Corona bringt alles durcheinander Warten aufs Weihnachtsmärchen: Theaterkiste Magdeburg plant jetzt für Dezember 2021

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Vorweihnachtliches Theater im Advent – im Corona-Jahr 2020 ist das undenkbar. Für viele Eltern und ihre Kinder eine traurige Nachricht. Und auch die Theatermacherinnen und -macher seufzen. Bei der Theaterkiste in Magdeburg sehen sie trotzdem nach vorn – auch, wenn die für dieses Wochenende geplante Premiere flach fällt.

Drei Männer mit Mund-Nasen-Schutz stehen auf einer leeren Bühne und blicken nach oben.
Da stehen sie nun und warten weiter: Thomas Stieghahn (von links), Oliver Stieghahn und Uwe Senfftleben (Betreiber Altes Theater Magdeburg) hoffen, dass der Lockdown für die Kulturbranche in absehbarer Zeit zu Ende gehen wird. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Eigentlich wären Thomas und Oliver Stieghahn jetzt glücklich. Vater und Sohn würden im Saal des Alten Theaters in Magdeburg stehen und in Hunderte funkelnde Kinderaugen sehen. Sie würden, gemeinsam mit ihrem Ensemble, den Applaus aufsaugen – das für viele kaum nachzuvollziehende Gefühl eines gelungenen Auftritts regelrecht einatmen. Alles wäre schön, die Premiere von "Aschenputtel" geschafft.

Stattdessen sagt Thomas Stieghahn am Telefon lapidar: "Die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Jetzt ist sie gestorben."

Thomas Stieghahn ist Vorsitzender und Regisseur der Theaterkiste – einem Amateurtheater in Magdeburg. Im Hauptberuf ist der Mann mit den langen grauen Haaren Diplom-Ingenieur Maschinenbau, in seiner Freizeit spielt und inszeniert er Theater. Und das seit 1968. Stieghahn steht seit mehr als 50 Jahren auf und hinter der Bühne. Man kann sich nur schwer ausmalen, wie sich diese Pandemie für jemanden wie ihn anfühlen muss – zumal das letzte Fünkchen Hoffnung bis vor wenigen Tagen ja noch da gewesen ist.

Ein Mann steht vor einer Bar und lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein Mann steht vor einer Bar und lächelt in die Kamera.
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Bis zuletzt auf ein Weihnachtsmärchen 2020 gehofft

Stieghahn Senior und sein Sohn hatten gehofft, diesen Sonnabend und an den Wochenenden bis Heiligabend irgendwie zu spielen. Dass weniger Kinder als üblich im Platz gesessen hätten, dass es Hygienekonzepte, Einbahnstraßen und all das gegeben hätte – all das hätten sie klaglos akzeptiert. Doch spätestens am letzten Mittwoch im November war auch dem letzten Optimisten klar: Die Stieghahns und ihre Theaterkiste werden ihr Weihnachtsmärchen in diesem Jahr nicht zur Aufführung bringen dürfen – der Vorhang der Theaterkiste muss, wie der aller anderen Theater, geschlossen bleiben.

Wir sind alle todtraurig.

Thomas Stieghahn Regisseur bei der Theaterkiste Magdeburg

Thomas Stieghahn könnte nun jammern, als MDR SACHSEN-ANHALT ihn am Telefon erreicht. Schimpfen, dass diese Pandemie aber auch wirklich alles Schöne zunichte macht. Und irgendwie würde man ihn ja auch verstehen. Trotzdem schaut der Theatermacher nach vorn: Auf der Videoplattform Youtube hat die Theaterkiste wenige Tage nach der Nachricht vom verlängerten Shutdown ein Theaterstück zum Zuhause-Anschauen veröffentlicht: "Das tapfere Schneiderlein", das Weihnachtsmärchen der Theaterkiste im vergangenen Jahr.

Wenigstens ein bisschen vorweihnachtliche Tradition – das muss dann schon sein. Dazu muss man wissen: Die Theaterkiste Magdeburg, gegründet 1993, führt schon seit Jahren ein Weihnachtsmärchen im Advent auf. "Viele unserer Zuschauerinnen und Zuschauer von früher kommen heute mit ihren Kindern im Advent zu uns", erzählt Oliver Stieghahn.

Bild eines Plakats der Theaterkiste Magdeburg, das für das Weihnachtsmärchen Aschenputtel wirbt
Die Plakate für "Aschenputtel" waren schon seit Wochen gedruckt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Theaterkiste hat einen guten Ruf. Sie hat sich im Laufe der Jahre professionalisiert. Es gibt Menschen, die sagen: Sie ist von einem professionellen Theater kaum noch zu unterscheiden. Deshalb hätten sie die Vorstellungen von "Aschenputtel" auch innerhalb weniger Tage auf die Bühne bekommen. "Ein paar Durchlaufproben hätten wir noch gebraucht, dann hätte es losgehen können", sagt Thomas Stieghahn. Und nur weil die Theaterkiste ein Amateurtheater ist, bedeutet das nicht, dass ihr die aktuelle Situation nicht finanziell zusetzt. Die Miete im Alten Theater fällt weiterhin an, Bühnenbilder und Kostüme wollen gebaut und angeschafft werden. Mit dem Märchen im Advent macht die Theaterkiste für gewöhnlich Einnahmen fürs gesamte folgende Jahr.

Die Theaterkiste Magdeburg

Die Theaterkiste in Magdeburg gibt es seit 26 Jahren. Anfangs spielte das Ensemble um Regisseur Thomas Stieghahn im Kulturhaus AMO, vor 13 Jahren dann zog die Theaterkiste ins Alte Theater um. Zum Repertoire der Theaterkiste zählt neben Märchen, klassischem Schauspiel oder Komödien auch Improvisationstheater. Die Theaterkiste mit ihren 20 Ensemblemitgliedern zwischen acht und 78 Jahren legt Wert darauf, Theater zum Anfassen zu machen. Dass Darstellerinnen und Darsteller nach Ende einer Vorstellung das Gespräch mit dem Publikum suchen, ist daher keine Seltenheit.

Szene aus der Inszenierung "Das tapfere Schneiderlein"
Szene der Inszenierung "Das tapfere Schneiderlein" der Magdeburger Theaterkiste Bildrechte: Theaterkiste Magdeburg

Die Planungssicherheit fehlt

Dass nun, Anfang Dezember, völlig unklar ist, wie es weitergeht, macht also auch der Theaterkiste zu schaffen. Es fehlt an Planungssicherheit. Auch für 2021. Eines wollen sie aus diesem wirren Corona-Jahr in jedem Fall mitnehmen: das Sommertheater im Hof des Alten Theaters. Das war in diesem Sommer aus der Not heraus entstanden. Und kam gut an beim Publikum. Wirtschaftlich gelohnt hat es sich nicht. Weder für das Alte Theater, noch für die Theaterkiste. "Wir stecken den Kopf nicht in den Sand", sagt Thomas Stieghahn.

Banner mit zwei Masken, das auf die Theaterkiste Magdeburg hinweist
Die Theaterkiste gehört seit 1993 zum Kulturszene Magdeburgs. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Für den Regisseur ist klar: "Wir wollen unseren Beitrag leisten, um die Pandemie loszuwerden." Das Märchen "Aschenputtel" haben er und sein Ensemble übrigens nur verschoben. Auf Dezember 2021.

Luca Deutschländer
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Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. November 2020 | 20:00 Uhr

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