Vermitteln statt abriegeln 800 Menschen betroffen: Magdeburg setzt bei Quarantäne auf Freiwilligkeit

Magdeburg setzt bei der Einhaltung der Quarantäne-Regeln im Stadtteil Neue Neustadt auf Freiwilligkeit. Gleichzeitig soll es mehr Kontrollen durch die Polizei geben. Für die 800 betroffenen Bewohner sind Hilfsorganisationen angefordert. Seit dem Wochenende stehen in der Landeshauptstadt mehrere Hausaufgänge unter Quarantäne. Dort hatte es einen sprunghaften Anstieg an Corona-Infektionen gegeben.

Eine zugewachsene Bank im Stadtteil Neue Neustadt in Magdeburg, im Hintergrund mehrere Wohnhäuser.
In den Stadteilen Neue Neustadt und Salbke stehen seit dem Wochenende 19 Hausaufgänge unter Quarantäne. Rund 800 Menschen sind betroffen. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Magdeburg setzt bei der verhängten Corona-Quarantäne im Stadtteil Neue Neustadt vor allem auf Freiwilligkeit. Oberbürgermeister Lutz Trümper sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Zäune und ständige Wachen werde es in Magdeburg vorerst nicht geben. Vielmehr sollten Migrationsverbände den überwiegend rumänischen Bewohnern die Maßnahmen erklären und verständlich machen. Gleichzeitig sollten aber auch Kontrollen durch die Sicherheitsbehörden verstärkt werden.

Hunderte Menschen in Magdeburg unter Quarantäne

Blick auf alten Plattenbau
In Magdeburg waren am Wochenende nach steigenden Corona-Infektionszahlen 19 Hausaufgänge unter Quarantäne gestellt worden. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Blick auf alten Plattenbau
In Magdeburg waren am Wochenende nach steigenden Corona-Infektionszahlen 19 Hausaufgänge unter Quarantäne gestellt worden. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Hinweisschild zu Corona-Quarantäne an Hauseingang
In den Gebäuden in den Stadtteilen Neue Neustadt und Salbke wohnen überwiegend rumänische Mitbürger. Bildrechte: Matthias Strauß
Abgesperrter Bereich in Wohnviertel
Rund 800 Menschen sind von der Quarantäne betroffen. Ihre Versorgung war lange ungeklärt. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Corona-Grafitti an Hauswand
Künftig sollen Hilfsorganisationen den Bewohnern die Maßnahmen erklären und verständlich machen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Menschenleere Straße vor Gedenkstätte Moritzplatz
Gespenstische Leere am Montag im Stadtteil Neue Neustadt Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Abgesperrter Park
Auch öffentliche Parks wie hier am Moritzplatz wurden abgesperrt. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert
Ordnungsamt auf Streife neben Einsatzfahrzeug
Auch wenn die Quarantäne freiwillig ist, sollen Sicherheitskräfte vermehrt deren Einhaltung kontrollieren. Bildrechte: Matthias Strauß
Vier Autos stehen vor einem Mehrfamilienhaus im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt, darunter ein Streifenwagen der Polizei.
Anfangs war die Polizei kaum in der Neuen Neustadt präsent. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Blick auf mehrere Wohnblocks und Autos im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt
Aus dem Stadtteil werden seit mehr als einer Woche zahlreiche Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
Ein Mehrfamilienhaus im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt
Grund für die Quarantäne ist, dass laut Stadt bisherige Maßnahmen und die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt nicht im erwünschten Maße funktioniert haben.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Juni 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/agz
Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis
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Damit sollen Zustände wie im niedersächsichen Göttingen verhindert werden, so der Oberbürgermeister. In Göttingen hatten Bewohner eines unter Quarantäne stehenden Hochhauses Polizisten angegriffen und versucht, aufgestellte Zäune zu überwinden.

MDR aktuell
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir kontrollieren ... in bestimmten Abständen mit Polizei und Ordnungsamt. Und wir haben eine Quarantäne verhängt für einen ganzen Bereich, was normalerweise unüblich ist. (...) Und wir werden das ab morgen verstärken. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die davon teilweise überrascht sind, auch versorgt werden können, das wird für morgen alles aufgebaut.

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper am Sonntag

Versorgung des Quarantäne-Stadtteils lange ungeklärt – Johanniter übernehmen

Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT halten sich die rumänischen Bewohner aktuell an die Quarantäne. Hauptproblem ist aber weiter die Kommunikation. Am Sonntag war ein Dolmetscher da, der aber nicht auf Fragen der Leute antworten konnte. Unklar war auch lange, wie die Menschen versorgt werden sollen. Bis Montagmittag waren noch keine Hilfsorganisationen vor Ort.

Allerdings wurde im Laufe des Montags bekannt, dass die Versorgung der unter Quarantäne stehenden Häuser von der Hilfsorganisation der Johanniter übernommen wird. Laut Stadt sollen die Helfer ab Dienstag insgesamt vier Mal Lebensmittel liefern. Zudem werde ebenfalls ab Dienstag eine Hotline des Sozial- und Wohnungsamtes mit deutsch- und rumänischsprachigen Mitarbeitenden eingerichtet. Diese sollen Fragen rund um die Versorgung mit Lebensmitteln entgegennehmen und beantworten.

19 Wohnblöcke unter Quarantäne gestellt

Wegen des sprunghaften Anstiegs von Corona-Infektionen stehen seit dem Wochenende in den Stadteilen Neue Neustadt und Salbke 19 Hausaufgänge unter Quarantäne. Trümper zufolge sind rund 800 Bewohner betroffen.

Hilfsorganisationen sollen die Menschen nun mit dem Nötigsten versorgen. Eine Hotline soll vermitteln helfen. Die Stadt kündigte zudem an, die Kontrollen zeitnah mit einer "Rund-um-die-Uhr-Präsenz" der Polizei verbessern zu wollen.

In Magdeburg sind seit Beginn der Pandemie rund 220 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden; etwa die Hälfte innerhalb der vergangenen anderthalb Wochen.

Chronik: Wie hat sich der Coronavirus-Ausbruch in Magdeburg entwickelt?

11. Juni – Starker Anstieg der Fälle

Die Zahl der Corona-Fälle in Magdeburg steigt seit vergangener Woche. Am Donnerstag, 11. Juni, hieß es vom Sozialministerium, dass seit Beginn der Woche mehr als zehn Personen positiv auf das neue Coronavirus getestet worden seien – der stärkste Anstieg innerhalb kurzer Zeit seit fast einem Monat. Vom 30. April bis zum 3. Juni wurde in der Stadt gar kein neuer Fall festgestellt.

Wegen der vielen Neuinfektionen wurden am Mittwoch, den 10. Juni, auch Kinder an der Grundschule "Am Umfassungsweg" getestet. Bei einem Kind und seiner Mutter bestätigte der Test eine Infektion. Daher wurde sowohl die Grundschule als auch der Hort im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt vom Freitag, den 12. Juni, bis zum 26. Juni geschlossen. Weitere Coronavirus-Tests waren nach Angaben der Stadt Magdeburg nicht geplant.

14. Juni – Infektionskette nicht mehr nachvollziehbar

Am Sonntag, den 14. Juni, teilte die Stadt mit, dass ab Montag, den 15. Juni, fünf weitere Schulen, zwei Jugendeinrichtungen und drei Spielplätze wegen der Corona-Fälle für zwei Wochen geschlossen werden. Die Begründung für die zusätzlichen Schließungen: Die Infektionskette sei nicht mehr nachvollziehbar. Von Freitag bis Sonntag sind laut Stadt 32 weitere Menschen positiv auf das Virus getestet worden.

Am Montag, den 15. Juni, werden zwei weitere Grundschulen sowie die dazugehörigen Horte geschlossen. Die Schulen befinden sich in Buckau und in der Alten Neustadt. Zum Mittwoch, den 17. Juni, schließt das Gesundheitsamt Magdeburg eine weitere Schule im Stadtteil Neu Olvenstedt.

16. Juni – Gemeindetreffen möglicher Ursprung der Coronavirus-Fälle

In einer Pressekonferenz am Dienstag, 16. Juni, gibt die Stadt Magdeburg weitere Details zu den Fällen bekannt. Laut Oberbürgermeister Trümper treten die Neuinfektionen vor allem innerhalb von Familien auf. Die Quelle der Infektionen ist zu dem Zeitpunkt noch unklar. Es besteht Trümper zufolge aber der Verdacht, dass ein Pfarrer aus Berlin in einer Kirchengemeinde in Schönebeck in Magdeburg lebende Rumänen infiziert haben könnte. Die erste nachvollziehbare Infektion in der Stadt wurde demnach bei einer Patientin bei der Aufnahme ins Krankenhaus nachgewiesen.

Innerhalb einer Woche sind insgesamt rund 50 Corona-Neuinfektionen bestätigt wurden. Etwa 860 Menschen haben sich bereits in der Fieberambulanz der Stadt testen lassen. Allein am Mittwoch, den 17. Juni, verzeichnet die Stadt mehr als 20 neue Coronavirus-Fälle.

18. Juni – Oberbürgermeister Trümper warnt vor Virus-Ausbreitung

Oberbürgermeister Trümper warnt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT am Donnerstag, 18. Juni, vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus in Magdeburg. Bei den meisten der neuen Fälle – Trümper nannte die Zahl 90 – handele es sich bei den Betroffenen um Bewohner im Stadtteil Neue Neustadt. In den betreffenden Wohnblocks lebten etwa 700 Menschen, wo sich einige als Teil einer rumänischsprachigen Community über Treffen in einer Pfingstgemeinde infiziert haben könnten. Um das Virus einzudämmen, könnte im absoluten Notfall der Stadtteil Neue Neustadt abgeriegelt werden.

Trümper gab auch weitere Informationen zur Quelle der Neuinfektionen. Man wisse, dass alle neuen Fälle aus einer Kirchengemeinde kämen. Ob die Gemeinde aber der Ursprung ist, steht laut Trümper nicht fest. Bei den Gottesdiensten sei zudem offenbar gegen Corona-Auflagen verstoßen worden. Teilnehmerlisten seien zum Beispiel nur mit Vornamen geführt worden, obwohl voller Name und Adresse gefordert gewesen seien.

19. Juni – 31 Fälle auf 100.000 Einwohner in Magdeburg

Seit Freitag, den 19. Juni, ist im Magdeburger Stadtteil Westerhüsen eine weitere Grundschule bis 3. Juli geschlossen. Dort wurde ein Reinigungsmitarbeiter positiv getestet. Damit sind in Magdeburg elf Schulen dicht. Auch weitere Jugendeinrichtungen wurden zugemacht.

Von Donnerstag auf Freitag sind 21 neue Coronavirus-Fälle in Magdeburg bestätigt worden. Das Gesundheitsministerium meldet etwa 31 nachgewiesene Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner für die Stadt innerhalb einer Woche. Damit ist die höchste Stufe der Corona-Warnampel erreicht. Die Stadt Magdeburg will am Wochenende entscheiden, ob die betroffenen Straßenzüge in der Neuen Neustadt abgeriegelt werden müssen.

20. Juni – Magdeburg stellt einzelne Haus-Aufgänge unter Quarantäne

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus hat die Stadt Magdeburg 19 Hausaufgänge unter Quarantäne gestellt. Die betroffenen Häuser liegen in den Stadtteilen Neue Neustadt und Salbke.

Die rund 800 betroffenen überwiegend rumänischen Anwohner sollen laut Stadt von Hilfsorganisationen mit Lebensmitteln versorgt werden, Ordnungsamt und Polizei sollen prüfen, ob die Quarantäne eingehalten wird.

Nach Angaben der Stadt ist der Grund für die Quarantäne, dass bisherige Maßnahmen und die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt nicht im erwünschten Maße funktioniert haben.

23. Juni – Magdeburg startet Versorgung von Quarantäne-Häusern

In Magdeburg läuft die Versorgung der unter Quarantäne stehenden Häuser an. Laut Stadt sollen Helfer der Johanniter insgesamt viermal Lebensmittel liefern. Zudem werde eine Hotline des Sozial- und Wohnungsamtes mit deutsch- und rumänischsprachigen Mitarbeitern eingerichtet. Diese sollen Fragen rund um die Versorgung mit Lebensmitteln entgegennehmen und beantworten. In den betroffenen Wohnblocks in den Stadtteilen Neue Neustadt und Salbke wohnen überwiegend Rumänen.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Juni 2020 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

ralf meier vor 6 Wochen

Auch ich frage mich, warum in diesem Fall auf Freiwilligkeit gesetzt wird. Ich wohne im Kreis Gütersloh und erlebe hautnah, das man das im Fall Tönnis ganz und gar nicht macht. Auch in Göttingen hat man diesen Anspruch nicht (mehr):

Siehe dazu: HAZ 21.06.2020 Artikel 'Krawalle in Göttingen: Politik kündigt harte Konsequenzen an' Zitat
Bewohner eines unter Quarantäne stehende Wohnkomplexes haben Polizisten mit Steinen, Flaschen, Holzlatten und Pyrotechnik angegriffen.

SusiB. vor 6 Wochen

Warum wird dieses Mal auf Freiwilligkeit gesetzt , das die Bewohner der Hauseingänge dann auch zu Hause bleiben ? Wenn danach mehr angesteckt werden , was wird dann passieren? Das ist mir zu unsicher.

faultier vor 6 Wochen

Na dann hoffe ich mal das die rumänischen Bürger ihre Fahrten ins Sülzetal Ringstrasse unterlassen und nicht jeden Abend ihre Anverwandten und Freunde
besuchen,da ist der nächste Ausbruch vorprogrammiert.

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