser Magdeburger Kita spielen seit Montag keine Kinder mehr. Bildrechte: MDR/Daniel George
leerer Spielplatz einer Schule
An der Trilingualen Kita in Magdeburg sind sieben Kinder am Montagmorgen angekommen. Sonst sind es 167.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16.03.2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/mh
Bildrechte: MDR/Julia Heundorf
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So soll es weiter gehen

Leeres Treppenhaus in einer Kita
Normalerweise toben 167 Kinder durch die Trilinguale Kita. Nun herrscht Stille im großen Haus. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Angelika Teßmer-Weber erzählt: "Wir haben morgen nochmal eine Leitungsdienstberatung und wir denken, da werden wir dann mehr erfahren." Derzeit hangelt sich die Kitaleitung an jeder neuen Information weiter: Mit der Ankündigung der Schließungen am Freitag haben sie Eltern informiert. Jede neue Information wurde per Social Media und E-Mail-Kontakt an die Eltern getragen und in Einzelabsprache die Betreuung organisiert. Rudolf Lockau bleibt entspannt: "Wir arbeiten uns Schritt für Schritt vor."

Der "Kinderkasten" plante erstmal für den restlichen Tag: Falls doch noch Kinder zur Betreuung kamen, wollten die Erzieher auf jeden Fall viel raus an die frische Luft gehen, sagte Petra Prill. Das würden sie ohnehin bei jedem Wetter so machen.

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. März 2020 | 09:40 Uhr

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