Auf Streife Präsent in der Krise: Unterwegs mit dem Ordnungsamt in Magdeburg

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Seit mehr als einem Monat gelten in Sachsen-Anhalt strenge Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Bei Verstößen drohen Geldstrafen. In Magdeburg kontrollieren Polizei und Ordnungsamt gemeinsam, ob die Regeln eingehalten werden. MDR SACHSEN-ANHALT hat das Ordnungsamt auf Streife begleitet.

Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes stehen an der Elbe in Magdeburg.
Lisa Blume und René Schröter sind für das Ordnungsamt Magdeburg auch in der Corona-Krise auf Streife. Im Moment gibt es viel zu tun. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Schon nach ein paar Hundert Metern Fahrt bringt René Schröter den blau-weißen Bus zum Stehen. Seine Kollegin Lisa Blume kurbelt die Scheibe herunter. "Entschuldigung", ruft sie. Der Mann an der Elbpromenade, Anfang 30 vielleicht, hört sie nicht. Lisa Blume schnallt sich ab, steigt aus und geht zu dem Mann. Sein Hund ist nicht angeleint. Das ist an dieser Stelle verboten. In Magdeburg gilt Leinenpflicht. Lisa Blume wechselt ein paar Worte mit dem Mann, erklärt ihm seinen Fehler. Einsichtig ist er nicht.

FFP2-Maske an einer Uniform des Ordnungsamtes
Um sich im Einsatz nicht anzustecken, wurde das Ordnungsamt mit FFP2- und FFP3-Schutzmasken ausgestattet. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Magdeburger Ordnungsamtes ist das Alltag. Blume steigt also wieder ein, der blau-weiße Bus des Ordnungsamtes rollt weiter. Der Alltag der Ordnungshüter ist seit ein paar Wochen ein anderer. Die rund 60 Frauen und Männer, die regelmäßig auf Streife gehen, kontrollieren neben all ihren üblichen Aufgaben, ob die Magdeburger sich an die strengen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in der Corona-Krise halten. Ob sie nur dann rausgehen, wenn es wirklich nötig ist. Und ob sie sich nicht doch in größeren Gruppen aufhalten. Kein leichter Job.

René Schröter steuert den Bus in Richtung Stadtpark. "Da ist bei dem schönen Wetter ja doch mit Personen zu rechnen", sagt der 36-Jährige. Vorn an der Stadthalle decken sich ein paar Leute mit Eis ein. Der Eiswagen darf hier stehen. Eine Sondergenehmigung macht es möglich. Die Bedingung: Wer ein Eis kauft, darf es nicht im Umkreis von 50 Metern essen. In der Regel funktioniert das. Schröter parkt rückwärts auf dem Seitenstreifen am Stadtpark ein. Er und seine Kollegin wollen nachsehen, ob am großen Kinderspielplatz alles mit rechten Dingen zugeht.

Der Spielplatz im Stadtpark ist verwaist

Der Spielplatz ist verwaist. Keine Menschenseele ist zu sehen. Gut so. Denn das wäre verboten. Ein paar Meter weiter liegt eine Frau auf einer der Bänke und genießt die Nachmittagssonne. "Streng genommen", sagt René Schröter, "sollte sie sich an der frischen Luft bewegen". Trotzdem will der 36-Jährige jetzt nicht den Ordnungshüter raushängen lassen. "Wenn sie sich für ein paar Minuten hinlegt und sonnt, werden wir da jetzt nichts machen." Die Frau, offenbar verunsichert von der Präsenz des Ordnungsamtes, steht ohnehin kurze Zeit später auf und läuft weiter. Präsenz zeigen, von morgens um 6 bis abends um 10. Das ist den Ordnungshütern jetzt besonders wichtig.

Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes laufen durch den Stadtpark in Magdeburg.
Das Magdeburger Ordungsamt sieht in den Parks und Grünanlagen in der Stadt im Moment besonders genau hin. An diesem Nachmittag ist im Stadtpark allerdings alles ruhig. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

"Wir sind an sieben Tagen in der Woche von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr im Dienst", erzählt Gerd vom Baur. In der Nacht kontrolliert die Polizei. Vom Baur ist Leiter des "Ordnungsamtlichen Außendienstes", wie es im Behördenjargon heißt – und damit der Chef von René Schröter und Lisa Blume. Die Zusammenarbeit mit der Polizei sei besonders jetzt wichtig, sagt vom Baur. Wer gegen die Regeln zur Eindämmung des Coronavirus verstößt, begeht im Zweifel nämlich eine Straftat. Dann darf, anders als bei Bußgeldverfahren, nur die Polizei ermitteln. Vom Baur ist froh über die Zusammenarbeit. Und er ist froh darüber, dass er und sein Team inzwischen ausreichend FFP2- und FFP3-Schutzmasken gestellt bekommen haben. Auf Streife steigt das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus schließlich ganz automatisch. "Die drei Verdachtsfälle in unseren Reihen haben sich aber zum Glück nicht bestätigt", sagt vom Baur.

Eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes steigt in ein Dienstfahrzeug ein.
Für das Ordnungsamt gehen rund 60 Frauen und Männer regelmäßig auf Streife. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Auch Lisa Blume und René Schröter tragen an ihrer Uniform eine FFP2-Schutzmaske. Schließlich wissen sie nie, wer ihnen auf Streife begegnet. Weil im Stadtpark an diesem Nachmittag alles ruhig ist, gehen die beiden wieder zurück zum Auto. Über die Sternbrücke steuert René Schröter den Bus weiter in Richtung Buckau. Beim Abbiegen in die Schönebecker Straße kommt die Polizei entgegen. Man grüßt sich.

Lisa Blume blickt auf eine Liste. Sie und ihr Kollege sind an diesem Tag in Gebiet 2 eingeteilt. Die Innenstadt gehört dazu, außerdem die Stadtteile Buckau, Beyendorf-Sohlen, Fermersleben, Salbke und Westerhüsen. Entlang der Elbe gibt es viele Parks, in denen sich die Menschen tummeln. Das ist aber nicht alles. Blume und Schröter müssen auch kontrollieren, ob Gaststätten und Geschäfte wie angeordnet geschlossen sind. Gerade zu Beginn der Corona-Krise hatte nicht jeder seinen Laden auch wirklich geschlossen. Das Ordnungsamt musste häufiger eingreifen.

Picknick vor dem Gesellschaftshaus?

René Schröter parkt den blau-weißen Bus gekonnt vor dem Gesellschaftshaus ein. Auf zwei Bänken an der Elbe sitzen mehrere Menschen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich: Die vermeintliche Gruppe ist keine Gruppe, gehört nicht zusammen. Auch der Mann ein paar Meter weiter weckt die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter nur kurz. Er hat sich mit einer Dose Bier in den Schatten gesetzt. Wird hier gepicknickt? Das wäre verboten. Doch auch hier Entwarnung: Der Mann picknickt nicht, sondern macht nur eine kurze Verschnaufpause. Lisa Blume und René Schröter ziehen weiter.

Auf einem Fahrzeug des Ordnungsamtes ist ein weißer Schriftzug zu sehen.
Beim Magdeburger Ordnungsamt gibt es bislang keine bestätigte Infektion mit dem Coronavirus. Drei Verdachtsfälle wurden negativ getestet. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Der 36-Jährige arbeitet seit zwei Jahren beim Ordnungsamt in Magdeburg. Als Gruppenleiter hat er viel im Innendienst zu tun, ist seltener auf Streife als seine Kollegin Lisa Blume. Die 21-Jährige hat nach Ende ihrer Ausbildung vergangenen Sommer beim Ordnungsamt angefangen – und in der Corona-Krise schnell bemerkt, dass der Ton einiger Magdeburger nach vielen Tagen der Einschränkungen rauer geworden ist. "Am Anfang", erzählt sie, "waren viele Leute freundlicher." Wer für das Ordnungsamt arbeitet, gewöhnt sich schnell daran, nicht Everybody's Darling zu sein.

Auf Facebook und Twitter ist in diesen Tagen immer wieder zu lesen, dass Falschparker nun einen Freifahrtschein hätten. Das Ordnungsamt kontrolliere ja sowieso nur die Corona-Regeln, heißt es dann. René Schröter schmunzelt. Er hat selbst schon davon gelesen. Nur: Das stimmt nicht. "Wir sind erst heute wieder darauf hingewiesen worden, Parkverstöße trotz der Kontrollstreifen streng zu ahnden."

Hinter der Geschichte: Unterwegs mit Mund-Nasen-Schutz

Die Sicherheit an erster Stelle: MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Luca Deutschländer durfte für die Reportage im Wagen des Ordnungsamtes mitfahren – abgetrennt von der Fahrerkabine im hinteren Teil des Busses. Damit sich niemand ansteckt, trug der Reporter für alle Fälle einen Mund-Nasen-Schutz – und hat bemerkt, dass das schon nach kurzer Zeit unangenehm ist.

Was dem Reporter ebenfalls aufgefallen ist: Wer mit dem Ordnungsamt durch die Straßen fährt, fällt auf. Die Blicke vieler Menschen sind nicht unbedingt freundlich, wenn der blau-weiße Bus um die Ecke biegt.

MDR-Reporter Luca Deutschländer sitzt mit Mund-Nase-Schutz in einem Wagen des Ordnungsamts.
Mit Mund-Nasen-Schutz unterwegs: MDR-Reporter Luca Deutschländer auf Streife mit dem Ordnungsamt Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Auch hinter dem Gesellschaftshaus ist an diesem Nachmittag alles ruhig. "Da kann man die Bürgerinnen und Bürger ruhig mal loben", sagt René Schröter. All diese Einschränkungen platzen schließlich mitten in den Frühling hinein – in eine Zeit, in der viele Menschen sich nach einem Grillabend an der frischen Luft oder gemeinsamen Ballspielen im Park sehnen. Doch das muss noch warten. Zu diesem Zeitpunkt wissen René Schröter und Lisa Blume noch nicht, dass die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Virus noch einmal verlängert werden. Für beide bedeutet das auch in den kommenden Wochen: Genau hinsehen, mahnen, auf sich selbst aufpassen. Ist die Belastung in der Corona-Krise gestiegen? "Gestiegen würde ich nicht sagen", sagt René Schröter. "Es ist eine andere Belastung. Wir sind mit den Corona-Streifen doch sehr ausgelastet."

Blick auf den Salbker See in Magdeburg
Am Salbker See war zum Zeitpunkt der Kontrolle alles ruhig. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Für heute ist die gemeinsame Streife von René Schröter und Lisa Blume zu Ende. Verstöße gegen die Regeln zur Eindämmung des Virus haben die beiden nicht festgestellt. "Dass bei dem schönen Wetter wieder mehr Menschen draußen sind, ist ja logisch", sagt Lisa Blume. Ihr Kollege steuert den Bus zurück zum Parkplatz hinter dem Neuen Rathaus. Für ihn als Gruppenleiter steht jetzt noch Papierkram an. Lisa Blume wird dagegen gleich wieder auf Streife fahren.

Am Ende dieses Tages werden die Streifen des Ordnungsamtes 169 Spielplätze, 155 Betriebs- und Gaststätten und mehr als 100 Parks und Grünanlagen kontrolliert haben. Sie werden feststellen, dass bei Sonnenschein "deutlich mehr Menschen in der Öffentlichkeit unterwegs" waren als noch Ostermontag. Die Bilanz der Stadt liest sich nüchtern: 24 Identitätsfeststellungen, außerdem Platzverweise und Bußgeldverfahren. Eine Strafanzeige. "Auch in den folgenden Tagen werden die gemeinsamen Kontrollen zwischen Ordnungsamt und Polizei fortgeführt", heißt es dann noch. Auch Lisa Blume und René Schröter werden dann wieder auf Streife gehen.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. April 2020 | 12:00 Uhr

4 Kommentare

MDR-Team vor 39 Wochen

Wir sind der MITTELDEUTSCHE RUNDFUNK und berichten demnach aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Für Berichte aus Berlin schauen Sie bitte bei unseren Kollegen vom RBB vorbei.

harzer vor 39 Wochen

MDR; berichten Sie doch mal über die Demonstrationen in Berlin, wo wehrlos Menschen von der Polizei misshandelt wurden! Viele Medien, die nicht linientreu sind filmten das ! War in Hbs in Neuen Forum nachweislich, so was machten noch nicht mal die Linken, bei jeder Demostration wurden wir nur beobachtet !1989 ! DDR 2 steht wieder auf ! Meinungsfreiheit wird unterbunden. Gott sei Dank,dass wir älter sind.

Anhaltiner vor 39 Wochen

Ist es nicht erfrischend auf Schritt und Tritt zu werden ?
Hoffentlich geht das den Kontrolleuren nicht in Fleisch und Blut über.

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