Herausforderung im Alltag Geschlossene Kitas: Wie alleinerziehende Mütter den Alltag in Corona-Zeiten meistern

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Eltern in Sachsen-Anhalt stehen in diesen Tagen vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Wegen der Ausbreitung des Coronavirus sind Kitas und Schulen wochenlang dicht, seit Mittwoch gilt das auch für Spielplätze. Und: Niemand weiß, wie lange die Lage so bleibt. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit zwei alleinerziehenden Müttern über ihren neuen Alltag gesprochen.

Vor dem Abendhimmel über einem Feld hebt eine Mutter ihr Baby in die Luft, im Hintergrund sind die Umrisse von Coronaviren zu sehen.
Besonders für alleinerziehende Eltern wird die aktuelle Situation zur Belastungsprobe. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/dpa

Es hatte sich ja angedeutet. Als vorigen Freitag – es war schon Nachmittag – die offizielle Info von der Landesregierung kam, war das für viele berufstätige Eltern in Sachsen-Anhalt trotzdem ein Schlag: Sämtliche Schulen und Kitas werden geschlossen. Das Ziel ist klar: Die weitere Ausbreitung des Coronavirus soll gestoppt werden. Wo, wenn nicht in Schulen und Kitas, sollte man damit beginnen?! Schließlich halten sich gerade dort viele Menschen auf einem Fleck auf. Für das Virus ein Leichtes, sich zu übertragen.

Nicht jeder hat Familie, die sich um die Kinder kümmern kann

Die Lage für Eltern ist trotzdem verzwickt. Nicht jeder kann einfach von zu Hause arbeiten. Nicht jeder hat Familienmitglieder, die sich um die Kinder kümmern können. Nicht jeder arbeitet in sogenannten "systemrelevanten Berufen" – also als Mediziner, in der Pflege oder bei Rettungsdienst und Polizei – und darf seine Kinder in die Notfallbetreuung bringen. Dazu kommt: Seit Mittwoch sind die Spielplätze in Sachsen-Anhalt wegen des Coronavirus gesperrt.

Wer seine Kinder auch jetzt noch in die Notfallbetreuung geben darf

Seit Mittwoch dürfen landesweit nur noch Kinder bis zum 12. Lebensjahr in die Notfallbetreuung gebracht werden, wenn ihre Eltern Berufe haben, die in der Corona-Krise besonders wichtig sind. Das gilt unter anderem für medizinische Berufe, pflegerische Berufe, Berufe der pharmazeutischen Versorgung und Berufe, die für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Daseinsvorsorge nötig sind. Eine vollständige Auflistung finden Sie hier.

MDR SACHSEN-ANHALT hat zwei alleinerziehende Mütter aus Magdeburg gefragt, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen – und hat Frauen kennengelernt, die bei allen Schwierigkeiten das Beste aus der Lage zu machen versuchen.

Christina Patzwaldt: "Danach brauchen wir alle wahrscheinlich ein bisschen Hilfe"

"Mausi", ruft Christina Patzwaldt. "Einen Moment, ich muss kurz schauen, ob etwas im Fernsehen läuft", sagt die 38-Jährige entschuldigend. Dabei müssen Menschen wie sie sich in diesen Tagen ganz bestimmt nicht entschuldigen. Christina Patzwaldt ist alleinerziehende Mutter und lebt in Magdeburg. Sohn Adriano ist vier Jahre alt – "und macht keinen Mittagsschlaf mehr", erzählt seine Mama am Telefon. Jeder weiß, dass Vierjährige beschäftigt werden wollen. Adriano wird sich in diesem Interview immer wieder zu Wort melden. Und das ist völlig okay. "Man darf in dieser Situation nicht vergessen: Es ist ja wichtig, dass ich mich um ihn kümmere", sagt Christina Patzwaldt. "Ich will ja nicht, dass er diese Phase irgendwann schlecht in Erinnerung hat."

Man darf in dieser Situation nicht wissen: Es ist wichtig, dass ich mich um ihn kümmere.

Christina Patzwaldt Alleinerziehende Mutter

Christina Patzwaldt lebt in Magdeburg. Am Mittwoch arbeitet sie den zweiten Tag im Homeoffice. Ihr Arbeitgeber hat grünes Licht gegeben. "Zum Glück", sagt die 38-Jährige. Trotzdem: Christina Patzwaldt ist in diesen Tagen im ständigen Balance-Akt zwischen Homeoffice und Mama-Sein. Ihr Tag beginnt morgens um halb sechs. Da wird Adriano wach – und seine Mutter versucht, die ersten Stunden bis zum Frühstück zu arbeiten. Irgendwann am Mittag kocht Christina Patzwaldt. Ab dem Nachmittag wird es dann immer schwieriger, den Sohnemann zu beschäftigen. "Adriano ist ein sehr energiegeladenes Kind", sagt seine Mutter. "Ich halte mich daran, ihn nicht auf den Spielplatz zu stecken. Dann stellt sich aber die Frage: Was machst du die ganze Zeit mit dem Kind in der Wohnung?"

Eine Mutter und ihr Sohn blicken in eine Kamera.
Christina Patzwaldt und Sohn Adriano verbringen im Moment viel Zeit miteinander. Bildrechte: Christina Patzwaldt

Die Balkon-Tür im Hause Patzwaldt ist in diesen Tagen eigentlich durchgehend geöffnet. Die frische Luft ist wichtig für Adriano. Zum Glück lässt das frühlingshafte Wetter das zu. Auf dem Balkon wird dann, wenn Mama Patzwaldt die Arbeit erledigt hat, gemeinsam gebastelt und gemalt.

Nächste Woche hilft die Oma aus

Kommende Woche kann die 38-Jährige zum Glück auf ihre Mutter zurückgreifen. Die arbeitet im Lebensmittelhandel, gehört also zu jenen systemrelevanten Berufsgruppen, von denen jetzt immer wieder gesprochen wird. "Nächste Woche hat sie Urlaub genommen, um Adriano zu nehmen", sagt Patzwaldt. "So kann ich die Woche durcharbeiten und Stunden aufholen, die mir im Moment fehlen."

Adriano schaltet sich ein. "Oh Nein, mein Papierflieger ist kaputt", ruft er. Seine Mutter sagt: "Wir basteln gleich einen neuen, wenn Mama fertig telefoniert hat." Alltag im Leben einer Alleinerziehenden in Corona-Zeiten.

So viele Kinder sind von den Schul- und Kita-Schließungen betroffen

Von den Schließungen sind laut Behörden etwa 150.000 Kita-Kinder betreuen – rund 95.000 Kinder in Kitas und rund 56.000 Kinder in Hort-Betreuung. Insgesamt sind 1.800 Kitas betroffen. Im laufenden Schuljahr 2019/2020 gibt es etwa 197.000 Schüler im Land.

Den Kontakt zu Adrianos Freunden versucht Christina Patzwaldt aktuell so gering wie möglich zu halten. Ihr ist aber auch klar, dass ihr Sohn seine Freunde braucht. "Immer nur die Mama ist langweilig. Ich merke schon am fünften Tag, dass ihm der Kontakt zu anderen Kindern fehlt." Fragt sich, wie lange das so weitergehen kann? Ab und zu geht Adriano zwar mit seinem besten Freund Fußball spielen, auf der großen Wiese. Nur: Irgendwann wird auch das langweilig. "Ich habe zu meiner Schwester schon gesagt, dass nach dieser Phase wahrscheinlich die Wohnung renoviert werden muss – und wir alle ein bisschen Hilfe brauchen."

Christina Patzwaldt stellt sich darauf ein, dass Adriano länger als nur bis April nicht in die Kita gehen kann. "Wie ich das überstehen soll, weiß ich noch nicht." Die alleinerziehende Mutter findet es trotz so mancher Irritation über die Kita-Notbetreuung oder die bislang wenig konkrete Hilfe für Alleinerziehende oder Freiberufler richtig, wie die Landesregierung gehandelt hat. "Nur", sagt sie: "Die Langzeiteffekte sind völlig unklar".

Anja Benecke: "Plane von Tag zu Tag und von Woche zu Woche"

Die Situation klingt erst einmal denkbar ungünstig: Anja Benecke aus Magdeburg zieht ihren fünfjährigen Sohn Titus allein groß, der Papa lebt in Wien. Beneckes Eltern sind Lehrer und müssen dieser Tage trotz geschlossener Schulen arbeiten – die Schüler müssen mit Aufgaben versorgt werden, zudem gilt für Lehrer trotz geschlossener Schulen die Dienstpflicht. Hinzu kommt: Homeoffice ist bei Anja Benecke nicht drin. Wenn sie arbeitet, dann fährt sie auch zu ihrem Arbeitsplatz.

Trotzdem ist die 32-Jährige entspannt, als MDR SACHSEN-ANHALT sie am Mittwochnachmittag zum Interview erreicht. Das hat auch mit ihrer kulanten Chefin zu tun. Die hat allen Mitarbeitern, die kleine Kinder haben, zehn Tage freigestellt. Bezahlt. Jeder betroffene Mitarbeiter kann sich aussuchen, wann er diese Tage einlöst. In diesen Tagen ist das ein großer Pluspunkt, keine Frage. "Ich habe im Bekanntenkreis auch von noch niemandem gehört, der das in Anspruch nehmen kann", erzählt Anja Benecke.

Selfie einer Frau
Anja Benecke aus Magdeburg will von Tag zu Tag neu entscheiden, was sie mit ihrem Sohn unternimmt. Bildrechte: Anja Benecke

Die alleinerziehende Mutter arbeitet normalerweise 35 Stunden. Montags bis freitags. Aktuell ist sie auch noch im Dienst, Urlaub hat sie erst ab Freitag. Morgen springen für ein paar Stunden die Großeltern von Titus ein, um auf den Enkel aufzupassen. Anja Benecke hat das Glück, dass der Vater von Titus dieser Tage noch in Magdeburg war. Am Mittwochabend geht es aber auch für ihn zurück nach Wien – man weiß ja nicht, wie lange das überhaupt noch möglich sein wird. 

Halles Oberbürgermeister: Kinder nicht in die Notbetreuung geben

In Halle hat Oberbürgermeister Bernd Wiegand Eltern eindrücklich davor gerwarnt, Kinder in bereitgestellte Notfallbetreuungen zu geben. Die Ketten der Übertragung könnten so nicht unterbrochen werden, sagte Wiegand am Dienstag.

Wenn man Anja Benecke fragt, wie sie die kommenden Wochen meistern will, antwortet die 32-Jährige: "Wir bleiben bis Ostern einfach zu Hause." Das ist natürlich scherzhaft gemeint. Benecke kann sich vorstellen, häufiger mal raus ins Feld zu fahren und dort mit ihrem Sohn spazieren zu gehen. "Er hat einen ausgeprägten Bewegungsdrang", erzählt die Mutter. "Ich habe mich anfangs schon gefragt, wie ich das so lange aushalten soll. Inzwischen freue ich mich, dass ich ab Freitag keinen Stress habe und mich auf das Kind konzentrieren kann. Ich bin optimistisch." Anja Benecke hat schon überlegt, Projekte wie in der Kita umzusetzen. Sie denkt darüber nach, sich ein Thema herauszupicken – und das mit Buch, Film und Spiel zu behandeln. "Ich versuche, mir nicht so viele Gedanken zu machen. Ich plane von Tag zu Tag und von Woche zu Woche."

#MDRKlärt So reagieren Kinder auf das Coronavirus

So reagieren Kinder auf das Coronavirus
Bildrechte: IMAGO images / ITAR-TASS
So reagieren Kinder auf das Coronavirus
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Kinder sind nicht immun gegen das neue Coronavirus.
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Sie zeigen aber oft nur schwach ausgeprägte Symptome.  Ein kleiner Junge hält sich ein Taschentuch an die Nase.
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Das bedeutet, sie können Eltern und Großeltern anstecken.
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Warum Kinder weniger heftig auf das Virus reagieren ist noch unklar.
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Aber der Grund könnte der Ansatz für die Entwicklung eines Impfstoffes ein.  Eine Frau in Schutzkleidung hält ein kleines Flächschen.
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Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
Dieses Thema im Programm:
MDR JUMP | 17. März 2020 | 05:20 Uhr

Quelle: MDR/mx
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Dass manche jetzt fordern, die Kita-Beiträge erst einmal auszusetzen – wie in Köthen geschehen –, interessiert die Magdeburgerin gerade nur am Rande. Sie hat jetzt andere Dinge zu tun. "Und ganz ehrlich: Wer soll das denn jetzt ad hoc beschließen und später zurückzahlen?" Erst einmal kommt es für die alleinerziehende Mutter auf das Hier und Jetzt an. "Ich hoffe, dass wir das Virus nicht in uns tragen werden – und versuche, Abstand zu meinen Großeltern zu halten."

Es ist dieser Optimismus, ohne den es in diesen Tagen wohl nicht geht.

Luca Deutschländer
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Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

1 Kommentar

Kritische vor 26 Wochen

Die Familien mit Kindern sind doch diejenigen, die die größte Last tragen. Die älteren, die wir schützen sollen, tummeln sich in den Baumärkten und Innenstädten. Wie soll man bitte ohne Schule, Spielplatz, ohne Oma und ohne Freunde die Kinder mehrere Wochen oder gar Monate betreuen, ohne durchzudrehen? Da wird es noch mächtig Belastungen geben. Selbst wenn Home-Office geht, wie soll man das bitte mit einem kleinen Kind machen? Wer keinen Garten am Haus hat oder vielleicht auch nur ein Einzelkind, der wird schnell an seine Grenzen kommen. Auch die Kinder werden einen psychischen Schaden davontragen. Das ist noch gar nicht abzusehen alles.

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